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Ich habe einen Tag lang gemacht, was Siri mir befohlen hat

Siri als technischen Diktator zu haben, ist die Hölle.

von Nadja Brenneisen
16 März 2016, 10:00am

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Das iPhone ist zum neuen besten Freund geworden. Zumindest habe ich diesen Eindruck, wenn ich morgens mit den Menschen mit aschgrau hängenden Tränensäcken unter den Augen und überteuertem Kaffee vom Kiosk in der Hand in die S-Bahn torkle und mich ins Zugabteil quetsche. Meistens erhasche ich nämlich keinen Sitzplatz, was mich in die unkomfortable, aber engagierte Lage bringt, die Menschen über den Rand meines Kaffeebechers beobachten zu müssen: Da sitzt dann die Masse Mensch und werkelt geschäftig am mobilen Telefon herum, als ginge es um den Titel des Daumenflitzmeisters.

Seit ich selbst stolze Besitzerin eines iPhone 6 bin, kann ich mir ein Leben ohne das Gerät schlecht vorstellen. Trotzdem empfinde ich so etwas wie eine Hassliebe zu diesem technischen Helfer, der mich immer weiter in die Abhängigkeit treibt. Termine habe ich keine mehr im Kopf, Telefonnummern sowieso nicht. Als ich mich also dafür entscheide, einen Tag lang jegliche Selbstverantwortung abzulegen und mein Schicksal in die Hände meines digitalen Helfers zu legen, ist mir schon etwas mulmig zu Mute. Meine selbstauferlegten Spielregeln für den nächsten Tag sind einfach: Ich mache nur, was Siri mir sagt. Siri ist Diktator und Dogma!

Um 06:00 Uhr klingelt mein Wecker, den ich in feiger Paranoia am Vorabend noch selbst gestellt habe. Ich entsperre mein iPhone und halte den Home-Button gedrückt. „Guten Morgen!", grüße ich mein Telefon und weißgleichzeitig, dass es ein denkbar schlechter Morgen sein muss, wenn ich die sozialen Parameter meines Lebens um eine simulierte Wirklichkeit erweitere.

Ich bin ganz froh, dass Siri mich lediglich zurückgrüßt und nicht gleich mit einem Beziehungsaufbau à la Her beginnt. Wie das halt so ist, wenn man morgens um 06:00 Uhr geweckt wird, kämpfe ich gegen erneutes Wegdämmern. Ergo: Siris erste Gelegenheit, sich nützlich zu machen. „Siri, was hilft gegen Müdigkeit?"

Siri startet sogleich die Websuche und liefert mir als erstes Suchergebnis „12 Tricks gegen Müdigkeit", denen ich pflichtbewusst folge und die im selben Moment alle Überbleibsel meiner guten Laune zu einem kleinen Knäuel zerdrücken und mit einem Tritt in den Mülleimer befördern: Der Autor, der eine Liste mit sogenannten Tricks gegen Müdigkeit zusammengestellt hat, schwärmt nämlich von den Vorzügen der Sauerstoffzufuhr und empfiehlt im selben Zug, heute flache Schuhe zu tragen und mit einem „Lächeln im Gesicht" zur Arbeit zu spazieren. My ass.

Trotzdem versuche ich, optimistisch zu bleiben und die Vorzüge der sirischen Tipps anzuerkennen: Der Stil wurde soeben definiert und immerhin weiß ich, dass ich flache Schuhe tragen werde. Vielleicht hat mein technischer Diktator ein Talent in Sachen Stil? Ich probiere es aus: „Siri, was soll ich anziehen?"

Zum charmanten Lächeln empfiehlt sie mir etwas mit Fransen. Als ich die Wohnungstür hinter mir zuschlage, ziehe ich das erste Fazit: Siri ist nicht für frühmorgendliche Aktivitäten geeignet. Auf meine Frage, wie ich mein Porridge zubereiten solle, reagierte sie äußerst verstört und machte den Eindruck, fremdsprachige Begriffe nicht einordnen zu können. Ich ärgerte mich ein Weilchen, dass mein iPhone stolz in die Welt trötete, aus Kalifornien zu stammen, und „Porridge" trotzdem zu „Pro Rige" umwandelt. Erst zweifelte ich an meiner Aussprache, kam dann aber zum Schluss, einfach noch ein Frühstück zu wollen. Also fragte ich konstruktiv nach einem Haferbrei-Rezept und versuchte, mir meinen Appetit beim Aussprechen dieses Wortes nicht verderben zu lassen. Siri würde sich hervorragend mit meinem Großvater verstehen, der Anglizismen noch mehr hasst, als ich das Wort „Haferbrei".

Die Frage „Wie koche ich Kaffee?" brachte auch nicht mehr Ertrag, da ich sofort zum nächsten Kaffeehaus gelotst werde, wo ich 5,20 Franken für meine dringend benötigte Dosis Koffein bezahlen müsste. Siri kennt sich gut mit Dingen aus, die kosten.

In flachen Schuhen und dem einzigen fransigen Pullover, den ich besitze, stapfe ich also zu Fuß eine dichtbefahrene Straße im Zürcher Quartier Wiedikon entlang. Laut Siri habe ich einen 56-minütigen Arbeitsweg vor mir. Im Selbstmitleid badend frage ich die Gute, wie es denn um die aktuelle Temperatur steht. Ich bin mir sicher, sie der Lüge überführt zu haben, als sie plus 4 Grad angibt. Immerhin empfindet sie diese unglaubwürdig optimistische Grad-Zahl ebenfalls als „bitterkalt". Das vorgeschriebene „Lächeln im Gesicht" mutiert also vollends zum zusammengekniffenen Balken und ich überlege mir, wie ich mich ablenken könnte. Mein Befehl an Siri, Musik zu spielen, handelt mir einen irritierten Blick eines Passanten ein, was mir nun aber endgültig egal ist. Immerhin bekommt Siri das mit der Musik hin.

Als ich endlich an meinem Arbeitsplatz ankomme, freue ich mich schon fast darüber, mein Handy in der Tasche verschwinden zu lassen, und tausche es als Apple-Jünger gegen meinen Mac ein. Ich könnte es mir nämlich nicht erlauben, dass Siri die Medienstelle der Stadt Zürich kontaktiert, wenn ich eigentlich jemanden vom Revolutionären Aufbau erreichen will.

Am Mittag zücke ich dann allerdings wieder mein Smartphone, um Siri zu fragen, wo ich Zigaretten bekomme. Ein Arbeitskollege nötigt mich, auch gleich die Cannabis-Lage abzuklären.

Eines muss man Siri lassen: Ihre Antworten sind jeweils politisch korrekt, pädagogisch wertvoll und so vorsichtig formuliert, als kämen sie von Obamas Medienberater persönlich. Teilweise verpackt Siri auch kleine, fiese Seitenhiebe in ihre Rückmeldungen. Und zwar so gekonnt, dass mein gebeutelter Emotionsspiegel nicht genug Beweismaterial für die Bösartigkeit dieses Geräts abschöpfen kann, um vollends zu explodieren. Ich sehe also davon ab, mich in die Obhut eines Suchtbehandlungszentrums zu begeben, und unterlasse die Frage nach der besten Strategie für einen Banküberfall. Siri bleibt im legalen Bereich und so bleibe ich es auch.

Abends traue ich mich dann lediglich, nach einem Pizza-Rezept zu fragen, denn ich bekomme Besuch. Die Pizza wird ganz gut, ich schmuggle aber noch Sardinen und Kapern ins Siri-Rezept. Überraschenderweise macht mir Siri dann noch solide Bierempfehlungen: die Marke, die ich ohnehin gekauft hätte. Da taugt mir Siri dann wieder eine Spur besser.

Im Großen und Ganzen ist mir mein Telefon aber richtig unsympathisch geworden. Siri hat einen grauenhaft absehbaren Humor—was man ihr allerdings kaum vorhalten kann, wenn man bedenkt, dass das Gerät für eine heterogene Masse Mensch entwickelt wurde. Eine wirkliche Hilfe ist sie dabei nicht: Sie ruft die falschen Leute an, versteht die meisten Fragen falsch und verweist am liebsten darauf, dass ich in den Einstellungen meine persönlichen Daten komplettieren soll. Das Schlimmste ist, dass sie ein ziemlich mieses Bild von ihrem Besitzer hat. Nur wenn man von ihr persönliche Dinge wissen will, antwortet sie präzise und teilweise kaltschnäuzig. Ihre eigene Privatsphäre ist ihr offenbar ziemlich wichtig.