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DIE „HAST DU EIN PROBLEM, ODER WAS?!“-AUSGABE

Russische Black Digger suchen die letzten Soldaten der Wehrmacht

Wir haben mit illegalen Grabräubern nach deutschen und russischen Gefallenen gesucht.

von Manuel Freundt
29 Dezember 2013, 7:00am

Fotos von Claudio Oliverio: Schädel eines sowjetischen Soldaten an dessen Fundort in der Nähe von Subzow

Schädel eines sowjetischen Soldaten an dessen Fundort in der Nähe von Subzow

Vom ehemaligen Moskauer Verteidigungsring ist heute nicht mehr viel zu erkennen. In verschlafenen Dörfern mit alten grüngestrichenen Holzhäusern laufen die Hühner frei auf den staubigen Dorfstraßen herum und das Leben spielt sich am örtlichen Einkaufsladen ab. Dutzende über der Landschaft verteilte Monumente erinnern allerdings heute daran, dass es hier im Zweiten Weltkrieg nicht so beschaulich zuging. Der Verteidigungsring begann etwa zwei Autostunden westlich von Moskau entfernt und war mit automatischen Flammenwerfern, Fallgruben, Panzergräben und breiten Minengürteln ausge­stattet. Der geplante Durchmarsch der Nazis bis nach Moskau sollte um jeden Preis verhindert werden.

Über Monate hinweg tobten in den Wäldern erbitterte Kämpfe um jeden Quadratmeter und als Hitlers Truppen schließlich den Rückzug antraten, hinterließen sie nicht nur ein Chaos aus zerschossenen Panzern, Waffen und anderem Kriegsgerät, sondern auch Tausende Tote auf beiden Seiten. Namenlos und ohne Grabstein wurden viele Leichen irgendwo zwischen den ehemaligen Fronten auf den alten Schlachtfeldern begraben. Nach wie vor gelten in ganz Russland mehr als eine Million deutsche Soldaten und etwa zwei Millionen Rotarmisten als vermisst.

Seit dem Ende des Kalten Krieges gibt es jedoch Gruppierungen, die aus verschiedenen Gründen nach diesen toten Soldaten suchen. Neben offiziellen Stellen der russischen Regierung sowie Pfadfindern und patriotischen Jugendgruppen, gräbt auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. seit 1993 im Auftrag der Bundesregierung. Deren eingesetzte russische Gräberbrigaden arbeiten im Akkord. Das Interesse der Deutschen an ihren gefallenen und oft fast schon vergessenen Verwandten schwindet und dadurch sinken auch die Mitgliederzahlen und Spendeneinnahmen des Vereins. Es geht um Schnelligkeit und pro gefundene Leiche werden ein paar Euro bezahlt. Was zählt ist, wie viele Tote jeder Arbeiter am Tag findet—Kopfgeldgräber.

Black-Digger-Ausrüstung: Schaufel und Metalldetektor

„White Digger" werden diese Offiziellen von denen genannt, die illegal graben. Ohne Lizenz und auf eigene Faust suchen die „Black Digger" manchmal alleine, aber oft auch in fast militärisch organisierten Gräbertruppen nach den Hinterbliebenen des Krieges.

Die Motive der Suchenden sind unterschiedlich. Für manche scheint es einfach nur spannend zu sein, mit einem Metalldetektor etwas zu finden und mit nach Hause zu nehmen. Andere interessiert der geschichtliche Hintergrund und sie geben ihre Funde später an Museen ab und wieder anderen geht es nur um die finanzielle Ausbeute. Auf Internetportalen wie thirdreichdepot.com werden Orden, Waffen und Uniformteile an Sammler aus der ganzen Welt verkauft.

Im Vergleich zu den Offiziellen scheint die Community der Black Digger deutlich größer zu sein. Bei „vKontakte", dem größten russischen Social-Media-Portal, gibt es Dutzende Gruppen mit teilweise über 5.000 Mitgliedern. Kartenmaterial wird im Netz ebenso getauscht wie Informationen über die besten Metalldetektoren sowie der richtige Umgang mit explosiver Fundmunition.

Nikita trägt seine Ausrüstung zum Auto.

Die Zeit arbeitet gegen alle Interessengruppen. Die Knochen der Soldaten verrotten, Zeitzeugen, die sich erinnern könnten, wo die namenlosen Massengräber aus dem Krieg zu finden sind, sterben aus, und das Konfliktpotenzial zwischen den Parteien wächst, seitdem die russische Regierung vor Kurzem das Gesetz zum Schutz der Kulturgüter erheblich verschärft hat. Das Graben nach Weltkriegsgerät wird jetzt mit 1 Million Rubel Bußgeld, was etwa 25.000 Euro entspricht, oder sieben Jahren Gefängnis bestraft. Ein Strafmaß, das verhältnislos scheint, da Mörder durchschnittlich mit vier Jahren davonkommen.

In Moskau angekommen besuche ich zuerst Peter Lindau. Er arbeitet beim Volksbund und koordiniert die Umbettungen der gefundenen Soldaten in Russland und Weißrussland. Sein Büro liegt in dem farblosen Gebäude der ehemaligen DDR-Botschaft direkt neben dem deutschen Konsulat. Der Chef sei zwar gerade in Minsk, aber generelle Fragen könne er mir beantworten, erklärt er mir und beginnt das Gespräch zuerst mit einer Zahl. 350.000 Soldaten habe man seit Anfang der 90er Jahre geborgen und auf Soldatenfriedhöfe in Deutschland und Russland umgebettet. Mithilfe von historischen Archiven und Aufzeichnungen über Truppenbewegungen der WASt (Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächs­ten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht) hätten bereits viele offizielle Grabungen erfolg­reich stattgefunden.

Voraussetzung für die Identifizierung der Leiche ist die sogenannte „Hundemarke". Jeder Soldat trug diese Marke mit den wichtigsten Informationen zu seiner Herkunft um den Hals, um im Todesfall identifiziert werden zu können. Diese Marke ist heute bei Trophäenjägern beliebt und eine Menge Grabräuber sind mit Metalldetektoren auf den Schlachtfeldern unterwegs, um diese Marken zu finden.

Alexej er­klärt einem Jungen seine Wehrmachts-Ausrüstung nach der gespielten Schlacht.

„Zu diesen Gruppierungen haben wir eine ganz klar negative Einstellung", erklärt Lindau. „Die Marke wird zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt verkauft, und wir haben keine Chance mehr, die Identität des Toten herauszufinden." Eine Aussage, aus der der Frust des Vereins spricht, zigtausende Schicksale nicht mehr aufklären zu können. Auf die Frage, wie die Suche praktisch abläuft, entgegnet Lindau, dass sie die Arbeiten eigentlich nur vom Büro aus koordinieren würden. Er sei hier in Moskau mit seinem Chef alleine, aber es gebe noch ein paar kleine Büros in anderen Städten. Unterstützt würden sie von russischen Kollegen, die vor Ort ein Gräberteam aus Einheimischen anleiten. Deutsche Kräfte dafür einzusetzen sei zu teuer. Organisiert werde ihre Suche anhand von Archivinformationen oder eben durch Dorfbewohner, die aus Kriegszeiten noch wissen, wo sich die anonymen Gräberfelder befinden. Leider seien die Black Digger manchmal schneller und die Gräber schon leergeräumt, bevor von offizieller Seite mit den Grabungen begonnen werden könne.

Am Abend mache ich mich auf in eine Studentenkneipe hinter dem Roten Platz. Eine enge Gasse führt zu einem herunter­gekommenen Haus, auf dem in greller Neonleuchtschrift „Masterskaya Bar" steht. Hier soll ich einige Leute treffen, die in ihrer Freizeit diggen gehen.

Einer davon ist Nikita. Über vKontakte habe ich den langjährigen Digger und begeisterten Uhrensammler vor einiger Zeit kennengelernt. Er trägt auf sämtlichen Fotos im Netz deutsche Uniform und nimmt anscheinend regelmäßig an Reenactment-Events teil, bei denen der Zweite Weltkrieg mit Platzpatronen und Fakegranaten nachgespielt wird. Ohne seine Uniform sieht er allerdings ziemlich normal aus. Er erzählt mir, dass er seit zehn Jahren zusammen mit seinen Kumpels mehrmals im Jahr in der Nähe des ehemaligen Moskauer Verteidigungsringes campen fährt, um mit Metalldetektoren nach Weltkriegsgegenständen zu suchen. Neben Nikita lerne ich seine Freundin Olga und seine Kumpels Tim und Vanja kennen. Alle sind Ende 20 und haben Business Management oder Foreign Languages studiert. Nikita arbeitet in einer Versicherung, Vanja verlegt Internetkabel auf Hausdächern, und Tim arbeitet als Verkäufer. Sie vereint ihr gemeinsames Schwarzgräber-Hobby.

Am nächsten Tag ist Samstag, und die Jungs laden mich ein, mit ihnen in die Wildnis zu fahren. Der Zug kostet umgerechnet fünf Euro, und wir sitzen in der Holzklasse. An jeder Station steigen alte Frauen mit Kopftüchern ein, um ihre Waren anzu­bieten, und die strengen Fahrkarten-Kontrolleurinnen werden von aggressiv aussehenden Sicherheitsleuten begleitet.

Sprengladungen explodieren während der Reenactment-Schlacht in Borodino.

Nach ein paar Stunden erreichen wir Borodino. Das Dorf erlangte einige Berühmtheit, nachdem hier 1812 erst Napoleon und anschließend 1941 Hitler von der russischen Armee geschlagen wurde. Hier, wo einige der blutigsten Schlachten der letzten Jahrhunderte stattfanden, werden wir nach toten Soldaten graben. Da Busse so gut wie nie fahren, wandern mit unseren Rucksäcken in Richtung Wildnis, nachdem wir uns im örtlichen Laden mit Bier und Wodka eingedeckt haben.

Die Sonne ist kurz davor unterzugehen und Nikita drängt zum Aufbruch. Das Gelände ist zu unwegsam, um im Dunkeln zu graben, und er will unbedingt heute noch etwas finden. Wir beginnen direkt hinter dem Camp und bewegen uns zickzackförmig durch dichtes Unterholz und über sumpfige Lichtungen. Nikita rennt mit dem Metalldetektor vor mir her. Kurzes abgehacktes Piepen ist zu hören. Ab und zu erkenne ich rechteckige Sumpflöcher, in denen laut Nikita früher Häuser standen. Auf dem Weg durch das Dickicht zeigt er mir einige seiner früheren Funde, die im Schlamm langsam vor sich hin rosten. Eine Magazinbox für Maschinengewehrmunition und eine Panzerbatterie, aber keine toten Soldaten. Wir suchen mehrere Stunden, können aber—unterbrochen von ein paar kurzen Spannungsmomenten—nichts finden. Fehlalarm.

Später am Camp-Feuer erklärt Nikita, dass er so etwas auch noch nie erlebt hat. Ein bis zwei Artefakte hätte er bisher immer gefunden. Er erzählt auch, dass Putin einen Monat zuvor das Gesetz zum Schutz der russischen Kulturgüter verschärft hat und er selber am Bahnhof schon kontrolliert wurde, weil er einen Metalldetektor bei sich trug. Während er in Handschellen mit dem Gesicht auf dem Bahnsteig lag, durchsuchte die Polizei sein Gepäck, konnte aber nichts finden und ließ ihn weiterfahren. Um nicht schon durch den Besitz eines Metalldetektors als verdächtig zu gelten, versuchen einige Digger jetzt offenbar an offizielle Lizenzen zur Meteoritensuche zu kommen, damit sie der Polizei bei Kontrollen zumindest irgendein offizielles Formular zeigen können.

Wenig später hört man ein altes Motorrad über die Wiese vor unserem Camp näherkommen. Die Maschine sieht aus wie aus den 40er Jahren, an der Satteltasche klemmt ein deutsches Maschinengewehr und der Fahrer trägt eine Naziuniform mit Stahlhelm und Waffenrock. In fließendem Deutsch stellt er sich als Alexej vor. Er ist Ende 30, Reenactor und gehört zu einer größeren Truppe Russen, die an diesem Wochenende die Schlacht von Borodino lebensecht darstellt. Mit Panzern, Granaten und Hunderten von Soldaten. „Ein Spektakel für die ganze Familie", wie er uns versichert. Alexej hat früher selbst gegraben. Allerdings in der Nähe von St. Petersburg und Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad. Dort würde man viel mehr finden, als im schon lange abgegrasten Borodino. Er sagt, ihm wäre es damals aber hauptsächlich darum gegangen, echte Geschichte zu spüren und in den Händen zu halten.

Chitryj lis an einem namenlosen Grab neben der Frontlinie. Im Hintergrund: sowjetische Handgranaten und Gasmaske

Auf die Frage, warum er sich lieber als Nazi statt als Rotarmist verkleide, erklärt er mir, dass die Rote Armee chaotisch mit Hurra-Rufen in den Wald gestürmt und im gleichen Atemzug von deutschen Maschinengewehrsalven niedergemäht worden sei. Er bewundere die Wehrmacht für ihre „strukturierte Organisation" und würde daher lieber Nazi-Uniformen tragen. Außerdem sei die Qualität besser als die der Roten Armee und für teure Outdoorkleidung hätte er kein Geld. Auf die Frage, ob er denn auch Hitlers Ideen gut fände, antwortet er, dass seine Uniform natürlich nichts mit der Ideologie dahinter zu tun habe, die würde er natürlich strikt ablehnen. Ihm gehe es um eine möglichst korrekte Darstellung der Äußerlichkeiten. Allerdings gebe es in Russland viele Nazis, die Hitlers Überzeugungen teilen würden und sicher seien auch ein paar davon unter den Reenactors zu finden. Aber schwarze Schafe gebe es ja überall.

Ob ich nicht den besten Digger von Moskau kennenlernen wolle, fragt Alexej dazwischen. Chitryj lis—der Listige Fuchs—sei ein Bekannter von ihm und hätte schon viele Leichen ausgegraben. Der Fuchs spricht zwar nur russisch, aber mithilfe von Alexej und den anderen Jungs verabreden wir uns für den folgenden Tag in Moskau an einem neutralen Ort.

Genau genommen ist dieser Ort der staubige Dachboden eines älteren Mietshauses irgendwo in der Nähe der Moskauer Uni. Die Angst vor der Polizei ist allgegenwärtig und der Listige Fuchs spricht nur maskiert mit mir. Sieben Jahre Knast für ein Interview wären auch ein hoher Preis für den 24-jährigen Studenten. Auf die Frage nach seinem Motiv für die ganze Sache antwortet er ziemlich patriotisch: „Der Krieg ist erst zu Ende, wenn der letzte Soldat gefunden wurde."

Seit mehreren Jahren schon gehe er regelmäßig zusammen mit seiner Gruppe graben. Zehn Mann seien sie meistens, mal mehr, mal weniger. Die Gruppe wird von drei erfahrenen älteren Diggern mit einer fast schon militärischen Hierarchie angeführt und auch die meisten anderen Mitglieder sind älter als der Fuchs. Die Vereinigung ist illegal, aber wie ein offizieller Verein organisiert.

Russischer Stahlhelm mit Abzeichen der Elitetruppen

Die Suche beginnt mit der Recherche nach potenziellen Fundorten. In historischen Archiven werden alte Aufzeichnungen und Karten studiert und mit der heutigen Situation verglichen. Weisen verschiedene Fakten auf einen bestimmten Ort hin, werden GPS-Punkte gesetzt und die Fahrt kann beginnen. In den Dörfern wird dann zuerst versucht, mit den Dorfältesten zu sprechen, um Positionen von anonymen Massengräbern zu erfahren.

Graben würden sie mit einfachen Spaten, allerdings, fügt er stolz hinzu, soll im Frühjahr sogar ein Bagger eingesetzt werden. Ängstlich klingt das jetzt nicht mehr, aber in der Gruppe fühlen sich wohl alle sicherer. Dazu kommt, dass sie bis an die Zähne bewaffnet seien. Normalerweise seien es handelsübliche Jagdwaffen, aber teilweise verfügen die Digger auch über schwer­eres Geschütz. Auf die Frage, woher das kommt, antwortet der Fuchs: „Wir graben sie aus. Die Waffen sind teilweise so gut erhalten, dass wir sie einfach ein bisschen putzen und sie funktionieren wieder."

Der Listige Fuchs erzählt, dass seine Digger-Gruppe jedes Jahr über 700 Leichen an unterschiedlichen Grabungsstellen findet. „Auf 30 Sowjets kommt dabei ein deutscher Soldat." Sie versuchen, die sowjetischen Soldaten zu identifizieren, aller­dings sei es oft nicht einfach, da die Soldaten meistens sehr jung waren und selbst noch keine Kinder hatten. Deutsche Soldaten zu identifizieren wäre wohl möglich, aber zeitaufwändig. Zwar gäbe es den Volksbund, der Leichen zusammen mit der Marke auch von Black Diggern annehme, aber dafür müsste jedes Mal ein Formular ausgefüllt werden. Chitryj lis Gruppe umging das, indem sie einen Friedhof gründeten, auf dem die Toten mit einer Zeremonie inklusive Pfarrer begraben werden. Die Marken lassen sie bei den Toten, anstatt sie zu verkaufen.

Natürlich bin ich jetzt interessiert daran, seine Digger-Gruppe kennenzulernen und gemeinsam an einen solchen Ort zu fahren, doch der Listige Fuchs winkt ab. Das dürfe er nicht entscheiden, das könne nur sein Anführer machen. Den Anführer treffe ich ein paar irische Biere später in einer Sportsbar um die Ecke. Die Bar ist ziemlich voll und im Fernseher läuft deutsche Bundesliga.

Überreste der Kranken-schwester mit Medikamenten und Handspiegel

Er sieht aus, wie man sich den Anführer einer solchen Truppe vorstellt. Er trägt ein Muskelshirt und seine Haare kurz rasiert. Mit stechendem Blick taxiert er jeden einzelnen von uns, bevor er kurz und militärisch jedem die Hand gibt. Dann fragt er meinen Übersetzer über mein Vorhaben aus. Zwischendurch zeigt er mir auf seinem Smartphone kurze Videos von Maschinengewehren, die er abfeuert, und von einem Bagger, den er selbst über Holzplanken auf einen Sowjettruck lenkt. Und natürlich Fotos von reichlich Knochen und Schädeln, die er alle gefunden habe, wie er versichert.

Am Ende ist er überzeugt und erlaubt mir am nächsten Tag eine aktuelle Grabung zu besuchen. Irgendwo 200 Kilometer von Moskau entfernt in der Wildnis würde das Camp liegen und ich solle Wodka und Bier mitbringen, die Jungs seien dort schon etwas länger und die Vorräte würden ausgehen.

Am nächsten Tag erreichen wir nach drei Stunden Stau in Moskau, diversen waghalsigen Überholmanövern sowie drei Polizeikontrollen am späten Nachmittag das Ende der Straße. Einer der Digger holt uns dort mit seinem Geländewagen ab und wir überqueren ein breites, mit Gras und Sträuchern bewachsenes Feld. Es ist die alte Frontlinie und erst während wir den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen, erfahre ich, dass wir gerade ein ungeräumtes Minenfeld überquert haben. Am Waldrand sehe ich Rauch über den Bäumen aufsteigen und erkenne einen alten Sowjet-Truck. Das Camp besteht aus mehreren Iglu-Zelten und ein paar notdürftig zusammengezimmerten Bänken und Tischen. Die Skepsis ist den Schwarzgräbern ins Gesicht geschrieben. Später erfahre ich, dass einige der Gruppe aus Sibirien stammen und tatsächlich noch nie einen Ausländer gesehen haben. Einer der Truppe erzählt: „Unser ganzes Leben graben wir nur Knochen aus und jetzt bist du der erste Deutsche mit Fleisch dran, den wir zu sehen bekommen."

Der Listige Fuchs führt mich hinter das Lager zur Grabungsstelle. Zwischen den Bäumen befinden sich mehrere Löcher, die mit lockerem gelbem Sand gefüllt sind. An den Rändern liegen weiße Folien, die mit Oberschenkelknochen, Kiefern, Metallorden und Patronen beladen sind. Etwas weiter hinten erkenne ich fünf verrostete Handgranaten mit Holzgriff und neben einer erstaunlich gut erhaltenen Gasmaske liegt ein kompletter Schädel mit Stahlhelm.

Ehemalige, noch immer verminte Frontlinie

Einer der Digger kommt mit einer Plastiktüte hinter mir her. „Hier drin sind die Knochen von zwölf verschiedenen Soldaten, leider ist einiges verrottet. Es waren Helden! Sie haben alleine die deutsche Frontlinie überquert und hier Mann gegen Mann mit bloßen Händen gekämpft!" In der Tüte kann ich bis auf reichlich Knochensplitter nicht mehr viel erkennen. Chitryj lis zeigt uns den Fund des heutigen Tages. Es ist wahrscheinlich eine sowjetische Krankenschwester. Leider ist von ihr nicht mehr viel zu erkennen, da sie wohl von einer Granate zerfetzt wurde. Aber sie hatte einen Handspiegel und medizinische Ausrüstung dabei.

„Wenn man einen Toten ausgräbt sind das am Anfang Gefühle, die man nicht beschreiben kann. Man ist auf einmal Teil der Geschichte", meint der Listige Fuchs. Hinterher sei es einfach ein Job, den man beenden müsse, mit dem Ziel, möglichst viele Knochen des Toten zu finden und zusammenzutragen.

Einen letzten Wodka müssen wir noch mit den Jungs trinken, die ihre anfängliche Skepsis überwunden haben. Chitryj lis hebt sein Glas und spricht den Toast: „Wenn man im Wald eine namenlose Leiche findet und realisiert, dass der Krieg nicht nur das Leben, sondern auch die Identität genommen hat, wird einem klar, dass man auch heutzutage durch Kriege wieder als eben jede namenlose Leiche auf irgend einem Schlachtfeld der Welt enden könnte." Wir prosten—nach Brauch ohne anzustoßen—auf die toten Soldaten und fünf Minuten später sitze ich mit gemischten Gefühlen wieder im Lada und wir holpern über die alte Frontlinie zurück in Richtung Moskau.

Seht euch unsere Doku über die Kopfgeldgräber hier an.

Fotos von Claudio Oliverio

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Jahrgang 9 Ausgabe 11
Die „Hast du ein Problem, oder was?“-Augabe