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Was mein drogenabhängiger Vater mir gegeben hat

Als ich klein war, war mein Vater ein charmanter Cowboy und bei allen beliebt. Von diesem Menschen ist mir nur eine Sache geblieben, der Rest ähnelt nur noch einem Geist.

von Jordan Foisy
07 März 2016, 5:00am

Titelfoto: eric molina | Flickr | CC BY 2.0

Ich habe meinen Vater nie mit einer echten Krawatte gesehen. Wenn er eine Veranstaltung besuchte, die ein etwas formaleres Auftreten erforderte, trug er seine heiß geliebte Bolotie. Eine Bolotie—auch Cowboy-Krawatte oder Schnürsenkel-Krawatte genannt—ist ein Accessoire, das aus einem Schnürsenkel oder einem Lederband mit dekorativen Enden besteht, das durch eine verzierte Klammer zusammengehalten wird. Es ist der bevorzugte Halsschmuck von Cowboys, Freidenkern und Menschen, die sich nicht eingrenzen lassen wollen. Mike Milligan aus der zweiten Staffel von Fargo trägt eine, John Travolta in Pulp Fiction trägt eine und Macklemore trägt eine.

Die Bolotie meines Vaters besteht aus einer braunen Schnur, die jeweils in einem tränenförmigen Knochenstück endet. Die Klammer ist eine weichkantige und polierte Brosche aus Hirschgeweih. Sie ist ein Relikt aus seiner Zeit in Alberta, wo er weit weg von den Ölbohrplattformen und anderen Malocherjobs mit Freunden reiten ging und in der Prärie zeltete—befreit von der Last von Ehe und Familie, für die er meiner Meinung nach sowieso nie wirklich gemacht war.

Ich liebte es damals, meinen Vater bei sozialen Anlässen zu beobachten. Er war charmant und gewitzt. Vielleicht war es auch bloß diese übliche gottgleiche Verehrung, mit der ein kleiner Junge zu seinem Vater aufschaut, aber ich schwöre, wenn mein Dad die Bolotie anlegte, war er der coolste Typ auf Erden. Er war einer von diesen lockeren Vätern. Manchmal spielte er mit mir und meinen Freunden Straßenhockey. Er gab dann immer den klassischen Tollpatsch, legte sich regelmäßig auf die Nase und riss dabei dramatisch Mitglieder des gegnerischen Teams mit runter. Jedes Mal, wenn man einen Durchbruch schaffte, rief er sinnfreien Quatsch auf Französisch. Meine Freunde liebten ihn. Er war ein Mann, der Liebe geben und annehmen konnte; ein Mann, der sein Leben unter Kontrolle hatte, und ein Mann, der seine Söhne inspirieren konnte.

Diese Version meines Vaters war allerdings mehr Ausnahme als Regel. Weitaus üblicher war es, von der Schule nach Hause zu kommen, Vater schlafend auf der Couch vorzufinden und—je nach Menge des dreckigen Geschirrs, den Krümeln und Jointresten in seinem Aschenbecher—zu wissen, dass er dort schon mehrere Stunden gelegen hatte. Er war immer mal arbeitslos und diese Phasen zwischen seinen Jobs wurden länger und länger—aus wenigen Wochen wurden Monate. Seine Klamotten (oft bestehend aus einer langen Unterhose und einem T-Shirt) waren schmutzig und abgetragen und das Zimmer, das er in Beschlag genommen hatte, glich weniger einem Wohnzimmer und mehr einer abgeranzten Einraumwohnung, die man in unserem Haus abgeladen hatte. Meine Brüder und ich trauten uns nur, leise umherzuschleichen—wir ertranken zu Hause regelrecht in einer furchtbaren, alles erdrückenden Stille. Einerseits versuchten wir, uns so jung und normal wie möglich zu fühlen, andererseits hatten wir große Angst davor, meinen Vater aufzuwecken und seinen ranzig-verkrusteten Zorn zu entfesseln.

Die Wut meines Vaters erschütterte mich jedes Mal. Ich lebte in stetiger Furcht vor ihr und zuckte beim leisesten Anzeichen ihres Auftretens zusammen. Seine Wut war laut, unbarmherzig-präzise und vor allem heuchlerisch. Sobald sie einmal erweckt war, suchte sie sich ein Ziel—einen meiner jüngeren Brüder, mich oder meine Mutter—und beschimpfte es aufs Heftigste für das kleinste Abweichen von oder das leiseste Aufbegehren gegen seine immer wieder neuen ethischen Maßstäbe. Die Regeln für unser familiäres Zusammenleben änderten sich ständig. Eigentlich ging es nämlich auch gar nicht um sie. Es ging nur darum, eine Angriffsfläche zu bieten; und es ging darum, jeden einzelnen von uns auf das Niveau der absoluten Bedeutungslosigkeit runterzubringen, auf dem er sich selbst sah. Es war eine Form von Missbrauch—zum Glück nicht körperlich, aber nichtsdestotrotz destruktiv und grausam.

Als Kind verstand ich das nicht. Es war ein normaler Teil meines Lebens—Tag für Tag war mein Glück Geisel der unberechenbaren Launen und heftigen Stimmungsschwankungen meines Vaters. Wenn man jung ist, ist eine solche Unbeständigkeit noch schlimmer. Es gibt kein richtiges Verhalten und es gibt keinerlei Kontrolle oder Sicherheit. Es bleibt einem nichts, als das Leben einer Maus zu führen—sich so klein, unauffällig und still wie möglich zu verhalten.

Die Bolotie meines Vater | Foto vom Autor

Ich ahnte nicht, dass das Verhalten meines Vaters seine Ursache in einem Drogenproblem hatte—einer Kokainabhängigkeit, die allmählich sein Leben und seine Ehe zerfraß und unsere Familie in den finanziellen Ruin trieb. Ich hatte keine Ahnung, dass der Schmerz und die Verwirrung, die ich empfand, für das Zusammenleben mit einem Abhängigen durchaus gewöhnlich sind. Seine heftigen Stimmungsschwankungen und meine daraus resultierende innere Verwirrung beruhten auf dem Nehmen von und dem Warten auf die Droge. Darin liegt vielleicht auch der größte Verrat eines Süchtigen an seiner Familie: Der Schmerz, der einem zugefügt wird, ist gar nicht mal der Hauptkriegsschauplatz. Er ist lediglich ein Effekt: Er ist das Symptom einer anderen, einer tiefergehenden, verzehrenderen Liebesbeziehung.

Noch zerstörender war die Stille. Wir versuchten, im Haus so leise wie möglich zu sein. Es war eine bleierne Stille, als hätte man uns geknebelt. Die Stille hatte auch etwas Aggressives, sie war der Komplize der hasserfüllten Wutexplosionen. Mein eigenes Schweigen speiste sich aus meiner eigenen Wut, die ich blockiert, nach innen gekehrt und mühsam hinuntergeschluckt hatte. Aus dem drängenden Verlangen, ihn aufzuwecken und zu konfrontieren, wurden konstante Selbstvorwürfe für meine eigene Feigheit.

Das oberste Ziel einer Familie, die unter einer Suchtproblematik zu leiden hat, ist es, alles so normal wie möglich aussehen zu lassen: Die Oberfläche des Sees soll ruhig und idyllisch erscheinen. Je schlimmer das Chaos ist, desto mehr knirscht man mit den Zähnen und ignoriert es—man tut alles mit einem Lachen ab und versenkt die ganze Verbitterung und Verwirrung, die man empfindet, unter der glatten Oberfläche.

Diese Selbstzensur macht es auch so schmerzhaft und schwer, mit meinem Vater zu sprechen. Was das Unterdrücken von Gefühlen und Nichtansprechen von unangenehmen Themen angeht, bin ich der perfekt Soldat—der Jason Bourne des So-tun-als-ob-alles-gut-ist. Das Schweigen und die damit einhergehende Komplizenrolle sind die Dinge, auf die der Süchtige zählt. Sie sind auch der Grund, warum der Süchtige dir seine Sucht direkt vor die Nase halten kann. Süchtige wissen, dass die stille Vereinbarung, keine Wellen auf dem See zu verursachen, eingehalten wird.

Weihnachten habe ich meinen Vater mal wieder gesehen und ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er und meine Mutter sind mittlerweile getrennt. Er sieht ausgemergelt und zerbrechlich aus. Die Drogen haben tiefe Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Mein Bruder, der noch zu Hause lebt, hat mir erzählt, dass er damit begonnen hat, unseren Vater als bereits tot zu sehen. Eigentlich passt das auch sehr gut, denn optisch ähnelt er eher einem Geist. Und genau wie mit einem Geist ist die Kommunikation mit ihm nicht möglich. Wir reden miteinander, aber eigentlich ist es nur Lärm, der die Fragen übertönt: Warum? Was ist passiert?

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Mein Vater hatte noch nie ein gutes Händchen für Geschenke. Von kaputten Motocross-Rädern bis hin zu 08/15-Gutscheinen forderte er das beliebte Sprichwort „Es ist der Gedanke, der zählt" immer wieder aufs Neue heraus. Letzte Weihnachten waren keine Ausnahme. Meinem frischgeborenem Neffen brachte er eine Tasche voller Mädchenkleidung mit—alles war zu klein. Dazu gab es noch einen platten Gummiball mit Disney-Figuren drauf, von dem er behauptete, er sei antik. Ich habe noch nie einen antiken Gegenstand mit Barcode drauf gesehen, aber OK, was weiß ich schon? Für mich gab es eine zerbeulte Schachtel mit Parfüm von Brut und Aftershave, die ich auch prompt daheim ließ. In meinen Augen war dies nur ein weiteres Beispiel für seine mehr als halbherzigen Versuche, seiner Vaterrolle gerecht zu werden. Nein, diese Geschenke waren nicht mehr als das Kettengerassel eines Geistes.

Vor Kurzem bin ich aber noch einmal zu Hause gewesen und als ich dort ankam, erzählte mir meine Mutter, dass sie die Schachtel mit dem Weihnachtsaftershave entsorgt hätte. Sie habe vorher allerdings noch einmal reingeschaut und etwas gefunden.

Meine Mutter reichte mir die Bolotie meines Vaters. Er hatte sie für mich ganz unten in der Schachtel versteckt.

Es war, als hätte ich eine Flaschenpost gefunden. Mein Vater—der, den ich bewundert hatte, der mit mir und meinen Freunden Hockey gespielt hatte—sprach zu mir. Er hatte eine winzige Öffnung in der Festung des Schweigens gefunden, die seine Drogen und mein Schmerz erschaffen hatten, und mir eine Nachricht hindurchgesteckt. Und ich konnte durch diese winzige Öffnung blicken und ich sah ihn: den empfindsamen, gewitzten Cowboy, den der kleine Junge in mir noch immer bewunderte. Er saß hoch oben auf dem Sattel und ritt, wohin auch immer der Wind ihn trug. Und für einen kurzen Augenblick war ich von makelloser Liebe erfüllt.

Ich werde der Bolotie einen festen Platz in meinem Kleiderschrank geben: Um einen Mann zu ehren, der sein Bestes versucht hat, aber gescheitert ist; und um ein Leben zu ehren, das hätte sein können.