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Schriftsteller haben in Brüssel während der Anschläge diskutiert, wie man mit Terror umgehen soll

Wir haben mit dem Schriftsteller Andrei Kurkow darüber gesprochen, wie die Autoren auf die Anschläge reagiert haben.
25.3.16

Andrei Kurkow | Foto mit freundlicher Genehmigung von Andrei Kurkow

Am Dienstag, dem Tag der Terroranschläge in Brüssel, erreichte uns eine recht bizarre Nachricht von jemandem, der in der belgischen Hauptstadt lebt. Es war die Organisatorin des Pessa Porta Seminars, das diese Woche stattfand und zu dem 16 Schriftsteller aus zehn verschiedenen Ländern zusammengekommen waren, um den Sinn und Zweck von Literatur zu diskutieren. Das Seminar wurde in Brüssels Internationalem Haus der Literatur abgehalten—etwa vier Kilometer von der Metrostation Maalbeek entfernt, in der sich am Morgen des 22. März einer der Anschläge ereignete.

Zur Vorbereitung auf das Seminar hatte der ukrainische Autor Andrei Kurkow einen Essay darüber geschrieben, wie man als Schriftsteller mit dem Terror umgeht. Am Montag, dem ersten Abend des Seminars und nur wenige Stunden vor den Anschlägen, hielt Kurkow einen Vortrag, der auf seinem Essay Which Weapon Should the Writer Chooseaufbaute.

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Kurkow argumentiert, dass es in einem Moment der Krise nur zwei Dinge gibt, die ein Autor tun kann—reagieren oder ignorieren. Als die Situation in der Ukraine eskalierte, konnte Kurkow eine klare Trennung zwischen denjenigen beobachten, die einfach mit dem weiter machten, was sie zuvor schon getan hatten (Geschichten und Romane schreiben), und denjenigen, die sofort damit aufhörten, fiktionale Texte zu verfassen. Letztere sahen sich anlässlich der Geschehnisse in der Verantwortung, ihr Talent dafür einzusetzen, die Situation in Artikeln für ukrainische Zeitungen, Magazine und Websites zu kommentieren.

Kurkow selbst vertritt die Meinung, dass sich Schriftsteller in Krisensituationen nicht hinter ihren fiktionalen Werken verstecken dürfen, sondern in der Pflicht stehen, aktuelle Geschehnisse anzusprechen, mit den Menschen zu reden und darüber zu schreiben, was passiert. Er ist der Meinung, dass Autoren alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um die Situation zumindest etwas zu beeinflussen.

Am Morgen nach Kurkows Präsentation hatte sich die Nachricht von den furchtbaren Anschlägen schnell verbreitet. Die Teilnehmer, die sich in Brüssel zusammengefunden hatten, um darüber zu diskutieren, wie Schriftsteller auf den Terrorismus reagieren sollten, waren plötzlich direkt damit konfrontiert. Die Organisatoren entschieden sich letztendlich dafür, das Seminar trotz der Geschehnisse fortzusetzen.

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Ich war neugierig, was für eine Sicht die Teilnehmer auf die Anschläge von Brüssel haben und wie das Seminar nach den Geschehnissen weiterging, also habe ich mich mit Andrei Kurkow in Verbindung gesetzt.

„Du kannst dein Gehirn nicht vom Arbeiten abhalten, nur weil irgendwelche Terroristen die Gesellschaft und alle ihre Mitglieder mit Angst und Trauer lähmen wollen."

VICE: Kannst du kurz beschreiben, was bei eurer Konferenz am Dienstag geschehen ist, nachdem ihr von den Anschlägen gehört habt?
Andrei Kurkow: Das Programm wurde natürlich geändert. Anstatt mit der Lesung eines Essays anzufangen und diesen zu besprechen, begannen wir, die Diskussion vom Vorabend wieder aufzugreifen. Das Thema war die Rolle des Schriftstellers in Kriegs- und Krisenzeiten. Wir sind dann letztendlich aber doch wieder mehr oder weniger zum ursprünglich geplanten Ablauf übergegangen, wobei die Ereignisse des Morgens den ganzen Tag über in den Unterhaltungen und Diskussionen natürlich präsent waren.

Warum wurde entschieden, die Konferenz fortzuführen, und was hältst du persönlich von der Entscheidung?
Das Seminar wird nur teilweise und ohne das Abendprogramm weitergeführt. Du kannst dein Gehirn nicht vom Arbeiten abhalten, nur weil irgendwelche Terroristen die Gesellschaft und alle ihre Mitglieder mit Angst und Trauer lähmen wollen. Die Taten der Terroristen haben unser Prioritätenliste hinsichtlich der Diskussionsthemen beeinflusst, aber das Einstellen irgendeiner Aktivität ist gleichbedeutend mit einer Kapitulation. Damit zeigst du ihnen nur, dass sie gewinnen. Eine Konferenz dient nicht der Unterhaltung. Ich finde es unglaublich wichtig und bereichernd, in einem Moment wie diesem mit anderen Schriftstellern zusammen zu sein.

Motherboard: Warum Belgien sein Terrorproblem nicht in den Griff bekommt

Was und wie sollten Schriftsteller und Journalisten über Anschläge wie diese schreiben?
Für Journalisten sind die Fakten am wichtigsten—wie viele wurden getötet und wie viele verwundet. Autoren sollten nicht das Gefühl haben, mit den Journalisten wetteifern zu müssen—sie haben das Recht, angesichts dieser Vorkommnisse als „Doktoren" oder „Analysten" aufzutreten. Wie aber jeder einzelne Schriftsteller reagiert—was er schreibt oder abgesehen von, beziehungsweise anstelle des Schreibens macht—, bleibt in seinem eigenen Ermessen. Diese Tragödie wird jetzt die Gestalt eines ernsthaften politischen, gesellschaftlichen und psychologischen Problems annehmen und für eine gewisse Zeit so bleiben. Die Texte, die in dieser Zeit erscheinen, werden also auch eine politische, gesellschaftliche und psychologische Dimension annehmen. Schriftsteller sollten allerdings zu allererst gegen den Hass ankämpfen. Es muss unbedingt vermieden werden, den Schmerz derjenigen, die von den Ereignissen am stärksten betroffen sind, in Hass umschwenken zu lassen.