​Warum finden Neonazis Crystal Meth so geil?

Es ist billig, macht fit für Schlägereien und wurde von den Nazis an Soldaten verteilt—immer wieder werden Neonazis und Rechtsextreme im Osten beim Crystal-Dealen erwischt.

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Dez. 10 2014, 12:18pm

Charlie Chaplin als Meth-Diktator

Ginge es nach der deutschen Rechten, sollen und dürfen Neonazis keine Drogen nehmen. Fast alle rechtsradikalen Organisationen lehnen den Konsum illegalisierter Substanzen strikt ab. Die sächsische NPD zum Beispiel fordert unter dem Slogan „Weg mit dem Crystal-Dreck!" auch energisch eine Bekämpfung der Droge, „die in tschechischen Drogenküchen hergestellt und dann in grenznahen Asia-Märkten illegal verkauft wird".

Für die NPD ist die Sache klar: Man muss nur diese doofen Asia-Märkte zumachen, dann verschwindet auch die „tschechische Todesdroge" aus Sachsen. Was sie dabei aber übersieht (oder verschweigt): Crystal wird nicht in Instant-Noodle-Packungen verkauft, sondern von Dealern. Und nicht wenige dieser Dealer sind Neonazis.

Auch wenn der Alkohol in rechten Kreisen immer noch Denken und Handeln dominiert, sind nicht alle Rechten Gras, Hasch oder Härterem abgeneigt. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Rechte mit verbotenen Drogen erwischt, auch häufig mit Crystal Meth.

Das ist vielleicht kein Wunder: Der Meth-Rausch passt zur rechten Ideologie wie die Faust aufs Auge. Meth kann ähnlich aggressiv und schmerzunempfindlich machen wie Alkohol, gleichzeitig bleibt man aber viel handlungsfähiger. Eine Line kann sogar helfen, die Wirkung von Alkohol zu kompensieren. „Vor dem Spiel bin ich so besoffen, die würden mich nicht reinlassen. Mit einer Linie Crystal Meth merken die nix", prahlte ein anonymer Hooligan jüngst in der Welt.

Immer mehr gewaltbereite Hooligans sollen vor ihren Gewaltexzessen auf die enthemmende Wirkung von Crystal schwören. Bei Christopher R., der als Hooligan an dem fast tödlichen Angriff auf den Gendarm Daniel Nivel im Jahr 1998 beteiligt war, wurden im Juni 2014 vier Kilo Crystal-Grundstoff sowie 105 Kilo Apaan und 180 Gramm Koks gefunden. Der ehemalige „Dynamo Berlin"-Hool und Ex-Hells Angel hatte es sich auf Mallorca gemütlich gemacht und von dort aus sein Business betrieben.

Im Prinzip ist Crystal das beste Doping für eine ordentliche Prügelei. Bei den Jüngern von Ansgar Aryan oder Thor Steinar erfreut es sich jedenfalls immer größerer Beliebtheit.

In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es an dieser Stelle, der ehemalige Betreiber des nationalistischen Klamotten-Labels Ansgar Aryan, Daniel K., sei bereits mehrfach wegen Crystal-Handels vorbestraft worden und habe die Geschäftsleitung von Ansgar Aryan abgeben müssen, um das Saubermann-Image des Labels zu wahren. Diese Behauptung ist—was wir hiermit richtigstellen—falsch. Daniel K. wurde nicht mehrfach wegen Crystal-Handels vorbestraft, sondern ist wegen des Handels mit Haschisch zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Eine Vorbestrafung Daniel K.s wegen Crystal-Handels kann somit auch nicht der Grund dafür gewesen sein, weshalb dieser die Geschäftsleitung von Ansgar Aryan abgeben musste bzw. abgegeben hat.

Lars S., ehemaliges NPD-Mitglied, danach führender Kader im „Freien Netz Nordsachsen" und Admin eines Nazi-Devotionalen-Versandes, verbüßt derzeit mit zwei Gesinnungsgenossen eine mehrjährige Haftstrafe. 2012 wurde der bekannte Rechtsextreme mit einem halben Kilo Meth erwischt, nachdem man seine Kurierfahrer mit 300 Gramm hochgenommen hatte. Bis zu dem Fund galt er als Vertrauter von Thüringens NPD-Vize Maik Scheffler.

Tradition verpflichtet

Grund für die Crystal-Affinität könnte sein, dass innerhalb der Szene eine Art Verklärung des „Nazi-Speeds" stattfindet, weil die Deutschen bei ihrem Vernichtungsfeldzug durch Osteuropa selbst mit Pervitin gedopt waren. Pervitin ist Methamphetamin, also Crystal Meth, in Tablettenform—und war in Deutschland bis 1988 noch verschreibungsfähig. Vor fünfundsiebzig Jahren gehörte mit Pervitin versetzte „Stukka-" oder „Panzerschokolade" sowie die „Hermann-Göring-Pille" zur Grundausstattung des deutschen Landsers.

Von Heinrich Böll sind mindestens drei Briefe erhalten, in denen er seine Familie um Drogen-Nachschub bittet. „Der Dienst ist stramm, und Ihr müsst verstehen, wenn ich späterhin Euch nur alle zwei bis vier Tage schreibe. Heute schreibe ich hauptsächlich um Pervitin ... Euer Hein", heißt es in einem der Briefe.

Dem Bostoner Psychiater Prof. Dr. Nassir Ghaemi zufolge soll der Amphetamin-Konsums Hitlers sogar verantwortlich für die Verschlimmerung einer bipolaren Störung gewesen sein. Görings Gier nach Opiaten und Speed war schon zu Lebzeiten legendär.

Allerdings war die Einzeldosis damals weitaus geringer. Eine durchschnittliche Line Crystal enthält 40-50mg Wirkstoff, eine Pervitin-Dosis zu Nazi-Zeiten hingegen nur 2,4mg Metamphetamin. Bei den Mengen, die sich Crystal-Konsumenten heutzutage geben, wäre die Wehrmacht wohl schon nach einer kurzen Zeit eine Truppe kaputter Druffis gewesen. Und ob die Helden von Bern 1954 wirklich nur Vitamine gespritzt bekamen, werden wir wohl nie erfahren.

Querfinanzierung mit Crystal-Geld?

Die Hinweise, dass Neonazis sich nicht nur hin und wieder was „Schnelles" gönnen, sondern durch den Handel mit Methamphetamin ihre Aktivitäten finanzieren, sind so eindeutig, dass die Thüringer Landtagsabgeordnete Katharina König (Linke) bereits 2012 eine Kleine Anfrage mit dem Titel „Drogenhandel in der Thüringer Neonazi-Szene" an die damalige Landesregierung stellte.

Spannend bleibt, ob die Linke in Thüringen jetzt als Regierungspartei in der Lage ist, ein wenig mehr Licht in den braunen Drogensumpf zu bringen. Seit der Anfrage wurden alleine in Thüringen und im benachbarten nördlichen Sachsen neben dem aktuellen 1,8-Kilo-Fund beim Colditzer Neonazi Uwe N. im Oktober 2014 fünf weitere Rechte beim Dealen mit Crystal im großen Stil erwischt.

Auch in Sachsen hat die Abgeordnete Kerstin Köditz (Linke) erst kürzlich darauf hingewiesen, dass sich im Freistaat die Hinweise auf eine Querfinanzierung der rechten Szene durch Crystal-Gelder häufen: „Das sind keine Einzelfälle mehr, denn es zeichnet sich eine auffällige Häufung im Freistaat ab." Auch Köditz möchte eine Kleine Anfrage bei der Landesregierung in Sachsen stellen. Vor diesem Hintergrund scheint die rechte Hetze der Thüringer NPD gegen „Vietnamesische Drogenmafiabanden" noch bigotter als zuvor, könnte man doch fast meinen, sie habe zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht nur rassistische, sondern ökonomische Beweggründe gehabt.

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