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Willst du wissen, was Hitler an deinem Geburtstag getan hat?

Harald Sandner hat 25 Jahre damit verbracht, jeden einzelnen Tag in Adolf Hitlers Leben zu dokumentieren.
20.4.16
Adolf Hitler
Foto: Bundesarchiv | Wikimedia | CC BY-SA 3.0 de

Adolf Hitler ist bereits seit über 70 Jahren tot — und trotzdem übt der größte Verbrecher der Menschheitsgeschichte immer noch eine fast ungebrochene Faszination auf die Deutschen aus.

Nicht nur, dass Hitler immer noch mit schöner Regelmäßigkeit auf jedem vierten Spiegel- und Titanic-Cover auftaucht—es erscheinen auch immer wieder zahlreiche neue Biografien, Geschichtsbücher und Dokumentationen über den Gröfaz. Die besseren davon schaffen es immerhin, neue Aspekte aus Hitlers Leben oder seiner Wirkung auf die Deutschen herauszuarbeiten. Aber eines hatten sie bis vor Kurzem alle gemein: Sie haben sich immer mal wieder in den Daten getäuscht.

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Harald Sandner hat das so geärgert, dass er es sich irgendwann zur Aufgabe gemacht hat, jeden einzelnen Tag in Hitlers Leben zu rekonstruieren. Sandner, der eigentlich als Kaufmann und IT-Experte in einem Logistik-Unternehmen arbeitet, hat daraufhin 25 Jahre damit verbracht, Dokumente, Fotos und Archiveintragungen zu sammeln und auf eigene Kosten Reisen in ganz Europa unternommen.

Herausgekommen ist Das Itinerar: Ein 2.400 Seiten starkes Buch, in dem nicht nur der Aufenthaltsort des Führers für jeden einzelnen Tag seines Lebens verzeichnet ist, sondern auch, mit welchem Verkehrsmittel er dort hingekommen ist und was er an dem jeweiligen Ort getan hat—bis hin zur Teilnehmerzahl bei Reden oder Veranstaltungen.

Ich habe Harald Sandner angerufen, um herauszufinden, wie jemand dazu kommt, jeden einzelnen Tag im Leben Adolf Hitlers nachzuzeichnen—und vor allem, ob es Spuren bei ihm hinterlassen hat.

VICE: Herr Sandner, wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet?
Harald Sandner: So 20 oder 25 Jahre—mit Pausen natürlich. Ich habe ja nicht nur das gemacht, sondern in den letzten 15 Jahren schon vier andere Bücher veröffentlicht, aber mit anderen Themen. Das Itinerar habe ich parallel gemacht—und jetzt endlich abschließen können. Wenn ich etwas anfange, dann mache ich es auch zu Ende—ich bin froh, dass ich im Vorfeld nicht wusste, was das für einen Aufwand bedeutet.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, das zu machen?
Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Geschichte. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass es immer wieder Widersprüche mit Daten gibt. Und je mehr ich nachgeforscht habe, desto mehr Fehler und Unstimmigkeiten habe ich entdeckt. Ich habe dann gedacht, dass es doch irgendwo eine Gesamtübersicht geben müsse—die gibt es aber nicht.

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Also habe ich angefangen, selber Daten zu sammeln. Zuerst habe ich das für die Jahre '33 bis '45 gemacht. Nach der Wende, als man Zugriff auf mehr Archive in der ehemaligen DDR und im Ostblock hatte, habe ich das ganze nochmal komplett überarbeitet.

Wie sind Sie dabei genau vorgegangen?
Im Prinzip habe ich erstmal einen Datenteppich aus allem gemacht, was schon greifbar war. Zum Beispiel: Dass Hitler am 1. September 1939 in Berlin war und eine Rede vorm Reichstag gehalten hat, das ist ja allgemein bekannt. Dann habe ich gezielt versucht, die Lücken zu füllen: Ich habe Archive angeschrieben und die Örtlichkeiten aufgesucht.

Sie sind kein Historiker von Beruf. Warum machen Sie sowas?
In meinem Hauptberuf mache ich auch etwas mit Datenverarbeitung, und da muss ich auch sehr auf Korrektheit von Daten achten. Und je mehr Fehler ich entdeckte, desto mehr war der Drang da, das ein- für allemal aus der Welt zu schaffen. Ich bin froh, dass es mein Werk jetzt gibt, damit Historiker das immer nachschlagen können und solche Fehler nicht mehr machen müssen.

Sind diese Fehler denn wirklich so wichtig?
Ich kann Ihnen da gerne ein Beispiel nennen. Nehmen wir Hamburg: Nach dem Krieg wurde jahrzehntelang kolportiert, Hitler habe Hamburg nicht gemocht, das sei ihm zu kühl und hanseatisch gewesen. Dann gab es aber eine Arbeit von Werner Johe, Hitler in Hamburg, da wurde das Ganze dann umgedreht. Der hat behauptet, dass Hitler außer Berlin, München und Nürnberg keine andere Stadt im Deutschen Reich so oft besucht hat wie Hamburg. Das stimmt natürlich auch nicht: Natürlich hat Hitler andere Städte öfter besucht, alleine Bayreuth und Weimar. Aber er hat um Hamburg auch keinen Bogen gemacht.

Haben Sie das Gefühl, Hitler durch diese Arbeit besser kennengelernt zu haben?
Natürlich bekommt man ein Gefühl dafür, wie er sich bewegt hat. Hannah Arendt hat mal gesagt, das entscheidende Charakteristikum einer totalitären Herrschaft ist die Uneindeutigkeit der Machtzentrale—und genau das hat Hitler personifiziert. Er hat ja kein Privatleben gehabt, sondern Entscheidungen dort getroffen, wo er war. Das kann man nicht an einem Ort festmachen.

Was haben Sie sonst noch über Hitler herausgefunden?
Es war auch sehr interessant zu sehen, wie langsam sich das Ganze entwickelt hat. Da gab es mal eine Rede 1920 mit 50 Zuhörern, dann wurden es 100, dann 300, dann 500 und so weiter. Das ganze Drama hat sich langsam entwickelt—und keiner hat erkannt, wohin die ganze Reise geht. Das kann man jetzt anhand meines Itinerars sehr schön nachvollziehen.

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Man hört ja oft, dass Hitler ein ziemlich flatterhafter Arbeiter war—manchmal arbeitete er Nächte durch, aber dann zog er sich auch mal ein oder zwei Wochen zurück und ging nur spazieren. Können Sie das jetzt bestätigen?
Das ist im Prinzip so. Er hat wochenlang scheinbar nichts gemacht. Er war ja ein Typ, der Entscheidungen lange vor sich hergeschoben hat—wenn er sie dann getroffen hatte, war die felsenfest und unumstößlich. Das war ja das Fatale.

Hitler 1935 in Nürnberg | Foto (Ausschnitt): Charles Russell Collection, NARA

Würden Sie sagen, dass Sie eine Faszination für Hitler haben?
Ich habe eine Faszination für korrekte Daten. Mir ging es rein um die Fakten—weil ich es einfach satt habe, dass Sachen kolportiert werden, die nicht stimmen. Meine Heimatstadt Coburg zum Beispiel: Hier wurde noch um die Jahrtausendwende behauptet, Hitler sei nur zweimal hier gewesen. Dabei war Coburg die erste deutsche Stadt, die Hitler die Ehrenbürger-Urkunde angetragen hat. Coburg war die erste NS-Stadt überhaupt, mit dem ersten nationalsozialistischen Oberbürgermeister und der ersten NS-Tageszeitung. Das wird bis heute unter den Teppich gekehrt, erst jetzt wurde eine Historiker-Kommission eingesetzt.

Ich halte es da mit Simon Wiesenthal, der gesagt hat: Aufklärung ist Abwehr. Wenn ich die Wahrheit auf den Tisch lege, dann kann keiner in die eine oder andere Richtung was herumdeuteln. Ich will einfach mit diesen Mythen aufräumen.

Glauben Sie, dass diese Arbeit heute wieder wichtiger wird?
Klaus von Dohnanyi hat mal gesagt: Wir müssen endlich begreifen, dass Goethe unser Goethe ist, und Bach unser Bach, und Hitler unser Hitler. Dann haben wir erst die Chance, darüber hinwegzukommen. Und dass noch viele im Kopf infiziert sind, das erleben wir ja gerade—zum Beispiel beim Thema NSU. Eine der Schlüsselfiguren, Tino Brandt, hat bei mir um die Ecke jahrelang gearbeitet. Das ist ja nichts Abstraktes, das habe ich hier vor der Haustür.

Ich hoffe, durch mein Werk auch ein bisschen dazu beigetragen zu haben, dass man jetzt sagen kann: So war es, ob uns das passt oder nicht.

Was machen Sie jetzt als Nächstes?
[Lacht] Mit dem Itinerar habe ich jetzt fast zehn Bücher geschrieben, mit insgesamt 11 Kilo Gewicht. Ich glaube, ich werde mich jetzt erstmal ausruhen.