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Schlepper und Fluchthelfer sollten nicht dasselbe sein

Verbrechen oder Heldentat, Krimineller oder helfende Hand. Wann ist ein Schlepper Schlepper?
10.8.15
Foto: Wikimedia/Public Domain

Eine neue Kampagne des Künstlerkollektivs „Peng!" soll Menschen bewusst machen, dass jeder Mensch vor allem innerhalb des Schengenraums Fluchthilfe leisten kann und dies auch tun sollte. Alles, was man dafür braucht, ist ein freier Platz auf der Rückbank bei der Urlaubs-Heimreise. Die Kampagne fluchthelfer.in unterstützt bereitwillige Helfer dann in organisatorischen und rechtlichen Fragen, etwa wie man sein Auto präparieren sollte oder sich im Falle einer Festnahme auf das Aussageverweigerungsrecht berufen kann.

Eine fremde Person über die Grenze schmuggeln und damit zum Fluchthelfer werden—oder eben auch zum Schlepper. Es ist schwierig, eine klare Linie zwischen den beiden Begriffen zu ziehen—falls es denn überhaupt eine gibt. Sind es die Absichten? Die Rechtslage? Der Umgang mit den Menschen? Die Bezeichnungen könnten nicht unterschiedlicher behaftet sein. Während „Fluchthelfer" ganz einfach nach einer anständigen Person klingt, hört sich „Schlepper" eher wie der Todesengel an, der dich qualvoll über eine Grenze zerrt und dir anschließend skrupellos alle Knochen bricht.

Norbert Kittenberger, Leiter der Rechtsabteilung von Asyl in Not, erklärt mir auf meine Nachfrage: „Es gibt unterschiedliche Weisen, die man zwischen den Begriffen differenzieren kann. Rein rechtlich gesehen wird nicht zwischen Schleppern und Fluchthelfern unterschieden—sprachlich jedoch sehr wohl, weil sie anders behaftet sind. Eine Art, oder ein Versuch, diese Begriffe zu trennen, wäre vielleicht diese: Schlepper bieten eine Dienstleistung, die sie ausnahmslos gegen Geld verrichten. Ein Fluchthelfer hingegen verlangt maximal einen Ersatz des Aufwands. Benzinkosten zum Beispiel. Sie sind sozusagen das, was wir als ,vernünftig' einstufen würden."

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Fluchthelfer sind jedoch nicht immer die bösen Menschenhändler, für die sie von der breiten Masse gehalten werden. Sie wollen vor allem eines: Geld, möglichst schnell und effizient. Wenn man also differenzieren möchte, dann zwischen organisierten Banden, die Flüchtlingen bis zu 10.000 Euro abknöpfen, um sie später auf nicht seetüchtigen Frachtern ihrem Schicksal zu überlassen auf der einen Seite, und Helfern, die Menschen in Not ein Zugticket kaufen oder eine Mitfahrgelegenheit bieten auf der anderen.

Schlepper handeln nicht aus Mitgefühl, sie streben nach Profit. Der schlechte Ruf, der ihnen vorauseilt, ist für Kittenberger trotzdem nicht in jedem Fall gerechtfertigt. Zwar gäbe es sicherlich welche, die ihm durchaus gerecht würden, aber nicht alle, die ihren Unterhalt mit Menschen in Not verdienen, entsprechen dem Bild des bösartigen Menschenhändlers, das von Medien verbreitet wird. „Ein Taxifahrer, der jemanden von Budapest nach Wien mitnimmt, fällt da ja auch schon rein. Vom Gesetz her ist auch er Schlepper", so Kittenberger. Rein rechtlich gesehen sind also beide Schlepper.

Wenn man von Schleppern liest, wird der Begriff meistens in direktem Zusammenhang mit organisierter Kriminalität, Menschenschmuggel und mafiösen Banden erwähnt. Daneben gibt es auch noch Schleuser, Schmuggler oder Händler. Dass in der Sprache aber immer auch Politik eine Rolle spielt, merkt man besonders deutlich, wenn man sich den Wandel der Begriffe über die Zeit ansieht. Während des Kalten Krieges war die Fluchthilfe aus dem deutschen Osten hinüber in den Westen noch als ehrenhaft, beinahe schon als Heldentat angesehen.

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„Der Ostblock war ja ideologisch gesehen der Feind. Anhand der Flüchtlinge konnte man quasi beweisen, dass denen die Menschen davonlaufen", erklärt mir Dr. Gabriele Anderl. Sie organisierte bereits im vergangenen Jahr ein Symposium der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung namens „Schleppen, schleusen, helfen" und ist der Meinung, dass die Grenze zwischen Schleppern und Fluchthelfern inzwischen sehr verschwommen ist. Natürlich gäbe es Ausbeutung—aber nicht jeder, der Menschen zur Flucht verhilft, ist automatisch Menschenhändler.

„Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs hat man ja grundsätzlich von Fluchthelfern gesprochen", erklärt Kittenbauer weiter. „Die Situation war zwar eine andere, aber der Grenzübertritt selbst war damals genau so illegal, wie er es heute ist." Als der Eiserne Vorhang gefallen war, habe man von der Politik aus den Diskurs gesteuert. Fluchthilfe wurde kriminalisiert.

Flüchtlinge vor Lampedusa. Foto: Defense Visual Information Center | Wikimedia | Public Domain

Damit wurden nicht nur Grenzübergänge, sondern indirekt auch die Rettung von Leben als Verbrechen stigmatisiert. Mir persönlich—der sich zugegebenermaßen mit der Thematik wie viele Menschen erst seit kurzem beschäftigt—will sich das immer noch nicht so ganz erschließen. Anderl bezeichnet den aktuellen (zumindest bei Rechts herrschenden) Konsens, die Schlepper wären das größte Problem an der gesamten Flüchtlingsdebatte, als „irrsinnigen Topfen". Schlepperei sei die Konsequenz, nicht der Auslöser der Probleme.

„Im Zweiten Weltkrieg wäre die Opferzahl auch weitaus höher gewesen, hätte es nicht illegale Grenzübergänge im ganz großen Stil gegeben", so Anderl. Solche Übertritte geschehen nicht etwa, weil es den Leuten Spaß macht, aus ihrer Heimat zu fliehen, sondern vielmehr aus Notwendigkeit. Statt um die Schlepper solle man sich um die Ursachen kümmern und vor allen Dingen legale Migrationsmöglichkeiten schaffen.„Eine Lösung wäre, die Grenzen aufzumachen." Was dann wohl passieren würde, darüber hat auch schon ein Experte für uns nachgedacht.

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Eine solche Grenzöffnung würde nicht nur zur Entkriminalisierung führen, sondern den Wirtschaftszweig der Schlepper generell überflüssig machen. Damit wäre dann auch der Streit um die Begrifflichkeit beendet—und noch so viel mehr. Der heutige negative Beigeschmack, der dem Ausdruck vielleicht sogar gebührt, färbt jedenfalls zu Unrecht auf Fluchthelfer ab; gleichzeitig soll aber auch nicht verharmlost werden, dass vor allem Flüchtlinge selbst unter kriminell organisierten, profitorientierten Schlepperbanden leiden.

Jemand, der 42 Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche, auf engstem Raum eingepfercht und ohne Frischluftzufuhr in einem Kastenwagen transportiert—wie kürzlich erst auf der Ostautobahn geschehen—, verdient sich den Titel Schlepper und sämtliche unmenschlichen Assoziationen, die der Begriff mit sich bringt. Die Flüchtlinge sind nach solchen Schlepperaktionen meist dehydriert und körperlich sowie psychisch in einer erwartungsgemäß schlechten Verfassung.

Wenn man Flüchtlinge davor bewahren kann, auf solch unmenschliche Weise transportiert zu werden, erscheint einem Hilfe zu leisten als das Richtige. Das Problem mit einem Projekt wie fluchthelfer.in ist, dass es wohl die Debatte, die es auslösen will, gleichzeitig im Keim erstickt, weil es am Ende doch zu einem Verbrechen aufruft. Auch, wenn es sich um ein Verbrechen handelt, das Menschenleben retten kann.

Franz auf Twitter: @FranzLicht


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