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Immer dieses Internet!

Ist „Look up“ das verlogenste oder das dümmste Video des Jahres?

Ein neues virales Video will uns erklären, dass das Leben ohne Smartphones und soziale Netzwerke viel besser wäre. Warum glauben Menschen sowas?

von Henri Tartaglia
07 Mai 2014, 8:00am

Mittlerweile schwemmt uns das Internet praktisch jede Woche zuverlässig irgendeine neue „virale“ Sentimentalität auf unsere Facebook-Seiten—genau wie der Nil den an seinen Ufern lebenden Menschen mit schöner Regelmäßigkeit einen stinkenden, aufgedunsenen Hundekadaver in den Keller spült. Nur dass wir mit dem Internet wirklich nie wissen, was als Nächstes auf uns zukommt: Biernominierungen, gestellte Kussvideos oder Selfies mit Obdachlosen—ihr habt keine Wahl, als mit offenem Mund darauf zu warten, welche Schlacke euch die Flut jetzt in den Mund treibt. Frisch reingekommen: „Look Up!“

Als ich das erste Mal auf Facebook die Überschrift „This Is A Video EVERYONE Needs To See. For The First Time In My Life, I'm Speechless“ sah, wusste ich, dass das gut wird. Obwohl mittlerweile jeder diese Art von Überschrift gründlich satt hat, war dieses Exemplar so schamlos übertrieben, dass da einfach irgendein besonders großer Haufen Scheiße hinterstecken musste. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Das Video heißt „Look Up“ und ist so etwas wie die britische Version des Julia-Engelmann-Gedichts, in noch dümmer. Ein junger Engländer schaut sehr ernst in die Kamera und sagt die tiefgreifenden (und gereimten) Worte: „Ich habe 422 Freunde, und trotzdem bin ich alleine. Ich spreche jeden Tag mit allen, aber trotzdem kennen sie mich nicht.“ Dann ertönt ein trauriger Gitarrenklang, der Titel des Stücks wird eingeblendet, und das (übrigens recht aufwendig produzierte) Video gerät in Fahrt. 

Gary Turk, rostrot gekleidet und besorgt

Wir sehen Bilder von Menschen mit Smartphones, dazu rezitiert uns Gary Turk (so heißt der „Künstler“) mit besorgter Stimme sein Gedicht, in dem er unter anderem so Perlen wie „all unsere Technologie ist nur eine Illusion“ oder „ Du bist nicht der beste Vater der Welt, wenn du dein Kind ohne iPad nicht mehr unterhalten kannst“ auftischt. 

Worauf er hinaus will, hat man schnell verstanden („Schau hoch von deinem Mobiltelefon, verschwende dein Leben nicht gefangen im Netz“), trotzdem macht Gary noch eine ganze Weile weiter. Irgendwann verliert er sich in einer an Langeweile kaum zu überbietenden Vision vom „echten“ Leben, das man leben könnte, würde man nicht die ganze Existenz mit der Nase im Smartphone verbringen: Man könnte ein nettes Mädchen treffen, ein Haus mit ihr kaufen, Kinder haben und dann alt werden und sterben. 

Das ist natürlich alles kompletter Schwachsinn. Nur ganz schnell: Mit Tinder kann man noch schneller noch mehr Mädchen treffen, ohne Internet wird man sich verdammt schwer tun, erschwingliche Immobilien zu finden, und alt wird man sowieso, mit oder ohne Smartphone. Aber gut, die Kernaussage des Videos ist ja nicht, dass man nicht alt wird, sondern dass man auf die falsche Art und Weise alt wird: Man verpasst sein ganzes Leben, man hat keine echten, wahren Freundschaften mehr, und man klettert nicht mehr genug auf Bäume. Also, weg vom Computer, weg vom Smartphone! Trefft euch mal wieder mit echten Menschen!

Das Überraschende an diesem Video ist nicht, dass es so offensichtlich verlogen ist. (Es ist dafür gemacht worden, um auf sozialen Netzwerken viral zu gehen, und der Typ hat in der Beschreibung auf YouTube darunter gleich seine persönliche Website und seinen Twitter-Namen angegeben—er hat 2.387 Follower. 2.387 Twitter-Follower sind nicht schlecht für jemanden, der schlechte Gedichte darüber schreibt, wie böse soziale Netzwerke sind.)

Drei Freunde beim analogen Austausch. Sehen sie nicht glücklich aus?

Nein, das Überraschende ist, dass so viele Menschen Garys Botschaft interessant und originell finden. Nicht nur, weil es totaler Schwachsinn ist, sondern auch, weil die Diskussion über die Auswirkung von sozialen Netzwerken auf unser echtes Sozialleben schon so lange existiert. Spätestens seit dem Buch Alone Together von Sherry Turkle ist die These bekannt, dass wir alle total „verbunden, aber alleine“ sind. Die Frau hat sogar mal einen TED-Talk darüber gehalten, vor zwei Jahren! Darin behauptet sie ungefähr das Gleiche wie Gary, nämlich dass wir alle vereinsamen, weil wir ständig der Illusion von digitaler Verbundenheit anhängen. Digitale Freundschaften können aber echte nicht ersetzen und bla, und bla, und bla. Ganz ehrlich, hat zu irgendeinem Zeitpunkt irgendjemand jemals gedacht, dass das Wort „Freund“ auf Facebook wirklich dasselbe bedeutet wie ein „Freund“ im echten Leben? Nein, das hat nie ein einziger Mensch geglaubt, und deshalb sollten jetzt alle drittklassigen Kulturkritiker, die sich immer noch künstlich über die hohe Freundeszahl auf Facebook aufregen, die Fresse halten.

Ganz abgesehen davon, dass soziale Netzwerke tatsächlich eine ganze Menge an Dingen unendlich viel einfacher gemacht haben (z.B. die Wohnungs- oder Jobsuche, den Arabischen Frühling, das Austauschen von Informationen über Breaking Bad und die Gezi-Aufstände), besteht absolut kein Zweifel daran, dass sie auch gehörig nerven können. Man sollte gut auf seine privaten Daten aufpassen (was mittlerweile dem absoluten Großteil der Nutzer bewusst ist), und man muss sich in sozialen Situationen zurechtfinden, die es vorher nicht gab (deine Tante kann in Echtzeit mitverfolgen, welcher heiße Typ dir gerade auf die Wall schreibt). Aber das ist genau der Punkt: Es ist Technologie, nicht mehr und nicht weniger. Wenn dir noch einmal jemand erzählt, „Technologie sei nur eine Illusion“, dann wirf ihm mit voller Kraft ein iPad an den Kopf.

Wenn ich in der Gegend leben würde, würde ich mich auch an Angry Birds klammern.

Die Behauptung, dass digitale Kontakte die realen Kontakte ersetzen oder stören, ist empirisch absolut unhaltbar. Wer auf Facebook viele Freunde hat und viel kommuniziert, der hat und tut das auch im echten Leben, und andersherum. Facebook ist „kein Ersatz für reale Kommunikation, sondern nur ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln.“ 

Denn, und das sollte man eigentlich kaum noch erklären müssen, Technologie ist weder gut noch böse, und das gilt für soziale Netzwerke genauso. Die theoretisch fast permanente Vernetzung ist etwas Neues, mit dem wir alle lernen müssen, umzugehen. So wie es aussieht, klappt das bis jetzt eigentlich ganz gut.

Mit der Ausnahme von 14-jährigen Mädchen und Silicon-Valley-Venture-Beratern weiß eigentlich jeder, dass es uncool ist, während einer Unterhaltung mit einem anderen Menschen dauernd aufs Handy zu glotzen. Meistens ist es eher die Elterngeneration, die ihr neues (und kaum verstandenes) Smartphone beim Essen auf dem Tisch liegen lässt—weil sie noch nicht so lange an die neuen Technologien und die damit einhergehenden Umgangsformen gewöhnt sind. 

Die andere Hälfte des Hauses hat Facebook gefressen.

Wer das Gefühl hat, er verbringe zu viel Zeit damit, auf Leute zu warten, die mitten in Unterhaltungen auf ihren Smartphones rumdrücken, der sollte sich vielleicht eher neue Freunde suchen, als gleich die wichtigste technologische Entwicklung unserer Generation abschaffen zu wollen. Es gab noch nie so viele Informations- und Vernetzungsmöglichkeiten wie zu unserer Zeit, das stimmt, und deshalb muss man einfach lernen, mit der Fülle umzugehen. Die Devise heißt nicht „Look Up“—sondern „Grow Up“. Und für Gary: Shut up.

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