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Wie ich durch meinen Job in einem Luxus-Salon lernte, die Reichen zu hassen

Frauen mit Pelzkragen und Hermès-Handtaschen machten ein echtes Monster aus mir.

von Caroline Thompson
06 Dezember 2016, 5:10am

Mit 22 bin ich mit 500 Dollar in der Tasche, ohne Arbeit und mit einem Englisch-Abschluss, den außerhalb meiner erweiterten Familie niemanden beeindruckte, nach Chicago gezogen. Nach ein paar Wochen voller Absage-E-Mails von so ziemlich jedem erdenklichen Job in der Literaturwelt kam ich zu dem Schluss, dass meine Miete wichtiger ist, als meine Eltern zu beeindrucken, und bekam einen Job als Rezeptionistin in einem teuren Schönheitssalon. Der Salon befand sich an Chicagos Gold Coast, einer Gegend mit edlen Villen, schlimmen Clubs und verfeindeten Edel-Escorts.

Mein Vorstellungsgespräch war eigentlich eher ein Casting. Eine Bewerbung mit Foto war explizit erwünscht gewesen und das Erste, was die zuständige Dame nach meiner Ankunft tat, war, mein Bild mit meinem tatsächlichen Gesicht zu vergleichen. Sie stellte mir die üblichen Fragen zu meiner nicht vorhandenen Berufserfahrung als Rezeptionistin und befand mich schließlich als hübsch genug, um die kommende Woche dort anzufangen. Sie machte dabei sehr deutlich, dass die Empfangsdamen so etwas wie wandelnde Werbung für den Salon sind. Unser Haar musste jeden Tag perfekt sitzen und unser Make-up makellos sein. Wenn wir in zu unmodischer Kleidung zur Arbeit erschienen, standen wir vor der Wahl: entweder nach Hause und umziehen oder nebenan von unserem großzügigen Stundenlohn (9 Dollar) etwas Neues zum Anziehen kaufen.

Ich gebe zu, dass mich die Arbeit in diesem Umfeld in eine narzisstische Tussi verwandelte. Ich bewegte ich mich schon vorher in diesem Spektrum, aber wenn alle um dich herum über nichts anderes reden, ist es eigentlich unmöglich, nicht besessen vom eigenen Aussehen zu werden. An meinem ersten Arbeitstag sagten mir drei verschiedene Personen unabhängig voneinander, dass ich mit gefärbten Augenbrauen besser aussen würde. Und sie hatten Recht. Wie sich herausstellte, sehe ich mit dunklen Augenbrauen, Balayage-Frisur, präzise-geschwungenem Eyeliner und der vollen Palette Aveda-Lippenstifte zu meiner Hand tatsächlich sehr gut aus. Ich wünschte, ich würde maßlos übertreiben, wenn ich sage, dass ich damals Stunden damit verbrachte, mich im Spiegel anzustarren – vor, während und nach der Arbeit. Ich war ein verdammtes Monster.


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Zum Glück wurde mein überbordendes Ego jeden Tag runtergemacht. Ich hatte während meines Studiums als Kellnerin gearbeitet und dachte dementsprechend, dass ich schon weiß, wie es sich anfühlt, während der Arbeit wie ein Haufen menschlichen Abfalls behandelt zu werden. Die betrunkenen Gäste in meiner Sportsbar in Minneapolis waren allerdings nichts gegen die reichen Hausfrauen, die in dem Salon ein- und ausgingen. Ich überstand kaum einen Arbeitstag, ohne von jemandem für etwas, das nicht meine Schuld war, eine dumme Kuh genannt zu werden. Eines regnerischen Tages sagte eine Frau mit Pelzmantel, dass das Wetter sie "melancholisch" stimmen würde. Als ich ihr beipflichtete, rollte sie nur mit den Augen und sagte: "Oh Liebchen, tu doch nicht so, als würdest du wissen, was das Wort überhaupt bedeutet."

Jeder Tag dort hielt mindestens eine Demütigung für mich bereit. Die 10 Dollar fürs Haaretrocknen, die der Salon bei den Friseurterminen draufschlug, brachte unsere Kundinnen jedes Mal zum Ausrasten. 200 Dollar aufwärts für einen Haarschnitt? Kein Problem! Aber wehe, das Styling kostet nur einen Cent zusätzlich. Ich kann nicht sagen, wie oft mich Frauen mit Birkin-Bag (der mehr kostet als mein komplettes Studium) wegen eines minimalen Aufpreises von 10 Dollar angeschrien haben.

Der Salon befand sich in einem Teil der Gold Coast, den Einheimische 'das Viagra-Dreieck' nennen.

Trinkgeld konnte man bei uns lediglich in bar geben, was nur dazu führte, dass die Stylisten, die immerhin vom Trinkgeld abhängig sind, weniger bekamen. Eine Stammkundin gönnte sich alle zwei Wochen eine 400-Dollar-Behandlung. Nach dem Abkassieren behauptete sie immer, noch mal schnell für Bargeld zum Automaten auf der anderen Straßenseite zu müssen. Jedes verdammte Mal verließ sie den Salon und stieg – direkt vor den Augen aller Empfangsdamen – in ein Taxi.

Das einzige, was reiche Menschen noch mehr hassen, als einen Cent mehr als unbedingt nötig zu bezahlen, war zu warten. Einmal rief ich eine Kundin an, um ihr mitzuteilen, dass der Termin vor ihr länger als geplant dauert. Sie solle doch bitte um 16:20 Uhr und nicht um 16 Uhr kommen. Sie antwortete, dass es für sie nicht in Frage komme, 20 Minuten zu warten. Sie würde zur verabredeten Zeit vorbeikommen. Keine Sekunde später.

Um 15:15 Uhr, also 45 Minuten vor ihrem eigentlichen Termin, stand sie dann eingeschnappt vor mir. Ich hatte ihr am Telefon meinen Namen genannt und als ich ihr noch einmal freundlich mitteilte, dass sie sich noch einen Moment gedulden müsse, fing sie an, meinen Namen laut durch den Laden zu schreien: "Tja, CAROLINE, ich weiß nicht, wer blöd genug war, Sie einzustellen, aber Sie werden in DIESER STADT nicht mehr lange Arbeit haben. MEINE ZEIT IST SEHR KOSTBAR. DAS HABE ICH IHNEN BEREITS AM TELEFON GESAGT."

Der Salon befand sich in einem Teil der Gold Coast, den Einheimische "das Viagra-Dreieck" nennen. Den Namen verdankt die Gegend ihrem Überfluss an reichen alten Männern und silikonbrüstigen Frauen, die sie gegen Geld zu späten Abendessen und, wahrscheinlich, ausuferndem Hotel-Popo-Zeug begleiten. Diese Frauen kamen ebenfalls in unseren Salon, gönnten sich ein Ganzkörperpeeling, ließen sich ihre blonden Extensions erneuern und gaben Tausende Dollar für Produkte aus – alles in bar natürlich. Die Quasi-Elite dieses Kundenstamms bildeten Frauen Mitte bis Ende 40 mit unfassbar viel Botox im Gesicht. Uns am Empfang sagten sie jetzt nicht groß, wie sie zu Geld gekommen waren, aber ihren Stylisten erzählten sie hemmungslos jedes kleine, noch so dreckige Detail – und diese später natürlich auch uns. Es ging um 12.000-Dollar-Wochenenden in Cabo und Millionen-Dollar-Appartements, die ihnen ihre Langzeit-Sugardaddys spendiert hatten.

Du musst auch selbst ein bisschen verrückt sein, um an einem Ort arbeiten zu können, an dem jeder Kunde eine tickende Zeitbombe ist. Ein zuckersüßes Engelchen, frisch aus dem Bus von Nebraska, kündigte schon nach drei Stunden, nachdem eine verstimmte Kundin sie am Telefon eine dumme Fotze genannt hatte. Die netten Mädchen fielen an diesem Ort wie die Fliegen. Die Arbeit dort verschaffte mir ein dickes Fell, aber sie machte mich auch gemein. Ich war vorher schon keine Heilige gewesen, aber nach wenigen Wochen, in denen stinkreiche Menschen tagtäglich ihre Scheiße an mir ausgelassen hatten, entwickelte ich eine schnippische "Fick sie, bevor sie dich ficken"-Haltung. In Kombination mit dem Hochleistungsnarzissmus, den der Job aus dir herauskitzelt, hatte mich das einfach unausstehlich gemacht.

Ich war ein Arschloch – in einem Umfeld zu arbeiten, das zu gleichen Teilen oberflächlich und feindselig war, förderte das ungemein. Wenn du jemanden wie ein Stück Scheiße behandelst, der nur an seinem Aussehen bewertet wird, dann wird dieser jemand sich auch bald wie eins verhalten. Ich gebe mir jetzt alle Mühe, jeden Angestellten im Kundenservice so zu behandeln, als würden er mir meine verspätete Zusage für Hogwarts überreichen. Ich bin ein verfickter Sonnenschein von einem Menschen.

Ein paar grundlegende Dinge fürs Leben habe ich bei diesem Job aber auch gelernt: wie man Lippenstift aufträgt; wie man einen Psycho in den Wechseljahren beruhigt, der droht deine Kollegin mit einer 100-Dollar-Pinzette abzustechen; wie du die Ruhe bewahrst, während du B-Promis bei der Auswahl des perfekten Trockenshampoo behilflich bist. Die wichtigste Lektion, die ich allerdings in meinem Jahr als Sandsack für reiche Hausfrauen gelernt habe, war ganz einfach: Sei kein verdammtes Arschloch. Niemand ist dir irgendetwas schuldig, vor allem nicht das Mädchen, das deine Hautpflegeprodukte im Wert von 800 Dollar in die Kasse eingibt. Sie hat wahrscheinlich heute morgen eine Tasse alten, aufgewärmten Kaffee zum Frühstück gehabt, weil sie zu pleite für neuen ist. Die kann deine Scheiße gerade wirklich nicht gebrauchen.

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