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Krawall beim Akademikerball der österreichischen Rechten

Österreichische Rechte feierten am Freitagabend fröhlich in der Wiener Hofburg und genossen dabei Polizeischutz. Wir haben die Proteste der größtenteils aus Deutschland angereisten Gegendemonstranten des schwarzen Blocks und das Chaos auf den Straßen...

von David Bogner
27 Januar 2014, 11:00am

Wir arbeiten seit einigen Wochen an einer Dokumentation über den WKR-Ball, der seit 2012 Wiener Akademikerball heißt, weil er nicht mehr vom Wiener Korporationsring, sondern von der Wiener Landesgruppe der FPÖ, dem österreichischen Pendant zur NPD, veranstaltet wird. Ansonsten hat sich aber nicht viel geändert: Der Ball bleibt abwechselnd ein braun glänzendes Treffen von rechten Politikern und Gleichgesinnten aus ganz Europa oder ein ziemlich armseliges und vor allem halbleeres Treffen der nationalistischen Elite Österreichs (wenn man denen glaubt, die drinnen waren, könnte das auch gut auf Freitagabend zutreffen), weil selbst Marine Le Pen und Filip Dewinter nicht mehr anreisen wollen.

Genau wie auch die Aschermittwoch-Rede von Jörg Haider, ein Trauermarsch zum Gedenken der gefallenen Soldaten am 8. Mai oder das Treffen am Ulrichsberg in Kärnten, ist der WKR-Ball vor allem eins: Ein Zeichen, dass die Rechte Österreichs sich nicht versteckt, sondern in aller Öffentlichkeit die eigene Überzeugung zelebriert und sie so auch zu einer gewissen Selbstverständlichkeit machen will. Dieser Versuch des Salonfähigmachens einer gruseligen Mischung aus Populismus, Ausländerfeindlichkeit und Andockens an längst vergangene Tage gelingt in Österreich leider viel zu oft, wie man dem Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider und seines Nachfolgers Strache anhand von 1000 Beispielen belegen kann. Während in Deutschland die NPD als gefährliche Partei abgekapselt wird, die niemand auch nur mit der Zange angreifen würde, sitzen in Österreich rechte Recken wie Ewald Stadler und Andreas Mölzer in rechten Führungspositionen. Oder sie werden wie im Fall von Barbara Rosenkranz sogar für den Bundespräsidentschaftswahlkampf nominiert; sie musste im Vorfeld nur noch schnell eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass sie eh nichts mit dem Nationalsozialismus am Hut hat, während ihr Ehemann Horst als ehemaliger Funktionär der vom Österreichischen Verfassungsgerichtshof aufgelösten Nationaldemoraktischen Partei noch immer konspirative Treffen im Keller eines Wiener Kaffeehauses abhält.

Und genau hier liegt das Problem mit dem WKR-Ball: Natürlich haben Burschenschaftler das demokratische Recht, einmal im Jahr das Tanzbein zu schwingen, aber es ist gut und notwendig, dass auf die In-your-Face-Symbolik des Events in Form von breit angelegten Protesten mit der gleichen Vehemenz reagiert wird. So zeigt die Zivilgesellschaft, dass nationalistisches Gedankengut nicht einfach mit einem Schulterzucken akzeptiert wird, sondern als grausiger Anachronismus unserer Zeit hoffentlich bald der Vergangenheit angehört.

Also haben wir zusätzlich zu Interviews mit FPÖ-Politiker Johann Gudenus (der unseren Host Hanna auf so süffisante Art als Begleitung zum Ball eingeladen hat, dass es fast einen #Aufschrei wert gewesen wäre) und dem Politikwissenschaftler Christoph Virgl auch die beiden großen Demonstrationszüge mit Kameras begleitet. Während Hanna mit ungefähr 5.000 musizierenden und oft bunt bemalten Menschen friedlich vom Schottentor in Richtung Stephansplatz marschiert ist, dominierte beim zweiten Protestzug in Wien Mitte die Farbe schwarz.

In den letzten Tagen ist das österreichische Facebook vor lustigen Verkleidungsfotos fast übergelaufen—eine Reaktion auf das Vermummungsverbot, das für alle Innenbezirke galt und die anderen Erlässe der Wiener Polizei, wie das groß angelegte Platzverbot und die massive Einschränkung der Pressefreiheit, wunderbar ergänzte. Doch während diese Form des Widerstandes an das Unterschreiben einer Onlinepetition erinnert, machte der Schwarze Block seinem Namen alle Ehre und führte den Protestzug in einer strengen Formation von ungefähr 200 Menschen an. Die fast schon militärische Präzision, mit der sich die Gruppe innerhalb von Minuten komplett vermummte und einordnete, war beeindruckend und sogar der Polizei überlegen—wie sich aber erst später herausstellen sollte. Noch war alles friedlich und gemeinsam bewegten wir uns in Richtung Schwedenplatz. Dort wurde angekündigt, was die Polizei bereits im Vorfeld befürchtete und die hier versammelten Demonstranten schon längst wussten: Man werde sich vom Platz- und Vermummungsverbot nicht abhalten lassen, sondern gezielt versuchen, die Sperren zu durchbrechen, und anschließend den planungsmäßigen Ablauf des Akademikerballs stören.

Dann setzte sich der Tross wieder in Bewegung und bis auf kleine Krachmacher und viel Rauch blieb alles recht friedlich. Am Stephansplatz ging dann alles unglaublich schnell: Eine Reihe von Polizisten versuchte, den Demonstranten den Weg zu verstellen, scheiterte dabei aber hoffnungslos. Statt Krachern flogen gewaltige Böller und Feuerwerksraketen auf die Polizisten, die bald umringt von Straßenkämpfern waren und Mülltonnen auf sich zurollen kommen sahen. Es kam zu kurzen Attacken, aber der schwarze Block hatte sein Ziel erreicht und der Großteil der Vermummten verteilte sich in den Gassen rund um den Stephansplatz. Alles Weitere kann ich noch immer nur schwer einordnen. Aus den Demonstranten wurden Vandalen, die wie kleine Kampfeinheiten Straßenschilder und Mülltonnen ausrissen und damit Schaufenster einschlugen, während sie sich mit von Person zu Person weitergegeben Codewörtern wie „Sushi“ und „Opec“ verständigten, die ich nicht entziffern konnte.

Es war weird, denn auf der einen Seite schienen der Ausbruch und die Zerstörung perfekt organisiert zu sein, aber auf der anderen Seite waren die Ziele recht wahllos irgendwo zwischen Kaffeehaus, dem Polizeirevier Am Hof und dem Louis-Vuitton-Store. Noch eigenartiger war der Weg, den wir einschlugen: Statt ihr Versprechen wahr zu machen und weiter in Richtung Ball vorzudringen, landete ich einige kaputte Häuserfronten später am Schottenring irgendwo hinter der Börse. Vielleicht lag es einfach daran, dass ich mich schon permanent im 1. Bezirk verirre und die Demonstranten, die tatsächlich großteils aus Deutschland kamen, noch weniger Ahnung hatten. Ich weiß es nicht.

Auf Polizisten traf der versprengte Rest des Schwarzen Blocks, den ich begleitet hatte, erst wieder, als direkt am Schottentor eine Gruppe an Polizisten feststellen musste, dass sie hoffnungslos in der Unterzahl war und völlig überhastet die Flucht antrat. Es war eine komplett absurde Szene, die in ihrer Eigenartigkeit komisch gewesen wäre, wenn es sich um einen Filmausschnitt mit Louis De Funes gehandelt hätte. Stattdessen war der Moment von Angst und Aggression erfüllt und es war bei allen Ausschreitungen und Übergriffen von egal welcher Seite das verstörendste Erlebnis des Abends. Überstürzt hüpften die Polizisten in den schon losfahrenden Bus und übersahen dabei, dass sie einen Kollegen zurückgelassen hatten. Der versuchte, schreiend dem Bus nachzulaufen, aber zwei schwarze Kämpfer waren schneller und begannen auf den Polizisten einzuschlagen. Fast gleichzeitig stürmten weitere Demonstranten auf den Polizisten zu—aber um ihm zu helfen und dem brutalen Angriff ein Ende zu bereiten—und die anderen Polizisten, die mittlerweile gestoppt hatten, halfen ihm in den Bus.

Was die weiteren Proteste betrifft, konnte ich selber das meiste nur auf Twitter und Facebook und in den paar Artikel, die bisher erschienen sind, nachlesen. Es ist schwierig, aus den vielen Eindrücken ein Gesamtbild des Abends zu zeichnen. Ich bin stockbesoffenen Schreiern genauso begegnet wie dem Holocaustüberlebenden Rudolf Gelbard, Polizisten, die erbost mit einer ruppigen Personenkontrolle reagierten, als ein Passant das zerstörte Polizeiauto fotografierte, und solchen, die Selfies machten und für Gruppenfotos posierten. Ich war dabei, als eine große Gruppe von Demonstranten hinter dem Burgtheater eingekesselt worden war, wo es scheinbar auch zum Einsatz von Pfefferspray kam, aber ich auf beiden Seiten nur friedliche Aktionen beobachtet habe. Rund um die Sperrzone im ersten Bezirk begegnete ich immer wieder dem spielerischen Pendant zum Schwarzen Block, der auch aus der Antiglobalisierungsbewegung entstanden ist: Bunt bemalte und oft als Clowns verkleidete Menschen lebten hier ihre recht friedfertige Version des Widerstands mit Trommeln und Tanz. Zu einer zweiten großen Kesselung mit massivem Polizeieinsatz kam es beim Volksgarten, wo zuerst die Polizei beworfen und sogar angepisst wurde, bevor sie die Übermacht erringen konnten. Erst auf dem Heimweg sah ich, dass auch die Akademie am Schillerplatz von Polizisten umstellt war.

Wir haben den ganzen Abend über für unsere Doku Die Rechten und ihr Ball gefilmt. Das Ergebnis könnt ihr bald auf VICE.com sehen.

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