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Ich heiße Megan und ich bin Alkoholikerin

Wenn du ein richtiges Alkoholproblem hast, bleiben dir irgendwann nur noch zwei Optionen: aufhören oder sterben.

von Megan Koester
26 Januar 2016, 5:00am

Foto: James Cridland | Flickr | CC BY 2.0

Es war mitten am Nachmittag an einem Wochentag und ich lag in Embryonalstellung in meinem Bett. Im Wohnzimmer lief die Klimaanlage. Ich konnte ihr Summen hören, spürte aber nichts von ihrer kühlenden Wirkung. Ich hatte gerade meinem damaligen Freund gesagt, dass ich keine großartige Lust hatte, am Leben zu bleiben.

„Ich liebe dich so sehr", sagte er, nachdem er eine lange Reihe Fragen gestellt hatte. „Ich trinke mich zu Tode, weil ich ein Feigling bin", antwortete ich und umging damit die Intensität seiner Gefühle, während ich an die Decke blickte, um nicht den Ausdruck tiefer Sorge sehen zu müssen, der damit einherging.

Und so ging es weiter—Tage, Wochen, Monate. Ich hielt Alkohol für die Lösung meiner endlosen Liste von Problemen, doch in Wirklichkeit machte er nur alles schlimmer. Ich trank täglich bis zum Filmriss, aber ich sagte mir selbst, es sei in Ordnung, denn ich hatte eine Ausrede. Sogar einen ganzen Haufen Ausreden. Alkohol war das einzige, das das ununterbrochene, beängstigende Stimmengewirr in meinem Inneren zum Schweigen brachte. Ich hegte einen Groll gegen meine abwesenden Eltern. Die Karrieren meiner Freunde schienen alle so viel besser zu laufen als meine. Und so weiter und so fort.

Alkohol hatte schon lange seine hypnotische Wirkung verloren—ich spürte ihn eigentlich schon gar nicht mehr. Trinken war einfach nur etwas, das ich tat. Die wenigsten Dinge bereiten mir tatsächliche Freude, aber es sind Dinge, die ich tun muss. Macht es mir Spaß, meine Toilette alle vier Monate zu putzen? Nein. Tue ich es? Ja. Macht mir Smalltalk auf Partys Spaß? Nein. Tue ich es? Ja. Machte mir trinken Spaß? Nein. Tat ich es? Ja.

Ich tat nicht einmal so, als würde ich wie ein normaler zivilisierter Mensch trinken, denn ich wusste, dass dem nicht so war. Der größte Aufwand, den ich in eine Fassade des zivilisierten Lebens investierte, war, dass ich mein Gift in ein Glas schüttete. Und damit meine ich ein winziges Shot-Glas, das ich dann für den Rest der Nacht immer und immer wieder auffüllte, ohne darauf zu achten, wie viel ich trank. Es war mir auch egal. Ich machte einfach weiter, bis die warme Dunkelheit der Nacht mich umgab. Nach dem Aufwachen zählte ich sofort die Minuten, bis es akzeptabel sein würde, den Kreislauf von vorn zu beginnen.

Ich plante meine Tage ums Trinken herum. Zum Beispiel ging ich immer zu Fuß, wenn ich wusste, dass ich mich abschießen würde. Tja, nur war es so, dass ich mich überall abschoss. Wenn es dunkel draußen war, war ich unterwegs zum Abschießen. Wenn es dabei war, dunkel zu werden, dann war ich dabei, mich auf den Weg zum Abschießen zu machen. Ich hielt mich allerdings für keinen so schlimmen Fall, immerhin trank ich nicht morgens. Rückblickend weiß ich gar nicht, wieso nicht. Es war ja nicht so, als wäre ich tagsüber damit beschäftigt gewesen, etwas zu erreichen. Ich lag einfach da und wartete auf den Einbruch der Dunkelheit, damit ich wieder trinken konnte.

Foto: Jon Jordan | Flickr | CC BY 2.0

Vor Jahren habe ich schon einmal mit wenig Erfolg versucht, mit dem Trinken aufzuhören. Ich habe sogar einen abgedroschenen Artikel dazu geschrieben, in dem ich mir selbst dafür auf die Schulter klopfe. Ich bekam viele Antworten darauf und beantwortete jede einzelne. Manche Leute wünschten mir Glück; ich dankte ihnen und wünschte ihnen dasselbe. Manchmal brauchten sie auch selbst Glück, Liebe oder Unterstützung, und die gab ich ihnen. Oft trank ich, während ich diese Antworten schrieb, denn ich war wieder rückfällig geworden, kaum dass ich aufgehört hatte. Ich fühlte mich wie eine Hochstaplerin. Welchen Sinn hatte es, meine „Wahrheit" ungeschönt offenzulegen, wenn ich letztendlich log? Durch das Gefühl, eine Betrügerin zu sein, fühlte ich mich noch einsamer.

Und was hat sich seit dem letzten „Aufhören" geändert? Nun, inzwischen untersuche ich tatsächlich, warum ich überhaupt mit dem Trinken angefangen habe, und versuche, mit diesen Dingen klarzukommen, anstatt einfach wie zuvor zu versuchen, den Alkohol zu ignorieren. Wenn du nicht rausfindest, was dich zum Trinken gebracht hat, dann wirst du über dein Trockenwerden nur mit Verachtung nachdenken können, und dann wirst du wieder mit dem Trinken anfangen wollen.

Ich habe versagt, weil ich es gar nicht richtig versucht habe. Weil ich mich selbst nicht für würdig hielt, Freiheit von meiner Sucht zu erlangen.

Die Tatsache, dass wohlmeinende Freunde meine beschissen schlechte Ausrede fürs erneute Eintauchen in den Fusel—Angstgefühle—annahmen, machte es für mich sehr einfach, rückfällig zu werden, ohne die tiefliegenden Gründe für meine Sucht zu untersuchen.

Außerdem wollte ich nicht die erste unter meinen Freunden sein, die sich geschlagen gab und aus dem Spiel ausschied. Natürlich habe ich dabei nicht bedacht, dass ich ein Problem hatte, das Gelegenheitstrinker einfach nicht haben.

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Wenn ich dicht war, entwickelte ich oft eine Fixierung auf nichtexistente Kränkungen. Ich genoss es, über meine Unsicherheiten nachzugrübeln und sie auf alles zu projizieren. Ich erlebte das Melodrama meines Lebens immer und immer wieder und war dabei gnadenlos grausam zu mir selbst.

Mein Verhalten schickte meinen Freund auf Distanz. Schließlich machte er Schluss, denn er hatte meine Scheiße verständlicherweise satt. Ich hatte ihn einiges durchmachen lassen und er hatte bis dato eine engelsgleiche Geduld an den Tag gelegt. Wenn er noch weitergemacht hätte, wäre ich davon überzeugt gewesen, das wiedergekehrte Christuskind vor mir zu haben. Aber das tat er nicht, und warum auch? Ich wollte es ja nicht einmal. Ich hielt mich selbst für einen hoffnungslosen Fall. Ich lag auf meiner Couch, starrte irgendwohin, weinte und grübelte über meine Existenz nach, während ich hilflos versuchte, meine zitternden Hände stillzuhalten.

Jeder Abend endete im Vollrausch und ich wachte jeden Morgen in einem geistigen Nebel auf. Ich hatte aufgehört, meine SMS vom Vorabend überhaupt zu lesen, weil ich zu viel Angst davor hatte, was ich dann vielleicht sehen würde. Es sollte illegal sein, im Rauschzustand ein Telefon bei sich zu haben.

Foto: James Cridland | Flickr | CC BY 2.0

Wenn ich um zwei Uhr nachts jemals noch bei Bewusstsein war, ereilte mich immer eine gewisse Panik. Wo bekam ich jetzt noch was her? Die Läden würden gleich schließen und ich war viel zu dicht, um zu fahren. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht einmal die nächsten 30 Minuten Bewusstsein ertragen würde, wenn ich nicht mehr trank, und das, nachdem ich schon mehr getrunken hatte, als ich mir überhaupt merken konnte. In diesen Augenblicken erlebte ich wahre Machtlosigkeit. Ich war eine Sklavin meiner Krankheit.

Es war auch nicht so, als hätte ich einfach mal eine Zeit lang die Sau rausgelassen, denn das hier war mein Alltag. Wenn man die Sau rauslässt, dann kommt sie auch irgendwann wieder rein. Aber wenn etwas jeden Tag passiert, dann gibt es kein Ende. Irgendwann hast du nur noch zwei Optionen, nämlich aufhören oder sterben.

Warum habe ich aufgehört? Ich weiß es nicht. Eines Nachts kam der Gedanke einfach über mich, als ich kurz vor der Bewusstlosigkeit stand: Vielleicht—nein, Hirn, du hörst mir jetzt zu—, vielleicht musste ich ja doch nicht länger so leben. Verrückt, oder?

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Ich musste zugeben, dass ich das hier nicht alleine schaffen würde. Ich musste tatsächlich mit Menschen reden, und zwar mit Menschen, die dasselbe durchgemacht und überstanden hatten. Die Sache, die mich vorher davon abgehalten hatte, guten Rat anzunehmen, war mein dummer, kranker Stolz gewesen. Diesen Stolz abzubauen und zu verstehen, dass ich eben nicht die totale Kontrolle hatte, würde schwierig sein, doch es war notwendig. Wer mit dem Trinken aufhören will, muss seine gesamtes Ego auseinandernehmen—und davon hatte ich offenbar zu viel.

In einem Moment der betrunkenen Verzweiflung schrieb ich einem trockenen Freund, dass mein Leben nicht länger erträglich sei, bevor ich in die Bewusstlosigkeit abglitt. Als ich morgens aufwachte und noch völlig groggy seine Antwort las, wusste ich, dass die Zeit gekommen war.

Er nahm mich mit zu einem Treffen gleichgesinnter Schnapsdrosseln, die die Sucht besiegt hatten. Ich hörte einem Mann zu. Er hatte keine traurige Geschichte, er war als Kind nicht missbraucht worden, doch er war mit Depressionen in der Mittelschicht aufgewachsen. Und das Einzige, das das Leben in seinen Augen erträglich machte, war der Rausch. Es war, als würde er direkt zu mir sprechen.

Die Leute um mich herum verhielten sich normal und sahen normal aus. Sie sahen aus wie ich. Eigentlich sahen sie sogar besser aus als ich. Sie waren besser gekleidet, sauberer und wirkten so, als hätten sie mehr Geld zur Verfügung. Und sie gaben alle zu, dass sie gegenüber Alkohol machtlos waren.

Umgeben von Menschen, die alle ungefähr mit denselben Dingen zu kämpfen hatten wie ich, fühlte ich mich plötzlich nicht länger völlig allein mit meinem Problem. Das bildete einen starken Kontrast zu den Monaten und Jahren, die diesem Augenblick vorangegangen waren: Ich trank, weil ich mich einsam fühlte, selbst wenn ich in Gesellschaft war. Ich fühlte mich ganz und gar allein in einem gottlosen Universum. Heute bin ich mir zwar auch nicht sicher, ob Gott existiert, aber ich weiß, dass ich nicht alleine bin. Und aufgrund dieser einfachen kleinen Tatsache will ich nicht länger sterben. Das fühlt sich für mich so fremd an wie ein Todeswunsch für eine ganz normale Person. Aber zum ersten Mal seit vielen Jahren weiß ich, dass dieses Gefühl ein echtes ist.

Wenn du ebenfalls ein Problem mit Alkoholsucht hast, findest du bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen oder bei Keine Macht den Drogen Adressen, wo dir geholfen wird.



Thumbnail-Foto: Daniel Zimmer | Flickr | CC BY-SA 2.0

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