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Achselfett, Leichen-Selfies und verschwundene Penisse: Einblicke ins Medizinstudium

Wenn du ständig von Toten umgeben wärst, dann wärst du vielleicht auch ein wenig wunderlich. Medizinstudenten erzählen vom Umgang mit Leichen.
24.8.15
Bild der Pathologie

In letzter Zeit denke ich viel über den Tod und den Prozess des Sterbens nach. Ich weiß, das sind nicht gerade die schönsten Gedanken. Es gibt viel nettere Sachen, über die man nachdenken kann als den eigenen Tod. Es ist ein schwieriges Thema. Wir wissen alle, dass der Tod irgendwo da draußen auf uns wartet, doch viele von uns finden es extrem unangenehm, darüber zu reden.

Medizinstudierende scheinen dieses Problem allerdings nicht zu haben. Sie werden täglich an den Tod erinnert und können anscheinend dank ihres eigenen, makabren Humors darüber lachen. Ich habe mich mit ein paar rumänischen Studenten zusammengesetzt und sie gefragt, wie es sich anfühlt, so viel Zeit mit Leichen zu verbringen. Nach unserer Unterhaltung kann ich mir nicht vorstellen, meinen Körper jemals der Wissenschaft zu spenden.

Rosinen

„Manchmal entwickelst du eine emotionale Bindung zu einem gewissen Leichnam. Wenn du ihn im Laufe des Semesters so oft gesehen hast, dann hoffst du, bei der praktischen Prüfung denselben vor dir zu haben. Manche der Leichen, die ich gesehen habe, hatten weit geöffnete Augen, aber sie sahen kaum noch wie Augen aus—sie ähneln mehr Rosinen. Das Leben ist schon eine empfindliche Sache. Nach dem Tod kommt höchstwahrscheinlich nichts mehr."

— Alina, Studierende im 4. Jahr

Keinen Appetit auf Reis

„Mein Anatomieprofessor hat mir erzählt, sie würden Leichen konservieren, indem sie sie im Keller der Universität an Seilen in ein Becken voller Formalin tauchen. Das wollte ich immer mal sehen, aber bisher durfte ich nicht rein.

Einmal bekamen wir eine Leiche, bei der der Penis abgeschnitten worden war. Das war ein ziemlich unangenehmer Anblick, vor allem für die Männer. Das Schlimmste, das ich bisher gesehen habe, war Achselhöhlenfett. Es hat so sehr nach Reis ausgesehen, dass ich ein Jahr lang keinen mehr essen konnte."

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— Alin, Studierender im 3. Jahr

Ein Leichenseziertisch | Foto: Phyzome | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Kalt wie eine Leiche

„Die meisten Leichen, die wir bekommen, sind schon seziert worden. Selbst dann ist es extrem nützlich, sich durch die Teile zu wühlen, denn es besteht ein riesiger Unterschied zwischen den bunten Farben und klaren Linien, die du in deinem illustrierten Anatomie-Atlas siehst, und der Realität.

Ich denke eigentlich viel über den Tod nach. Früher habe ich hauptsächlich daran gedacht, dass Leute, die mir nahestehen, sterben werden, aber in letzter Zeit denke ich viel über meinen eigenen Tod nach. Leider werden wir es alle erleben—manche von uns auf brutalere Weise als andere. Letzten Winter habe ich gesehen, wie einer meiner Kommilitonen von einem Laster überfahren wurde, und mir ist dadurch aufgegangen, dass wir als Medizinstudenten viel zu oberflächlich sind und bei Weitem nicht genug auf die Leute in unserer Umgebung achten. An der Uni wird uns beigebracht, über den Tod Witze zu reißen und neben Leichen zu essen und all sowas. In gewisser Hinsicht hat es uns genau so kalt werden lassen wie sie."

— Adelina, Studierende im 3. Jahr

Gesalzene Leichen

„Der Geruch von Formalin—das Zeug, mit dem Leichen konserviert werden—macht mich immer hungrig. Es hat eine bestimmte Note. Um die Leichen vor der Verwesung zu bewahren, bestreuen wir sie mit Salz. Zusammen mit dem Formalin ergibt es einen seltsamen Geruch, der an Essen erinnert.

Klar hab ich Angst vorm Sterben, aber das wird mit uns allen passieren, ob es uns gefällt oder nicht. Ich bin bloß dankbar, dass ich die Möglichkeit bekommen habe, so viele Dinge zu lernen. Das hält mich am Ball."

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— Andrei, Studierender im 4. Jahr

Masturbations-Puppentheater

„Ich mag Leichen ziemlich gerne, denn im Gegensatz zu lebendigen Menschen sprechen sie nicht. Als ich anfing, mit Leichen zu tun zu haben, fiel es mir schwer, zu glauben, dass sie jemals gelebt hatten. Ein lebender Mensch und ein toter Mensch fühlen sich an wie zwei verschiedene Dinge.

Einmal hat mich ein Studienkollege herausgefordert, einen Leichnam zum Lächeln zu bringen, also habe ich die Wangen zurückgezogen und es gemacht. Mein Kollege nahm daraufhin die Hand des toten Mannes und bewegte sie, als würde er masturbieren. Es war lustig—vor allem, weil unser Dozent mitgelacht hat."

— Cristian, Studierender im 3. Jahr

Winkelschleifer

„Einmal hatten zwei Assistenten Probleme damit, das Gehirn aus dem Kopf einer Leiche zu entfernen, also haben sie mich zur Hilfe gerufen. Nachdem wir ihn etwa eine halben Stunde lang mit einem Winkelschleifer und einem Meißel bearbeitet hatten, waren wir endlich durch den Kopf durch. Glaub mir, es ist unangenehm zu hören, wie der Schädel eines Menschen in deinen Händen zerbricht.

Heutzutage wird der Tod als eine Tragödie gesehen, obwohl er das Natürlichste auf der Welt ist. Allerdings ist es schon schrecklich, Zeuge zu sein, wie jemand einen Herzinfarkt hat. Oder mitzukriegen, wie ein 30-Jähriger, dessen Frau schwanger ist, gesagt bekommt, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat."

— George, Studierender im 4. Jahr

Leichen-Selfies

„Die Leute machen überall Selfies, also warum nicht auch in der medizinischen Fakultät? Ein Selfie mit einer Leiche zu machen, ist nicht schwieriger, als Fensterputzer sein und beim Fensterputzen ein Selfie zu schießen. Der einzige wirkliche Unterschied ist, dass man für Ersteres Stress mit dem Ethikausschuss kriegen kann. Laut den aktuellen Regelungen sind Leichen-Selfies verboten.

Laborwitze sind meist ziemlich makaber—die Leichenhalle ist nicht wirklich ein Ort für Political Correctness. Aber ich habe auch noch nie jemanden getroffen, der ein Problem damit hätte oder der nicht den Humor im Umgang mit Leichen sieht. Einmal habe ich den Stift meines Kumpels in einer Leiche versteckt und wir haben Suchen gespielt. Ein anderes Mal hat einer meiner Freunde eine Leiche zu Weihnachten als Nikolaus verkleidet."

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— Bogdan, Studierender im 6. Jahr

Der verschwundene Penis

„Einmal hat uns ein Dozent erzählt, dass der Penis einer Leiche einfach verschwunden war. Anscheinend hatte jemand ihn abgeschnitten und mit nach Hause genommen. Es werden jede Menge Nekrophilie-Witze gemacht, meist unter Alphamännchen. Zeug wie: ‚Hey, wenn du einen Fick brauchst, im Labor gibt's jede Menge heiße Frauen.'"

— Ciprian, Studierender im 1. Jahr

Wiedersehen im Zug

„Zirka eine Woche, nachdem ich eine Frau seziert hatte, glaubte ich, sie neben mir im Zug zu sehen. Sie sah haargenau so aus. Ich hab sie eine Weile angestarrt, um festzustellen, ob sie es ist. Ich hatte keine Angst oder so—solche Dinge machen mir keine Sorgen. Das Studium hat mich aber schon ein wenig erschüttert. Es hat mich dazu gezwungen, viel mehr über den Vorgang des Sterbens nachzudenken—hauptsächlich über den Verwesungsprozess."

— Paula, Studierende im 3. Jahr