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Warum eure Anti-AfD-Posts nichts bringen

Ihr denkt, es interessiert irgendeinen AfD-Wähler da draußen, dass ihr jetzt auswandern oder einen Zaun um Sachsen-Anhalt ziehen wollt?
16.3.16
Foto: imago | Mauersberger​

Die AfD bekommt also echte Sitze in mehreren Landtagen. Wie reagierst du? Drohst du mit Auswandern, oder möchtest du lieber diverse Bundesländer einfach einzäunen, Nicht-Wähler einsperren lassen oder doch erst mal nachschauen, was Erika Steinbach dazu gesagt hat?

Dass die Parteien-Travestie Alternative für Deutschland im Netz mittlerweile fast schon larger than life wirkt, ist nicht nur der Verdienst ihrer Anhänger—sondern auch der ihrer Gegner.

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In drei Landtagswahlen jeweils ein zweistelliges Ergebnis für die AfD, in Sachsen-Anhalt mit 24,2 % die zweitstärkste Partei. Eigentlich ein immenser Erfolg für eine quasi monothematische Partei, die größtenteils aus Amateuren und nicht aus Politikprofis besteht.

Doch schießt Frauke Petry vor Freude in die Luft, bestellt sich von Storch noch ein Creme-Törtchen on top? Nein, mit leeren Augen sitzen sie und ihre komischen Kollegen am Tisch. Die Rechtsaußen-Gruppierung befindet sich am Abgrund. Es muss nur noch ein Entschuldigungsschreiben aufgesetzt werden, dann kann man sich endlich auflösen. Und wessen Verdienst ist dieser erleichternde Kollaps? Natürlich deiner und all der anderen tapferen Clicktivisten, die sich so bravourös innerhalb ihres eigenen Netzwerks gegen die Partei erhoben haben.

AfD am Ende? Diese Story hat natürlich einen Haken, sie stimmt nicht. Bis auf … natürlich bis auf die Sache mit der folgenlosen, omnipräsenten Posting-Explosion zu dem Thema.

Wäre es nicht so beschissen, man könnte sich fast freuen, dass die Grenzen-Dicht-Partei dann doch auch ihr Gutes besitzt—und zwar einen Ego-Boost und Distinktionsgewinne für unzählige Social-Media-Timelines.

Der Empörungs-Flashmobber 2.0

Dieser Choreo, die der eigene Newsfeed letzten Sonntag veranstaltet hat, muss doch eine Absprache zugrunde gelegen haben. Kaum anders lässt sich der konzertierte News-Feed-Flashmob zur ersten Hochrechnung um Punkt 18 Uhr erklären (in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurden die Landesregierungen gewählt). So traf man sich dort mit hunderttausend Gleichgesinnten, um dem eigenen Netzwerk seine Empörung über das erschreckend gute (wie völlig vorhersehbare) Abschneiden der AfD mitzuteilen. Ein Schock mit Ansage—allerdings auch mit behaglich virtuellem Betriebsfest-Flair, schließlich war man nicht allein. Doch so schön es sich anfühlt, Teil einer gemeinsamen Sache zu sein, untergehen wollte darin am Wahlsonntag niemand—und so herrschte der allgemeine Social-Media-Battle um Aufmerksamkeit. Wessen Entsetzen ist am größten, wer hat das beste Kotz-Figürchen gefunden, wer will morgen auswandern, wer bereits jetzt? Und natürlich: Wessen Vergleich mit dem Dritten Reich klingt am allerdringlichsten?

Bitte nicht falsch verstehen: Nichts gegen Alarmismus. Wer ohne Panik und hysterische Interpretation der Gegenwart auskommen muss, tut mir leid.

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Dennoch besitzt diese zum größten Teil völlig folgenlose Aufgekratztheit etwas Unangenehmes.

All talk, no action—dann kann man es doch auch gleich lassen.

Der Friendly Fire Typ

„Liebe AfD-Wähler…" Wer aktuell immer noch ein Netzwerk besitzt, das scheinbar aus lauter verkappten Neonazis besteht, sollte sich ernsthaft fragen, was für ein Trottel er selbst eigentlich ist. Doch darf man davon ausgehen, dass all diese zahllosen pathetischen Appelle, die zur Entfreundung aufrufen, in den seltensten Fällen wirklich auf Sympathisanten dieser Partei treffen dürften. So wird man das Gefühl nicht los, diese braunen Schafe der eigenen Freundesliste seien gar nicht die wirklichen Adressaten solcher Posts—denn eigentlich gehe es viel eher darum, vor der eigenen Gefolgschaft als jemand dazustehen, der sich mutig den Halbfaschos in den Weg stellt, jemand, dessen Worten auch Taten folgen. Wenngleich offensichtlich das Gegenteil der Fall ist. „Preaching to the converted" als anstrengender Dauerzustand. Eine ähnliche Schießbudenfigur aus diesem Schattenkabinett-Bashing ist der Nichtwähler. Auch auf ihn kann risikofrei eingeteufelt werden. Wobei das stets wiederholte Mantra „Wer nicht wählt, wählt die AfD" selbst schon wie eine Verschwörungstheorie klingt und sich nicht mal mit den Ergebnissen der gut besuchten Wahl zum Beispiel in Sachsen-Anhalt deckt. Aber um Faktisches geht es im Internet ja nun wirklich als Allerletztes. Hauptsache im eigenen digitalen Vorgarten mal die Luft angeschrien.

Die Erika-Steinbach-Ultras

Ein nicht zu unterschätzender Kollateralschaden dieser selbstgefälligen Mechanismen ist dabei der Bedeutungszuwachs, den Rechtspopulisten durch die vielstimmige Thematisierung erhalten.

Als Beispiel sei dieser rassistische Tweet von Erika Steinbach unlängst genannt. Also dieses Bild mit dem einzelnen weißen Kind, das eine Art Alien im eigenen Land darstellen soll. Noch ärgerlicher als dieser Mist war letztlich die sich überschlagende, ja, begeisterte Empörung, die aus dem singulären Scheißhaufen erst ein virales Güllebad werden ließ. Haha, Erika Steinbach! Wie kann sie nur! Gleich mal teilen! Speziell die öffentlich-rechtlichen Comedy-Produzenten wie extra 3 sowie die immer größer werdende Brigade an Freizeit-Webkomikern und Twitter-Clowns bekamen sofort rote Bäckchen: Der lebende Shitstorm mit den Fiberglashaaren und dem Vertriebenen-Background hat wieder einen rausgehauen? Sofort skandalisieren und/oder Pointen zusammentackern und auf den Like-Zähler starren.

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Dass sich so widerliches Gedankengut schneller verbreitet als die Schweinegrippe scheint dabei billigend in Kauf genommen zu werden. Schließlich meint es jeder einzelne Clicktivist doch nur gut—und so entsteht im Ergebnis eine mit Geld kaum zu bezahlende Viral-Kampagne unter dem fiesen Banner: „Steinbach und wie sie die Welt sieht." So naiv sollte dabei auch niemand sein und glauben, mitgelieferte inhaltliche Empörung oder der Spott würden bei ihren Anhängern Denkprozesse anregen. Viel eher wird die Wahrnehmung gestärkt, dass es sich bei der CDU-Sprecherin für Menschenrechte (!) um eine ernstzunehmende Figur handelt—oder (noch schlimmer) dass man es hierbei mit einem Opfer der gleichgeschalteten Systemmedien zu tun hat, dem der Mund verboten werden soll. Stichwort: Märtyrerin.

So sollte in der ganzen Hysterie einfach das Bewusstsein für Folgendes herrschen: Wer Scheiß von Erika Steinbach teilt—in welcher Form auch immer—, macht sich zum Teil des Problems. Punkt. Mit diesem ganzen AfD-Glockenläuten verhält es sich nicht anders. Auch wenn es sich gut anfühlen mag, als letzter noch mal ein Bild zu teilen, das beweisen soll, dass deren Parteiprogramm—überraschenderweise—eigentlich totaler Quatsch ist.

Memes ersetzen keine Haltung, Postings keine Handlung

In einer Ansage auf dem Kosmonauten-Festival äußerte sich Monchi Gorkow, der Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, zu dem Pogo unter einem Antifa-Banner im Publikum und den wiederkehrenden Sprechchören „Alerta, Alerta, Anti-Fascista!" Die Fahnen auf Festivals zu entrollen und dort Rufe gegen Faschismus anzustimmen, besitze keinen Wert, geschehe das nicht auch auf der Straße. Wenn keine Musik und keine große Party drumrum läuft, sondern wenn es um reales Engagement gegen rechts geht.

Anti-Rassismus ist nichts, das man mit der Stechkarte messen muss. Aufrechnen zu wollen, wer wann auf einer Demo war und wer nicht, wirkt wenig zielführend. Dennoch sollte sich jeder hinterfragen, ob es bei all der aktuell zur Schau gestellten AfD-Empörung um mehr geht als bloß um ein wohlig empörtes Gemeinschaftserleben am Rechner. Wenn das so ist, gibt es genug Möglichkeiten, zum Beispiel bei all den unterschiedlichsten Initiativen für Geflüchtete anzudocken—sowas geht im RL oder auch virtuell. Deren Kampagnen gilt es zu supporten, deren Anliegen, Aufrufe und Aktionen zu verbreiten, nicht die von AfD und Ähnlichen.

Die mögen ohne die ganze Aufmerksamkeit in ihrem eigenen Saft verkochen.


Titelfoto: imago | Mauersberger