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The Hot Box Issue

„Der Ort, an den Frauen gehen, um vergewaltigt zu werden“

Die Muslimbruderschaft in Ägypten wurde per Gerichtsbeschluss verboten. Frauen hatten es in der Vergangenheit mit diesen Typen besonders schwer. Gerüchte besagen, dass sexuelle Übergriffe von der Bruderschaft initiiert wurden.
16.10.13

Direkt neben dem Tahrir-Platz, auf der Mohamed-Mahmoud-Straße, wurde Yasmine El Baramawy verprügelt und vergewaltigt.

Es war fast 23 Uhr am Freitag, den 23. November 2012, als Ghada durch das Fenster ihrer Wohnung im Zentrum Kairos nahe des Tahrir-Platzes das Geschrei einer Menschenmenge hörte: „Sie hat eine Bombe um den Bauch gebunden!“ Ghada (die lieber nur beim Vornamen genannt werden will) dachte sofort an ihre Kinder, die sich unter den vielen Menschen auf dem Platz befanden. Sie rannte auf den Balkon, um Ausschau nach ihnen zu halten. Als sie dann sah, wie eine von Männern umringte, nackte Frau gegen die Motorhaube eines Autos gedrückt wurde, vergaß sie ihre Panik und handelte. Ghada schnappte sich einige Anziehsachen für die Fremde, alarmierte ihren Mann, und rannte gemeinsam mit ihm auf die Straße, um sie zu retten. Sie drängten sich durch die Menge, durchbrachen den Kreis der Angreifer und brachten das Mädchen in Sicherheit.

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Am Nachmittag desselben Tages waren Yasmine El Baramawy und ihre Freundin Soha (Pseudonym zum Schutz ihrer Identität) zum Tahrir-Platz gegangen, nachdem sie von den Auseinandersetzungen zwischen Mursi-Gegnern und den regierungsgestützten Sicherheitskräften gehört hatten. Zwei Tage zuvor hatten auf dem Tahrir-Platz die Demonstrationen gegen die von Mursi unterzeichnete neue Verfassung begonnen. Yasmine und Soha hatten nicht vor, bei den Protesten mitzumachen, sie wollten nur aus einiger Entfernung zusehen, wie die Demonstranten gegen Mursi skandierten. Im Herbst 2012, fünf Monate nachdem Mohammed Mursi als erster demokratisch gewählter Präsident sein Amt angetreten hatte, unterzeichnete er ein „Verfassungsdekret“, mit dem er sich fast uneingeschränkte Macht einräumte: Er übertrug sich selbst die Leitung von Polizei und Militär und ernannte sich zum Vorsitzenden des Kongresses. Dadurch war es ihm möglich, die Mitglieder der Regierung nach Belieben zu bestimmen und abzusetzen. Er war ganz offensichtlich besessen von Macht und viele hatten das Gefühl, dass er nur deswegen in das Amt des Präsidenten gewählt worden war, weil er sich als die Antithese zu Husni Mubarak dargestellt hatte. Mit Unterstützung der Muslimbruderschaft hätte Mursi die wirtschaftliche Lage Ägyptens verbessern und die politische Kontrolle wieder in die Hände des Volkes legen sollen. Die Ägypter waren sauer. Etwa um 18 Uhr erreichten die beiden Frauen den Tahrir-Platz an der Kreuzung zur Al-Kasr-Al-Aini-Straße. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen, und es war relativ ruhig. Um die Demonstrationen, die in der Ferne stattfanden, zu erreichen, mussten sie noch ein ganzes Stück gehen. Yasmine hatte plötzlich das dringende Verlangen zu verschwinden. Sie hatte zuvor schon einmal Gruppen von Demonstranten gesehen, aber irgendetwas stimmte dieses Mal nicht. Als sie sich gerade auf den Heimweg machen wollten, sahen sie eine Gruppe rennender Männer. Sie erstarrten.

Yasmine, 30, auf dem Tahrir-Platz im Juni, kurz bevor Ex-Präsident Mursi vom Mi­litär entmachtet wurde

Zu spät bemerkten die beiden Frauen, dass die jungen Männer auf sie zu rannten. Als die Gruppe anhielt, waren sie nur noch wenige Zentimeter von den Gesichtern der Frauen entfernt. Die Gruppe begann, Soha und Yasmine die Kleider vom Leib zu reißen. Als die Frauen entblößt waren, explo­dierten Tränengasgranaten auf dem Platz und die Angreifer liefen davon. Yasmine fiel hin. Soha rannte los, um Hilfe zu holen und kam mit Sherif wieder, einem Freund, den sie unter den Demonstranten gesehen hatte. Noch bevor sie Yasmine aufhelfen und fliehen konnten, hatte sich das Tränengas jedoch wieder verzogen und die Männergruppe war zurückgekehrt. Sherif wurde gewürgt und weggestoßen. Dann teilten sich die Angreifer in zwei Gruppen auf: Eine Hälfte umringte Yasmine, die andere Soha. Das war das letzte Mal, dass sich die beiden Freundinnen in dieser Nacht sahen. Die Männer, die einen Kreis um Yasmine geformt hatten, bewegten sich zusammen mit ihr weg vom Platz. Sie drängten die Frau in Richtung der schlecht beleuchteten Mohamed-Mahmoud-Straße, deren Häuserwände voller Revolutionsgraffiti sind. Yasmine fühlte, wie Finger und Messer ihre Vagina penetrierten und wie Macheten ihre Haut zerschnitten. Sie hörte, wie jemand rief: „Wir werden ihr helfen!“, aber es war ihr nicht möglich in diesem Stimmengewirr ihre Angreifer von denen zu unterscheiden, die ihr helfen wollten. Die Männer schliffen sie durch Dreck, Müll und über die scharfen Kanten der zerbrö­ckelten Bordsteine am Rand der Mohamed-Mahmoud-Straße. Sie zerrten an ihr und betatschten sie am ganzen Körper—ihre Gliedmaßen, ihre Haare, ihre Brüste. Aber Yasmine wehrte sich, blieb nah am Boden und kroch durch Abwasserrinnsale, während die Männer sie immer weiter vom Platz wegdrängten. Obwohl sie kaum noch atmen konnte, trat sie nach ihren Angreifern, als diese an ihrer Hose zerrten. Als einer der Männer ihr die Zunge in den Mund schob, biss sie so fest zu, wie sie nur konnte—bis sie sein Blut schmeckte. Als man sie gegen die Mauer eines Wohnhauses drückte, flehte sie den Pförtner an, ihr zu helfen. Dieser starrte nur regungslos vor sich hin. Yasmine bemerkte eine Gruppe von Menschen, die über ihr auf der Kante des Gebäudes saß und auf sie zeigte. Warum half ihr niemand? Ihre Angreifer zerrten sie durch eine Moschee, in eine kleine Gasse. Der Kreis um sie öffnete sich das erste Mal, als ein Auto über ihre Haare fuhr und anhielt. Die Männer versuchten sie in das Fahrzeug zu bugsieren, aber sie wehrte sich mit aller Kraft. Nahezu bewegungsunfähig auf der Motorhaube des weißen 1970er Skoda konnte sie noch immer die Anschuldigungen hören, die ihre Vergewaltiger schrien: „Sie hat eine Bombe umgebunden! Sie wird uns alle in die Luft jagen!”

Am 30. November 2012 versammelten sich Demonstranten und Akti­visten unter einem Aussichtspunkt, von dem aus Freiwillige den Platz nach Opfern sexueller Übergriffe absuchen.

„Männer wollen ein unberührtes, braves ägyptisches Mädchen!“, erklärte meine Mutter mir, als ich ein Teenager war. Meine Mutter war ein „braves ägyptisches Mädchen“ gewesen, eine jungfräuliche Braut, verheiratet mit einem Mann, der geschworen hatte, für sie zu sorgen, die Familie zu beschützen und die Tradition zu wahren. Und genau das war es, was sie auch für mich wollte. Als wir dann in die USA zogen, befürchtete sie, ich würde diese ägyptischen Werte verlieren. „Wenn ein Mann in der Hochzeitsnacht nicht das Blut deines zerrissenen Jungfernhäutchens sieht, bedeutet das Aar (Schande) für dich und eine Fadiha (öffentliche Demütigung) für deine ganze Familie.“ Die Denkweise meine Mutter hat nichts mit den religiösen Tugenden ägyptischer Muslime zu tun. Unsere Familie gehört den koptischen Christen an. Diese Ansicht ist kulturell geprägt und zeigt sich immer wieder in Filmen und Temsiliat (TV-Serien), die zahlreiche Geschichten vom braven ägyptischen Mädchen erzählen: Sie ist eine exzellente Köchin. Wenn du zu Besuch kommst, heißt sie dich mit einem randvoll mit Fleisch und Gemüse gefüllten Topf willkommen. Sie ist gehorsam. Wenn ihr Bruder Durst hat, holt sie ihm ein Glas Wasser. Sie ist unschuldig. Sie sehnt sich nach der Ehe, nicht aber nach Sex. Wenn es an der Zeit für sie ist zu heiraten, organisiert ihre Familie Treffen mit potenziellen Ehemännern. In dieser Zeit ist ihre einzige Aufgabe, den Anwärtern Tee zu bringen und dabei begehrenswert, vor allem aber zurückhaltend zu wirken. Entscheidet sich ein Mann dazu, ihren Vater um die Hand seiner Tochter zu bitten, sagt sie schüchtern: „Ilit shoofoo ya, Baba“, was so viel heißt wie: „Was immer du siehst, Vater.“ Sie verlässt ihr Elternhaus erst in der Leilat al-dokhla, der Nacht der Vollziehung—ihrer Hochzeitsnacht. Das Blut einer Braut in der Hochzeitsnacht steht in Ägypten für viel mehr als nur für den Verlust ihrer Jungfräulichkeit. Es bedeutet, dass sie sich aufgespart hat, und—was noch viel wichtiger ist—dass ihre Familie sie gemäß den Lehren der traditionellen ägyptischen Werte erzogen und damit auch die Familienehre bewahrt hat. Shereen El Feki erforscht das Liebesleben in der arabischen Welt und hat ein Buch zu diesem Thema verfasst. Der US-amerikanischen Zeitschrift Reason erzählte sie von einer ambitionierten jungen Frau, die sich im Internet über sexuelle Praktiken schlau gemacht hatte, weil sie ihren Ehemann in der Hochzeitsnacht um jeden Preis zufriedenstellen wollte. „Als sie dann aktiv wurde, sprang ihr Mann aus dem Bett und ließ sie auf den Koran schwören, dass sie vor der Hochzeit keine sexuellen Beziehungen gehabt hatte.“ Während die Frauen in Ägypten darauf konditioniert werden zu gehorchen, lernen Männer, dominant zu sein und sich zu nehmen, was immer sie wollen. Zahlreiche Beispiele dafür, wie das funktioniert, finden sich in beliebten „romantischen“ Filmen. Normalerweise läuft es so: Der Mann versucht, die Frau zu küssen, und sie wendet sich ab. Er zieht sie näher an sich heran. Sie versucht wegzulaufen. Er bekommt sie zu fassen und hält sie fest, bis sie nachgibt. Dabei scheint es, als würde sie das Hin und Her genießen. Während solche Szenen in westlichen Kulturen durchaus als sexuelle Nötigung eingestuft werden könnten, werden sie in der ägyptischen Kultur als Darstellungen von „Liebe“ bezeichnet. Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht der UN sind fast 100 Prozent der ägyptischen Frauen bereits Opfer eines verbalen oder körperlichen sexuellen Übergriffs geworden. Sexuelle Übergriffe werden als Normalität akzeptiert und propagiert oder sogar als verdiente und vertretbare Bestrafung gesehen. Diese Ansicht macht Ägypten für Frauen zu einem der potenziell gefährlichsten Orte der Welt und hat sich während der politischen Proteste auf dem Tahrir-Platz wie ein Virus verbreitet. Das historische Wahrzeichen wird in ganz Ägypten mittlerweile umgangssprachlich „der Ort, an den Frauen gehen, um vergewaltigt zu werden“, genannt.

Zwei Monate nach dem Angriff auf Yasmine kehrten Mohamed El-Khateeb und andere Freiwillige der OpAntiSH zum Tahrir-Platz zurück, um gegen Vergewaltiger zu kämpfen.

Yasmine ging nicht nach Hause, nachdem Ghada und ihr Mann sie in Sicherheit gebracht hatten. Sie ging zu einem Freund, der bereits erfahren hatte, was passiert war. Sie sprach kein Wort. Sie konnte nicht einmal weinen, bis sie am nächsten Tag endlich die Stimme von Soha hörte. In der darauffolgenden Woche schwieg sie über den Angriff. Sie begann sich zu fragen, was es hieß, eine moderne ägyptische Frau zu sein. Sie hatte das Gefühl, dass die streunenden Hunde in den Straßen Ägyptens, die verhungern, getreten und erschossen werden, immer noch besser behandelt werden als die Frauen des Landes, die sich gegen ihre Regierung wenden und auf dem Tahrir-Platz für Veränderungen kämpfen. Sohas Geschichte entspricht in Ablauf, Muster und Vorgehen der von Yasmine: Männer haben einen Kreis um sie geschlossen und ihr die Kleider vom Leib gerissen, sie geschlagen, durch die Straßen geschliffen und sie währenddessen mit Fingern und Messern penetriert. Sie entkam, nachdem sie einen ihrer Angreifer um Gnade angefleht hatte und ihm sagte, dass sie eine Mutter sei, die nichts mehr wolle, als ihre Kinder wiederzusehen. Bis heute will sie anonym bleiben. Sie hat keine Anzeige erstattet. Für sie sieht es so aus: Die Polizei konnte ihr nicht helfen, das Gesetz schützt sie nicht und die Gesellschaft macht sie für den Angriff selbst verantwortlich—sie hat keine Wahl. „Missbrauchsfälle bei der Polizei zu melden, ist problematisch. Obwohl wir Gesetze gegen sexuellen Missbrauch haben, werden diese nicht vollstreckt“, sagt Diana Samir, ehemalige Sprecherin von HarassMap, einer im Dezember 2010 gegründeten NGO. „Eines dieser Gesetze besagt, dass man einen Zeugen für den Übergriff haben muss. Manchmal ist das einfach nicht möglich. Wenn jemand dich festhält oder betatscht und dann einfach wegläuft, wie soll man ihn finden? Es kann auf einer einsamen Straße passieren, wo niemand [den Übergriff] gesehen hat.“ Eine der Hauptstrategien, mit der HarassMap versucht, solche Vorkommnisse zu verhindern, ist ein internetbasiertes Berichtssystem für Opfer. All dies soll dabei helfen, das Klischee auszuräumen, ungewollte Annäherungen seien im Grunde gewollt oder sogar verdient. Außerdem will HarassMap so das Sprechen über jegliche Formen sexuellen Missbrauchs enttabuisieren. Sexuelle Missbrauchsfälle erhalten in Ägypten wenig bis gar keine Aufmerksamkeit. 2009 wurden insgesamt nur 88 Vergewaltigungen bei der ägyptischen Polizei gemeldet. Selbst wenn es zu einer strafrechtlichen Verfolgung kommt, ist die Ineffizienz der Gerichte überwältigend. Bestechung und Korruption sind der Motor des ägyptischen Justizsystems. Polizisten hören niemandem zu und reden mit keinem—weder mit Opfern noch mit Anwälten—ohne vorher ein paar ägyptische Pfund eingesteckt zu haben. Ich habe mit einem Anwalt gesprochen, der einen Mann wegen Belästigungsvorwürfen vertritt, die nicht mit den Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz in Verbindung stehen. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben, erklärte er mir: „Das [Opfer] verlangte 30.000 EGP für die Einstellung des Verfahrens. Ich lachte ihr ins Gesicht und zahlte den beiden Zeugen je 1.000 EGP dafür, dass sie ihre Aussage ändern. Ich werde den Fall gewinnen. Das ist Ägypten.“ Yasmine wollte eigentlich über den Übergriff schweigen. Eine Woche später erfuhr sie jedoch, dass in derselben Nacht noch sechs weitere Frauen dasselbe Schicksal erlitten hatten: 20- bis 30-jährige Männer umzingelten die Opfer, rissen ihnen die Kleider vom Leib und vergewaltigten sie. Alle Übergriffe fanden zwischen 18 und 23 Uhr statt. Abdullah Badr, ein prominenter Salafisten-Prediger—dessen Inhaftierung wegen der verleumderischen Unterstellung, eine Schauspielerin habe „Ehebruch“ begangen, im Mai 2013 großes Aufsehen erregt hatte—erklärte zur selben Zeit in seiner Fernsehshow, dass bisher mindestens 30 Mädchen auf dem Tahrir-Platz Opfer sexueller Übergriffe geworden seien. Er bezeichnete sie als „Huren“, die mit der Absicht auf den Tahrir-Platz gegangen seien, dort von mehreren Männern vergewaltigt zu werden. Yasmine sagte mir hingegen, sie glaube, die Muslimbrüder haben die Übergriffe initiiert. Sie sollen die Männer dafür bezahlt haben, Mursi-Gegner bei den Demonstrationen anzugreifen und so das Streben nach weiteren Veränderungen in Ägypten zu verhindern. Eine solche Anschuldigung zu beweisen ist natürlich sehr schwer. Verschwörungstheorien sind in Ägypten so verbreitet wie Schmiergelder. „Zeugen“ können jederzeit hervorgezaubert werden und sagen jedem, der fragt, was er hören will, wenn der Preis nur stimmt. Wenn Yasmine Recht hat, scheint der Plan zu sein, aus Aktivistinnen Opfer zu machen, sie zu zwingen, ihre Hoffnungen herunterzuschlucken und ihnen im selben Augenblick Schande ins Gesicht zu spucken. Damit würde gleichzeitig sichergestellt, dass die männlichen Aktivisten und Familienmitglieder der Opfer ebenfalls eine Teilschuld trifft, weil sie, wie Sohas Freund Sherif, nicht in der Lage waren, sie zu beschützen—ein politisches Versagen und ein Schlag gegen das Ideal des dominanten ägyptischen Mannes zugleich. Väter, Brüder und ganze Familien wären von der Schande einer Fadiha betroffen und ihre Angst vor der öffentlichen Bloßstellung würde die Opfer zum Schweigen bringen. Selbst wenn einige der Opfer ihre Geschichten erzählen dürften, würde sich die Ansicht, dass sie „vergewaltigt werden wollten und deswegen zum Tahrir-Platz gingen“, schnell verbreiten. Es klingt nach einem etwas zu ausgeklügelten, realitätsfernen Plan—eine typische ägyptische Verschwörung eben. Laut Yasmine ist es aber genau das, was sie erlebt hat. Als sie das erste Mal ihre Geschichte erzählen wollte, haben sich Mitstreiter—befreundete Aktivisten, Politiker und sogar Journalisten—geweigert, ihr zuzuhören.

Mohamed hält die Gruppenangriffe für geplant, weil die Angreifer ihn isolierten, wann immer er versuchte, einzugreifen.

Doch statt sich zu verstecken, fühlte sich Yasmine dazu verpflichtet, andere Frauen, die auf dem Tahrir-Platz demonstrieren, zu warnen. „Hätte man mich gewarnt, wäre ich vorsichtiger gewesen. Ich hätte mehrere Schichten Kleidung getragen, damit man mich nicht so schnell ausziehen kann, und ich wäre mit mehreren männlichen Freunden losgezogen.“ Eine Woche später, am 30. Dezember, postete sie auf Facebook (damals noch) anonym Details zu dem Angriff auf sie. Ihr Post war es, der den letzten Anstoß zur Gründung der Operation Anti-Sexual Assault, kurz OpAntiSH, lieferte, einer Gruppe von Freiwilligen, deren Vorbilder die NGOs HarassMap und Tahrir Bodyguard sind. Wie die anderen Organisationen auch, besteht die OpAntiSH aus ganz normalen Bürgern, die sich freiwillig gemeldet haben, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, und die sich dazu verpflichtet fühlen zu handeln. In Anbetracht der Gefahr ist es überraschend, dass Frauen gut die Hälfte der Gruppe ausmachen. Als Antwort auf die zunehmenden organisierten Gruppenvergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz setzte OpAntiSH am 25. Januar 2013 eine Kampagne in Gang. Genau zwei Jahre nach Beginn des Arabischen Frühlings wurden an diesem Tag Tausende Menschen auf dem Platz erwartet, um anlässlich des Jahrestages gegen Mursis zunehmende Machtübernahme zu protestieren. Während der Demonstration blieb eine Kontrollgruppe der OpAntiSH in der Wohnung eines Aktivisten in den oberen Stockwerken eines der Gebäude am Rande des Platzes. Yasmine gehörte zu dieser Gruppe. Die anderen teilten sich in zwei weitere Gruppen auf. Die „Angriffs-Gruppe“, die versucht, mit körperlichem Einsatz den Kreis der Angreifer zu durchbrechen und für Ablenkung zu sorgen, und die „Sicherheits-Gruppe“, die die Aufgabe hat, sich vorsichtig zu nähern und die Opfer aus der Gefahrenzone zu bringen. Die 19 gleichzeitig stattfindenden Gruppenvergewaltigungen in dieser Nacht überstiegen ihre Erwartungen und Vorkehrungen jedoch bei Weitem. Die Freiwilligen erreichten den Tahrir-Platz gegen 18 Uhr, als gerade drei Frauen Opfer von Gruppenvergewaltigungen wurden. Überwältigt und verzweifelt, teilten sie sich auf. Einer von ihnen, Mohamed El-Khateeb, ein 24-Jähriger mit einer sanften Stimme, stieg auf eine Belüftungsanlage, um einen besseren Blick über die Menge zu erhalten, und sah, wie eine ausländische Frau von einer Gruppe von Männern umzingelt wurde. Entgegen allem, was er während seines Trainings gelernt hatte—nämlich niemals alleine loszuziehen—sprang er von seinem Hochsitz und rannte mitten in die Gruppe der Angreifer hinein. Ihm war klar, dass das Opfer nicht in der Lage sein würde, ihn von ihren Verfolgern zu unterscheiden, aber er war entschlossen ihr zu helfen, schob die Männer zur Seite und zog die Frau aus der Menge heraus. Mohamed kletterte noch einmal auf seinen Behelfs-Aussichtsturm, um Ausschau nach seinen Mitstreitern zu halten. Als er sah, dass er allein war, rief er die Kontrollgruppe an. Sie sagten ihm, er solle zu einem Gebäude in der Nähe der Talaat-Harb-Straße laufen. Als er in die Straße kam, sah er schon die Gruppe von Männern. Die OpAntiSH-Freiwilligen versuchten gerade, ein weiteres Opfer in das Gebäude zu ziehen. Mohamed bahnte sich seinen Weg durch die Menschen, die wie üblich Dinge schrien wie: „Ich versuche, ihr zu helfen“ oder „Das ist meine Schwester.“ Sie merkten sofort, dass Mohamed keiner von ihnen war, und fingen an, auch ihn anzugehen. Sie schlugen ihn mit Messergriffen und bissen ihm sogar in die Brust—all dies überzeugte Mohamed nur noch mehr davon, dass diese Übergriffe koordiniert werden. In diesem Moment zündete jemand auf dem Platz ein selbst gebasteltes Leuchtfeuer. Alle warfen sich auf den Boden, während Mohamed und der Rest der Freiwilligen das Opfer schnappten, das Eisentor des Gebäudes schlossen und sich drinnen versteckten. Er rettete in dieser Nacht noch eine weitere Frau, die gegen Mitternacht vom Rettungsdienst in das Kasr-Al-Aini-Krankenhaus gebracht wurde. Sie war mehrfach mit Messern penetriert worden und verblutete fast, das staatliche Krankenhaus wies sie jedoch ab. Das ägyptische Gesetz schreibt Krankenhäusern vor, bei Opfern von Straftaten ein forensisches Gutachten zu erstellen. Man sagte den Freiwilligen, dass erst am nächsten Tag um 18 Uhr wieder ein Gerichtsmediziner verfügbar sei. Das private Heliopolis-Krankenhaus nahm die Frau dann auf, nachdem die Freiwilligen von OpAntiSH die Mitarbeiter angefleht hatten, sich um die sterbende Frau zu kümmern. Mohamed empfindet die Operation vom 25. Januar als zu gleichen Teilen erfolgreich und gescheitert. Die Freiwilligen von OpAntiSH haben einige Frauen retten können. Insgesamt griffen sie bei 15 der 19 in dieser Nacht gemeldeten Fälle von sexuellen Übergriffen ein. Wahrscheinlich wurden jedoch Dutzende weitere Vorfälle gar nicht erst gemeldet. Diese Operationen sind es, die Yasmine dazu angetrieben haben, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Freiwillige allein können diesen Kampf nicht gewinnen. Schon wenige Tage später, am 1. Februar, erzählten sie und ein weiteres Opfer, die Journalistin Hani Moheeb, ihre nahezu identischen Geschichten in einer Sendung des ägyptischen Fernsehsenders Al Nahar. Nach ihrem Fernsehauftritt boten mehrere Anwälte an, Yasmine zu vertreten. Die Polizei behauptet jedoch, keine Hinweise zu dem Fall zu haben—obwohl sie das Nummernschild des weiße Skoda herausgefunden hat, der ihr über die Haare gefahren ist, es zahlreiche Spuren auf ihrer Kleidung gibt, die sie in der Nacht des Übergriffs trug und viele Youtube-Videos von ähnlichen Angriffen existieren, die Augenzeugen aufgenommen haben. (Laut einem Privatdetektiv, den Yasmine nach dem Vorfall engagierte, gehört das Auto einem Mitglied der politischen Partei Mursis.)

Tahrir-Platz am 28. Januar 2011

Yasmine kämpft trotz allem weiter. Am 30. Juni, ein Jahr nach der Wahl Mursis zum Präsidenten, als Aktivisten und Bürger sich versammelten, um seinen Rücktritt und eine Anklage wegen Amtsmissbrauchs zu fordern, stand sie trotz der Gefahr, erneut Opfer eines sexuellen Übergriffs zu werden, unter den Demonstranten. Inmitten der Menschenmenge, in der sich die 34 Grad im Schatten wie 60 anfühlten, lief sie stundenlang und rief: „Erhal!“–„Verschwinde!“ zu Mursi, der am 3. Juli vom Militär abgesetzt wurde. Yasmine weigerte sich, eine Waffe zu tragen, scharte jedoch zu ihrem Schutz sechs männliche Freunde um sich. Am Ende blieb sie unverletzt, HarassMap und OpAntiSH meldeten jedoch allein am 30. Juni 46 sexuelle Übergriffe auf dem Tahrir-Platz. Auch nachdem Mursi und die Muslimbruderschaft entmachtet worden waren, nahm die Anzahl der Übergriffe durch Gruppen von Männern weiter zu. Am 5. Juli waren es bereits 169 Fälle, 80 davon passierten allein in der Nacht des 4. Juli. Sollte die Muslimbruderschaft tatsächlich hinter den Angriffen stehen, könnte das bedeuten, dass der Kampf noch nicht vo­rüber ist. Auch während dieser Text verfasst wurde, ging die Muslimbruderschaft wieder gegen das Militär vor, um ihre ehemalige Machtposition wiederzuerlangen. Die Ägypter befinden sich auf dem unsicheren Weg hin zu Stabilität und es liegt auf der Hand, dass auch die Frauen des Landes aufstehen und an dem Kampf teilhaben müssen. „Es kann keine Lösung sein, weniger Frauen auf den Tahrir-Platz zu schicken“, sagte Mohamed mir. „Das ist alles geplant. Die [Organisatoren] schicken eine bestimmte Anzahl an Männern auf den Platz, um die Mädchen zu isolieren und zu vergewaltigen. Wenn zehn Männer kommen und nur ein Mädchen finden, fällt es ihnen leicht, sie zu überwältigen. Tauchen aber 20 Mädchen zusammen auf, wären [die Vergewaltiger] in der Unterzahl und wir könnten jeden Angriff mit Leichtigkeit abwehren.“

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