Lungenembolie, Herzstillstand und Angstzustände – Wenn die Pille dich fast umbringt
Foto: Nate Grigg | Flickr | CC BY 2.0
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Lungenembolie, Herzstillstand und Angstzustände – Wenn die Pille dich fast umbringt

Lisa war kerngesund, raucht nicht und ist nicht dick. Doch mit 20 erlitt sie eine Thrombose mit darauf folgender Lungenembolie und kurzem Herzstillstand. Schuld daran ist vermutlich die Antibabypille.
25 November 2015, 9:48am

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass die nun 23-jährige Lisa Heidinger „dem Tod von der Schippe gesprungen ist." So beschreibt es die in Ingolstadt aufgewachsene Studentin, wenn sie über jenen schicksalhaften Moment im Sommer 2013 spricht. Er hätte für sie tödlich enden können, wenn ihre beste Freundin damals nicht auf sofortige ärztliche Hilfe bestanden hätte.

Was am 01.06.2013 geschah, bahnte sich schon seit Langem an. „Es fing eigentlich alles damit an, dass die Ärzte seit Anfang 2013 bei mir lauter Lungenentzündungen diagnostiziert haben", erzählt Lisa. Fünf Monate lang hat die damals 20-jährige „ein unspezifisches Krankheitsgefühl": Husten, zeitweise Schmerzen beim tiefen Luftholen und am Ende sogar Bluthusten. Sie geht zu zwei Lungenärzten und einem Allgemeinarzt, doch „keiner wusste so richtig, was los ist." Lisa bekommt Antibiotika verschrieben, aber keines davon schlägt an. Stattdessen geht es ihr zunehmend schlechter. „Es kam soweit, dass ich irgendwann bei jedem Atemzug Schmerzen hatte", erinnert sich Lisa. Hinzu kommt ein seltsames Rasselgeräusch in der Lunge, das der Arzt als Flüssigkeitsansammlung (Lungenödem) identifiziert und weiterhin den Lungenentzündungen zuschreibt. Die Lösung: abermals Antibiotikum. Genauso bei der darauffolgenden Rippenfellentzündung.

Lisa im Krankenhaus nach Thrombose und beidseitiger Lungenembolie

„Ich war auf Dauer einfach platt", sagt Lisa, „doch ich wollte nicht, dass mir deswegen der geplante Urlaub nach Italien mit meiner besten Freundin Laura verdorben wird". Lisa fragt also ihren Arzt, der den Urlaub absegnet, solange sie dazu nirgendwohin fliegen müsse. „Die Hinfahrt nach Jesolo war eigentlich OK, aber danach war ich total kaputt", erzählt sie. Angekommen am Zielort merkt sie beim Kofferausladen, dass „etwas ernsthaft falsch ist". Sie kann gerade mal vier Treppen steigen, bevor ihr schwindelig wird. Sie hat das Gefühl, nicht richtig atmen zu können, und muss sich hinsetzen, damit ihr nicht schwarz vor Augen wird.

Eine halbe Stunde braucht sie, bis sie es in das Hotelzimmer im zweiten Stock geschafft hat. Dann spürt sie für einen kurzen Moment ein Ziehen in der Kniekehle. „Das war danach aber gleich wieder vergessen, weil ich mich sofort mit Medikamenten und Schmerzmitteln eingedeckt habe, um überhaupt noch etwas vom Urlaub zu haben", erklärt Lisa. Wie sich später herausstellte, brachte genau dieses kleine Ziehen im Bein den darauffolgenden Albtraum in Gang.

Lisa (links) und ihre beste Freundin Laura (rechts), die damals schnell handelt und darauf besteht, dass Lisa ins Krankenhaus fährt.

Laura ist besorgt, doch Lisa versichert, dass es sich bestimmt nur um die Ausläufe der zu Hause diagnostizierten Lungenentzündungen handele. Irgendwie steht sie die vier Tage Urlaub durch. Am Tag der Abreise geht es ihr sogar etwas besser. Doch auf der Rückfahrt ist Lisa zunehmend verunsichert. Sie spürt einen seltsamen Druck auf der Brust und hat wieder das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. Als die zwei jungen Frauen in Bozen auf einer Raststätte eine Pause einlegen, steigt Lisa aus dem Auto aus. Und dann passiert es: „Ich bin einfach zurück ins Auto gesackt und habe das Bewusstsein verloren."

Sofort schlägt die Freundin Alarm und holt Hilfe. „Das muss für sie ein furchtbares Gefühl gewesen sein, weil sie zu dem Zeitpunkt bei mir keinen Puls mehr spüren konnte", erzählt Lisa aufgewühlt. Als sie zehn Minuten später aufwacht, steht der Sanitäter über ihr und sie liegt auf dem Asphaltboden. „Als Erstes habe ich mich dagegen gewehrt, ins Krankenhaus zu fahren. Ich wollte einfach nur weiter", meint Lisa. Doch glücklicherweise erzählt Laura dem Sanitäter von Lisas vorangegangenen Lungenproblemen und besteht darauf, dass Lisa ins Krankenhaus gefahren wird. Heute weiß Lisa, wie bedeutsam die Handlungen ihrer besten Freundin damals waren: „Wenn sie nicht darauf bestanden hätte, dass ich ins Krankenhaus fahre, dann wäre ich jetzt nicht mehr am Leben."

Im Krankenhaus in Bozen wird Lisa an ein EKG angeschlossen. Die Ärzte stellen fest, dass ihr Herzschlag unregelmäßig ist, und spritzen ihr ein Mittel, um die Herzfrequenz zu senken. „Das Letze, woran ich mich danach noch erinnern kann, ist ein unheimlicher Durst", beschreibt Lisa. Dann verliert sie zum zweiten Mal das Bewusstsein und erleidet eine sogenannte Asystolie, einen Herzstillstand. Als sie aufwacht, bekommt sie zum ersten Mal in ihrem Leben Todesangst: Trotz der Beatmungsmaske hat sie das Gefühl zu ersticken. Eine Schar von Ärzten steht um sie herum. Ab hier ist für sie alles verschwommen und sie verliert jegliches Zeitgefühl. Sie weiß nur noch, dass sie nach einer Computertomografie in die Intensivstation versetzt wird und dort ein Mittel zugeführt bekommt, von dem ihr kotzübel wird. Dann kommt die Diagnose: Tiefe Beinvenenthrombose (TVT) mit darauffolgender beidseitiger Lungenembolie. Ein Blutgerinnsel (Thrombus) hatte sich in ihrer Beinvene gebildet und wurde vom Blutstrom ihres Körpers gelöst und über ihr Herz direkt in ihre Lunge transportiert, wo es ein Blutgefäß verstopfte. Den Ärzten zufolge waren auch ihre vorigen Lungenbeschwerden die Folgen kleiner, weniger akuter Lungenembolien.

„Wenn sie nicht darauf bestanden hätte, dass ich ins Krankenhaus fahre, dann wäre ich jetzt nicht mehr am Leben."

Drei Nächte muss Lisa auf der Intensivstation in Bozen verbringen. Zwischendurch trifft ihre Mutter ein, was sie beruhigt. Mit der Zeit lässt auch der Druck auf ihrer Brust nach. „Mein ganzer Körper tat zwar weh, aber das war mir egal, weil ich wenigstens dieses furchtbare Gefühl zu ersticken nicht mehr hatte", beschreibt sie. Weitere sieben Tage harrt sie auf der Normalstation aus, denn die Lungenembolie hat zu einer starken Rechtsherzvergrößerung geführt. Sobald ein Rückgang der Ausdehnung festgestellt wird, kann Lisa endlich nach Ingolstadt versetzt werden, wo sie nochmal eine Woche im Krankenhaus verbringt. „Dort machten mir mehrere Ärzte deutlich, wie froh ich eigentlich sein kann, dass ich noch am Leben bin", erzählt sie.

Aber wie konnte es dazu kommen? Die Vermutungen der Ärzte sind alle gleich: Die Pille ist die Ursache für Lisas Horrorgeschichte, denn sie weist sonst keinerlei Risikofaktoren für eine Thrombose auf. Sie ist jung, kerngesund, raucht nicht, ist nicht übergewichtig und hat keine erbliche Thromboseneigung (Faktor-V-Leiden-Mutation). Zu dem Zeitpunkt ihres Vorfalls nimmt Lisa schon seit drei Jahren die Pille „Aida"—eine Pille der sogenannten neueren Generation mit dem Wirkstoff Drospirenon. Sofort setzt sie diese ab.

Leider ist Lisas Geschichte kein Einzelfall. Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wurden in den letzten 15 Jahren in Deutschland 478 Thrombose-Verdachtsfälle von Frauen, die drospirenonhaltige Verhütungspillen angewendet haben, gemeldet. Darunter sind 28 Todesfälle. Die Dunkelziffer wird wohl wesentlich höher sein. Derzeit existieren in Deutschland vier Generationen der Antibabypille. In den meisten Präparaten ist eine Kombination der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Gestagen enthalten. Die verschiedenen Generationen der Pille enthalten jeweils unterschiedliche Gestagene. Je nach enthaltenem Gestagen variiert das Thromboserisiko. Ältere Pillen der ersten und zweiten Generation enthalten Gestagene wie Levonorgestrel, die von Arzneimittelexperten als wenig risikoreich eingestuft werden. Dagegen weisen die in den dritten und vierten Pillen-Generationen enthaltenen Gestagene, etwa Desogestrel und Drospirenon, ein vielfach höheres Thromboserisiko auf. Dem „Pillenreport 2015" der Techniker Krankenkasse zufolge ist das Risiko für Thrombosen und Lungenembolien bei Pillen der neueren Generationen eineinhalb bis zweimal so groß wie bei älteren Pillen. Statistisch gesehen bedeutet das: Zwischen 9 und 12 von 10.000 Frauen bekommen jedes Jahr von Pillen der neueren Generationen eine Thrombose. Bei den Pillen der älteren Generationen sind es dagegen 5 bis 7 von 10.000 Frauen pro Jahr. Diese Zahlen mögen auf den ersten Blick gering erscheinen, aber auf die 6 bis 7 Millionen Frauen hochgerechnet, die in Deutschland mit der Pille verhüten, bedeutet das mehrere tausend Betroffene jedes Jahr.

Es mag paradox klingen, dass die neuen Antibabypillen gesundheitsgefährdender sind als ihre Vorgängermodelle. Doch dahinter steckt ein einfaches Kalkül der Pharmaindustrie: Die neuen Pillen sollen mehr sein als Verhütung. Sie wurden gezielt weiterentwickelt, um beispielsweise Gewichtszunahmen zu vermeiden, für reinere Haut und schönere Haare zu sorgen, Regelschmerzen zu lindern und allgemein besser verträglich zu wirken. Das macht sie vor allem für junge Anwenderinnen interessant. In der Tat bekommen 75% Prozent junger Mädchen bis 20 Jahre, die eine Pille haben wollen, diese Pillen verordnet. Mittlerweile betrachten viele junge Frauen die Pille als harmloses Alltags- und Lifestyle-Produkt. Über die Nebenwirkungen und Risiken sind sie, trotz frauenärztlicher Beratung, oft nicht ausreichend aufgeklärt.

So auch Lisa, als sie nach einer anfänglichen Gewichtszunahme infolge ihrer ersten Pille, zur drospirenonhaltigen Pille „Aida" wechselte. „Als ich zur Aida wechselte, war ich 17. Da geht man an die Sache sowieso ganz anders ran, als wenn man älter ist und sich wirklich tiefgründige Gedanken macht", sagt sie. „Wenn mir mein Frauenarzt expliziter gesagt hätte, dass das Thromboserisiko bei dieser Pille nochmal höher ist, dann wäre bei mir davon sicherlich etwas hängen geblieben. Warum sollte ich mich sonst einfach so entscheiden, meinen Körper nochmal einem zusätzlichen Risiko aussetzen?", fragt Lisa. Auch sagt ihr der Arzt nicht, auf welche Symptome sie achten muss, um eine mögliche Thrombose oder Lungenembolie frühzeitig zu erkennen. Heute glaubt Lisa, dass sie ihre Symptome vielleicht früher hätte selbst einordnen können, wenn sie besser aufgeklärt worden wäre.

Auch nachdem sie wieder nach Hause darf, hat Lisa mit den Langzeitfolgen ihrer Erkrankung zu kämpfen. Ein Jahr lang muss sie einen Blutverdünner nehmen, von dem ihr schlecht wird und sie Haarausfall bekommt. Sie muss regelmäßig zur Lungen-CT und zur Venenuntersuchung. Sie fühlt sich in kleineren Räumen unwohl, wenn die Fenster nicht geöffnet sind. „In kleinen Räumen mit geschlossenen Fenstern hatte ich immer das Gefühl, dass die Luft nicht reicht", erzählt Lisa.

Um „alles besser verarbeiten zu können", fängt sie schließlich eine Therapie an. Es ist ihr wichtig, das Sicherheitsgefühl, das sie durch den Vorfall verloren hat, wieder zu erlangen. Trotzdem hat sie Angst, dass es nochmal passieren könnte. „Ich denke, die Angst, die ich habe, wird immer da sein", sagt sie, denn „das war so ein tiefgreifendes Erlebnis, dass es mich mein ganzes Leben lang begleiten wird." Die Therapie hilft ihr, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen. „Es hat etwas gedauert, bis ich soweit war, dass ich darüber sprechen konnte. Es war ein großer Schritt für mich persönlich, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen", gesteht Lisa.

Mittlerweile geht es Lisa besser und sie sieht positiv in die Zukunft.

Zunächst veröffentlicht sie einen kurzen Erfahrungsbericht auf dem Internetportal www.risiko-pille.de. Die Website wurde von vier Frauen gegründet, denen es ähnlich wie Lisa erging: Alle erlitten eine Lungenembolie, nachdem sie eine drospirenonhaltige Pille von Bayer eingenommen hatten. Eine davon ist Felicitas Rohrer. Die heute 31-jährige bekam vor sechs Jahren eine akute Lungenembolie mit 20-minütigem Herzstillstand. Sie muss seit der Erkrankung blutverdünnende Medikamente nehmen und kann vermutlich nie Kinder bekommen. Im Mai 2011 hat sie den Pharmariesen Bayer auf Schadensersatz und Schmerzensgeld in Höhe von 200.000 € verklagt.

Im Dezember dieses Jahres soll der Prozess gegen den Hersteller ihrer damaligen Pille endlich beginnen. Der Vorwurf von Rohrer: Der Pharmakonzern warnte im Beipackzettel nicht ausreichend vor der Thrombose-Gefahr. Sie ist die erste Deutsche, die Bayer im Zusammenhang mit der Pille verklagt. Zum Vergleich: In den USA hat Bayer bereits fast zwei Milliarden Dollar Entschädigung an knapp 9.000 Opfer der Pille gezahlt—außergerichtlich und ohne Schuldeingeständnis. Am 9. November wurde in der ARD sogar eine Reportage über den Fall Rohrers gesendet.

„Ich nehme das Leben jetzt ganz anders wahr. Ich genieße die kleinen Sachen viel mehr."

Pünktlich zur Ausstrahlung dieser Reportage ist auch Lisa erneut an die Öffentlichkeit gegangen und zwar in einem Post auf Facebook. „Ich habe für mich selbst beschlossen, auf meinem Facebook-Profil meine Erfahrung mit der Pille und die mit ihr verbundenen Risiken anzusprechen", erklärt Lisa. Die durchweg positiven Reaktionen darauf, bekräftigen ihre Überzeugung, dass der Facebook-Post eine gute Idee gewesen ist. „Manche Frauen haben mich sogar direkt angeschrieben und gesagt, dass sie sich entschieden hätten, ihre Pillen der neuen Generationen abzusetzen, nachdem sie meinen Post gelesen hatten. Das hat mich sehr gefreut, weil ich gemerkt habe, dass ich mit meinem Post ein paar Leute erreichen konnte", sagt Lisa. Sie hat aber nicht die Absicht, jemandem vorzuschreiben, die Pille abzusetzen. Stattdessen möchte sie in erster Linie informieren und vor allem junge Frauen für das Thema sensibilisieren. Während sie früher oft mit Angstgefühlen an den Vorfall zurückdachte, will sie jetzt versuchen, mit einem positiveren Blick an die Sache heranzugehen. „Zum Beispiel nehme ich das Leben jetzt ganz anders wahr. Ich genieße die kleinen Sachen viel mehr", beschreibt Lisa und ergänzt besinnlich: „Am Ende hat das Ganze doch was Gutes, weil ich meine Mitmenschen dadurch aufklären kann, damit ihnen hoffentlich das, was mir passiert ist, erspart bleibt."


Titelfoto: Nate Grigg | Flickr | CC BY 2.0