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Popkultur

In Gossip Girl ging es eigentlich um Heidegger

... Aber leider hat das niemand gemerkt.
27.1.15
Foto von JeanpiiX / Wikipedia

„Du? Du schaust Gossip Girl?" Diese ungläubige Nachfrage, gefolgt von Stirnrunzeln oder fremdschämendem Kichern: Ich hab sie mehr als einmal gehört. Und höre sie bis jetzt immer wieder, obwohl TV-Serien wie The Wire, Borgen oder Breaking Bad mehr zum Diskurs beitragen als jeder philosophische Bestseller (sofern sich „Philosophie" und „Bestseller" heute nicht sowieso ausschliessen). Angesehene Feuilletons schreiben kluge Texte über Fernsehserien und auch die Universitäten haben den früheren Schmuddelfleck in der Kreativproduktion für sich entdeckt. Und dennoch: Als erwachsener Mann, der Philosophie und Germanistik studiert hat, scheint es verfehlt, Gossip Girl zu schauen. „Man" tut das einfach nicht.

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Nun will ich natürlich nicht jeder TV-Serie kulturellen Wert beimessen, auch zwischen Buchdeckeln findet sich gewiss mehr Schund als Erleuchtung und nur weil bei The Big Bang Theory doktorierte Nerds im Zentrum stehen, macht das die Sendung noch lange nicht zu einem Kunstwerk (Aber doch zu grossartiger Comedy!). Gossip Girl war und ist kein Meilenstein der Fernsehgeschichte.

Foto von Fox 52; Wikimedia Commons; Public Domain

Gossip Girl ist aber auch mehr als hübsche Menschen, hübsche Kleider und hübsche Wohnungen. Ich behaupte: Es ist nichts weniger als die Manifestation einer fundamentalen Existenzphilosophie vom Menschen und seiner Gesellschaft. Gossip Girl ist Heidegger im Zeitalter von Smartphones, Selfies und Twitter.

Auf den ersten Blick ist dabei alles wie gehabt: Eine Gruppe (mehrheitlich stinkreicher) Teenies hadert mit dem Leben, verliebt sich ineinander, betrügt einander, spannt sich einander gegenseitig aus und hintergeht einander dabei immerzu, was in einem bunten, nimmer enden wollenden Reigen aus Lug, Betrug, Eifersucht, Verleumdungen, Machtspielchen und gebrochenen Herzen resultiert.

Quelle: Youtube

Wie bei allen Soaps enstehen alle diese Probleme eigentlich nur aus einem einzigen, trivialen Grund: Anstatt dass die Figuren miteinander reden und dabei annehmen, dass sie ehrlich zueinander sind, misstrauen sie sich gegenseitig. Das passt zu Kants kategorischem Imperativ und seiner Begründung, warum Lügen per se schlecht ist: Wenn du und alle deine Freunde nicht mehr davon ausgehen können, dass das Gegenüber die Wahrheit sagt, dann ist die Scheisse am Dampfen.

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Der kleine, feine Unterschied nun bei Gossip Girl: Während es bei Beverly Hills 90210, Gute Zeiten, Schlechte Zeiten oder O.C. California vermeintlich freie Individuen sind (Ich geh jetzt mal von einem freien Willen aus und lasse das ganze Determinismus-Schicksals-Blabla links liegen.), die sich gegenseitig das Leben schwer machen, gibt es bei Gossip Girl einen weiteren, übermächtigen Protagonisten: Gossip Girl selbst, „your one and only source of the scandalous life of Manhattans Elite".

Quelle: Youtube

Der anonyme Klatsch-Blog, der als eine Art Erzähler aus dem Off durch die Geschichte führt, kommentiert nicht nur die Geschehnisse, entscheidet nicht nur über in oder out und sorgt so für das eine oder andere Fettnäpfchen. Gossip Girl ist für die adoleszenten Hauptfiguren, die einzige Instanz, der sie sich unterordnen müssen. Eltern kann man belügen, den Uni-Professor bezirzen, das Gesetz umgehen und mit genügend Geld lassen sich die meisten Probleme sowieso aus der Welt schaffen. Gossip Girl ist hingegen unbestechlich, unangreifbar und allgegenwärtig. Gossip Girl bildet die Wahrheit nicht nur ab, sondern erschafft sie. Und da kommt Martin Heidegger endlich ins Spiel.

Laut dem deutschen Philosophen ist der Mensch (er nennt es „Dasein") immer im Werden begriffen und entwirft sich selbst, wie er sein will. Natürlich sind wir dabei nicht komplett frei, sondern unterliegen gesellschaftlichen Regeln, kulturellen Normen und einem historischen Background. Diesen Hintergrund nennt Heidegger das „man". Jeder Mensch hat diesen Hintergrund. Und jeder Mensch muss in dieser und gegen diese gesellschaftliche Ordnung sein wahres Wesen, seine Eigentlichkeit, finden.

Foto von dumbonyc; Wikimedia Commons; CC BY-SA 2.0

Auch die GG-Figuren sind dem „man" erst einmal ausgeliefert, müssen sich in und mit der gesellschaftlichen Welt zurechtfinden. Doch während sie im Verlauf der Sendung mit sich und der Gesellschaft klarkommen: Nate emanzipiert sich von seiner Familie, Blair gibt ihren Prinzessinnen-Traum auf und Dan verarbeitet seine soziale Herkunft (Mittelstand), bleibt Gossip Girl die alles beherrschende, Fäden ziehende Macht. Gossip Girl ist die Manifestation des „man". Und das „Gerede" ist eine ihrer Superkräfte.

Wenn du jetzt aber glaubst, du hättest verstanden worauf ich hinaus will, dann liegst du falsch. Wie so oft nämlich versteht Heidegger auch „Gerede" nicht im üblichen Sinne. „Gerede" ist nicht an sich schlecht. Es ist einfach das, was „man" sagt, was „man" weiss, was „man" denkt.

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Die beiden Probleme, die die Teens in Gossip Girl nun haben, sind:

1. … , dass ihr „man" nicht mehr die Gesellschaft, sondern ein moralfreier, voyeuristischer, unberechenbarer Blog ist

2. … , dass sie diesem Blog vollends ausgeliefert sind. Denn wie sagt Blair Waldorf schon in der ersten Folge so schön zu Jenny Humphrey, als diese beginnt, das gesellschaftliche Leiterchen hochzuklettern: „Wenn du zu unserer Welt gehören willst, musst du dich damit abfinden, dass über dich geredet wird."

Foto/Titelbild von JeanpiiX; Wikipedia; CC BY-SA 3.0

Vor Gossip Girl, diesem Über-„man", kann niemand entrinnen. Und zwar, weil man sich ihm unterwerfen muss, will man zum elitären Teenie-Zirkel dazugehören. Für Serena, Nate und Dan geht es nicht mehr darum, sich selber nach ihren Möglichkeiten zu entwerfen, sondern auf das „man" hin. Das Vertrackte, das unglaublich Philosophische an der ganzen Sache: Gossip Girl ist eigentlich gar keine eigene, aussenstehende Kraft, sondern entsteht selbst erst durch die Figuren, die Opfer der Sache. Erst durch ihre Instagram-Fotos, Mails und SMS existiert Gossip Girl. Denn das Einzige, was man gegen das „man" unternehmen kann, ist selber zum „man" zu werden, in dem Fall also Gossip Girl zu werden.

In diesem Sinne:

xoxo
Daniel Kissling

Helft Daniel auf Twitter seinen Platz im „man" zu finden: @kissi_dk