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Der König des Flaschenpfands

Wer kennt sie nicht, die Jungs, die einem auch schon mal eine halbvolle Bierflasche klauen. Einer ihrer Könige ist Chris aus Berlin.

von Lukas Horch
25 August 2011, 6:14pm

Wer kennt sie nicht, die Jungs, die einem auch schon mal in einem unachtsamen Moment eine halbvolle Bierflasche klauen. Einer ihrer Könige ist aller Wahrscheinlichkeit nach Chris aus Berlin. Mittlerweile ziehen Tausende Pfandsammler durch die Straßen und Parks Deutschlands und deshalb kann heute jeder mit vermeintlich gutem Gewissen einen Teil seiner Konsumverpackungen auf die Straße oder Wiese seiner Wahl schmeißen, denn spätestens nach fünf Minuten verschwinden sie im Beutel eines Pfandsammlers. Eigentlich kaum vorstellbar, aber in unserem ach so starken Sozialstaat sind satte 1,3 Mio. Menschen auf Essen von den Lebensmitteltafeln angewiesen und das in einem Land, dass 49 Mrd. Euro pro Jahr für Hartz-4 ausgibt. Von dem Geld kommen faktisch nur 24 Mrd. Euro bei den Empfängern an, der Rest versickert im durchbürokratisierten Chaos und wird beispielsweise für Fortbildungseinrichtungen wie die Fake-Supermarkt-Trainingslager des TÜV-Nord ausgegeben, der pro Teilnehmer 500-800€ kassiert und so Hunderttausende im Jahr umsetzt. Das schlimmste ist, dass solcher Bullshit Teil eines Teufelskreises ist, denn die Branche nimmt natürlich umso mehr ein, je mehr Menschen verarmen und auf Hilfe vom Staat angewiesen sind. Sieht man sich die Demografie Deutschlands an, zeichnet sich ein unschönes Bild ab: Der Anteil alter Menschen in der Bevölkerung steigt und es werden einfach viel zu wenige geboren. Wenn keine jungen Leute mehr nachrücken, die sich Abend für Abend literweise Bier reinkippen, werden die Arbeitslosen ja noch arbeitsloser - mein Tipp: noch mehr saufen und die Pfandkonjunktur ankurbeln.

Vor ungefähr einer Woche war ich am Ostkreuz unterwegs und auf einmal kam ein Typ auf mich zu, der aussah, als wäre er aus einem Comic geklettert und bat mich, mit einem Mix aus american-englisch, deutsch und Slang, um meine leere Bierflasche. Da im Moment Pfandgutentsorgungshochkonjunktur ist und ich bereits über fortgeschrittene Pfandsammelerfahrung verfüge - ein bis zweimal die Woche bringe ich einen ganzen Sack zum Supermarkt - dachte ich mir, ich könnte mal einem Profi bei der Arbeit zusehen. Letzten Sonntag habe ihn auf seiner Tour begleitet.

Er heißt Chris, kommt eigentlich aus San Francisco und hin und wieder verprügelt er nachts Neonazis. Auf jeden Fall ist er der abgefahrenste Pfandjunk auf den Straßen Berlins und er war bereit „dem indifferenten Schlund der breiteren Öffentlichkeit so einige Einsichten des quotidianen (Alltagsnormalität, Anm. d. Red.) Alltagskampfes der vor sich hinschmachtenden Unterschicht hinunterzuwürgen."

Bike 30 Euro, Anhänger 50 Euro und die Existenzgründung hat sich bereits nach drei Tagen amortisiert.

Bewaffnet mit kistenweise Bier, Cola, Club-Mate und Saft bin ich mit ihm zum Mauerpark gefahren. Denn Chris sammelt nicht nur, sondern verkauft auch, da der Tourismus selbst in der Schattenwirtschaft der Pfandsammler angekommen ist. Chris macht hier mit den Hunderten, die sich zwischen Flohmarkt und Musikern tummeln, sein Hauptgeschäft der Woche. Also, volle Flaschen hin, leere Flaschen her. Natürlich hab ich ihm geholfen, als Entlohnung durfte ich mir ein kaltes Oettinger nach dem anderen reinkippen und mir angeduselt seine Geschichten anhören.

Die Converse sind der Hammer.

Chris bekommt Hartz-4, Kosten für Wohnung und Krankenversicherung übernimmt ebenfalls der Staat, aber er will mehr. Das erarbeitete Pfandgeld steckt er in ein Einmachglas, um für den Winter und ein MacBook zu sparen. Er will einen Krimi schreiben, über Verbrechen in der Berliner Unterwelt. Und mit Unterwelt meint er nicht irgendwelche langweiligen, kleinkriminellen Drogendealer, er meint ganze Scharen von Menschen, die, wie er sagt, in den alten U-Bahn- und Kanalsystemen ihr Dasein fristen und nur auf Neugierige warten. Er selbst geht öfter da hinunter, allerdings nur mit einem Jagdmesser, um sich im Notfall verteidigen zu können. Ich weiß nicht genau, ob ich ihn dabei begleiten will...

Einwandfrei für den Sommer gekleidet - Hawai-Shirt reloaded.

In der Nacht zum Sonntag hatten drei Neonazis Langweile und wollten sich ihre Zeit damit vertreiben, Chris anzugreifen. Mit einer zerbrochenen Flasche sind sie auf ihn zugestürmt. Sie haben aber die Rechnung ohne seine Reflexe gemacht, zack eine Bierflasche in die rechte, eine in die linke Hand und ab auf den kahlgeschorenen Schädel damit. Dann noch mit den Stiefeln ins Mittelgebirge treten und Feierabend. Chris sagt, die Jungs waren bewusstlos und er hätte auf Erste Hilfe verzichtet, weil der Krankenwagen eh unterwegs war.

Chris hat sich schon öfter selbst zusammengeflickt und zumindest das letzte Ergebnis kann sich sehen lassen.

Beim Kampf hat er sich die Hand aufgeschlitzt, ich musste fast kotzen, als er sie mir vor die Augen gehalten hat. Selbstverständlich ließ er sich nicht großartig davon beeindrucken und setzte seine Tour, stark blutend, aber dennoch unbeirrt fort. Chris ist nicht nur Mechaniker und sein eigener Apotheker, er ist auch Hobby-Arzt und so hat er sich die Wunde am Abend selbst zugenäht.

Seine Berufsbezeichnung: Wanderjäger.

Die Arbeit selbst hat sogar richtig Spaß gemacht. Sie ist wetterabhängig, d.h. malocht wird nur, wenn es warm ist und die Leute entsprechend viel trinken. Man kommt zwangsläufig Sonntags früh aus dem Bett und ist den ganzen Tag an der frischen Luft. Ich denke, dass unsere uralten Sammel- und Jagdtriebe die Hauptmotivation ausmachen, man will einfach nicht aufgeben, schließlich ist jede Flasche bares Geld wert und man ist immer auf der Suche nach der nächsten Beute. Erfolgserlebnisse stellen sich auch schnell ein, der Fokus richtet sich nur auf Flaschen und du erkennst sie schon aus der Ferne. Ich habe Chris an diesem Tag erstmal zwei große Säcke voll gemacht, nebenbei Musik gehört und Parkbesucher vollgelabert. In Zukunft werde ich mir aber ein anderes Revier suchen müssen, im Mauerpark gibt es einfach schon zu viel Konkurrenz unter den Pfandsammlern. Chris hat damit, wie in allen anderen Dingen, Erfahrung: „Direkt am Boxhagener Platz läuft ein Pole rum, der sich einbildet, der große Macker zu sein, nix sammelt und deshalb den ganzen Tag Kraft hat, mich anzubrüllen. Der Typ ist aber ein Feigling und hat 'nen Micro-Penis, der hat nix zu melden, ich fürchte mich vor niemanden." Er lebt streng nach einem Pfandsammler-Kodex, den er sich selbst ausgedacht hat. Verweile nie lange an einem bestimmten Ort, sei nett und höflich zu deinen Mitmenschen. Reviere gibt es nicht, sammle, wo du willst. Geh Streit, wenn möglich, aus dem Weg. Chris hätte definitiv das Zeug, zum Pfandpaten Berlins aufzusteigen, doch vielleicht ist er dafür aber dann doch ein wenig zu freundlich.den

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