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Sex

Warum es scheiße ist, im Winter Single zu sein

Adieu gutes Single-Leben—die Händchen haltenden Pärchen übernehmen jetzt für eine Weile.

von Ivan Markovic
23 November 2015, 12:00pm

Foto: Paukner

Drei Worte. Die ganze Welt kennt sie. Im Sommer brüllen wir sie voller Stolz, wollen sie allen unter die Nase reiben. Doch kaum fallen die Temperaturen, werden sie nur noch hinter vorgehaltener Hand heimlich schniefend unter der Bettdecke geflüstert. Ein letzter Hilfeschrei, bevor wir uns damit abfinden müssen, sonntags mit Pizza und Eiscreme allein vor dem Laptop liegend Netflix ohne Chill zu schauen. Drei Worte, wie sie im Grunde nicht schöner sein könnten, doch jetzt dem Fluch des Winters unterliegen: Ich bin Single!

Wo ist das Licht meines Mantra hin, das mich letztens noch so fröhlich durch den Alltag begleitet hat? Egal wie ich es drehe und wende, heraus kommt stets dasselbe und dabei ist es ganz einfach: Es ist einfach scheiße, im Winter Single zu sein.

Ich hasse Pärchen nicht aus Prinzip—außer im Winter. Es heißt, man solle die eigene Unzufriedenheit nicht anderen in die Schuhe schieben. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und so weiter. Das mag ja stimmen. Nach diesem Leitsatz zu leben, erweist sich jedoch schwieriger als gedacht, besonders wenn aus Individuen ein Kollektiv wird, das, sobald die ersten Schneeflocken fallen, Händchen haltend im Gleichschritt durch den grauen Matsch stapft. Der Spezies Beziehungsmensch fehlen nur noch High-Fives im Minutentakt, um den Singles dieser Welt den offenen Krieg zu erklären.

Schon witzig, wie schnell sich so was ändern kann. Während der guten Jahreszeiten (wovon es nur zwei gibt) gibt es nicht Schöneres als das Junggesellenleben. Mit T-Shirt, Sonnenbrille und einem Drink in der Hand die leicht bekleideten Massen beobachten und sich von der puren Abwechslung treiben lassen—eine Aneinanderreihung neuer Bekanntschaften, Sommerflirts und wilden Partynächten unter freiem Himmel. In diesen Zeiten beschenkt uns das Leben sekündlich und es ist nie zu früh oder zu spät für eine geile Zeit. Zwischendurch finden wir in uns sogar den Edelmut, unsere Freunde in festen Beziehung zu bemitleiden. Doch jetzt wendet sich das Blatt und wir krallen uns mit letztem Willen an den Glauben, auf der richtigen Seite zu stehen.

Foto: Clare Bell | Flickr | CC BY 2.0

Ein Bekannter meinte letztens: „Hol dir doch eine Saison-Freundin, die kannst du dann im Frühling wieder loswerden. Das machen viele so." Ein moderner Mythos, der sich soeben zum ersten Mal in echt bestätigte. Zweckbeziehungen feiern mit dem Eintreffen des ersten Schnees Hochkonjunktur. Niemand will im Winter allein sein. Schon klar, zu zweit lässt es sich schließlich besser kuscheln als alleine mit deiner Hand.

Ich kam schnell zum Schluss, dass eine Alibi-Freundin wohl die Krönung jeglicher Selbst- und Fremdverarsche darstellen würde, und lehnte den Vorschlag daher dankend ab. Ich bin nach dem Grundsatz „Du musst dich selbst lieben lernen, damit du jemand anderen lieben kannst" aufgewachsen. Ich weiß, es klingt abgedroschen—das macht es aber nicht weniger wahr. Als ich in der Pubertät mit dem ersten Herzschmerz klarkommen musste, tröstete mich meine Mutter mit den Worten: „Die Liebe eines anderen Menschen ist bloß das i-Tüpfelchen auf dem Wort. Doch das bringt alles nichts, wenn du dich selbst nicht ausstehen kannst."

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Und was ist, wenn ich dann doch einen romantischen Abend auf dem Weihnachtsmarkt verbringen will, von Stand zu Stand schlendernd auf der Ausschau nach der nächsten kulinarischen Köstlichkeit? Klingt eigentlich ganz schön. Im Normalfall enden solche Hirngespinste jedoch mit der totalen Selbstzerstörung.

Während Pärchen sich möglicherweise vor dem Nachhauseweg einen Schlummertrunk gönnen, kann ein solcher Anlass bei Singles auch die totale Eskalation bedeuten. Auf der Suche nach ein bisschen Romantik habe ich letztes Jahr den kompletten Glühweinvorrat der umliegenden Verkaufsstände leer getrunken. Danach crashte ich mit weiteren Singles im Schlepptau eine WG-Party, von der wir nach kürzester Zeit verwiesen wurden. Natürlich nur, um uns dann zu prügeln, da jeder dem anderen die Schuld für den Rausschmiss gab. Weihnachten als Single eben. Die Beziehungsgötter zeigten mir unmissverständlich ihren überdimensionierten Mittelfinger: Die einsame Jahreszeit hat begonnen, zieh dich warm an oder such dir jemanden zum Kuscheln.

Foto: Joe Shlabotnik | Flickr | CC BY 2.0

Glückliche Singles müssen eine gesunde Portion Egoismus an den Tag legen, um glücklich zu bleiben. Sei dir selbst der Nächste, vor allem dann, wenn dich alle Freunde Händchen haltend mit ihren Partnern im Stich lassen—alle bleiben sie zu Hause.

Menschen mit Stubenhocker-Potenzial haben während dieser Jahreszeit einen massiven Heimvorteil und vermutlich wirst du sie erst im Frühling wiedersehen. Jede erdenkliche Ausrede ist auf ihrer Seite: Es schneit und ist kalt. Ich fühl mich nicht so wohl. Wir haben's gerade so gemütlich. Wir?! Ja, auch das verhasste „Wir" feiert im Winter sein übermütiges Comeback. „Wir" gehen zu meinen Eltern. „Wir" essen mit einem anderen Paar heute zu Abend, magst du auch kommen? Ich lasse mich doch nicht zu einem Brettspielabend überreden, an dem ich bestimmt der einzige ohne +1 bin. Lieber betrinke ich mich daheim und schau mir Kevin allein zu Haus an, auch er hatte ohne seine Freunde und Familie eine tolle Zeit—mit Einbrechern und so.

Bitte versteht, selbst abgebrühten Singles fällt es nicht leicht zuzugeben, dass das Junggesellen-Dasein im Winter scheiße ist. Wir vertreiben uns die Zeit mit einer neu entfachten Begeisterung für massiven Alkoholgenuss, bekifften Abenden vor der PlayStation oder mit exzessivem Sport (setzt immerhin Endorphine frei).

Wir stählen unsere Körper und verbringen die Abende im Fitness-Studio—bereit für die nächste Schlacht, wenn der Frühling wiederkommt. Mental im Winterschlaf warten wir geduldig auf den richten Moment für unsere Rückkehr. Sobald die Sonne wieder Überhand nimmt, werden die „Händchenhaltenden" und das „Beziehungs-Wir" vom Thron gestoßen und durch Bikinis und Tanktops ersetzt. So wie es sich gehört, schließlich kann's nicht immer kalt und hässlich bleiben.



Titelbild: Paukner | Pixabay | CC0