Thilo Sarrazin wurde getortet – und vergleicht sich mit Opfern von Messerattentaten

"Wer nicht mit Argumenten werfen kann, wirft mit Torten", sagte der Autor nach dem Streifschuss.

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Juni 1 2016, 1:32pm

Foto Sarrazin: Metropolico.org | Flickr | CC BY-SA 2.0; Foto Torte: Kelly Hunter | Flickr | CC BY 2.0 | Bearbeitet von VICE

Die rechtspopulistische Prominenz in Deutschland kann sich zur Zeit vor lauter Sahne gar nicht retten: Sie wurde aufs Neue getortet. Erwischt hat es diesmal—mit Streifschuss—den umstrittenen Autor Thilo Sarrazin, der in der Buchhandlung Mayersche Droste in Düsseldorf aus seinem neuen Buch Wunschdenken vorlas.

In diesem möchte er erklären, wo und warum seiner Meinung nach die deutsche Politik versagt habe. Bereits zu Anfang des Buches setzt er sich mit der "Entwicklung des Menschen" und der "Entwicklung der Zivilisation" auseinander, die er mit Thesen zur Vererbbarkeit von Intelligenz verbindet—üblich bei Sarrazin, der steile Thesen dieser Art auch schon in Deutschland schafft sich ab vertreten hat.

Anstatt sich diesmal aber über Misswirtschaft und schlechte Politik lediglich zu beschweren, erklärt er hier seine Ideen zu einer guten Staatsführung und gibt auch direkt Ratschläge, wie die deutsche Politik umzugestalten sei. Kapitel über kulturelles Erbe, "stabile Familien" und die "richtige Auswahl" von "Einwanderern" inklusive. Viereinhalb von fünf Sternen hat das Buch bereits auf Amazon und durch den zweifelhaften Ruhm des SPD-Mitglieds sicher das Zeug, genau wie seine Vorgängerwerke zum Bestseller zu werden.

Zu den circa 200 Gästen der Lesung gesellten sich, wie zu erwarten war, allerdings auch um die 30 Demonstrierende, die sich gegen Sarrazins Thesen laut machten. Schon im Voraus waren Flugblätter gegen die Veranstaltung gedruckt worden, auch wenn deren Verteilung mit Verweis auf das Ordnungsamt verboten wurde:

Laut "Düsseldorf Stellt Sich Quer" habe Sarrazins Wagen im Halteverbot geparkt und der Autor habe die Buchhandlung über einen Seiteneingang betreten. Auf 30 Demonstrierende kamen Tweets der Anwesenden zufolge nicht nur etwa halb so viele Polizisten, sondern zusätzlich Securitys der Firma HECTAS. Einen der Securitys traf es dann ziemlich cremig: Noch bevor die Lesung beginnen konnte, sprangen zwei Personen aus dem Publikum auf und ein Mann zielte mit dem allseits beliebten Instrument der Populismusbekämpfung in Sarrazins Richtung. Offensichtlich war der Sicherheitsmann geistesgegenwärtig genug, dazwischenzugehen—oder die Torte war einfach schlecht gezielt, da sie, im Gegensatz zu den Vorfällen mit Sahra Wagenknecht und Beatrix von Storch, geworfen und nicht einfach ins Gesicht geklatscht wurde.

So erwischte die Breitseite HECTAS Security, während Sarrazin nach eigenen Angaben nur "die restlichen 30 Prozent" der Torte abbekam. Komplett eingesaut wie seine beiden Vorgängerinnen wurde der Autor aber nicht. Gegen das tortenwerfende Team wurde hart durchgegriffen, der Mann direkt abgeführt. Sarrazin hingegen begann seine Lesung nach einem kurzen Rückzug in ein Büro, ohne das Geschehene zu kommentieren.

Jetzt vergleicht sich Sarrazin im Interview mit der Rheinischen Post mit Henriette Reker und Oskar Lafontaine, auf die jeweils bereits Angriffe mit Messern verübt wurden; auch Sympathisanten werten die Aktion als Vorstufe von Waffengewalt. Gegen den Werfer konnte er indes nur eine Anzeige wegen tätlicher Beleidigung stellen: Eine Torte im Gesicht reiche nicht, um auf Körperverletzung zu pochen. Auch von einigen Demonstrierenden und der Begleiterin des Tortenwerfers wurden Personalien aufgenommen.

Eine öffentliche Blamage durch Konditoreiwaren mit einem tätlichen Angriff in Beziehung zu setzen, bei dem ein scharfer Gegenstand eingesetzt und der Tod des Ziels in Kauf genommen wird, ist zwar auf eine zynische Art unterhaltsam, anderseits aber auch eine gefährliche Relativierung tatsächlicher Gewalt. Dass die Opfer weiß vor—oder weiß wie—Schlagsahne werden und sich ihre Kleidung einsauen, rechtfertigt keinen Vergleich politischer Statements mit lebensgefährlichen Angriffen.

Das corpus delicti wurde übrigens laut Polizei nicht darauf überprüft, ob es sich um eine Schoko-, Sahne- oder Schwarzwälder Kirschtorte handelte. Die Bilder auf Bild.de lassen aber auf einen Inhalt aus Schlagsahne oder Rasierschaum schließen. Dies würde auch die Frage vereinfachen, ob es sich um Essensverschwendung handelt, wenn Torten für gezielte Statements gegen Populismus eingesetzt werden—auch, wenn dies, wie ein Freund von mir so schön sagte, "angesichts der preisstabilisierenden Nahrungsmittelvernichtung der EU als ein zu vernachlässigendes Bagatelldelikt" gewertet werden kann. Nach wie vor können diese nicht so süßen Überraschungen auch als eine Art Kunst verstanden werden—Aktionskunst, die politische Statements, Leichtathletik und das Konditoreihandwerk kongenial und meme-trächtig verbindet. Auch wenn diese Form von Kunst im wahrsten Sinne des Wortes trifft.

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