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Sex

Zwangsprostitution in Griechenland

Als hätte Griechenland nicht schon genug Probleme, sieht sich das Land nun auch noch einer Welle des Sexhandels ausgesetzt. Viele der Prostituierten sollen aus dem Ausland eingeschleust worden sein, die Gerüchten zufolge Sex für fünf Euro anbieten.

von Gregory Frye
04 November 2013, 9:00am

Als hätte Griechenland nicht schon genug Probleme mit den Nachwirkungen des verheerenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der furchtbaren Straßendrogen-Epidemie une auf der Straße erstochenen Einwanderern, sieht sich das Land nun auch noch einer Welle des Sexhandels ausgesetzt. Prostitution ist in Griechenland zwar legal, die Zahl der rechtmäßig registrierten Sexarbeiterinnen wird jedoch von einer Masse nicht registrierter ausländischer Frauen in den Schatten gestellt, die Gerüchten zufolge Sex für fünf Euro anbieten. Viele der Frauen sollen aus dem Ausland eingeschleust worden sein. Auch wenn sich das Land bemüht, die Sache in den Griff zu bekommen, wuchert der Missstand weiter.

„Die Sachverhalte sind jedes Mal anders, die Mädchen haben ganz unterschiedliche Geschichten“, sagte die Fotografin Myrto Papadopoulos, die das Leben der Sexarbeiterinnen in ihrem transmedialen Projekt The Attendants (aus dem die hier gezeigten Bilder stammen) dokumentieren und den Frauen praktische Hilfe anbieten will. Myrto startete das Projekt 2009, als sie „in Athen eine Explosion von Pornos mit D-Promis [bemerkte]. Ich wollte wissen, wie in einer Zeit, in der das Land im Chaos steckte, so viele Pornos verkauft werden konnten.“ Nachdem sie sich mit vielen Leuten über das Thema unterhalten hatte, richtete sich ihre Aufmerksamkeit vom Porno auf Prostitution und Sexhandel. Gemeinsam mit der griechischen Heilsarmee richtet sie gerade eine sichere Unterkunft ein und organisiert einen Fotografieworkshop für Prostituierte und Frauen, die dem Sexhandel zum Opfer gefallen sind.

Myrto fotografiert nur Frauen, die sie in Athen auf der Straße getroffen hat und zu denen sie eine Beziehung aufgebaut hat. Sie hört Geschichten von Mädchen, die von Zuhältern ins Gesicht geschlagen und in Autos eingeschlossen werden—besonders übel war die Geschichte eines Mädchens, das in eine Wohnung eingesperrt und wiederholt von ihren Kidnappern vergewaltigt worden ist. Einmal stand die Tür offen und sie konnte fliehen. Als sie nackt und um Hilfe schreiend durch das Gebäude lief, gab es niemanden, der ihr zur Hilfe kam.

Theodora Gianni, eine Sozialarbeiterin aus dem griechischen Zentrum für soziale Solidarität, einer Regierungsbehörde für soziale Dienstleistungen, arbeitet mit Frauen zusammen, die aus dem Sexhandel ausgestiegen sind—was normalerweise dann passiert, wenn sie in eine Verhaftung der Polizei geraten oder von ihren Zuhältern ausgemustert werden, weil sie zu krank oder schwanger sind. Das Zentrum bietet den Opfern Unterkunft und Unterstützung an.

„Wir haben hier Frauen, die ihre Türen abschließen und sich verbarrikadieren, Frauen, die nur bei Licht schlafen, und Frauen, die nicht aufwachen wollen“, berichtet Theodora. „Sie kommen oft zu einem Zeitpunkt zu uns, an dem ihnen klar wird, dass sie alles verloren haben und sie merken, dass alle Hoffnungen oder Erwartungen, Geld für die zurückgelassenen Familien zu verdienen, vergebens waren.“

„Viele von ihnen können nicht normal schlafen. Gewöhnlich haben sie Albträume und Flashbacks von Dingen, die sie durchgemacht haben. Sie haben große Angst, weil sie nicht wissen, was sie ihren Familien erzählen sollen“, fügt die Sozialarbeiterin Margarita Barmakelli hinzu.

Theodora zufolge werden die meisten der Frauen ins Land gebracht, nachdem sie sich auf falsche Jobangebote gemeldet haben. Sie werden entweder emotional beeinflusst oder physisch zur Prostitution gezwungen. Außerdem gibt es die „Lover Boy“-Methode, bei der der Zuhälter eine Beziehung mit einem Mädchen anfängt, bevor er sie ins Land schleust. Um sie sich zu unterwerfen und sie zu beherrschen, heiratet er sie manchmal sogar und hat Kinder mit ihr. Den neuerdings im griechischen Sexhandel auftauchenden afrikanischen Mädchen und ihren Familien drohen die Sexhändler oft mit spirituellen Juju-Flüchen.

Theodora und Margarita haben mit einer Frau zusammengearbeitet, der man einen seriösen Job zugesagt hatte. Doch nachdem sie illegal über die Grenze gebracht worden war, haben die Sexhändler ihr den Pass weggenommen und ihr gefälschte Papiere gegeben. Dann ließen sie die Frau von einer zur Anwerberin aufgestiegenen Prostituierten zum Anschaffen überreden, wobei ihr eine Menge Geld versprochen wurde—Geld, das die Sexhändler zuverlässig für sie aufbewahren würden. Vier Jahre lang arbeitete die Frau jeden Tag lange Stunden in ganz Griechenland und verdiente Geld, mit dem sie sich einen beträchtlichen finanziellen Rückhalt aufzubauen glaubte.

Die Sexhändler hatten ihr erzählt, dass in jedem der Räume ein Mikrofon eingebaut sei, durch das es ans Licht käme, wenn sie sexuelle Wünsche der Kunden abschlagen würde. „Einmal hatte sie ihren richtigen Pass zurückverlangt. Daraufhin wurde sie so sehr misshandelt, dass sie eine Woche lang nicht arbeiten konnte“, sagte Margarita. „Als ihr Vater sehr krank wurde und sie in ihre Heimat zurückfliegen musste, forderte sie ihr Geld, aber der Sexhändler gab ihr nur einen kleinen Betrag und behielt den Rest. Weil sie das übrige Geld nicht verlieren wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als [illegal] nach Griechenland zurückzukehren.“ Als die Polizei sie in das Zentrum brachte, bestand ihre Hauptsorge anscheinend darin, dass sie das Geld verlieren könnte. „Sie war davon überzeugt, dass der Zuhälter sie gut behandelt hatte, doch als sie sich im Laufe der Zeit an ihre Erfahrungen erinnerte, änderte sie ihre Meinung.“

Ein anderer Fall betraf eine junge afrikanische Frau, die zum Studieren nach Europa gehen wollte. Man hatte ihr einen Pass versprochen, doch sie landete schließlich in verschiedenen Ländern in abgeschlossenen, dunklen Räumen, wo sie den Tag lang mit verschiedenen Freiern schlafen musste. Sie wusste nie, wie spät es war. „Sie wurde erst freigelassen, als sie so krank war, dass sie für den Zuhälter nutzlos geworden war“, erzählte Theodora.

Sie ergänzte, dass sich die Misshandlungen und psychologischen Traumata, denen Opfer des Sexhandels ausgesetzt sind, kaum von den Erfahrungen von Kriegsgefangenen unterscheiden. Theodora glaubt, dass die weltweite Wirtschaftskrise dazu geführt hat, dass sich Leute in Situationen begeben, in denen sie ausgebeutet werden können. „Diese Frauen kommen zum Arbeiten hierher, aber die Dinge sind hier noch komplizierter. Es ist schwierig, einen Job zu bekommen und sich [in die Gesellschaft] zu integrieren.“

Marie, eine der Frauen, mit denen Myrto Papadopoulos zusammenarbeitet, ist eine griechische Edelprostituierte alter Schule. Sie glaubt, dass sie der Gesellschaft einen Dienst leistet—und ist damit ein seltener Fall im heutigen Athen. Obwohl Prostitution ursprünglich nicht ihr Hauptberuf war, ist sie mittlerweile seit über dreißig Jahren in dem Gewerbe tätig. In der Nähe des Ortes, wo sie nachts anschaffen geht, erzählte sie mir, dass sie bei der Arbeit keine griechischen Mädchen mehr sieht. Sie beschreibt, wie der Sexhandel in Griechenland mit den sehr jungen, aus anderen Ländern eingeschleusten Mädchen überschwemmt wird—Mädchen, die absolut alles machen und kaum etwas dafür verlangen.

„Diese jungen Mädchen wissen nicht, wie sie Hygiene bewahren und sich vor Krankheiten schützen“, sagte sie. „Die Tatsache, dass ich all die Jahre gearbeitet habe und noch immer hier bin, heißt schon etwas.“ Die Sexhändler haben die Führung auf dem Markt übernommen und zwingen Marie, länger zu arbeiten, um einen Kunden zu finden. Aus diesem Grund haben viele griechische Prostituierte das Land verlassen, um nach Märkten zu suchen, wo der Wettbewerb nicht so hart ist.

„Ältere Männer gehen zu diesen jungen Mädchen, weil sie bei ihnen ihre kranken Phantasien ausleben können“, sagte Marie. „Viele dieser Mädchen verstecken sich in illegalen Bordellen, Studios [modernisierte Bordells] und im Internet vor der Polizei.“ Marie erklärte weiter, dass das Gewerbe einen Teil seines ehemaligen Charmes eingebüßt habe. „Es geht nicht mehr darum, einen Preis für gewöhnlichen Sex auszuhandeln. Die griechischen Männer haben den Kopf verloren und sind zehnmal perverser geworden“, sagte sie und wirft ihnen vor, dass sie pädophil, faul und ausgebrannte Sexfanatiker seien. „Es ist nicht nur die Wirtschaftskrise, die sie belastet. Ich bin mit all diesen Geisteskranken konfrontiert—mit der Krise des griechischen Verstandes.“

Myrto glaubt, dass viele der Typen, mit denen sie gesprochen hat, selbst Opfer sind. „Ich will mich den Männer annähern und verstehen, warum [sie zu Prostituierten gehen]“, sagte sie. „Ist es nur die Libido? Was veranlasst sie, dorthin zu gehen? Was ist der Grund?“ Sie glaubt, dass die Anziehungskraft, die die Prostituierten für sie ausüben, zum Teil in der griechischen Kultur verankert ist. Beispielsweise bringen manche griechische Väter ihre Söhne in Bordelle, damit sie dort ihre Jungfräulichkeit verlieren. „Manche haben Angst, dass ihr Sohn homosexuell werden könnte“, sagte sie. Eine Prostituierte zu besuchen, kann eine Art maskulines Ritual darstellen. In Griechenland zahlen Männer oft zusätzlich für ungeschützten Verkehr. Ein Kondom zu benutzen, wird hier als unmännlich betrachtet.

Marie behauptet, dass die Kunden wissen, ob eine Frau Opfer des Sexhandels ist und dass „sie es ohne das geringste Risiko anzeigen können“. Hercules Moskoff, Koordinator der Abteilung für Menschenhandel des griechischen Außenministeriums, sieht das etwas anders. „Die Männer bleiben von den bewusstseinsbildenden Kampagnen meistens unberührt, aber so oder so reichen diese traditionellen Kampagnen nicht aus“, sagte er. „Wir brauchen mehr kreative Leute wie Myrto, die sich engagieren. Außerdem müssen die unterschiedlichen Verwaltungsbereiche und Länder lernen zu kooperieren.“

„Sexhändler sind gut organisiert und international ausgerichtet. Daran sollten wir uns ein Vorbild nehmen und versuchen, ebenfalls internationaler zu denken und zu reagieren.“

Das griechische Gerichtssystem ist jedoch so überlastet, dass es fünf bis zehn Jahre dauern kann, bis es zu einer Verurteilung kommt—die strafrechtliche Verfolgung eines beschuldigten Sexhändlers ist dadurch schwierig. Ein weiteres Hindernis zu einem erfolgreichen Strafverfahren ist Hercules zufolge, dass die Opfer, die sich als Zeugen melden, oftmals nicht so lange im Land bleiben können oder wollen, bis es zum Prozess kommt.

Einige Berichte schätzen die Summe der Sexarbeiter in Griechenland zwar auf ungefähr 20.000, an gesicherte Zahlen zu kommen, ist jedoch unmöglich. „Es gibt keine gesonderten Statistiken, die uns qualitativ und quantitativ sichere Ergebnisse liefern könnten“, sagte ein Sprecher von Love146, einer NGO, die sich dem Kampf gegen den Menschenhandel widmet. „Das liegt zum einen daran, dass das Phänomen so massiv auftritt und Menschenhandel ein stilles Verbrechen ist, zum anderen aber auch an einer mangelhaften Koordination der Einsatzgruppen, der Verwaltungs- und Ordnungsbehörden des Landes und der EU.

Theodora versichert, dass es den Leuten, die sich im Zentrum engagieren, trotz des jüngsten Schreckens der rechtsextremen Goldenen Morgenröte egal sei, aus welchen Ländern die Mädchen stammen. „Sie wollen ihnen einfach helfen“, sagte sie. Myrto arbeitet weiter an ihrem Projekt The Attendants. Sie glaubt, dass sich die Mühe bereits lohnt, wenn es das Leben einer einzigen Person ändert. Im November wird sie zusammen mit Hercules eine Podiumsdiskussion im EU-Parlament leiten.

Fotos: Myrto Papadopoulos

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