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Menschen gehen an einem sterbenden Mann vorbei—und ein Teil der Öffentlichkeit steht hinter ihnen

Viele sagen, dass wahrscheinlich jeder an ihm vorbeigangen wäre. Das ist vermutlich richtig, aber fatal, denn es rechtfertigt das Wegsehen.
5.1.15

Mein Bruder war schon immer ein Mensch, dem es egal war, was andere über ihn denken. Mit 12 ist er mit einer stinkenden Mütze aus Ziegenfell in die Schule gegangen, die mein Vater aus Russland mitgebracht hatte, und alle haben ihn für verrückt gehalten. Aber er fand sie super.

Mein Bruder ist auch so ein Mensch, der mit sechs Jahren zu einem Obdachlosen geht und ihm eine Scheibe Brot schenkt, die er davor aus der Küche geholt hat. Er hatte damals irgendwie Angst vor dem Obdachlosen und hat die Scheibe Brot deswegen an einen Stock gesteckt, um sie dem Mann zu geben. Es war ein unglaublich lustiger Anblick für meine Mama und mich—aber wir beide sind nicht hingegangen.

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Der Jüngste der Familie hat daran gedacht, dass der Obdachlose Hunger haben könnte und vor allem: Er hat etwas dagegen getan, wir nicht. Diese Eigenschaft besitzt mein Bruder bis heute. Wenige würden sie als „Mut" bezeichnen, aber genau das ist es meiner Meinung nach. Es gehört viel Mut dazu, in gewissen Situationen Menschen zu helfen. Weil viele von uns Angst haben, sich zu blamieren oder falsch zu reagieren.

Ich bin so ein Mensch und wenn ich einen Obdachlosen anspreche, weil ich glaube, dass es ihm nicht gut geht, dann bekomme ich Herzklopfen und werde nervös—nicht, weil ich Angst vor ihm hätte, sondern weil ich mir Gedanken darüber mache, was die Menschen um mich herum denken oder ob ich gerade einen Fehler mache.

Ich fürchte mich davor, in der Sitation falsch zu reagieren und vielleicht will er in Ruhe gelassen werden. Aber in vielen Situationen gibt kein richtig oder falsch. Wichtig ist nur, dass etwas getan wird. Es gab schon genügend Momente, in denen ich reagieren wollte, es aber nicht getan habe und es gab aber auch schon solche, in denen ich gehofft hatte, mir würde jemand helfen und es niemand getan hat. Als ich zum Beispiel in der U-Bahn stand und ein betrunkener Mann minutenlang sagte, wie man mich in Indien vergewaltigen und verbrennen würde. Die U-Bahn war voll, niemand hat mir geholfen.

Auf meinem Heimweg bin ich letzten Sommer an einem Mädchen vorbegekommen, das mit dem Longboard gestürzt war. Sie saß alleine auf dem Boden, eine Frau hatte die Rettung gerufen, war dann aber weitergegangen, 20 Minuten sei sie alleine so dagesessen, bis ich gekommen bin. Der Fahrradweg, auf dem sie gestürzt ist, ist stark befahren. Ich habe mich zu ihr auf den Boden gesetzt und sie festgehalten, bis die Rettung kam. Sie hat die ganze Zeit über gezittert und geweint, eine Fahrradfahrerin hat uns noch angeschrien, wir sollten uns „vom Fahrradweg schleichen", niemand blieb stehen und fragte, ob wir Hilfe brauchen könnten.

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Nun, da im Lift der U-Bahn-Station Volkstheater ein obdachloser Mann an einem Herzinfarkt gestoben ist, während über viele Stunden Menschen mit diesem Lift gefahren sind und ihn ignoriert haben, gab es zwei Stufen des Aufschreis:

1. Was ist mit unserer egoistischen, gestressten Gesellschaft los und welche Unmenschen fahren mit einem Lift, in dem ein Mensch stirbt und helfen nicht?

2. Regt euch nicht so auf, ihr Moralapostel hättet selbst nicht reagiert, weil wir alle schon einmal an Obdachlosen vorbeigegangen sind, ohne sie gleich anzusprechen.

Beiden Punkten kann ich voll und ganz zustimmen. Ja, es ist ein schlimmer Gedanke, dass Menschen an einem Sterbenden vorbeigehen, ohne ihm zu helfen und ja, das hätte uns allen schon einmal passieren können. Obdachlose schlafen eben auch einmal an Orten, an denen Menschen mit Wohnungen nicht schlafen.
Doch ab wann muss ich und bis wann darf ich eingreifen? Das ist nicht immer leicht zu beantworten und eindeutig ist es wahrscheinlich in den seltensten Fällen.

Aber gerade deswegen ist die Aufregung, dass uns das allen schon einmal hätte passieren können, so schlimm. Denn dieser Gedanke rechtfertigt alle Situationen, in denen wir in der Vergangenheit nichts getan haben und auch alle, in denen wir in Zukunft überlegen werden, ob wir etwas tun sollen. Wir werden uns in der nächsten Situation an den Vorfall mit dem obdachlosen Mann in Lift erinnern und kurz überlegen, ihn anzusprechen und dann werden wir uns daran erinnern, dass jeder schon einmal falsch reagiert hat, indem er nichts getan hat—und werden deswegen sicherheitshalber wieder nichts tun.

Dass wir uns nach der Masse richten, ist unsere Natur. Je mehr Menschen um jemanden herumstehen, der Hilfe braucht, desto weniger helfen ihm—weil es ja die anderen auch nicht tun. Das heißt aber nicht, dass es richtig ist. Man muss kein Held sein, um zu handeln—es reicht, kurz zu fragen oder den Notruf zu wählen. Daran müssen wir immer wieder denken, wenn wir in Situationen geraten, in denen wir einschreiten könnten und in denen wir sogar noch die Zeit haben, darüber nachzudenken, ob wir es tun sollen oder nicht. Bei einer Liftfahrt zum Beispiel.

Hanna auf Twitter: @hhumorlos


Titelbild: jamesfischer via photopin cc