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Ich habe mir in Basel einen RFID-Chip implantieren lassen

In meiner Hand steckt jetzt ein Stück Zukunft und das fühlt sich gut an—paranoide Verschwörungstheoretiker inklusive!
17.9.15
Titelbild vom Autor

Manchmal wird man sich der Tragweite seiner Entscheidungen erst im Nachhinein bewusst. Ein dummer Spruch kann Freundschaften zerstören, ein Blick dich mit der Liebe deines Lebens zusammenführen und der Satz „Ein Bier noch" kann dir den übelsten Kater deines Lebens bescheren.

„Über die Zukunft kann man keine Aussagen machen", hat ein Philosoph mal gesagt. Was ich nun seit letzter Woche weiss: Mit einem Daten speichernden RFID-Chip unter deiner Haut versetzt du nicht nur Verschwörungstheoretiker in Angst und Schrecken.

Zugegeben: Als ich letzte Woche an die ineltec. Die Technologiemesse für Gebäude und Infrastruktur in Basel fuhr, um mich chippen zu lassen, machte ich das auch ein wenig des Schock-Faktors wegen. RFID-Chip, das klingt nach Science-Fiction, nach Cyborgs, 1984 und New World Order. In Filmen sind sie uns alle schon begegnet, wilde Gerüchte finden sich im Netz, doch wenn wir ehrlich sind: So richtig auseinandergesetzt hat sich damit noch kaum jemand von uns. Auch ich nicht.

Im Eingangsbereich der Halle der Basler Messe treffe ich unsere Praktikantin Sascha. Ich frage, ob sie an der Messe schon krassen Sci-Fi-Scheiss gefunden habe und denke dabei an Cocktail mixende Roboter, an Hologramm-Telefone und quasi-menschliche Betriebssysteme wie Samantha aus Spike Jonze's Film Her.

Dieses und alle anderen Fotos im Text von Sascha Britsko.

Sie verneint. Das sei hier mehr eine Art Elektriker-Besäufnis, ein Würstchen-Fest, sagt sie und meint nicht die Hot Dogs, die ein Stand in Kombination mit Bier zwecks Kunden-Akquisition kostenlos verteilt. Mit Letzterem in der Hand machen wir uns auf die Suche nach dem ominösen Aussteller RFID choreographics.

Die Zukunft majestätisch ausgestellt

Zwischen all den Handwerkern und Unternehmern wirkt die ganze Chipping-Sache noch abgedrehter, noch futuristischer, noch unwirklicher. Während ich Theoretiker da bin, um die Verschmelzung von Mensch und Maschine, Bio Engineering und Brave New World zu ergründen, geht es den Praktikern um so handfeste Dinge wie Kabel, Bohrer und LED-Stripes, um Material und Werkzeug, um Arbeit und Geld.

Dass wir den Chip-Stand dann ganz hinten in der Halle finden, wo sogar das Licht etwas schummriger, geheimnisvoller zu sein scheint, passt daher ganz gut. Eine Rückwand mit Banner, davor ein Tisch, drum herum Leute und zuvorderst, in einer Vitrine: die nicht einmal 1.5 cm lange Kapsel mit dem Chip drin. Die Zukunft majestätisch ausgestellt—begehrenswert, wertvoll, wie eine Luxus-Uhr an der Basel World.

An dieser Stelle muss ich vielleicht festhalten: RFID choreographies ist keine Firma, kein innovatives Start-Up, dass das grosse Geld mit der menschgemachten Evolution riecht, sondern ein Projekt des Aktionskunst-Duos Blöchle/Fornezzi im Rahmen der Treibstoff Theatertage Basel. Es geht um die Verbindung von Kunst und Wissenschaft, um Netzkultur und die wirtschaftlichen, intellektuellen, gesellschaftlichen Fragen, die zum Beispiel so ein RFID Chip aufwirft. Also alles nur Show?

Was bei Tieren geht, geht auch beim Mensch

„Kann ich mich hier chippen lassen?", frage ich den kräftigen Mann mit Bart, Mütze, Mundschutz und Einweghandschuhen, der mir für den Vorgang verantwortlich zu sein scheint. Er bejaht und ich frage: „Wann?" Er antwortet: „Jetzt!" Ich schlucke leer, sage: „OK, aber vorher hätte ich noch ein paar Fragen."

Deady Lee, so nennt sich der Bodymodder, der ansonsten im Zürcher Mitico Bodycult Körper verschönert, rekapituliert: Er sei der erste in der Schweiz gewesen, der RFID Chips zu implantieren begonnen habe. „Eine befreundete Tierpflegerin wollte wissen, wie es sich für die Katzen und Hunde anfühlt, bei denen das ja obligatorisch ist. Aber diese Chips kann man nicht programmieren, dort steht lediglich eine Datenbank-Nummer drauf. Also hab ich nach Alternativen gesucht."

So spannend das Ganze auch ist: Angesichts der bevorstehenden Prozedur interessieren mich eher profane Sachen. Sowohl Deady als auch Fornezzi sind bereits gechippt. Wie lange das Ding funktioniere? „15 bis 20 Jahre sicher." Komplikationen? „Bis jetzt eigentlich nie." Ob ich mit Terroralarm rechnen müsse am Flughafen? „Letzte Woche war ich in Barcelona—überhaupt kein Problem!" Nur bei einem MRI, das er letztens hätte machen müssen, sei ein wenig Chaos ausgebrochen, wirft Dominik Fornezzi ein: „Die waren komplett überfordert damit, glaubten mir zuerst nicht einmal. Am Ende hat dann aber alles geklappt."

Wie ein Bienenstich

Ich unterschreibe die Piercing-Vereinbarung auf dem Tisch. Als Deady seine Handschuhe wechselt, den Chip, das Werkzeug—eine Art überdimensionierte Spritze—vorbereitet und ich meine linke Hand hinhalte, hat sich bereits ein Gruppe Schaulustiger um uns versammelt. „Wie ein Bienenstich", beschreibt er den Schmerz. Wie viele Leute er heute schon aufgerüstet habe, frage ich. „Erst einen", sagt er und ich werde noch etwas bleicher als sowieso schon. Zirka 180 Personen hätten in der Schweiz mittlerweile einen RFID Chip drin, rund 100 davon habe er eingesetzt. Die Skepsis sei halt immer noch gross.

Ich bin auch skeptisch, halte die Luft an und stell mir eine unschuldige Biene vor, als die Nadel zwischen meinem Daumen und Zeigefinger ins Fettgewebe sticht. Der Vorgang, wie Deady mir die Kapsel unter die Haut stopft, ist nicht gerade elegant, doch schon noch nach wenigen Minuten (inkl. Blutung stillen) krieg ich meine Hand zurück. Darin gut versorgt: ein Stück Technik, Fortschritt, Zukunft. Mein Kopf glüht, wahrscheinlich vom Adrenalin.

„Jetzt kann man dich überall orten", sagt Sascha. Dagegen wehrt sich Fornezzi bestimmt: Das Signal (NFC—Near Field Communication) reiche gerade mal ein paar Zentimeter weit. Auch sonst steckt die Technologie noch in den Kinderschuhen, das Potential sei aber immens. Programmierer und Hacker schreiben kontinuierlich an den verschiedensten Anwendungen.

Der Fokus liegt dabei momentan auf Schlüssel- und Passwortdiensten (Haustüren, Autos, Handys, E-Banking). Ich begnüge mich vorerst mit meinen Kontaktdaten. Einmal Handy (ausser iPhones, da Apple den Dienst gesperrt hat) an meine Hand und schon kann man Telefonnummer und Adresse speichern.

Smalltalk und Weltuntergang

Das Foto vom Eingriff, welches ich auf dem Nachhauseweg auf Facebook poste, kriegt in Windeseile 20 Likes und genauso viele Kommentare, auch besorgte, irritierte. Auf das Ammenmärchen von der totalen Überwachung und vom Orten entgegne ich mein gerade erhaltenes, neues Wissen. Als ich abends in der Bar einem Bekannten, einem Pfarrersohn, den Verband an meiner Hand erkläre, kann er es zuerst kaum glauben, ruft aus, zititert aus der Offenbarung:

Wenn jemand das Tier anbetet und sein Bild und nimmt das Zeichen an seine Stirn oder seine Hand, der wird von dem Wein des Zorns Gottes trinken …

Die Bibel, Johannes 14,9

Mittlerweile, nach ein paar Tagen, ist die Schwellung abgeklungen, die Einstichwunde praktisch verheilt. Deutlich zeichnet sich die Kapsel jetzt parallel zu den Fingersehnen auf meinem Handrücken ab. Mit der App, die Beady mir empfohlen hat, habe ich versucht, weitere Informationen auf den Chip zu laden, was leider noch nicht funktioniert hat.

Während der Rest der „ineltec."-Aussteller aber versuchen, die Gegenwart mit praktischen Lösungen wie über Handy schliessbare Fenster oder unkaputtbaren Kabel zu polieren, sind RFID choreographies Vorboten der Zukunft. Und ob diese gut oder schlecht ausfallen wird oder—wie so oft—irgendwo dazwischen, kann man eben nicht voraussagen.

Sollte sich die Technologie jedenfalls durchsetzen, bin ich ready. Bis dahin streichle ich in einer Gruppe von Menschen liebevoll über meine Kapsel und schon dreht sich das Gespräch nur noch darum. Dieser Chip hat auch etwas Narzisstisches an sich. Und endzeitliche Christen erschrecken beziehungsweise paranoide Verschwörungstheoretiker trollen geht jetzt noch einfacher.

Ready für RIFD in deiner Haut? Für 160.- Franken gibt es bei Mitico Bodycult 868 Byte Speicherplatz implantiert.

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