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Die Profitgier von „Männerrechtsaktivisten“ wie Roosh V

Wie Pick-up-Artists an weißen Typen Geld verdienen, die sich als unterdrückte Minderheit fühlen wollen.
4.2.16

Daryush „Roosh V" Valizadeh | Foto: Bartek Kucharczyk | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Der Männerrechtsaktivismus (MRA) verfügt eigentlich über alle Eigenschaften einer typischen Verschwörungstheorie: die Projektion subtil wahrgenommener persönliche Mängel auf eine andere Gesellschaftsgruppe; die Überzeugung, dass diese andere Gruppe die obersten Ränge der Gesellschaft infiltriert hat, um ihre eigene Agenda durchzusetzen; die Überzeugung, dass Mitglieder der Bewegung „die rote Pille genommen haben" und eine Realität sehen, die normalen Mitgliedern unserer Gesellschaft verschlossen bleibt.

Und wie bei so viel anderen sektenartigen Verschwörungstheorien können die Menschen, die das MRA-Evangelium in die Welt tragen, ordentlich Profit aus der Leidenschaft ihrer Anhänger schlagen. Auch wenn er mit ziemlicher Sicherheit ein abscheulicher Misogynist ist, ist der Pick-up-Artist Dayrush „Roosh V" Valizadeh—von dem auch die Äußerung stammt, dass Vergewaltigung legal sein sollte, „wenn sie auf Privatgelände passiert"—in erster Linie wegen des Geldes dabei.

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Montag machte die Meldung die Runde, dass Roosh für den 6. Februar Treffen für seine „Stammesangehörigen" auf der ganzen Welt organisieren würde. Zeitungen, Politiker und Aktivisten in mehr als 40 Ländern hatten erfahren, dass sich Horden von Anti-Feministen weltweit an 165 Orten für einen „International Meetup Day" zusammenfinden würden. Die Berichterstattung war einhellig konfrontativ und entrüstet—genau wie Roosh es von Anfang geplant hatte. Sein Ziel ist es nämlich nicht, junge Männer gegen die unterdrückenden Kräfte der weiblichen Selbstermächtigung zu vereinen, sondern aus dem Bedürfnis junger weißer Männer Kapital zu schlagen, sich als Teil einer unterdrückten Gruppe zu fühlen. Mittlerweile hat Roosh V das weltweite Meetup mit der Begründung abgesagt, dass er die Sicherheit und Privatsphäre der Teilnehmer nicht länger garantieren könne.

2015 sorgte Roosh mit seiner Aktion, die er kurzerhand die „Battle of Montreal" taufte, in Kanada für Schlagzeilen—ein wirklich grandioser Namen für ein wirklich unscheinbares Ereignis. Kanadische Feministinnen, die der neomaskulinen Ideologie von Roosh recht kritisch gegenüberstehen, protestierten gegen einige seiner Auftritte in Vancouver und Montreal. Roosh rief daraufhin seine Anhänger zu einem „Gegenangriff" auf und dazu, seine feministischen Erzfeinde online zu bedrohen. Ihren krönenden Abschluss fand die Skandal-Inszenierung darin, dass eine Protestlerin ihr Bier über Roosh auskippte. Und das war es dann eigentlich auch schon.

Ein Blick auf Google Analytics zeigt aber, wie Suchanfragen nach Roosh und seiner Website in den Wochen um das „Battle" Spitzenwerte erreichten, bevor sie wieder auf ihr normales Niveau zurücksanken. Und da Roosh aus den Ereignissen des letzten Sommers gelernt hat, tüftelt er nun an Titelseitenfutter in einem viel größeren Maßstab.

Auf eine Stellungnahme angesprochen antwortete Roosh: „Du bist ein Idiot. Ich verdiene damit kein Geld." Wenn die für dieses Wochenende geplanten Treffen wirklich im Verborgenen hätten stattfinden sollen, hätte Roosh bestimmt nicht die Treffpunkte und das Losungswort auf einer öffentlich zugänglichen Website gepostet. Was er damit erschaffen hat, ist viel mehr eine Falle für die Medien—mit seinen ergebenen Anhängern als Köder. Dann brauchte er sich nur noch zurückzulehnen und dabei zuzuschauen, wie die Berichterstattung ihren Lauf nahm und Besucher in Scharen zu seinem Webstore führte. Als die Story dann die Tage regelrecht durch die Decke ging, teilte Roosh demonstrativ die Klickzahl-Explosion auf seiner Website bei Twitter, verglich sein Suchmaschinen-Ranking mit dem seines Erz-Polemikers Milo Yiannopoulos und prahlte dazu auch noch mit seiner „Verufenheit."

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Sorry — Roosh (@rooshv)2. Februar 2016

In ihrer Ablehnung der patriarchalen Aspekte von Maskulinität bietet die feministische Theorie durchaus auch Lösungsansätze für Probleme, die vor allem Männer betreffen: wie zum Beispiel hohe Selbstmordraten und die Stigmatisierung von psychischen Problemen. Für Roosh scheint sein eigener Ruf jedoch an allererster Stelle zu stehen, nicht das Leid der Männer.

So präsentiert Roosh auch immer wieder Feminismus als „Krieg gegen Männer". „[Die männliche Existenz] ist bloß das Fegefeuer, bis ein neu erfundener Aufschrei sie in die Hölle schickt", schreibt er. „Diejenigen, die nicht zu den Waffen greifen … werden am meisten leiden." Seine pseudomilitaristische Rhetorik zielt darauf ab, wütende junge Männer anzusprechen, die hungrig nach einem Zugehörigkeitsgefühl und Geltung sind.

Pick-up-Artists generieren Profit ganz ähnlich wie die Rüstungsindustrie. Zuerst braucht es einen entmächtigten, verbitterten Mann, der wegen seiner mangelnden Möglichkeiten zum finanziellen und sexuellen Aufstieg in der zivilisierten / Beta-Gesellschaft frustriert ist. Dann überzeugt man ihn davon, dass er seinem Leben einen neuen Sinn geben kann, indem er sich mit anderen Männern zusammenschließt, um seine Dominanz gegenüber Minderwertigen zu sichern. Dann überzeugt man ihn davon, dass dieser Krieg gerecht und seine Rolle darin signifikant ist.

Zu guter Letzt verkauft man ihm eine AK-47 oder ein im Eigenverlag veröffentlichtes E-Book mit dem Titel Day Bang: How to Casually Pick Up Girls During the Day, lehnt sich zurück und erntet die Früchte des Krieges.

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Rooshs Profite werden direkt aus den PayPal-Accounts seiner Gefolgsmänner gespeist, aber die Fantasie-Unterdrückung, die er in die Köpfe seiner Anhänger pflanzt, manifestiert sich als tatsächliche Unterdrückung, der Frauen auf der ganzen Welt zum Opfer fallen.

Sie sterben durch die Hände der Fußsoldaten im MRA-Krieg gegen Frauen. Nach neun Jahren Flaute bis zur Weißglut frustriert suchte George Sodini Rat bei Pick-up-Artists wie Roosh. Er besuchte ihre Konferenzen, kaufte ihre Bücher und postete in ihren Foren.

Aber seine Investition brachte ihm keinen sexuellen Gegenwert. Tagebucheinträge zeugen von seiner Wut über die „30 Millionen … begehrenswerten Single-Frauen", die ihn seinen Schätzungen zufolge „zurückgewiesen" hatten. Er ging los, tötete drei „begehrenswerte" Frauen und dann sich selber.

Pick-up-Artists zogen aus seinem Selbstmord den Schluss, dass das „Zölibat der schleichende Tod ist", und nutzten sein „Versagen", um ihre eigenen Produkte an den Mann zu bringen. „Sei kein George Sodini—Angel dir eine und leg los", schrieb ein findiger MRA-Geschäftemacher und verlinkte darunter seinen eigenen Shop.

Sodini ist zwar ein besonders extremer Fall, aber er ist beispielhaft für die Lügen, die Roosh und seine Kollegen verbreiten. In der Realität gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum Männer nicht im Bett landen: Entweder fallen sie aus dem Raster der durch das Patriarchat durchgesetzten Attraktivitätsnormen oder sind sexistische Arschlöcher.

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Männerrechtler und Anti-Feministen halten aber noch eine verlockende dritte Erklärung bereit, die viel einfacher und bequemer ist, als daran zu arbeiten, externe patriarchale Werte und internalisierte patriarchale Verhaltensweisen zu dekonstruieren. Die „rote Pille" bietet einem ein greifbares, externes Feindbild und die sich daraus folgernde Gelegenheit, sich in Selbstmitleid über die Ungerechtigkeit dieser vermeintlich matriarchalen Gesellschaft zu baden, die einen unterdrückt.

Roosh macht sich dieses verblendete Sehnsucht nach Leiden zu Nutze, um Einstellungen zu verbreiten, die Frauen, herabgewürdigt, marginalisiert und schlägt. Auf der anderen Seite lässt die gleiche Einstellung sexuell frustrierte Männer noch wütender auf Frauen werden, als sie eh schon sind—und dementsprechend auch eher seine Bücher kaufen. Die Anhänger der neomaskulinen Ideologie sind nicht Löwen geführt von Eseln, sondern „Betas" geführt von „Alphas".

Sowohl die „Battle of Montreal" als auch die anstehenden Treffen sind wie die Aktionen eines pseudomilitaristischen Widerstands aufgezogen. Artikel auf Rooshs Webseite über die „Battle" ziehen Vergleiche zu „Luftangriffen", „Bodeneinsätzen" und „Informationskrieg".

Und weil sie unbedingt Teil einer echten Widerstandsbewegung seien wollen, springen viele Fans auf dieses Rhetorikarsenal an. In den Kommentarsträngen zu dem weltweiten Meetup am Wochenende wird über einen „entscheidenden Wendepunkt in der Weltgeschichte" fantasiert und auf die Wichtigkeit hingewiesen, „ein Minimum an operativer Sicherheit aufrechtzuerhalten." (OpSec 101: Veröffentliche deine Sicherheitsmaßnahmen in einem öffentlichen Forum.)

„In den Städten, die die Sicherheit meiner Unterstützer gefährden, ist es Zeit, in den Untergrund zu gehen", postete Roosh bei Twitter, als sich die Medien über die Meldung hermachten, und verstärkte damit die eh schon ausgewachsene Paranoia seiner Anhänger ins Absurde. Roosh weiß, dass seine Fans nicht wirklich in Gefahr sind. Roosh weiß aber auch, dass seine Fans gerne in dem Glauben sein wollen, dass ihr Leben von der feministischen Bedrohung gefährdet ist. Diejenigen, die sich keiner Unterdrückung ausgesetzt sehen, verspüren einen geradezu voyeuristischen Gefallen daran, sich vorzustellen als ob—wie einen Horrorfilm, den man jederzeit ausmachen kann.

Die Treffen werden zwangsläufig von Horden von Journalisten bevölkert werden, die draußen in der Kälte rumstehen und versuchen, möglichst frauenfeindlich rüberzukommen, in der Hoffnung, dass ein naiver Anti-Feminist sie mit provokativen Zitaten füttert. Es ist ein Teufelskreis: Negative Medienberichterstattung bestärkt die Männerrechtler in ihrem imaginierten Wissen, dass die Welt sich gegen sie verschworen hat.

Um sich hier auch mal der reich gedeckten Terminologie der Verschwörungstheoretiker zu bedienen: Der Shitstorm um die MRA-Treffen am Wochenende ist eine False-Flag-Operation. Roosh hat mit voller Absicht den gebündelten Zorn der globalen Linken auf sich gerichtet. Die Meetups waren von Anfang an dazu gedacht, seine Buchverkäufe nach oben zu treiben, aber nie um eine internationales Guerilla-Netzwerk aus Anti-Feministen aufzubauen. Seine Fans, die sich mit Trenchcoat und Filzhut in die Schützengräben werfen, sind nichts als Kanonenfutter.