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Die U-Bahn ist die Seele Berlins

Zwischen lachenden Öko-Müttern und einem Betrunkenen, der heimlich, still und leise Durchfall hat, zeigt sich das wahre Wesen unserer Hauptstadt.
3.2.15
Foto: Grey Hutton

Heute haben die Berliner Verkehrsbetriebe ihre neuen U-Bahn-Wagen vorgestellt, die ab Ende Mai erst einmal versuchsweise durch die Hauptstadt rollen sollen. Durchdesignt, modern, lichtdurchlässig—so soll wohl die aufstrebende Weltmetropole zukünftig auch unterirdisch aussehen. Dabei sind die abgefuckten, dreckigen und miefigen Züge in runtergenudeltem Senfgelb doch das perfekte Aushängeschild für Deutschlands ständig verkaterte Vorzeigestadt.

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Leere Druffi-Augen, lachende Öko-Mütter, ein Betrunkener, der heimlich, still und leise Durchfall hat. Berlin ist eine Stadt der ganz großen Widersprüche und nirgendwo zeigt sich das so sehr wie in dem öffentlichen Verkehrsmittel, dass sich ähnlich einer Blutbahn einmal quer unter der Oberfläche der deutschen Metropole entlangzieht. Wer wissen möchte, wie Berlin abseits aller Partyklischees und dem medial omnipräsenten Politzirkus wirklich ist, braucht keinen Pub-Crawl zu den wirklich totalen Insider-Bars oder muss seinen halben Aufenthalt zwischen ironischen Neo-Hippies in der Hasenheide verbringen. Kauft euch ein Ticket (oder auch nicht, wenn ihr jung und abenteuerlich seid), fahrt ein bisschen Bahn und ihr wisst alles, was es über Berlin zu wissen gibt.

Egal ob hippe Twentysomethings mit Undercut in der U1, ältere Kudamm-Reisegruppen in der U9, Berlins Dealer-Elite in der U7 oder komplett wahnsinnige Obdachlose in der U8—nahezu jeder in Berlin fährt Bahn, oder tut es zumindest in regelmäßigen Abständen. Zum Einen, weil Autofahren in Berlin zu Stoßzeiten den Hunger Games gleicht. Zum anderen, weil sich insbesondere unter den jüngeren Hauptstädtern und all den Medienmenschen zwar jeder zweite ein MacBook, aber kaum jemand ein Auto leisten kann. Während öffentliche Verkehrsmittel im Allgemeinen immer einen recht guten Einblick in das soziale Gefüge einer Stadt bieten, zeigen sich in Berlin vor allem die krassen Gegensätze innerhalb der Bevölkerung, die sich trotzdem in ihrer allgemeinen „Whatever"-Haltung gegenüber allem Absonderlichen und Ungewöhnlichen einig ist. Da kann jemand mit einem Pony in die Bahn kommen, Klimmzüge an den Haltestangen machen, Sex auf dem Bahnsteig haben oder zur Fashionweek im Ganzkörper-Weltraumprint-Anzug nach einem Sitzplatz suchen, und niemand würde auch nur ansatzweise überrascht tun. Daran erkennt man übrigens auch, wer neu in der Stadt ist.

Daily Business. Foto: Willhelm Rinke

Während sich der Berliner nämlich jeden Tag auf's Neue genervt neben schlafende Betrunkene, Kotzpfützen und Bahn-„Musiker" mit batteriebetriebenem Ghettoblaster setzt und sich seiner Haltestelle entgegen sehnt, versucht der Tourist mit weit aufgerissenen Augen so viel wie möglich von der ungewohnten Kulisse in sich aufzunehmen. Nein, wie urban! Spontane U-Bahn-Partys mit Handymusik und mitgebrachtem Glitzerkonfetti? Tanzende, johlende Menschen, die man so sonst nur in hippen Musikvideos sieht? Das ist die Anti-These zum Rest von Spießer-Deutschland, die Essenz der wilden Partyhauptstadt, auf deren Nachtleben angeblich sogar die New Yorker neidisch sind.

Natürlich: die U-Bahn ist nicht das einzige Verkehrsmittel der Hauptstadt. Doch keine Tram, kein Bus, keine S-Bahn erreicht dasselbe Maß an Intensität und diese unvergleichbare Mischung aus unterschwelliger Aggression, kompletter Resignation und den schlimmstmöglichen menschlichen Ausdünstungen. Auf engstem, größtenteils unterirdischem Raum sind dort Tag für Tag Menschen zusammengepfercht, die nichts anderes wollen, als möglichst schnell von A nach B zu kommen. Selbst die komplett wahnsinnigen Obdachlosen in der U8 haben ein klar formuliertes Ziel: Mit größtmöglicher Unfreundlichkeit den größtmöglichen Profit machen. Ab und an verirrt sich auch noch ein schlechter Freestyle-Rapper unter all die aufdringlichen Lebenskünstler und plötzlich ist der Großteil des Wagons in hassender Seligkeit vereint. Hassen, das kann Berlin nämlich ziemlich gut.

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Die BVG, die Berliner Verkehrsbetriebe (fragt nicht, woher das G in der Abkürzung kommt), schaffen es auch hier, den Querschnitt der Berliner abzubilden. Was allen anderen das Wetter, sind dem Hauptstadtbewohner die öffentlichen Verkehrsmittel. Da gibt es immer was zu motzen, denn den Berliner und die BVG verbindet eine Hassliebe, deren Intensität vor allem dann rapide zunimmt, wenn zu Beginn eines Jahres mal wieder die Preise angehoben und gleichzeitig flächendeckende Baumaßnahmen angekündigt werden. Ersatzverkehr für eine der meistgenutzten U-Bahn-Linien? Ein Bus alle 15 Minuten muss genügen. Wochenlanger Pendelverkehr? Warum ansagen? Lassen wir die Leute doch selbst herausfinden, wie sie rechtzeitig zur Arbeit kommen. Als die U8 wegen Bauarbeiten an zwei Stationen für ein ganzes Jahr lang unterbrochen war, halfen auch die verschenkten Jutebeutel nicht gegen die ohnmächtige Wut der Fahrgäste.

Berlin, wie es gerne wäre, in einem Bild. Foto: Grey Hutton

Diese komplette Unfähigkeit, Dinge zeitnah und problemlos abzuwickeln, obwohl es schließlich um das vermeintliche Epizentrum der Bundesrepublik Deutschland und nicht die Weihnachtsfeier des Schützenvereins Buxtehude handelt, ist so typisch für Berlin, dass man beinahe annehmen könnte, die würden das mit Absicht machen. Berlin ist hip, Berlin ist spannend und da werden logistische Ausfälle an der Grenze zur absoluten Frechheit eben gerne mal augenzwinkernd unter der lässigen Berliner Lebenseinstellung verbucht und U8-Jutebeutel nach einjähriger Unterbrechung der Linie verteilt.

Tatsächlich zeigt die Sozialstudie U-Bahn aber viel weniger Lässigkeit, als stoische Ignoranz. Da können Kamerateams durch die Sitzreihen trampeln oder irgendein C-Promi im Vierer gegenüber sitzen, da kann jemand lauthals lallend Gedichte rezitieren und niemanden interessiert's. Weil man zu cool ist, um sich wirklich zu begeistern, weil man zu müde ist, um sich über irgendetwas aufzuregen, und weil man dem allgemeinen Menschen-Overkill in der Metropole sowieso nicht entkommen kann. Außer man zieht sich so weit wie möglich in sich selbst zurück. Jeder ist seine eigene kleine Insel—entweder mit Handy in der Hand, Kopfhörer im Ohr oder Drogen im Kopf.

Trotzdem: Manchmal wird einem ganz eng ums Herz, wenn man in der U-Bahn sitzt und sich umkuckt. Die ganzen verschiedenen Menschen, die—allesamt müde und fertig vom Tag—nur nach Hause wollen. Niemand spricht miteinander, die Stille scheint unüberbrückbar, weil: Wer redet denn noch mit fremden Menschen außer Betrunkene oder alte Leute? Und trotzdem fühlt man sich ihnen so ein bisschen nah, weil man in diesen Minuten, in denen man zwischen Abfahrt und Ankommen hängt und Zeit hat, über sich und sein Leben nachzudenken, bevor man beim nächsten Termin wieder funktionieren oder zuhause den Abwasch machen muss, auch irgendwie verletzlich ist. Und echt. Ganz so, als hätten sich die Kontinentalplatten verschoben und die Inseln sind ein bisschen aufeinander zugerutscht. Zumindest für einen Moment.

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