Review

Wenn Techno auf Klassik trifft, geht Zürich wieder in die Kirche

Doch nicht einmal Francesco Tristanos gottgebene Musik am Flügel hält Herr und Frau Zürcher vom Socialising ab.
16.11.16
Alle Fotos zvg

Das letzte Mal als ich im Grossmünster war, stand ich ziemlich schnell wieder vor der Tür. Die dutzend Tafeln am Eingang, die Besucher vom Knipsen abhalten sollten, hatte ich tatsächlich übersehen und fing logischerweise gleich an, den Innenraum mit der Handy-Kamera festzuhalten. Dabei ist Fotografieren in der ikonischsten Kirche Zürichs verboten. Demnach war mein Besuch ein kurzer. Ich fragte noch die Frau, die mich zur Tür wies, warum das nicht gestattet sei, doch sie wollte darauf keine Antwort geben. Ich nahm als gute Atheistin an, dass amateurhaftes Fotografieren vielleicht bei den Christen unter Gotteslästerung geht und wenn Gott ein Problem hat, im schlechten Licht dargestellt zu werden, dann geht das für mich klar. Ich meine, jedem das Seine.

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Am vergangenen Freitagabend haben sich wegen dem RBMA Weekender mit dem Pianisten Francesco Tristano unzählige junge Menschen auf dem Grossmünsterplatz versammelt. Noch nie habe ich so viele Menschen auf diesem Platz gesehen und ich muss darüber schmunzeln, dass wir alle an einem Freitagabend in die Kirche wollen. Wann bitteschön hat es sowas das letzte Mal in Zürich ausserhalb einer ICF-Veranstaltung gegeben? Das muss definitiv zu Zeiten gewesen sein, als ich noch nicht auf der Welt war.

Eigentlich bin ich aber damit beschäftigt, so rasch wie möglich ins Innere zu gelangen. Meine Mitarbeiter und ich haben nämlich das Büro doch eher knapp verlassen und uns von gleich zwei Uber-Fahrern zum Helmhaus befördern lassen. Angesichts der freien Sitzwahl im Grossmünster und weil ich im angetrunkenen Zustand zu einem unverbesserlichen Ego werde, will ich mich ziemlich bald aus dem Staub machen und nicht auf die Mitarbeiter warten, die erst noch eine Zigarette rauchen und ihr Dosenbier austrinken. In diesem Fall lohnt es sich aber, all die bekannten Gesichter vor dem Eingang eiskalt zu ignorieren und mich an ihnen asozial vorbei zu drängen. Immerhin finden meine Begleitung und ich so zwei freie Plätze in der Mitte des Saals, von wo man sogar noch etwas vom am vorderen Ende des Kirchenschiffs aufgestellten Flügel sehen kann. Habe ich schon erwähnt, dass ich noch nie ich so viele Menschen in einer Kirche gesehen habe?

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Und noch nie habe ich mich so wie ein richtiger Füdlibürger über die Unruhe in einer Kirche geärgert. Als Tristanos hagere Gestalt zügig über die paar Stufen vom Altar zum Flügel gleitet und den eher mageren Applaus begrüsst, sind mindestens drei Viertel der Gäste noch damit beschäftigt, sich in aller Lautstärke auszutauschen. Tristano ist vielleicht nicht gerade eine Person, die Präsenz im Raum markiert, doch der Luxemburger tut mir Leid. Er ist sich sicher herzlichere Begrüssungen an seinen Auftritten gewohnt. Selbst als er seinen glorreichen Track "Hello" mitsamt genialem Medley zu einer eigenen Interpretation eines klassischen Klavierstücks zum Besten gibt, sind sich die Leute zu Schade, um ihm die volle Aufmerksamkeit zu geben. Andauernd stehen irgendwo Leute auf, um sich für eine Zigi nach draussen zu begeben und ich frage mich langsam, ob sie denn jemals eine ganze Oper überstehen würden ohne ständiges Socialising und Raucherpausen.

Dabei hätte ich grundsätzlich nichts dagegen, wenn sich Zürcher den Stock aus dem Arsch ziehen und ab und zu ihre Freude an der Musik etwas bereitwilliger mitteilen würden. Diesmal stehen da auch keine Tafeln, welche den Besuchern Zurufe verbieten. Ich verstehe die Logik von Herr und Frau Zürcher einfach nicht; warum gibt man sich so verhalten beim Applaus zwischen den Stücken, aber hat kein Problem damit, sich während des Auftritts über die Neuigkeiten des übernächsten Banknachbars zu erkundigen? Da ich anscheinend ohne so einen Stock geboren wurde, lasse ich immer wieder mal zwischen den Tracks alle über meine Freude an der Musik wissen. Und zwar so richtig gerne. Ich glaube auch, dass sich meine Begleitung insgeheim ein wenig für mich schämt, weil anfangs doch der eine oder andere Blick in unsere Richtung geworfen wurde.

Nach einer guten halben Stunde habe ich die ganze Aufregung schon fast vergessen, denn was dort vorne am Flügel abgeht, ist sagenhaft. Ich versuche so gut es geht, meine wippenden Beine in Schach zu halten, aber es ist schlicht unmöglich, wie bei einer Messe ganz ruhig sitzen zu bleiben. Ich weiss nicht, wie es die anderen um mich herum schaffen, so steif dazusitzen. Selbst während den klassischen Stücken inmitten der technoiden bewegt sich ständig irgendein Körperteil zur Musik. Wenn es nicht ein Bein ist, sind es die Füsse. Wenn es nicht die Füsse sind, sind es die Finger. Wenn es nicht die Finger sind, ist es der Kopf und wenn es nicht der Kopf ist, bewegt sich der Oberkörper und so weiter. Tristano schafft eine überwältigende Energie im hohen Raum des Grossmünsters. Jedes Stück und jeder Übergang sitzt perfekt. Mir wird klar, dass ich gerade etwas erlebe, woran ich mich in Zukunft immer wieder gerne zurückerinnern werde. Ein unbeschreibliches Gefühl aus einer Mischung von Glückseligkeit, Vollkommenheit und purem Genuss. Keine Droge und nicht einmal die natürliche Ausschüttung von Oxytocin kommt auch nur ansatzweise an die Emotionen heran, die sich gerade in mir abspielen und mich alles, aber auch wirklich alles da draussen in der Welt ausserhalb des Grossmünsters vergessen lassen. Ich verstehe langsam, dass das, was ich hier miterlebe, die Zukunft der klassischen Musik sein muss. Schliesslich hat sich das Format des klassischen Konzerts seit 1816 nicht verändert. Nein, Francesco Tristanos Name gehört viel mehr in die Reihe von Grössen wie Carl Craig, Jeff Mills und Nils Frahm und dürfte (von mir aus) in die Musikgeschichte eingehen.

Francesco Tristano am Piano.

In regelmässigen Abständen hält jemand im Publikum den Bildschirm seines Smartphones in die Höhe, um am besten noch während des Auftritts auf Instagram und WhatsApp Bilder zu streuen. Nur während den reinen Klavierstücken scheint niemand das Bedürfnis zu haben, den Moment festzuhalten. Obwohl ich es eigentlich scheisse finde, muss ich dann halt auch mal ein Video von Tristanos sensationellen Leistung machen. Diesmal stehen ja auch keine Verbotstafeln für das Fotografieren rum. Ausserdem gehört bei heutigen Konzerten das Smartphone-Bildschirm-Meer praktisch zum Bühnenbild dazu. Für all diese Ausnahmen im Grossmünster hat Gott wohl einen speziellen Deal mit Red Bull ausgemacht oder er hat einfach einen ausgezeichneten Musikgeschmack und findet das im Rahmen des RBMA Weekender mit Francesco Tristano easy.

Am nächsten Tag bin ich noch immer überwältigt vom Konzert und grabe für einen Instagram-Post das qualitativ miese Video hervor. "Faith in humanity restored", schreibe ich dazu, weil das nichts als die Wahrheit ist.