Hier liegt die Zukunft des jungen, europäischen Party-Tourismus

Ein Guide zu dem Paradies, wo der selbstgebrannte Schnaps noch billig ist, die Einheimischen noch hilfsbereit sind und man überall rauchen darf. Und das alles um die Ecke.

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20 Juli 2015, 9:57am

Titelfoto: SarahTz | Flickr | CC BY 2.0​

Die letzte Klausur ist geschrieben (oder zumindest erst einmal in den zweiten Prüfungszeitraum geschoben), das Sommersemester offiziell vorbei und vor euch liegen Monate des Nichtstuns (oder zumindest des Nicht-mehr-in-der-Uni-sitzen-müssens) aka: die Semesterferien. Während es für viele Leute nichts Schöneres gibt, als die freie Zeit biertrinkend mit Freunden im nahegelegenen Park zu verbringen oder endlich mal wieder die Familie in der fernen Heimat zu besuchen, haben natürlich auch verarmte Studenten ein Anrecht auf richtigen Urlaub.

Vielleicht schafft man es, sich last-minute-mäßig vergleichsweise günstig eine All-Inclusive-Reise nach Mallorca, Ibiza oder Rimini zu gönnen, andererseits gehören diese Reiseziele nicht gerade zum absoluten Geheimtipp. Und wer will seine wohlverdiente Auszeit schon neben Herrn und Frau Müller von nebenan verbringen und dabei zusehen, wie sie sich gegenseitig die sonnenbedingten Pickel auf dem Rücken ausdrücken? Warum also nicht mal ganz woanders hin, wo der Alkohol noch günstig und die historischen Stadtkerne noch nicht komplett überlaufen sind? Glauben wir Urlaubs-Websites, Welt Online und den Schweizer Mittzwanzigern, die ich kürzlich bei einem Flug nach Belgrad kennengelernt habe, liegt die Zukunft des jungen Party-Touristen im Balkan.

Egal ob Kroatien, Montenegro, Serbien, Bosnien oder Albanien—hier lässt sich sehr gut feiern und gleichzeitig so Einiges erleben. Die Menschen sind ziemlich offen, gastfreundlich und immer für spontane Aktionen zu begeistern. Und ich muss es als Halb-Serbin, die bestens mit den Bräuchen und Traditionen vertraut ist, wissen. Obwohl sich die Nationen untereinander nicht immer so richtig gut verstehen, haben sie doch mehr gemeinsam, als sie selbst zugeben würden. Falls du also planst, deine Semesterferien in der Party-Metropole Belgrad oder am kroatischen Meer zu verbringen, solltest du dir folgende Dinge merken:

Wenn der Alkohol zu stark ist, bist du zu schwach

Foto: Alexandra Zakharova | Flickr | CC BY 2.0

Leute aus dem Balkan sind bekanntermaßen ziemlich trinkfest. Egal ob an Geburtstagen, Weihnachten oder sonstigen Festen—es wird getrunken, bis der Letzte vom Stuhl fällt. Traditionell kommt meistens hausgebrannter Schnaps oder Wein auf den Tisch und dieser hat es in sich. Auch wenn du dir beim Exen die Nase zuhalten und danach mit mehreren Gläsern Cola nachspülen musst: Du darfst den hausgemachten Alkohol auf gar keinen Fall ablehnen. Wenn du offen zugibst, dass dir der Schnaps zu stark bist, bist du für den Rest deines Aufenthalts als Weichei gebrandmarkt.

Doch auch wenn du dich als richtig harten Krieger einstufst, eine waschechte Kämpfernatur bist und Hausgebranntes wie Wasser trinkst, solltest vorsichtig sein. Kotzende Menschen sind auch im Balkan eher unbeliebt.

Weitere Reise-Inspirationen gibt es in unserem VICE Guide to Europe.

Niemand ist pünktlich

Wahrscheinlich wirst du Einheimische kennenlernen, die sich für dich begeistern und mit dir anfreunden werden. Wenn du dich um 18.00 Uhr mit ihnen verabredest, kannst du genau dann allerdings noch getrost kurz joggen oder duschen gehen, dir die Haare schneiden lassen oder ein Kind gebären. Ja, wirklich. „Wir treffen uns um 18 Uhr!" bedeutet im Balkan nämlich so viel wie „um 18 Uhr fange ich mit dem Schminken und/oder Umziehen an, damit ich dann um 18.30 Uhr da bin!"

Um mich von dieser Unpünktlichkeit nicht in den Wahnsinn treiben zu lassen, habe ich mir angewöhnt, ebenfalls erst später aus dem Haus zu gehen. Ich setze mich meistens gegen 18.10 Uhr ins Auto, betrachte mich ausgiebig im Rückspiegel, gehe noch kurz tanken und fahre dann gemütlich zum besagten Treffpunkt. Leider kommt es nicht selten vor, dass ich trotz zwanzigminütiger Verspätung auf die andere Person warten muss. Richtig ärgerlich wird die allgemeine zeitliche Flexibilität allerdings dann, wenn man einen Termin im Nagelstudio oder beim Friseur vereinbart hat, pünktlich vor Ort ist und trotzdem noch eine Ewigkeit warten muss. Weil die Person vor mir schon Verspätung hatte, die Person vor ihr ebenfalls unpünktlich war und sich somit alles unnötig in die Länge zieht.

Vitamin B ist alles

Im Balkan läuft so einiges über Beziehungen. Das hat seine Vor- und Nachteile. Manchmal erspart dir Vitamin B lange Wartezeiten beim Notfall-Arzt (du läufst einfach in die Praxis, sagst der Empfangsdame, dass du die Nichte oder ein Bekannter von XY bist und kommst als Nächstes an die Reihe) und manchmal raubt es dir auch deinen letzten Nerv. Zum Beispiel dann, wenn du niemanden kennst und alle, die nach dir gekommen sind, vor dir dran kommen. Du willst im Urlaub eine neue Uhr kaufen, die dich in deiner Heimat zwei volle Monatslöhne kosten würde, oder Ersatzteile für dein Auto? Kein Problem, wende dich an einen Einheimischen, denn dieser kennt mit Sicherheit jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Vermeide es jedoch zu feilschen. Die Menschen dort wissen, dass du Geld hast und Geiz ist in diesem Falle alles andere als geil.

Greise in Rumänien haben eine Menge Spaß.

Du riechst immer nach Rauch

So etwas wie ein Rauchverbot gibt es in den balkanischen Ländern nicht. Es steht zwar an gewissen Orten, dass man nicht rauchen darf, jedoch halten sich nur die Wenigsten auch wirklich daran. Egal ob in Restaurants, Cafés oder Clubs—es wird gequalmt was das Zeug hält. Auch beim Frisör, im Taxi, in Hotelzimmern oder Wohnungen darf teilweise ungeniert geraucht werden. Für die Raucher ist das natürlich paradiesisch, als Nichtraucher riechst du einfach immer so, als hättest du dir eine ganze Philip-Morris-Fabrik in die Lungen gezogen.

Niemand versteht, weshalb du Vegetarier bist

Foto: Gonzalo Díaz Fornaro | Flickr | CC BY-ND 2.0

Während man es als Vegetarier oder Veganer hierzulande oft schon nicht leicht hat, in Restaurants irgendetwas ohne tierische Produkte zu bekommen, könnt ihr im Balkan die Hoffnung, in einer Menükarte auch nur ein vegetarisches Gericht zu finden, eigentlich direkt aufgeben. Sogar Pizzerien bieten selten Pizza Margarita an und auch Spaghetti Pomodoro sind eine wahre Rarität. Wenn ich mir ein Clubsandwich bestelle und betone, dass ich es ohne Fleisch haben möchte, ernte ich oft fragende Blicke und leichtes Kopfschütteln von den Kellnern.

Mittlerweile bin ich sogar schon so weit, dass ich mir ein ganz normales Gericht bestelle, das Fleisch dann einfach überall herauspicke und es meinen nicht-vegetarischen Freunden auf den Teller lege. Fragen wie „Was isst du denn überhaupt?" und „Wieso isst du kein Fleisch?" habe ich schon so oft beantwortet, wie Kim Kardashian behauptet hat, dass ihr Po echt ist. Falls du Veganer bist, dann wünsche ich dir verdammt viel Glück bei der Nahrungssuche. Wenn wir schon beim Essen sind, dann solltest du dir Folgendes dick hinter die Ohren schreiben:

Es geht einfach nicht, dass du keinen Hunger hast

Wenn dich jemand zum ersten Mal zu sich nach Hause einlädt, kannst du dich auf ein Festmahl gefasst machen. Salate, Fünf-Gänge-Menüs, Torten und Kuchen in den verschiedensten Geschmacksrichtungen werden dich erwarten. Glaub mir, es interessiert absolut niemanden, ob du vor fünf Minuten gegessen hast oder nicht. Du setzt dich an den Tisch und dir wird der Teller gefüllt. Und dann isst du, bis dir schlecht wird oder du ohnmächtig vom Stuhl fällst, ganz einfach. Besondere Vorsicht ist übrigens bei balkanischen Großmüttern geboten—die können richtig unangenehm werden, wenn du nicht essen willst.

Wenn du weiblich bist, versuch gar nicht erst, die Rechnung zu bezahlen

Foto: N i c o l a | Flickr | CC BY 2.0

Und das meine ich vollkommen ernst. Wenn du mit Leuten aus dem Balkan in deren Heimatland unterwegs bist, wirst du niemals für etwas bezahlen dürfen. Nicht einmal dann, wenn sie an der Tankstelle Tampons für dich holen! Ich hatte diese „Gib mir die Rechnung!"-„Nein, niemals!" -Diskussionen schon unzählige Male und habe vergeblich versucht, wenigstens meinen Teil zu begleichen. Keine Chance. Das hat nichts mit Prahlerei und Protz zu tun, sondern vielmehr mit der Erziehung. Ich lehne mich jetzt besonders weit aus dem Fenster und wage zu behaupten, dass du auch als Mann keinen Cent für dein Bier ausgeben wirst, wenn du dir mit Einheimischen die Nächte um die Ohren schlägst.

Das liegt an der angeborenen Gastfreundschaft. Die Menschen aus dem Balkan werden sich bemühen, dass dein Urlaub unvergesslich wird und dazu gehört scheinbar, dass du nicht darüber nachdenken musst, wie viel dein Drink umgerechnet kostet. Falls du der Meinung bist, dass 8 Euro für 6 Bier ziemlich wenig sind, dann hast du natürlich Recht. Streite dich dennoch nicht um die Rechnung. Das kann ziemlich schnell verdammt arrogant wirken und deine Begleiter unnötig verletzen.

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Sprich die Menschen um Himmels Willen nicht auf den Krieg an!

Falls du Geschichte studierst oder sonst einfach an historischen Ereignissen interessiert bist, wirst du diesen Rat wahrscheinlich ignorieren. Als Normalsterblicher kann ich dir wirklich nur ans Herz legen, den Finger nicht in alte Wunden zu drücken. Die Menschen im Balkan reagieren verständlicherweise wahnsinnig empfindlich auf das Thema Jugoslawienkriege und, abhängig davon, in welchem Land du dich befindest, wird dir jede Nation eine andere Version der vergangenen Ereignisse erzählen. Sätze wie „aber in meinem Geschichtsbuch steht, dass Land X für den Krieg von 1999 verantwortlich ist" werden keinesfalls von deinem Allgemeinwissen zeugen, sondern dich vielmehr zu einem arschlochmäßigen, besserwisserischen Touristen machen.

Lass es lieber, es gibt so viele spannendere und aktuellere Themen, über die du reden kannst—gerade dann, wenn du erst einmal alle sprachlichen Barrieren überwunden und einen guten Ausgleich zwischen Englisch, Deutsch, der Landessprache und der Benutzung deiner Hände und Füße gefunden hast. Die Legende besagt übrigens: Wer einmal im Balkan war, kommt mit Sicherheit irgendwann wieder zurück. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des selbstgebrannten Schnaps.

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Titelfoto: SarahTz | Flickr | CC BY 2.0