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Christian Grey ist Patrick Bateman für Arme

Mit ‚Grey' gibt es die ‚Fifty Shades'-Reihe jetzt erstmals aus der Sicht des männlichen Protagonisten. Wir haben das Buch gelesen, damit ihr es nicht tun müsst.

von Lisa Ludwig
24 Juni 2015, 3:51pm

Foto: Lionsgate

Sexy. Foto: imago/ZUMA Press

Seit vergangener Woche gibt es mit Grey den offiziellen Nachfolger zur wohl erfolgreichsten Sadomaso-Trilogie aller Zeiten: Fifty Shades of Grey. Wobei Nachfolger das falsche Wort ist, schließlich wird auch hier die exakt selbe Geschichte erzählt. Reicher Bad Boy (Christian Grey) trifft unbedarfte Studentin (Anastasia Steele), sie verlieben sich (semi-sexuell), er verhaut sie (sexuell), sie trennen sich (unsexuell), sie kommen irgendwann wieder zusammen (Spoiler). Nur dieses mal eben nicht aus der Perspektive der jungfräulichen, ständig orgasmischen Zuckungen unterliegenden Schönheit, sondern aus der des smarten Milliardärs.

Keine Schattierungen mehr, nur Grau. „Just Grey", sehe und höre ich Christian vor meiner inneren Gött... meinem inneren Auge wispern, als wäre er Brad Pitt, der aus Kinderunterhaltsgründen dazu gezwungen ist, Werbung für ein Parfum zu machen. „Just Grey and his Penis", denn darum geht es, wenn sich die Hauptcharaktere nicht gerade ekstatisch ins Gesicht atmen. Die Penisdialoge. Auch ein schöner Buchtitel. Wobei Christian Greys Penis nicht spricht, er reagiert nonverbal. Durch zucken, oder so. Vielleicht liegt es an mir, aber selbst wenn ich lahm erzählte Missbrauchsfantasien irgendwie sexy fände, würde mich die Vorstellung eines elegant gekleideten Milliardärs, der mit leerem Blick innere Monologe führend Studentinnen anstarrt, abturnen, wenn sein Schritt aussieht, als wäre eine cracksüchtige Handpuppe in seiner Hose gefangen. Aber ich schweife ab.

Natürlich ist das Buch literarischer Abfall und liest sich, als hätte es ein notgeiler Teenager geschrieben. Ein Umstand, der auch dadurch nicht unbedingt abgemildert wird, dass eine der gruseligsten „Liebesgeschichten" aller Zeiten aus der Perspektive des Typen erzählt wird, der einen verdammten Sadomaso-Raum sein eigen nennt.

Dass die englische Version auf Amazon hauptsächlich positive Bewertungen der deutschen Leserschaft bekommt, sagt also ziemlich viel über den Status Quo unseres ehemaligen Landes der Dichter und Denker aus. Trotzdem muss festgestellt werden: Immerhin begeistern sich sonst wahrscheinlich eher literaturfremde Menschen überhaupt für ein Buch. Nach hunderten Seiten detailliert beschriebener Sexszenen, manischer Monologe des Protagonisten und Dinner-Situationen, in denen ich selbst in meinen schlimmsten Albträumen nicht gefangen sein möchte, kam mir allerdings ein Gedanke, den ich seither nicht mehr los geworden bin (der aber immerhin das Bild der Penis-Handpuppe ersetzt hat): Könnte es sein, dass Christian Grey der Patrick Bateman der 2000er, Grey das American Psycho des neuen Jahrtausends ist? Eine biedere Aldi-Plastikhandschellen-Version von Bret Easton Ellis Meisterwerk aus den 90ern?

Foto: imago/United Archives

Eigentlich sind die Parallelen so offensichtlich, dass sie einem viel früher hätten auffallen müssen. Finanziell gut situierter Typ Mitte/Ende 20, der in einem großen Konzern arbeitet und trotz blendendem Aussehen und Schlag beim weiblichen Geschlecht tief in sich drin eigentlich ziemlich unsicher ist und das irgendwie kompensieren muss? Eine nahezu manische Fokussierung auf komplett irrelevante Details? Der ständige innere Kampf mit sich selbst und seinen als unangemessen begriffenen Bedürfnissen? Eine schwierige Familiengeschichte, die grob als Quelle des psychotischen Verhaltens angeboten wird? Ein offenkundiges Alkoholproblem?! Check, che-check (wie mein guter Freund Fler sagen würde).

Während American Psycho allerdings nicht nur ein überaus moralisch fragwürdiges, sondern insofern auch ein verdammt cleveres und gutes Buch ist, als dass es sukzessive den mentalen Verfall seiner Hauptfigur dokumentiert, ist Grey einfach nur ... dumm. So dumm, dass es schon wieder frech ist. Patrick Bateman ist ein faszinierender, ein auf abgefuckte Art und Weise irgendwie auch sexy Charakter, weil er Tiefe hat. Seine Ängste sind irreal, seine Vertuschungsversuche menschlich, seine Begeisterung für Musik irgendwie sympathisch. Christian Grey hingegen beschreibt das Liebesspiel mit seiner Anastasia ähnlich euphorisch, wie jemand, der seinem genervten Lebensabschnittspartner beim Möbelaufbau die Bedienungsanleitung vorliest und wäre er noch auf der Highschool, er wäre das gruselige Streberkind, das von allen verkloppt wird.

Ernsthaft: Welcher 28-Jährige führt—bis auf gelegentliches melodramatisches Klaviergeklimper und diese ganze Sexraum-Sache—das Leben eines 73-jährigen Einsiedlermönchs? Patrick Bateman mag zwar ein psychotischer Serienkiller sein, aber immerhin verhält er sich wie ein echter junger Mensch, der zuviel Geld hat, um es auszugeben. Er besäuft sich in Clubs und nimmt Drogen bis in die frühen Morgenstunden, statt um 5 Uhr früh joggen zu gehen und sich darüber zu beschweren, dass nur noch der olle Chardonnay im Kühlschrank steht. Und wenn wir schon beim Thema „kein Mensch ist so" sind: Sollen wir allen Ernstes glauben, dass Christian Grey den ganzen Tag an nichts anderes denkt als an diese Literatur-Studentin und sich dann zuhause KEINEN runterholt? In welcher Welt lebt E. L. James?

Grey sollte der andere Blickwinkel auf die Fifty Shades-Geschichte sein, die vor allem deswegen so sehr kritisiert wurde, als dass sie eine weibliche Protagonistin präsentierte, deren romantisierter Blick auf eine missbräuchliche Beziehung anderen jungen Frauen da draußen suggerieren könnte, dass es OK ist, mit einem soziopathischen Stalker liiert zu sein. Statt die Chance zu nutzen und den schwulstigen SM-Träumen einer Frau mittleren Alters (looking at you, E. L.) etwas mehr Gewicht zu geben, vielleicht sogar irgendetwas von Wert zu schaffen und das Bild eines Mannes zu zeichnen, der so tief in seinem Strudel aus Jugendtraumata zu versinken droht, dass er in anderen Bereichen des Lebens verzweifelt versucht, die Oberhand zu behalten, gibt es Waschküchen-Psychologie der untersten Schublade und Dialoge, die in dieser Form auch von lobotomierten Berlin Tag & Nacht-Fans hätten geführt werden können.

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Nach gefühlten 98 Prozent des Buches (und tatsächlichen 93 Prozent, zumindest sagt mir das meine Kindl-App) ist die Geschichte zum ersten Mal an einem Punkt, der so aus den Vorgänger-Büchern und dem Film nicht bekannt ist und an dem die Autorin nicht einfach die exakt selben Gespräche und E-Mail-Verläufe copy-pasten konnte—das Paar trennt sich und Christian hat Herzschmerz. Grey isst, trinkt, geht ein bisschen hin und her, macht seinen Computer an und wieder aus und guckt manchmal auf sein Telefon. All das in einer Zeitspanne, in der Patrick Bateman in den ausgehöhlten Schädel einer Nutte ejakuliert und anschließend ihr Hirn gekocht hätte. Christian Grey ist kein sexy Bad Boy mit aufregenden psychopathischen Tendenzen. Er ist langweilig und wenn der Erfolg dieser gottverdammten Buchreihe irgendetwas über uns als Gesellschaft aussagt, dann das: Wir sind es auch geworden.

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