FYI.

This story is over 5 years old.

Stuff

Ich bin Autist, kein emotionsloser Roboter

Warum das vorherrschende Bild von Autismus irreführend ist und die Betroffenen zu depressiven und arbeitslosen Menschen macht.
01 Dezember 2014, 7:40amUpdated on 27 März 2018, 10:36am

Wenn du fremde Menschen auf der Straße fragen würdest, was sie für einen Eindruck von Autisten haben, würdest du wahrscheinlich denselben abgedroschenen Mist hören: Autisten sind Nerds, haben ein beeindruckendes Erinnerungsvermögen, keine Gefühle, zeigen keine Empathie, haben wenige oder keine Beziehungen zu anderen Menschen und sind im Grunde genommen emotionslose Roboter.

Dieser stereotype Autist sähe ungefähr so aus wie Milhouse Van Houten und hätte die Persönlichkeit von jemandem zwischen Dustin Hoffman in Rain Man und Benedict Cumberbatch in Sherlock.

Das ist die vorherrschende Meinung über Autismus und Autisten. Und sie ist ein Haufen Mist.

Autismus ist eine Störung, keine Krankheit. Der Autismus an sich ist keine psychische Erkrankung oder Behinderung. Autisten sind bloß nicht in der Lage, Emotionen und nonverbale Kommunikation zu verstehen. Während die meisten Menschen ihre Stimmung über ihr Benehmen, ihre Stimmlage und ihre Mimik ausdrücken können, hat ein Autist Schwierigkeiten damit, diesen Ausdruck zu deuten, besonders im Kindesalter. Autismus ist ​Gefühlsblindheit und das macht es schwer, Beziehungen einzugehen und dieselbe Wellenlänge mit andere Menschen zu finden.

Ich selbst leide am ​Asperger-Syndrom. Auf dem Autismus-Spektrum, welches bei ​neurotypisch anfängt und bei ausgewachsenem Autismus aufhört, liegt das Asperger-Syndrom näher am Autismus dran. Autismus light sozusagen.

Wenn es um Emotionen geht—und ich kann das nicht genug betonen—dann ist es ein Märchen, dass autistische Menschen nichts fühlen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Um Carol Povey, die Leiterin des Autismuszentrums der britischen ​National Autistic Society zu zitieren: „Autisten empfinden Emotionen häufig intensiver als Gleichaltrige, weil sie Geräuschen, Berührungen, Geschmackseindrücken, Gerüchen, Licht und Farben gegenüber überempfindlich oder nicht empfindlich genug sind." Wir sind also nicht emotionslos, das Befremden wird davon ausgelöst, dass wir Schwierigkeiten damit haben, diese Gefühle auszudrücken oder interpretieren.

Viele Unwahrheiten lassen sich damit erklären, dass Autisten Gefühle nicht ausdrücken können. ​Sarah Hendrickx , Autorin und Autismus-Referentin, beschreibt ziemlich passend: „Ich glaube, ein großer Teil dieses Irrtums besteht darin, dass wir manchmal kaum Mimik zeigen oder nur wenig lächeln. Deshalb nehmen die Menschen an, dass wir auch innerlich unbewegt sind." Eindrücke können in diesem Fall wirklich täuschen.

Ein Beispiel: Du lächelst vielleicht eine autistische Person an und sie lächelt nicht zurück. Wieso nicht, fragst du? Das liegt nicht daran, dass wir dich nicht mögen oder dass wir nichts fühlen und auch nicht daran, dass du schlechten Atem hast. Das liegt daran, dass wir die Botschaft, die durch das Lächeln vermittelt wird, nicht verstehen. Wir verstehen nicht, dass wir jetzt nett zu dir sein sollen.

Ich habe andere, persönliche Beispiele für diese Verhalten. In der Grundschule habe ich einmal einen Freund zum Weinen gebracht, weil ich gesagt habe, dass sein Bild „Mist" sei. Ich habe nicht verstanden, warum ihn das traurig gemacht hat. Ein anderes Mal habe ich meinem Vater nichts zum Vatertag gekauft, weil ich dachte, dass ihm das nicht wichtig sei. Nun, es war ihm aber wichtig und er war am Boden zerstört, weil ich ihm noch nicht einmal eine Karte geschenkt hatte.

Tagtäglich führe ich holprige Gespräche, mache mir Sorgen darüber, ob ich andere Menschen vor den Kopf gestoßen haben könnte, bin verwirrt, wenn andere ihre Aussagen nicht präzisieren, stolpere auf der Straße fast über andere Leute, weil ich nicht einschätzen kann, ob sie links oder rechts an mir vorbeigehen wollen, und leide an anhaltender Erschöpfung, weil ich unglaublich viel geistige Kraft dafür aufwenden muss, um das alles zu verstehen. Für mich sind all diese Dinge ein fester Bestandteil vom Asperger-Syndrom.

Diese Probleme beeinträchtigen Millionen Menschen weltweit, die an Autismus leiden. Wenn du dich anstrengen musst, um ein normales Gespräch zu führen oder Beziehungen zu anderen aufzubauen, wenn du wegen deiner Spleens und deiner merkwürdigen Angewohnheiten von denen verspottet und lächerlich gemacht wirst, die es einfach nicht besser wissen, dann holt dich das irgendwann ein.

Häufig halten dich die Leute für unhöflich. Um es mit Hendrickx Worten zu sagen: „Wenn du eine halbwegs intelligente Person mit Autismus bist und in ein Fettnäpfen trittst, gehen alle davon aus, dass du ja intelligent genug sein musst, um zu wissen, dass du in ein Fettnäpfchen getreten bist und somit davon auszugehen ist, dass du es mit Absicht gemacht hast." Meiner eigenen Erfahrung nach könnte nichts weniger der Wahrheit entsprechen.

Es bedeutet auch, dass wir vielleicht gar nicht wissen, dass wir an Autismus leiden, was lähmend sein kann. Hunderttausende Menschen werden erst im Erwachsenenalter diagnostiziert, wenn sie überhaupt eine Diagnose gestellt bekommen. Autismus ist nämlich unsichtbar und macht es uns schwer, unseren Freunden, unserer Familie und unseren Ärzten gegenüber auszudrücken, wie wir uns fühlen.

Wenn wir nicht wissen, weshalb wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten, wo doch unser Verhalten so sehr von dem Verhalten der anderen abweicht, kann das verheerend für unsere geistige Gesundheit sein und führt oft zu Traurigkeit, Einsamkeit, Apathie und Depressionen.

Die Statistiken sind vernichtend. Laut Povey „haben erschreckende 63 Prozent der 2012 befragten Kinder und Jugendlichen angegeben, dass sie in der Schule schon einmal gemobbt wurden." Laut Statistiken der ​National Autistic Society wurde eines von fünf autistischen Kindern in der Schule ausgeschlossen. Nur 15 Prozent der autistischen Erwachsenen arbeiten in Vollzeit und 51 Prozent der autistischen Erwachsenen bekommen weder eine Vollzeitstelle noch staatliche Unterstützung.

Einer anderen Studie zufolge, die in der Psychiatrie-Fachzeitschrift ​The Lancet) veröffentlicht wurde, haben 31 Prozent der Befragten mit Asperger-Syndrom angegeben, dass sie an Depressionen leiden, und erstaunliche 66 Prozent haben ausgesagt, dass sie schon einmal daran gedacht haben, sich umzubringen. Tony Attwood, der führende Experte zum Thema Asperger, schreibt in seinem ​Handbuch zum Asperger-Syndrom, dass ein Drittel der Betroffenen an Depressionen leidet, was mit den oben genannten Zahlen übereinstimmt.

Diese Zahlen veranschaulichen, wie einfach es ist, nihilistisch und depressiv zu werden. Das ist verständlich. Wenn du so lange Zeit kämpfen musst, arbeitslos, pleite, von Sozialleistungen oder deinen Eltern abhängig bist, um ein Dach über dem Kopf und etwas Geld in der Tasche zu haben, wenn du zu arm bist, um Spaß zu haben, und niemanden an deiner Seite hast, mit dem du deine Erfahrungen teilen könntest, dann entsteht ein Teufelskreis. Du gibst irgendwann auf. Eine lähmende Apathie ergreift dich.

Ich spreche aus Erfahrung. Ich glaube nicht, dass ich je an Depressionen gelitten habe, aber ich habe mich häufig genug leblos gefühlt und an nicht enden wollenden Angstzuständen gelitten. Noch Monate, nachdem ich meine erste Vollzeitstelle angetreten hatte, war ich in einem schlimmen Zustand: Ich war andauernd nervös, besorgt und nicht in der Lage, Spaß zu haben. Meine äußere Erscheinung und Körperhygiene gingen den Bach runter. Ich duschte nur zwei- oder dreimal die Woche und zog einen riesigen Fleecepullover zur Arbeit an, der sowohl mit Katzenhaaren als auch mit meinen eigenen ungepflegten Haaren übersät war.

Weihnachten 2012 war ein Tiefpunkt. Ich hatte schon zwei Wochen lang Angstzustände, die dann kurz vor Weihnachten in einer Panikattacke kulminierten. Das war die schlimmste Panikattacke, die ich je hatte. Das erste Mal überhaupt hatte ich Angst, dass ich den Verstand verlieren würde. „Aufhören" wiederholte ich immer und immer wieder in meinem Kopf. Irgendwann hörte es auf.

Allerdings fühlte ich mich erst am zweiten Weihnachtstag wieder halbwegs zurechnungsfähig. Meine Gemütszustand wurde dadurch verschlimmert, dass es Weihnachten war und ich vor meiner Familie die Fassade des glücklichen Sohnes aufrechterhalten musste. Der ​anonyme E-Mail-Service der National Autistic Society hat mir sehr geholfen. Ich konnte meinen Geisteszustand beschreiben und bekam gute Ratschläge und sehr viel Wärme zurück.

Ich schreibe das alles eher Angstzuständen als Depressionen zu, da ich sogar an meinen Tiefpunkten noch positive Gedanken hatte. Ich war immer überzeugt davon, dass ich aus diesem Chaos herauskommen würde. Glücklicherweise bin ich das auch. Aber ohne die Liebe und Unterstützung meiner Familie hätte ich vielleicht einfach aufgegeben. Es passiert anderen oft genug und ich habe wirklich Glück, dass es mir bis jetzt nicht so ergangen ist.

Wenn wir zukünftigen Generationen dabei helfen wollen, die Probleme zu lösen, braucht es in der Gesellschaft mehr Wissen über und mehr Verständnis für Autismus, damit autistische Menschen die Hilfe bekommen können, die sie brauchen. Povey: „Wir müssen in jedem Bereich der Gesellschaft vom Gesundheitswesen über das Sozialwesen bis hin zu Kultur und Medien mehr Verständnis für diese Störung wecken."

Irrige Vorstellungen rühren häufig daher, dass die Menschen falsche Darstellungen in Film und Fernsehen sehen. Rain Man zum Beispiel ist der wohl bekannteste Film zum Thema Autismus, der je gedreht wurde, und doch stellt er Autismus ungefähr so korrekt dar wie Braveheart ​die Geschichte Schottlands). Gezeigt wird das ​Savant-Syndrom und nicht Autismus, was ein großer Unterschied ist. Nur etwa 50 Prozent der Savants sind Autisten und laut Povey haben auch nur zwei von 200 Personen mit Autismus außergewöhnliche Fähigkeiten.

Eines der größten Probleme ist die Tatsache, dass Film und Fernsehen sich laut Hendrickx „immer die kondensierte, konzentrierte Version aussuchen werden, weil das viel interessanter ist als jemanden zu zeigen, der nicht so viele offensichtliche Eigenarten hat". Vielleicht will man einfach sehr plakativ zeigen, dass jemand Autist ist. Man verzichtet auf eine subtile, differenzierte Darstellung und das führt dann zu einem falschen Bild.

Glücklicherweise gibt es in der Popkultur auch korrekte Darstellungen von Autismus, Abed in Community zum Beispiel. Auch Saga Noren in The Bridge ist ein gutes Beispiel. Das ist eine tolle Figur, die auch korrekt dargestellt wird und außerdem weiblich ist. Autistische Frauen sind nämlich sowohl auf der Leinwand als auch im richtigen Leben unterrepräsentiert. Im Allgemeinen werden Fortschritte eher im Fernsehen gemacht, was aber durchaus vielversprechend für die Kinoleinwand und für autistische Zuschauer sein kann.

Die Medien müssen Autisten einfach mehr Hoffnung schenken. Diese Störung kann lähmend sein, sie kann aber auch genauso gut zu beeindruckenden menschlichen Leistungen beitragen. Autistische Menschen sind talentiert, begabt, mit einer beeindruckenden Konzentrationsfähigkeit und einem hervorragenden Gedächtnis für Fakten, Zahlen, Diagramme und andere nützliche Dinge gesegnet.

Albert Einstein, Alan Turing und Isaac Newton litten vermutlich alle an verschiedenen Formen von Autismus: drei der wichtigsten Wissenschaftler und Pioniere, die die Welt je gesehen hat.

Autistische Menschen haben einen überdurchschnittlich hohen IQ und sind im akademischen Bereich normalerweise sehr erfolgreich. Wenn sie da Hilfe, Unterstützung, Liebe, Zuneigung und das notwendige Verständnis erhalten, werden Autisten keinem Leben voller Traurigkeit entgegensehen müssen, die irgendwann in Depressionen und Selbstmordgedanken mündet. Wir sind in der Lage, Beziehungen einzugehen, ein glückliches Leben zu führen und einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten.

Autistische Menschen benötigen bloß etwas Verständnis. Wir sind keine emotionslosen Roboter. Wir sind menschliche Wesen.

Anzeige