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Bitteres aus Bitterfeld – Wo die AfD am stärksten ist

Dieses Video zeigt die schockierende Einstellung der neuen AfD-Hochburg zu Flüchtlingen. „Warum muss ich mich von irgendwelchen Negern anbetteln lassen? Was geht mich das an, wenn der kein Geld und nichts zu fressen hat?"
15.3.16

Als hätten wir jetzt nicht schon die volle Packung Alternative für Deutschland und Wut-, Protest- und besorgter Bürger durch den Superwahl-Sonntag erhalten, dreht sich momentan viel um den von Spiegel Online veröffentlichten Videobeitrag, in dem eine Reporterin in Bitterfeld in Sachsen-Anhalt Bewohner der Stadt nach ihren Wahlentscheidungen fragt. Bitterfeld ist seit Sonntag landesweit mit 31,9% stärkster Standort der Alternative für Deutschland.

Die Antworten der Bürger Bitterfeld lesen sich wie ein Besorgter-Bürger-Knigge. Von „Es ist nicht so, dass wir direkt etwas gegen Ausländer hätten" über „Die Flüchtlinge haben mehr Rechte als die Deutschen" bis zu „Merkel hat viele Menschen nicht ernst genommen, also habe ich aus Protest gewählt" sind alle Satzbausteine für einen stereotypen AfD-Wähler enthalten.

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Dabei essen sie Döner, sitzen auf den aufgestellten Bänken der Fußgängerzone und beschweren sich bei hellblau strahlendem AfD-Himmel über ihr Leid von Wohnungsleerstand und das Unrecht, dass Geflüchtete schneller an Geld kommen als sie selbst.

Ein älterer Mann sticht aus den Befragten heraus. „Warum muss ich mich von irgendwelchen Negern anbetteln lassen?", sagt er. „Was geht mich das an, wenn der kein Geld und nichts zu fressen hat? Soll doch zu Hause bleiben." Er bejaht vehement die Frage, ob er denn generell etwas gegen Flüchtlinge hätte

„Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt" ist ein alter Reim aus dem Volksmund, der weniger etwas mit dem hohen Anteil an besorgten Bürgern zu tun hat, sondern mehr mit der Geschichte der Stadt—die von extremen Höhen und Tiefen lebt. Und um zu verstehen, warum in Bitterfeld so viele Menschen wie im Video herablassend von ihren eigenen Problemen auf die Geflüchteten schließen, sollte man sie kennen.

Bitterfeld im Juni 2014, Foto: Flickr | Nico Schröter | CC BY-ND 2.0

Im 19. Jahrhundert war Bitterfeld ein florierendes Wirtschaftsgebiet. Durch den Beginn des Braunkohleabbaus kam schneller Wachstum. Die Chemie-Industrie folgte, zu Zeiten des Ersten Weltkriegs expandierte sie nochmal enorm und Bitterfeld war bedeutendster Ort der europäischen Chlorchemie. Großkraftwerk neben Großkraftwerk und die Natur litt darunter. Die Umweltprobleme, die vor allem die veraltete Braunkohle-Industrie erzeugte, sind legendär—was Bitterfeld den Ruf als schmutzigste Stadt Europas einbrachte.

Nach der Wende kamen die großen Maschinen zum Stehen. Die Geheimhaltungspolitik der SED in Sachen Umweltschutz wurde aufgedeckt, Bitterfeld zum Musterbeispiel der starken Umweltverschmutzung der DDR-Politik. Auch wenn zeitweise alle Aspirin-Tabletten des europäischen Marktes aus Bitterfeld kamen und die Chemie immer noch den größten Arbeitgeber der Region darstellt, erlebte Bitterfeld extreme Arbeitslosigkeit von Teils über 20 Prozent.

Heute versucht Bitterfeld, sich den Ruf eines Naherholungsgebiets zu verschaffen, viel Geld wurde in die Renaturierung der Umgebung gesteckt. Die Arbeitslosigkeit lag im vergangenen Dezember bei 9,6 Prozent und liegt in etwa auf dem Landesdurchschnitt. Doch die starke Unzufriedenheit und das Gefühl, von den ganz Großen betrogen zu werden, ist augenscheinlich geblieben.