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Wie plumpe „Moralvideos“ das Internet übernommen haben

Zynisch, inszeniert und Hauptsache, es geht viral—bei diesem Trend wünscht man sich beinahe Flash-Mobs zurück.

von Lucy Hancock
24 November 2014, 6:59am

Dieses Mädchen aus dem ‚Fat Girl Tinder Date'-Video trägt offensichtlich einen Fatsuit. Screenshot: ​Youtube

Kaum ist die Angst abgeklungen, beim Warten auf den Zug unbeabsichtigt Teil einer ​T-Mobile-Flashmo​b-Werbung zu werden, schon ist ein neuer, anklagender „Viral Video"-Trend am Start. Dieses Mal hat das Ganze allerdings weniger mit Tanzen zu tun, sondern erinnert mehr an „Wieso fühlt es sich an, als hätte jemand mein Herz im Schlaf mit einem Stück Kot ausgetauscht?" Wenn es darum geht, die Fehler unserer Gesellschaft aufzuzeigen, dann sind YouTuber derzeit sehr damit beschäftigt, auch mal ihre ernste Seite zum Vorschein zu bringen—vor allem dann, wenn für sie im Falle der Verbreitung ihrer plumpen Moralvideos ein Haufen Werbekohle drin ist.

Zur Zeit ist Frauenfeindlichkeit vollkommen zu Recht ein aktuelles Thema. Das ​„10 Hours of Walking in NYC as a Woman"-Video wurde über 36 Millionen Mal angeklickt und zog ein überwältigendes Medienecho nach sich. Wenig überraschend sorgte die kollektive Empörung des Internets dafür, dass das gleiche Video immer und immer wieder nachgemacht wurde.

Zu den Nachmachern gehört auch Stephen Zhang, der Schöpfer eines Videos namens „Drunk Girl In Public". Dabei ist zu sehen, wie drei Männer versuchen, eine scheinbar betrunkene Frau mit nach Hause zu nehmen. Das Ganze kommt dabei wie ein Experiment mit versteckter Kamera rüber. Zhang soll vom oben genannten „10 Hours"-Video inspiriert worden sein und man sieht auch sofort, wieso: Wenn die Leute eine Sache mehr hassen als Gehsteig-Sexisten, dann ist es eine mögliche Vergewaltigung. Auch im Internet sind Vergewaltiger verständlicherweise nicht sehr beliebt.

Natürlich wurde das Video schnell als Fake entlarvt. Es stellte sich heraus, dass die im Video gezeigten Typen von Zheng und seinem Co-Produzenten Seth Leach durch einen Trick zum Spielen eines enthusiastischen Möchtegern-Vergewaltigers überredet wurden. Sie waren danach ziemlich wütend. Trotz der Tatsache, dass das Ganze eher wie eine komische Theaterimprovisation daherkommt, wurde es über 7 Millionen Mal angesehen. Geblendet von seinem Erfolg richtete sich Leach auf Facebook mit einer frechen Nachricht an seine Darsteller und meinte, dass sie „es einfach hinnehmen" sollten. Außerdem fügte er hinzu, dass man sich um sie ​„kümmern" werde. Mit „es" meint er anscheinend diese ganze „Für immer als Vergewaltiger abgestempelt werden"-Sache.

Ein Video mit dem subtilen Namen „Fat Girl Tinder Date" versucht sich ebenfalls darin, patriarchalische Steine umzudrehen und Männer als die sexistischen Asseln darzustellen, die sie eigentlich sind. In einer Art Mashup aus Schwer verliebt und Verstehen Sie Spaß? erstellt eine schlanke und bildhübsche Frau zusammen mit den klischeehaften Produzenten ein Tinder-Profil, verabredet sich zu einigen Dates und—ACHTUNG SPOILER!—taucht dann in einem Fatsuit auf.

Anschließend werden die Männer von ihr regelrecht dazu gezwungen, in ihr groteskes Gesicht zu blicken, während sie um Komplimente bettelt oder verfängliche Fragen a la „Das Aussehen ist doch egal, oder?" stellt. Die meisten Typen erfinden dann irgendeine Ausrede und verpissen sich, weil sie entweder nicht fragen wollen, warum ihr Date offensichtlich einen Fatsuit trägt, oder weil sie wegen der dreisten Lüge bezüglich des Aussehens (eigentlich ziemlich zu Recht) verärgert sind.

Am Ende offenbart die hübsche Frau, dass sie eigentlich gar nicht dick und hässlich ist. Der einzige Typ, der geblieben ist, wird (Gott sei Dank!) darüber informiert, dass hinter der Maske ein Undercover-Babe in einer total atemberaubenden Darbietung von Selbstgefälligkeit steckt. OMG, Typen sind doch so richtig oberflächliche Arschlöcher, oder?

Ein weiteres Beispiel für die Videos von „Gesellschaftsexperimenten", vor denen du dich derzeit kaum retten kannst, ist „Abused in the elevator" aus Schweden mit 3,7 Millionen YouTube-Klicks. Die Bande von Spaßvögeln, die für das Video verantwortlich ist, nennt sich STLHM Panda. ​Laut eige​ner Aussage gehört es sonst zu ihrem verrückten Repertoire, „gesellschaftliche Experimente durchzuführen, Leuten Streiche zu spielen und die Gesellschaft zu dokumentieren, in der wir leben."

Letzte Woche ging STLHM Panda auf die Jagd nach neuen Klicks und machte mal etwas anderes, als sich unangenehm nah neben anderen Leuten ​zu s​onnen oder in Halloween-Kostümen ​um​herzuziehen. Bei ihrem neuen Videoprojekt können wir dabei zusehen, wie zwei Männer in einem Aufzug ihre Freundinnen anschreien und anpacken—alles unterlegt mit dramatischer Klavierbegleitung. Die Tatsache, dass nur einer von 53 Augenzeugen dazwischen geht, ist tatsächlich ziemlich erschreckend.

Die öffentliche Begeisterung für solche Experimente scheint vor allem mit einer Art lebensbejahenden moralischen Abscheu zusammenzuhängen. Diese Abscheu bezeichnet der Internet-Psychologe Graham Jones als „ein Mittel, um zu sehen, ob man selbst ‚vernünftig' ist und ob man sich genauso oder anders verhalten würde." Psychologen glauben, dass wir uns hier durch zwei Dinge innerlich irgendwie besser fühlen: zum einen unsere eigene Fassungslosigkeit beim Anschauen der Videos, und zum anderen unsere Vorstellung davon, wie wir in einer solchen Situation natürlich sofort eingreifen würden—jetzt das Ganze aber eben nur angewidert mit Pizza im Bett anschauen können.

Wo wir gerade von Pizza sprechen: Die italienische Spezialität war auch der Aufhänger eines weiteren dubiosen „Experiments", mit dem die Boshaftigkeit der Menschheit aufgezeigt und die Klicks in Scharen erzeugt werden sollten. In ihrem ​„Asking Strangers for​ Food"-Video (23 Millionen Aufrufe) sind die Macher hinter OCKTV—zwei offen daherkommende Typen mit ausgefallenen Gürtelschnallen—in New York unterwegs und fragen pizzaessende Passanten, ob sie etwas davon haben können. Dann geben sie einem Obdachlosen eine ganze Pizza, stellen ihm die gleiche Frage wie den Leuten zuvor und bekommen von ihm ein Stück. „This video will change the way you think!" verspricht die Beschreibung. Das Ganze ist wirklich eine Darstellung von spontaner Menschlichkeit, die nur noch durch die fett mit Eigenwerbung bedruckten T-Shirts verbessert wird, die die Jungs von OCKTV die ganze Zeit tragen.

Der klinische Psychologe Tom Baker gibt zu, dass diese makabere Fortsetzung von Punk'd „etwas problematisch" ist. Um unseren Platz in der Gesellschaft zu finden, neigen wir laut ihm dazu, uns mit anderen Menschen zu vergleichen. „Solche ,Vergleichsgruppen' helfen uns bei der Entscheidung, wie wir uns fühlen und verhalten sollen." Unsere Freude über die moralische Schwäche anderer Menschen „kommt im echten Leben oft nur gemäßigt zum Ausdruck, weil wir wissen, dass es falsch ist, wenn einem die Schwierigkeiten Anderer Vergnügen bereiten. Vielleicht lässt das Ansehen von diesen YouTube-Videos solche Hemmungen verschwinden."

Diese relativ neue Welle von „Morality Virals" ist durch die von vorneherein feststehenden, zynischen Schlussfolgerungen zu einem eigenständigen Genre geworden. Wenn sich die Filmemacher einen unbestreitbaren Aspekt der moralischen Empörung und dem darauffolgenden Gefühl der Überlegenheit zu Nutze machen, dann ist das die Leichtigkeit, mit der man unser Wesen manipulieren kann. Das ist wohl der traurigste Teil dieser ganzen Angelegenheit. Selbst wenn du froh darüber bist, dich durch die ganzen 100 Prozent authentischen Arschlöcher da draußen besser zu fühlen, dann kannst du trotzdem nicht verneinen, dass es doch ziemlich erschreckend ist, wenn ein paar Nerds ein Video mit Möchtegern-Vergewaltigern drehen, nur um auf YouTube ordentlich Kohle zu scheffeln.

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber: Wenn Flashmobs nur nicht mehr in sind, um dem hier Platz zu machen, dann sollen sie um Himmels willen wieder zurückkommen. Dafür bringe ich auch gerne ein paar Opfer und lerne zum Beispiel „All You Need Is Love" auf der Trompete. Wenn Flashmobs uns auf ihre Brechreiz hervorrufende und von Unternehmen gesponserte Art und Weise daran erinnern wollen, dass viele Menschen durch ihre Liebe zu Gospel-Chören vereint sind, dann sind diese grauenvollen Gesellschaftsexperimente die Anti-Flashmobs: Sie wollen uns zeigen, dass Menschen durch ihre Neigung zu egoistischem Arschloch-Verhalten ebenfalls vereint werden können.

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