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Popkultur

Serdar Somuncu erzählt uns von seinem nicht gezeigten TV-Auftritt und erklärt, warum Schweizer „aufrichtige Nazis" sind

Wir haben mit Serdar Somuncu darüber gesprochen, warum er glaubt, vom Schweizer Fernsehen zensiert zu werden.

von Daniel Kissling
06 Januar 2016, 8:15am

Die Provokation ist das Handwerk des Satirikers und Serdar Somuncu, der von seinen Fans ehrfürchtig „Hassias" genannt wird, zelebriert dieses Handwerk voller Genuss. Spätestens seit seiner umjubelten Lesungen aus Hitlers Mein Kampf—die er von Neonazis bedroht zum Teil mit schusssicherer Weste bestritt—wird er dabei nicht nur von Internet-Trollen gefeiert.

Seine Bücher mit Titeln wie Hasstament oder Der Adolf in mir gehen massenweise über die Ladentheke und nicht wenige seiner Auftritte sind ausverkauft. Ja, Somuncus gepflegte Wutausbrüche und Hasstiraden führten ihn Ende letzten Jahres sogar zum Schweizer Arosa Humor Festival—eine Veranstaltung, die nicht gerade für ein skandalträchtiges Programm bekannt ist.

Der Skandal kam dann auch nicht beim Festival selber, sondern im Nachgang. Auf Facebook echauffierte sich Somuncu darüber, dass sein eigens für die SRF-Sendung Arosa 2015 Sélection bestrittener Auftritt dann doch nicht ausgestahlt wurde, beziehungsweise wird (Teil 1 lief am letzten Sonntag, Teil 2 kommt am nächsten). Oder um es mit Somuncus keine Relativierungen zulassender Direktheit zu sagen: Das Schweizer Fernsehen hat ihn zensiert, weil er sich „mit den nationalistischen Auswüchsen der eidgenössischen Tagespolitik befasst habe".

Mittlerweile haben die Medien den Vorfall aufgenommen, nachdem Somuncu auf unzähliges Nachfragen hin in einem zweiten Post einen kurzen Abriss des Inhalts seines Auftritts geliefert hatte. Kurz davor hatten wir Serdar Somuncu jedoch am Telefon erwischt, um mit ihm über den Vorfall zu sprechen.

VICE: Hallo Serdar. Schaut man sich dein Facebook-Profil an, scheinst du dich ziemlich darüber aufzuregen, dass das Schweizer Fernsehen deinen Auftritt aus dem Programm genommen hat.
Serdar Somuncu: Natürlich rege ich mich darüber auf. Es handelt sich hier schließlich um Zensur.

Laut deinem Post gibt das SRF die beschränkte Sendezeit als Grund für den Wegfall deines Auftritts an. Warum glaubst du das nicht?
Weil das Ganze in Absprache mit dem Veranstalter stattgefunden hat. Ich hab in Arosa einerseits mein normales Programm gespielt und dazu noch einen kurzen Auftritt für die TV-Sendung Sélection, der dann im Schweizer Fernsehen hätte ausgestrahlt werden sollen. Die zeitliche Vorgabe war 5 Minuten. Mein Auftritt dauerte 4:48.

Was hast du denn auf der Bühne gesagt? Gibt es einen Mitschnitt oder ein Skript?
Mein Auftritt war improvisiert. Das hab ich nicht aufgeschrieben. Natürlich hat das Schweizer Fernsehen Aufnahmen, gefilmt haben die schon, aber das Material ist, soweit ich weiß, bei denen.


Inzwischen hat die Facebook-Seite Arosa schneesicher.ch den Mitschnitt des Auftritts geteilt und zwar hier.

Kannst du uns in etwa sagen, was du gesagt hast?
Dass ich mich freue, in der Schweiz zu sein, weil mir die Deutschen zu weich geworden sind. Die sind dort jetzt alle plötzlich so nett zu Flüchtlingen. Da seien die Schweizer schon die besseren Nazis. Ihr könnt alle paar Monate darüber abstimmen, ob ihr Ausländer ausschaffen oder gar nicht erst reinlassen wollt und mindestens 51% sagen Ja dazu. Und dass unsere Weicheier wie Björn Höcke Weicheier seien im Vergleich zu eurem Christoph Arschblocher.

Hat dich der Veranstalter denn nicht darauf hingewiesen, dass das vielleicht problematisch sein könnte?
Denen hat das gefallen. Die haben sogar gesagt, ich hätte noch härter sein können.

Vielleicht überrascht es uns Schweizer weniger als dich, dass du nicht ausgestrahlt wurdest. Das SRF bringt eher „netten" Humor.
Gerade die Schweiz rühmt sich doch aber damit, so freiheitlich und demokratisch zu sein. Von mir steht nicht mal der Name auf der Homepage und gleichzeitig zeigen sie Andreas Thiel in der selben Sendung. Das heißt schon was. Das ist schon ein Statement.

Und deswegen hast du die Sache auf Facebook gepostet?
Die Zuschauer müssen wissen, dass man das ernst nehmen muss, wenn sowas geschieht.

Und welche Konsequenzen ziehst du daraus?
Es gibt mir schon zu denken. Ich spiele eigentlich sehr gerne in der Schweiz. Und ich werde auch wieder in die Schweiz kommen. Ich werde mir halt einfach zweimal überlegen, wohin genau.



In Leutschenbach will von Zensur indes niemand etwas hören. In einer an die Medien versandten Stellungnahme erörtert Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy & Quiz, dass Somuncu nicht der einzige ausgemusterte Künstler sei, dass das SRF „aus dem Sendematerial von rund 100 Minuten zwei Sendungen an je 35 Minuten" zusammenstelle. Und zwar nach „verschiedenen Kriterien, z.B. Herkunft, Bekanntheit oder Genre".

Das sind gute Gründe. Gründe aber auch, die zumindest in meinen Augen nicht gegen, sondern gerade für eine Ausstrahlung von Serdar Somuncus Beitrag sprechen würden. Über 365.000 Menschen folgen Somuncu etwa auf seiner Facebook-Seite. Zählt man nur die Likes aus der Schweiz, sind es immer noch knapp 5.000, wohingegen die gezeigten Michel Gammenthaler 1600, Lapsus 1200 und Vince Ebert knapp 500 Schweizer Daumen auf sich vereinen können.

Berühmtheit lässt sich natürlich nicht nur in Likes messen. Auch die anderen Kriterien sind hier aber wenig schlagkräftig: Somuncu ist Deutschtürke. Keiner der ausgewählten Künstler kann sonst noch einen (zumindest klar erkennbaren) Migrations- geschweige denn Islamhintergrund ausweisen, was ja doch noch aktuell wäre. Und auch an politischer Satire kann ich beim Durchschauen—einmal und nie wieder!—der ersten von den zwei Sendungen keinen Überfluss ausmachen.

Bis auf Andreas Thiel natürlich, der sich Doris Leuthard als IS-Geisel imaginiert, die geköpft werden soll. Wie Somuncu zelebriert auch er das Handwerk der Provokation, einfach von einer etwas anderen Seite her. „Eine redaktionelle Auswahl nach sendungsrelevanten Kriterien zu treffen, ist keine Zensur", erhalten wir auf unser Nachhaken von Tschäppät als Antwort. Da stimme ich also zu, genauso wie mit einem weiteren Satz in derselben Mail: „Entscheidend ist schlussendlich ein guter Mix für die Sendungen". Zwei furiose, Polit-Kabarettisten, die in Ausdruck und Ansichten unterschiedlicher nicht sein könnten—wär das nicht ein „guter Mix" für die Sendung gewesen?