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Nationalratswahl 2013

Wahlkampf ist wie Wrestling

Wahlkampf ist unsauber, populistisch und voller Lügen. Kurz, er ist wie Wrestling. Hier sind fünf Dinge, in denen sich beide Showformen am deutlichsten ähneln.
20 September 2013, 1:30pm

Zeichnung von Rob DiCaterino

Ein Pessimist wählt von zwei gleich großen Übeln immer beide, sagte Oscar Wilde. Und auch, wenn es ihm wahrscheinlich nicht bewusst war, lieferte er damit im 19. Jahrhundert die Antwort auf die Frage, warum wir selfie- und seriensüchtigen Geschöpfe des 21. Jahrhunderts alle vier bis fünf Jahre aufgefordert sind, ausgerechnet an einem Sonntag die Selfies und Serien beiseite zu lassen und stattdessen in irgendeine stinkende Schule zu pilgern, um dort ein Kreuz neben einen Namen zu setzen.

Die Antwort ist nämlich: Damit wir uns alle ein bisschen mehr wie Optimisten fühlen dürfen, indem wir wenigstens zu einem von beiden Übeln nein sagen. Ziemlich clever vom System, oder? Aber selbst das System besteht auf mikroskopischer Ebene nur aus kleinen Schmarotzern und Schädlingen, wie wir es sind. Und deshalb ist der lange und beschwerliche Weg zu einer Stimmabgabe (unser moderner, demokratischer Kreuzerl-Zug) auch voller unschöner Kämpfe, unsauberer Tricks und unglaubwürdiger Schauspieleinlagen. Kurz: Der Wahlkampf ist wie Wrestling.

Natürlich ist Wrestling nicht der naheliegendste Vergleich für den Zirkus, den die Parteien veranstalten, um sich für die nächste Regierungsperiode unsere Zuschauerschaft zu sichern. Aber wenn man wie ich zufälligerweise ziemlich firm im Reich der sportlichen Spandex-Seifenopern ist, weil man während seiner Sozialisation irgendwie die Abzweigung zu Fußballschauen verpasst hat, kann man einfach gar nicht anders, als die Ähnlichkeiten in jeder Faser des Wahlkampfs zu bemerken.

Deshalb habe ich noch mal meine Diplomarbeit It's still real to me, damn it! ausgegraben und aus meiner Analyse des (ja!) Fake-Sports jene fünf Aspekte rausgesucht, mit denen sich nicht nur turnende Comicfiguren, sondern auch der Wahlkampf im TV beschreiben lässt. YES, YES, YES!

Gimmicks

Der Job eines Wrestlers besteht nicht nur aus gemeinsamen Turnübungen in bunten Unterhosen. Beim Wrestling geht es hauptsächlich darum, die bunten Unterhosen neben Schweiß auch mit Geschichten zu füllen und dafür zu sorgen, dass die Fans emotional Anteil nehmen. Und auch wenn über die Jahre die Unterhosen weniger bunt und die Turnübungen immer mehr zu verdammten Mortal Kombat-Moves geworden sind, hat sich eines nicht geändert: nämlich dass jeder Wrestler einen Charakter braucht, den man im Fachjargon "Gimmick" nennt.

Da sich Wrestling in einer Zeit entwickelt hat, als man noch nicht jeder Talg-Ansammlung am Nasenflügel in Ultra-HD bei der Entstehung zusehen konnte, sondern proletarische Unterhaltung noch ohne Nahaufnahmen auf den Jahrmärkten und in den Sporthallen stattfand, sind diese Gimmicks traditionellerweise einfach gestrickt und immer auf den ersten Blick verständlich (soweit man einen untoten "Undertaker" und einen tanzenden "Funkosaurus" vollinhaltlich VERSTEHEN kann). Außerdem gehört es zum ungeschriebenen Ehrenkodex der Spandex-Zunft, dass man während der Show niemals aus seinem Gimmick zu treten hat.

Manche Wrestler der alten Schule waren sogar dafür bekannt, ihr Gimmick bis ins Schlafzimmer hinein zu leben—der legendärste von ihnen war Dick "The Destroyer" Beyer, der seine Maske angeblich erst unter der Dusche abgenommen hat. Andere Gimmicks scheitern schon in der Sekunde, in der sie ihren ersten Auftritt haben—das legendärste davon war das des "Shockmasters", das ihr hier im einleitenden GIF seht und bei dem es sich um den Wrestler Typhoon alias Tugboat handelt, der in einem zirka viertelstündigen Segment als großer Bösewicht aufgebaut wurde und schließlich in einer mit Glitzer besprühten Sturmtruppmaske durch eine explodierende Wand stolperte (der Gobbledy Gooker im zweiten Bild ist ein ziemlich knapper zweiter Platz).

Falls euch die Parallelen zur Politik nicht deutlich genug ist: Es geht um leicht verständliche, niederschwellige Kunstfiguren, die immer in character bleiben, wobei Hatschek Strache der neue "Destroyer" und Energetico Spindelegger der neue "Shockmaster" ist.

Publikum bzw. Fans

Habt ihr schon einmal eine politische Debatte ohne Publikum gesehen? Okay, diejenigen von euch, die gelegentlich die ORF Pressestunde oder (aufgrund der Sendezeiten ein bisschen wahrscheinlicher, wenn auch nicht besser) Die Wahlfahrt gesehen haben, werden jetzt sagen: JA HABEN WIR.

Aber überlegt euch mal, ob diese Debatten auch nur im Ansatz so gut waren, wie wenn die Politiker eurer feuchten Wachkomas sich vor ein paar dutzend kreischenden "Fans" und Hatern aufplustern und sich in eine pensions- und steuerbasierte Rage reden. Wohl kaum.

Auch im Wrestling gilt: Kein Event ohne Fans. Es gab zwar auch hier über die Zeit gelegentlich das ästhetische und athletische Äquivalent zur ORF Pressestunde in Form sogenannter "Empty Arena Matches" zu sehen—aber auch hier war das Ergebnis eines, von dem man sich einfach nur in Zeitlupe wegdrehen will (wenn das euer Autounfall-Zentrum im Gehirn anspricht, könnt ihr euch ja die Inkarnation von Mankind vs. The Rock ansehen).

Sowohl im Wahlkampf als auch im Wrestling braucht es also begeisterungsfähige Massen, die auf den Einsatz der Protagonisten hin bereit sind, ihre wüstesten Kehl- und Gurgellaute—oder auch mal ein eigenes Unterhöschen—auszupacken.

Diese Massen sind manchmal kleiner und manchmal größer, aber sie sind immer ein wichtiger Bestandteil für die Bewertung der Performance. Wahrscheinlich, weil sowohl Poltiker im Wahlkampf als auch Wrestler andauernd Bestätigung brauchen und ohne das Feedback ihrer Fans wie Frank Stronach zu strudeln beginnen.

"Das Echte im Fake suchen"

Da ziemlich viele Menschen Filme schauen und Bücher lesen und Musik hören, glauben ziemlich viele Menschen, dass sie das automatisch zu Experten für Filme oder Bücher oder Musik macht. Auf gewisse Weise haben sie wahrscheinlich sogar recht, weil sich die Produzenten unserer Kulturgüter inzwischen öfter an Focus Groups und Meinungsumfragen orientieren, als an den drei Kritikern, die sich zu einem gelungenen Lehrbeispiel in elaborater Hochkultur einen vom Pamphlet wedeln.

Andererseits gibt es bei all diesen Kunstformen immer auch diejenigen, denen eigentlich alles scheißegal ist und die trotzdem eine Meinung dazu haben. Das ist bei den Zuschauern von Wrestling und Wahlkampfsendungen anders. Hier verwandeln sich selbst die größten Edmund Sackbauers kurzfristig zu ästhetischen Connaisseurs ("Wos hodn der heid wieder fir an Janka aun?") und sogar die Kenny Powerse zu feingeistigen Fachsimplern ("So sellt man doch bitte keinen Figure-Four Leg-Lock!").

Kurz, die Zuschauer werden zu Experten. In beiden Fällen haben die "Fans" mit Dingen zu tun, die einem im restlichen Leben absolut NIE unterkommen: Gewerkschaftsprobleme, Lehrerdienstrecht, die genaue Gestalt einer hypothetischen Vermögenssteuer und wie sich Monday Night Raw durch bessere Backstage-Politics und mehr Fokus auf den Sportaspekt zu einer zweiten Attitude Era revitalisieren lässt.

Allerdings hat dieses Expertentum auch eine Kehrseite: Denn je mehr man von Wrestling versteht, umso mehr fällt einem auch auf, wie fake eigentlich jeder Aspekt der Sache ist. Die Professorin und Theaterwissenschaftlerin Sharon Mazer beschreibt das Wrestling-Fantum deshalb als eine konstante "Suche nach dem Echten im Fake".

Man schaut Wrestling nicht, weil es Fake ist, sondern weil man in zwischen all dem Glitzer und den Federboas auf genau diese seltenen echten Momente hofft, in denen die Fassade bröckelt. Wenn das nicht mindestens genauso auf jeden Aspekt des Wahlkampfs zutrifft, möge mich der Faymann sofort tombstonen.

Dramaturgie

Da Wrestling nicht im sportlichen Sinne "echt" ist und es nicht ums Ergebnis, sondern um die Ästhetik geht, reicht es natürlich auch nicht, dem Publikum immer dieselben 5-Minuten-Showdowns mit den ewig gleichen K.O.-Moves aufzutischen. So wie bei anderen "gefakten" Unterhaltungsformen (wie Film oder Theater) wollen die Leute vom Ablauf und der Story überrascht werden.

Wenn ihr das mit dem Fake-Aspekt IMMER noch nicht begriffen habt: Wrestling ist nicht wie Muhammad Ali vs. Joe Frazer, sondern wie Rocky vs. Hulk Hogan. Es ist nicht wie Tiger Woods, sondern wie Happy Gilmore. Alles klar? Gut. Dann versteht ihr jetzt sicher auch, dass es bei Wrestling-Matches genauso um die Dramaturgie geht wie bei allen diesen Filmen.

Teil dieser Dramaturgie ist es natürlich, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen und das Match auf einzelnen Sensationsmomenten aufzubauen. Der Soziologie David Haecker hat in seinen Studien sieben Elemente ausfindig gemacht, aus denen sich Wrestling-Kämpfe zusammensetzen:

1. Etablierung der Rollen,
2. Showcase des Guten (Showcase),
3. der Moment der Ungerechtigkeit,
4. „Hoffnungsschimmer",
5. finales Auf‐ oder Anheizen,
6. „Rocky‐Comeback",
7. das Ende („Gestohlener" oder gerechter Sieg).

Zu welchem Punkt das GIF mit dem kinderkickenden Japaner gehört, ist mir leider auch noch nicht ganz klar. Was ich aber weiß, ist, dass das zufällig genau derselbe Ablauf ist wie bei jedem einzelnen Auftritt von HC Strache.

Natürlich gibt es im Wrestling unterschiedliche dramaturgische Denkschulen, vor allem was die Frage des Crowd-Pleasing angeht—auf der einen Seite stehen die wrestlenden Popstars mit ihrer "Ich wäre nichts ohne meine Fans"-Serviceorientierung, auf der anderen Seite die Sport-Profis mit ihrer "Ich werde wohl am besten wissen, was den Leuen gefällt"-Attitüde. Die Überlegung hinter zweiterem: Wenn man jedem ständig gibt, was er will, wird er es bald satt haben.

Auch in der Politik sind beide Zugänge vertreten. Während am einen Ende die FPÖ steht, die nur für Menschen mit Ü im Vornamen unangenehme Nachrichten parat hat, sind die Grünen am anderen Ende des Spektrums schon mal für, sagen wir, eine Begegnungszone auf der Mariahilfer Straße.

Teamarbeit

Zum Schluss kommt noch der wichtigste Punkt und damit auch jener, den sowohl im Wahlkampf als auch im Wrestling keiner so wirklich wahrhaben will: nämlich, dass hinter den Kulissen doch alle unter einer Decke stecken und eigentlich nur eine riesengroße Show für uns Außenstehende aufziehen, um sich gegenseitig ihre recht stattlichen Gehälter zu sichern.

Das ist wohl auch der einzige Punkt, bei dem Wrestling-Fans realistischer sind als Wahlkampf-Publikum. Auch wenn man es beim Mitfiebern gerne ignoriert, ist sich beim Wrestling wenigstens jeder darüber im Klaren, dass das, was man auf er Bühne zu sehen bekommt, ohne vorherige Absprache und Teamarbeit überhaupt nicht möglich wäre.

Beim Wahlkampf sind selbst die aufgeklärtesten Beobachter gelegentlich noch geneigt, zu glauben, dass Faymann und Strache nach einer Konfrontation vor laufender Kamera NIE IM LEBEN bei einem Bier zusammensitzen und gemeinsam Fußball schauen würden. Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass sich übrigens genau dieses Beispiel sehr wohl so zugertragen hat.

Wenn ihr das nächte Mal Zweifel haben solltet, hilft vielleicht eine Eselsbrücke aus der Wrestling-Welt: Niemand lässt sich die Eier seines "Gegners" so lange ins gesicht halten, wenn es nicht vorher abgesprochen ist—und zwar im wörtlichen und im übertragenen Sinne.

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