Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Reisen

Recherchereise zum besten Hasch der Welt

Fast die Hälfte des weltweit verfügbaren Haschisch soll derzeit in Marokko hergestellt werden. In diesem Sinne beschloss ich, die Stadt Chefchaouen zu besuchen und mir das beste Hasch der Welt direkt von der Quelle zu besorgen.

von James Tennent
28 November 2013, 9:36am

Schale mit Pollum-Pulver

Bis in die 1920er-Jahre, als Nordmarokko von Spanien besetzt wurde, war Chefchaouen im Grunde eine von der Außenwelt abgeschottete Stadt. Als die ersten Truppen in die Stadt eindrangen, trafen sie auf Juden, die eine mittelalterliche Sprachstufe des Kastilischen sprachen, das man auf der Iberischen Halbinsel seit 400 Jahren nicht mehr gehört hatte. Außerdem begegneten sie einer Bevölkerung, die das Christentum vehementer ablehnte als alle militanten Reddit-Atheisten zusammen.   

Infolge der heldenhaften Vernichtung kulturellen Erbes durch die Spanier hat sich die Stadt geöffnet und ist zu einer beliebten Touristenattraktion geworden. Backpacker aus der ganzen Welt strömen in Scharen nach Chefchaouen, um vor den hübschen blaugetünchten Häusern Selfies zu schießen und den berühmten regionalen Ziegenkäse zu probieren, vor allem aber um von der blühenden Haschischproduktion zu profitieren.

Chefchaouen

Fast die Hälfte des weltweit verfügbaren Haschisch soll derzeit in Marokko hergestellt werden, und man schätzt, dass um die 800.000 Marokkaner in dem Gewerbe arbeiten—besonders in der Gegend des Rifgebirges im Norden Marokkos, wo auch Chefchaouen liegt. Seitdem ein Oppositionsmitglied im August sagte, dass seine Partei hoffe, die Cannabisproduktion in den nächsten drei Jahren zu legalisieren, kommt es im Parlament hin und wieder zu Diskussionen über eine Entkriminalisierung.

In einer Region, in der das Haupteinkommen vieler Menschen vom Haschischgewerbe abhängt, ist der illegale Status der Droge kein geringes Problem. Ein Sprecher der marokkanischen Partei Istiqlal sagte dem Independent: „Es gibt Dörfer im Rifgebirge, in denen man vergeblich nach Männern Ausschau hält, weil sie entweder im Gefängnis stecken oder polizeilich gesucht werden.“ Die gleichen Argumente, die zur Zeit durch viele Teile der Welt schwappen, werden auch bei den Legalisierungskampagnen in Marokko angeführt: Durch eine Besteuerung der Produktion könnte das gegenwärtige Haushaltsdefizit ausglichen und das Geld, das derzeit für Polizeieinsätze ausgegeben wird, eingespart werden—eine Legalisierung würde im Grunde allen Beteiligten das Leben leichter machen.

In diesem Sinne beschloss ich, Chefchaouen zu besuchen, mich ein Wochenende lang ausschließlich von Ziegenkäse zu ernähren, den Bars von Rabat, in denen alle fünf Minuten Khaled gespielt wurde, zu entfliehen und mir das beste Hasch der Welt direkt von der Quelle zu besorgen.

Gras, das wir direkt nach unserer Ankunft kauften und an das man sehr leicht herankam

Wie sich herausstellte, war Letzteres nicht allzu schwierig. Wenn du Gras rauchst und in Chefchaouen keins findest, dann rauchst du definitiv zu viel. Rifkabylen, Bewohner des Rifatlas, quatschen dich zu jeder Tageszeit lächelnd an und zählen dir ihr Angebot auf: „Hasch? Kif? Mädchen? Opium?“ Und so weiter. Dein erstes, zweites und auch dein drittes „Nein“ betrachten sie nicht als legitime Antwort.

Ich nahm zwei Freunde mit, von denen einer ein Chefchaouen-Veteran war. Als wir ankamen, rief er einen Freund an, den er bei einem früheren Besuch kennengelernt hatte,  und verabredete für den nächsten Tag eine Besichtigungstour auf einer Hasch-Farm. Als wir alles geklärt hatten, fuhren wir zu unserem Hostel—Hotel Souika—, einem Kiffer-Paradies, das alle Klischees bestätigte.

Es gab männliche Backpacker mit Bärten, weibliche Backpacker mit Holzketten und die üblichen Weed-Pilger mit Berber-Fleecejacken, die auf Drogen über Drogen schwadronierten und jeden zutexteten, der das Pech hatte, sich in Hörweite zu befinden, und so aussah, als ob er auch high sein könnte. Etwas unkonventioneller war das spanisch-japanische Pärchen, das mit einem riesigen Joint in den Tag startete und ihn ebenso beendete, nachdem es sich eine halbe Stunde lang in absoluter Dunkelheit auf dem Balkon die Zähne geputzt hatte.

Unser erster Morgen in Chefchaouen fing so schlecht an, wie es für einen Tag in Chefchaouen nur möglich ist. Unser Führer hatte uns am Hotel abgeholt, wir waren ungefähr hundert Meter gegangen. Er kündigte uns gerade an, dass er uns Räume voller Weed zeigen würde, als ihn plötzlich ein Mann an der Schulter packte und wegführte. Ich drehte mich fragend zu meinem Freund um. „Geh weiter“, sagte er, „er wird verhaftet“. Ich hörte, wie hinter mir Handschellen einrasteten; langsamen Schrittes ging ich weiter und tat—wenig überzeugend—so, als ob ich nichts mit dem Mann zu tun hätte. Ja, ich fühlte mich schlecht, aber ich war wirklich nicht darauf vorbereitet, in eine Zelle geworfen zu werden, weil ich neben einem Mann, den ich gerade erst kennengelernt hatte, die Straße langgelaufen war.

Zurück im Hostel meinte die Empfangsdame, dass wir keinen Grund zur Sorge hätten. „Das war die Tourismus-Polizei, er ist nicht als Reiseführer registriert“, erklärte sie. „Sie verhaften ihn jeden Tag—aber für euch ist das kein Problem. Sie werden ihn befragen und er wird sagen: ,Ich habe keine Arbeit. Wollt ihr, dass ich klauen gehe?‘“

Unser dauerverhafteter Führer ist mit seiner Notlage nicht allein. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 9 Prozent, bei den unter 34-Jährigen jedoch bei 30 Prozent. Diese Zahl wäre nicht ansatzweise so hoch, wenn der derzeit heimliche Handel mit Haschisch legal wäre und die Bauern ihre schätzungsweise 800.000 Angestellten offiziell angeben müssten. Da der Markt wächst, könnten vielleicht sogar noch mehr Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Blick auf Chefchaouen von der spanischen Moschee in den Bergen

Nachdem die Empfangsdame uns das Schicksal unseres ersten Reiseführers erklärt hatte, kam ein anderer Mann auf uns zu. Er hätte gesehen hätte, was passiert war, und bot an, uns an Stelle des Mannes herumzuführen. Gut 40 Minuten lang folgten wir ihm durch die Berge. Bei der spanischen Moschee legten wir eine Pause ein und bewunderten die pastellfarbene, blaugetünchte Stadt unter uns.

Schließlich erreichten wir eine Farm, die sich auf dem höchsten Punkt eines winzigen Bergdorfs befand. Wir wurden in einen Innenhof geführt, wo man uns anbot, Platz zu nehmen. Zu unseren Füße liefen pickende Hühner umher, die Laute von sich gaben, die ich noch nie von einem Huhn gehört hatte. „Sie fressen die Marihuanasamen und drehen durch“, erzählte uns unser Führer. 

Kif wird zu Haschisch gemacht

Einer der Arbeiter brachte einen großen Sack mit Kif bzw. Skuff—die von den Marihuanablüten getrennten THC-Kristalle—in den Innenhof, das anscheinend im letzten Monat geerntet worden war. Eine Schale war mit Strumpfhosen bedeckt, die Kristalle wurde daraufgelegt und mit einem anderen Stoff bedeckt. Dann wurden sie zu feinem Pulver gemahlen, das in der Schale landete. Es wurde in einen kleinen Plastikbeutel gekippt, zusammengepresst und gegen ein Hosenbein gerieben. Dann war das Haschisch fertig. Der Bauer erzählte uns, dass er circa 25 Minuten braucht, um ein Kilo Kif zu verarbeiten, aus dem er dann etwa 10 Gramm Hasch herstellt.

Uns wurde erzählt, dass der Stoff, dessen Herstellung wir beobachten konnten, nächstes Jahr auf den europäischen Markt kommen würde. Andere Marokkaner berichteten hingegen, dass das Hasch von Chefchaouen vor allem vom Binnenmarkt konsumiert wird. 

Haschisch, das wir auf der Farm hergestellt haben

Bei der Farm, die wir besichtigt haben, handelte es sich um einen Familienbetrieb. Während wir das Hasch herstellten, lief ein kleines Mädchen lachend zwischen den Hühnern umher. Ein irgendwie seltsamer Anblick, der aber auch zeigte, dass die Farm seit über vierzig Jahren von der dort lebenden Familie betrieben wird. Die Wirtschaft von Chefchaouen dreht sich um Tourismus und Haschisch, und ein Großteil des Tourismus ist entweder dem Hasch zu verdanken oder—zumindest unter den älteren Touristen, die ich getroffen habe—der Tatsache, dass die Stadt von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die Legalisierung und die Legitimierung der zahlreichen an der Haschproduktion beteiligten Arbeitskräfte könnte nicht nur der nationalen und lokalen Wirtschaft Marokkos zu neuem Aufschwung helfen, sondern auch zu einer besseren Integration der Rifregion führen, die für ihr berberisches Stammessystem und ihre Feindseligkeit gegenüber der marokkanischen Zentralregierung bekannt ist.

Fast eine Million Leute leben von der Haschproduktion, die angeblich seit dem 15. Jahrhundert betrieben wird und an der sich auch Mitglieder des Polizeiapparates beteiligen sollen. Alles spricht für eine Entkriminalisierung, doch einer Umsetzung stehen zweifellos noch Hindernisse im Weg.  

Marokko wäre das erste arabische Land, das Cannabis legalisieren würde. Die wichtigste Frage ist, ob eine konservative Gesellschaft—auch wenn sie für die Region relativ tolerant ist—eine vollständige Legalisierung tatsächlich dulden würde. Außerdem stellt sich die Frage, wie die EU reagieren würde, die schon seit einem halben Jahrhundert mit Haschladungen aus Marokko überflutet wird.

Angesichts des internationalen Drucks erscheint eine Legalisierung momentan unwahrscheinlich—die potentiellen Vorteile für Marokko sind allerdings offensichtlich.

Weitere Artikel:

Von Gras, Gott und Gaddafi—Geschichten aus dem Görlitzer Park

Gras gegen Scientology

Welche Drogen machen die Menschheit high?