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Was noch beschissener ist, als ein Obdachloser zu sein? Eine obdachlose Frau zu sein

„Viele ältere Frauen trinken nur, weil sie zu viel Respekt vor anderen Sachen haben. Viele jüngere Frauen sind polytox und nehmen alles, was sie kriegen können, je nachdem, was es gerade gibt oder wofür sie Geld haben."

von Sophie Claassen
06 März 2015, 11:15am

Illustration: Sarah Schmitt

Nach Schätzungen belief sich 2012 die Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland auf 284.000. Nach Prognosen werden es in den nächsten Jahren noch mal rund 100.000 mehr werden. (UPDATE, 5. Oktober 2015: Die jüngste Schätzung geht von rund 540.000 Menschen im Jahr 2018 aus. Dazu gezählt werden auch Menschen, die in Notunterkünften oder Wohnheimen leben, also auch Asylbewerber.) Auch der Anteil der wohnungslosen Frauen steigt dabei kontinuierlich und liegt momentan bei etwa 26 Prozent. Wohnungslosigkeit bedeutet gerade für Frauen ein Leben in extremer Unsicherheit. Ein Leben in der ständigen Angst, der Gewalt und Willkür anderer hilflos ausgeliefert zu sein, was sich für die meisten nur mit Hilfe von Alkohol und Drogen ertragen lässt. Als Frau mit eigener Wohnung, die diese Angst höchstens aus den Momenten kennt, wenn sie nachts auf einem verlassenen Bahnsteig zehn Minuten auf die U-Bahn warten muss, kann ich mir das wirkliche Ausmaß eines Lebens ohne festen Wohnsitz nur schwer vorstellen. Deswegen habe ich mir anlässlich des Weltfrauentages am 8. März vorgenommen, mehr über die Situation dieser Frauen zu erfahren.

Bei den Frauen liegt der Anteil der von Wohnungslosigkeit betroffenen unter 25 Jahren mit 30 Prozent deutlich höher als bei den Männern (17 Prozent). Die Gründe dafür lassen sich allerdings nur schwer in Erfahrung bringen, was vor allem daran liegt, dass es weder für Gesamtdeutschland noch für die einzelnen Bundesländer (mit Ausnahme von Nordrhein-Westfahlen) eine offizielle Statistik zu diesem Thema gibt. Weit über eine Viertelmillion Menschen in existentieller Not sind offensichtlich immer noch eine zu geringe Zahl, als dass ihre Probleme auf politischer Ebene eine Rolle spielen könnten. Die einzigen Statistiken, die es gibt, stammen von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W), die sich intensiv mit dieser Problematik auseinandersetzt und eine nationale Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot und Armut in Deutschland fordert. Als wohnungslos gelten alle, die in keinem Mietverhältnis stehen und in Einrichtungen leben, in denen sie nur für eine bestimmte Zeit bleiben können. Hierzu zählen zum Beispiel Herbergen, Hotels, Frauenhäuser oder Asylbewerberheime. Die Bezeichnung „obdachlos" hingegen betrifft nur diejenigen, die ausschließlich auf der Straße leben oder nur ab und zu in einer Notübernachtungsstelle unterkommen.

Werena Rosenke von der BAG W erklärt mir, dass die Gründe, aus denen junge Frauen sich plötzlich ohne feste Bleibe oder auf der Straße wiederfinden, vermutlich vor allem in einem instabilen familiären Umfeld, Gewalt in der Familie oder der Partnerschaft zu suchen sind. Viele der Frauen kommen daraufhin vorübergehend bei Freunden oder Bekannten unter. Oder sie suchen sich männliche Bekanntschaften, die sie auf unbestimmte Zeit bei sich wohnen lassen—und im Gegenzug dazu sexuelle Dienstleistungen verlangen. Der Anteil der Frauen, die tatsächlich ohne jeglichen Wohnsitz auf der Straße leben, ist relativ gering. Allerdings lässt sich auch hier ihre genaue Anzahl nur schwer schätzen, weil obdachlose Frauen im Gegensatz zu vielen ihrer männlichen Leidensgenossen im Straßenbild oft unsichtbar sind. Das Leben auf der Straße ist hart und gefährlich, doch Frauen sehen sich dazu noch mit einer Reihe von spezifischen Problemen konfrontiert—zum Beispiel wenn sie ihre Tage haben oder schwanger sind. Außerdem laufen Frauen schneller Gefahr, Opfer von Übergriffen und sexueller Gewalt zu werden. Die Frauen wissen, dass sie sich schützen müssen, erklärt Rosenke, und das geht am besten, indem sie versuchen, so wenig wie möglich aufzufallen, sich zu pflegen, ordentlich zu kleiden und sich an Orten aufzuhalten, an denen niemand so schnell auf die Idee kommen würde, dass sie nur da sind, weil sie kein Zuhause haben. „Das sind Zeiten sehr prekären Lebens und Wohnens, gefährlich für den Körper, aber auch für die Psyche, weil man immer gucken muss: Wo bin ich heute? Wo bin ich morgen? Will der was von mir? In so einer Situation zu leben, das ist ja eigentlich ein Leben unter Hochspannung, ein Leben in vollkommener Unsicherheit."

Im Winter wird das Leben für alle Obdachlosen auf der Straße noch eine ganze Stufe härter. Die Einrichtungen und Notunterkünfte für Menschen ohne Wohnung bieten eine Alternative zum Übernachten auf der Straße, doch die allermeisten von ihnen sind nicht nach Geschlechtern getrennt, was nicht notgedrungen zu Komplikationen führen muss, für die Frauen aber durchaus unangenehm oder sogar gefährlich sein kann. Außerdem ist das Versorgungsangebot dort oft sehr gering, es gibt weder Raum für Privatsphäre noch Betreuung durch Sozialarbeiter. „Wir als BAG W fordern schon sehr lange, dass es auf jeden Fall Angebote geben muss, die ausschließlich für Frauen sind", sagt Rosenke. „Einrichtungen, wo ausschließlich Sozialarbeiterinnen tätig sind und die Frauen die Möglichkeit haben, Hilfe zu bekommen, ohne sich in einem männlich dominierten Umfeld aufhalten zu müssen." In Berlin gibt es eine einzige ganzjährig geöffnete Notunterkunft, die ausschließlich Frauen aufnimmt, und die ist meist überlastet. Manche Frauen bleiben lieber auf der Straße als in eine gemischtgeschlechtliche Einrichtung zu gehen, gerade wenn sie Erfahrungen mit (sexueller) Gewalt gemacht haben.

Es sind diese Erfahrungen und die ständige Angst davor, erneut zum Opfer zu werden, die die Frauen auch im Kontakt mit anderen Menschen überaus vorsichtig macht. Dazu stellen sich die Leiterinnen der sozialen Einrichtungen schützend vor ihre Klientinnen, weshalb es mir auch während der Vorbereitung für diesen Artikel schwer fiel, betroffene Frauen zu finden, die mit mir über ihre Situation reden wollten. Außerdem spielt bei wohnungslosen Frauen (im Gegensatz zu Männern) auch das persönliche Schamgefühl eine erhebliche Rolle. Die Frauen, die sich schließlich dazu bereit erklärten, mit mir zu sprechen, waren ein paar ältere Damen um die 70. Alle waren äußerst gepflegt, teils aufwendig geschminkt und gut gekleidet. Die Erste erzählte mir, warum sie die PKK unterstützt, die Zweite von der großen Weltverschwörung und die Dritte von ihrer Liebe zur klassischen Musik. Nur über ihre aktuelle Lebenssituation wollte keine von ihnen mit mir reden.

Die unsicheren Lebensverhältnisse und die Erfahrungen von Gewalt und existenzieller Not hinterlassen Spuren: Suchterkrankungen, Substanzmissbrauch und seelische Probleme. Rosenke gibt dabei allerdings zu bedenken, dass bei vielen der betroffenen Frauen psychische Erkrankungen diagnostiziert werden, diese Diagnosen jedoch auch durchaus den prekären Lebensumständen geschuldet sein könnten. Die psychologische Versorgungslage ist zudem ausgesprochen schlecht. Die Frauen werden schnell in die Psychiatrie eingeliefert, weil es keine Alternativen gibt, denn psychotherapeutische Angebote orientieren sich generell stark an der bürgerlichen Mittelschicht und einem geregelten Alltag. Die psychologische Beratungsstelle in Berlin, die sich ausdrücklich an wohnungslose Frauen richtet, ist im Gegenzug nur mit einer einzigen Stelle besetzt.

Auch die medizinische Versorgung für Wohnungslose ist schlecht. „Viele Menschen wissen nicht, welche Rechte und Möglichkeiten sie haben", erklärt Rosenke. „Das sind alles Gründe, warum Menschen ihre Gesundheitsversorgung vernachlässigen und dann erst zum Arzt gehen, wenn gar nichts anderes mehr geht, oder mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden." Viele von ihnen gehen auch deswegen nicht, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Weil sie in Arztpraxen aufgrund ihrer Erscheinung und ihrer Lebensumstände diskriminiert wurden und deshalb jedwedes Vertrauen in das Gesundheitssystem verloren haben.

Im Vergleich zu anderen Ländern hält sich in Deutschland die Forschung im Bereich der Wohnungslosigkeit sehr in Grenzen, was zum großen Teil daran liegt, dass wissenschaftliche Projekte zu diesem Thema von staatlicher Seite kaum unterstützt werden. In Berlin, einer Stadt mit einer aktuellen Armutsquote von mehr als zwanzig Prozent, steht die stetig anwachsende Wohnungslosigkeit auch im direkten Zusammenhang mit den steigenden Mieten. Gerade das Angebot von bezahlbaren Einzimmerwohnungen nimmt durch die große Nachfrage immer weiter ab und lässt die Chancen derer, die kein geregeltes Einkommen vorweisen können, immer geringer werden. „Je enger die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist, desto wichtiger ist die Prävention", sagt Rosenke. „Wenn man die Wohnung einmal verloren hat, ist es sehr, sehr schwer, dort wieder reinzukommen. Die Zahl der Wohnungslosen wird auch maßgeblich durch das Vorhandensein von bezahlbarem Wohnraum bestimmt und der wird ja auch in einer Stadt wie Berlin jetzt zusehends knapper."

Um mehr über die Gründe, aus denen sich junge Frauen in der Wohnungslosigkeit wiederfinden, in Erfahrung zu bringen, treffe ich mich als Nächstes mit Rebecca Aust von FrauenBedacht. Das Haus im Wedding bietet Zimmer für insgesamt 45 Frauen und erinnert ein bisschen an ein Studentenwohnheim. Im Gegensatz zur Notübernachtung, wo die Frauen höchstens zwei Wochen lang bleiben können und den Tag draußen verbringen müssen, können sie hier für längere Zeit einziehen.

Die Frauen kommen aus den verschiedensten sozialen Schichten. Gerade bei den Jüngeren gibt es einige, die aus einem relativ wohlhabenden Elternhaus stammen, das sie aber wegen Gewalt, Streitigkeiten oder Drogenproblemen verlassen mussten. Andere sind zum Studieren in die Stadt gekommen, schaffen es aber wegen persönlicher Probleme und der verschärften Lage auf dem Wohnungsmarkt nicht, sich ein WG-Zimmer zu organisieren und fallen so schnell durchs soziale Netz. Einen weiteren Grund für den Anstieg der Wohnungslosigkeit unter den jungen Frauen sieht Aust allerdings auch in weitreichenden Veränderungen in der Gesellschaft: „Im Vergleich zu vor 30, 40 Jahren sind es auf jeden Fall mehr Frauen, und mehr junge Frauen. Das klingt vielleicht komisch, aber das hat ein Stück weit auch mit der Emanzipation zu tun, sozusagen ein negativer Outcome davon." Die Frauen sind heute selbstbewusster und wirtschaftlich weniger abhängig von Männern: „Eine positive Entwicklung, die in einem negativen Resultat endet. Es ist zum Teil also auch Folge der Emanzipation, wo sich eine Frau früher nie auf die Straße getraut hätte. Vielleicht ist es auch ein Beweis für mehr Toughness unter den Frauen, sich in so eine schwierige und auch gefährliche Situation zu begeben."

Die Bewohnerinnen im FrauenBedacht sind zwischen 18 und 70, eine der älteren wohnt schon seit sieben Jahren im Haus. Laut Aust sind 85% der Bewohnerinnen krank, die meisten von ihnen haben psychische Störungen und/oder Probleme mit Drogen und Alkohol. Die Einrichtung arbeitet akzeptierend, das heißt, der Konsum von illegalen Drogen ist offiziell nicht erlaubt, wird aber geduldet, wenn es im eigenen Zimmer passiert und andere dadurch nicht gefährdet werden. Der Grund für diese Regelung ist einfach: Die Anforderung, abstinent zu bleiben, ist für die meisten der betroffenen Frauen unter den gegebenen Umständen kaum realisierbar. „Wenn wir sie nicht aufnehmen, nimmt sie keiner", erklärt Aust. „Es geht als Allererstes um die Würde der Frauen, und ein Dach über dem Kopf ist eine wichtige Voraussetzung dafür, sich anderer Probleme überhaupt erst mal annehmen zu können, da bringt es nichts, den dritten vor dem ersten Schritt zu tun. Die Sucht ist nur eins von vielen Problemen, und nicht immer das drängendste. Viele Frauen leben ja auch mit ihrer Sucht, ohne dass sie verelenden, trinken jeden Abend ihre drei Bier oder ziehen nur jedes Wochenende Speed, können die anderen Tage aber relativ gut ihre Sachen regeln. Aber natürlich gibt es auch die totalen Chaoten-Konsumenten, die nur noch druff durch die Gegend rennen und zu nichts mehr in der Lage sind, die fliegen dann auch raus. Die Frauen müssen schon selber wollen."

Ich frage sie, wie es mit Heroin, der altgedienten Klischee-Straßendroge, aussieht und was im Haus besonders viel konsumiert wird. „Alkohol ist immer dabei, es gibt kaum suchtkranke Leute, die nicht trinken, das ist dann eine Begleiterscheinung. Viele ältere Frauen trinken nur, weil sie zu viel Respekt vor anderen Sachen haben. Viele jüngere Frauen sind polytox und nehmen alles, was sie kriegen können, je nachdem, was es gerade gibt oder wofür sie Geld haben. Heroin ist tatsächlich ziemlich out bei den Jüngeren." Manchmal stößt Aust trotz der jahrelangen Erfahrung und der schlimmen Schicksale, von denen ihr die Frauen, die in die Einrichtung kommen, berichten, an ihre Grenzen. Sie erzählt mir von einem jungen Mädchen Anfang 20, das sich auf Crystal Meth das Gesicht zerpult hatte und sich nicht mehr erinnern konnte, was sie das letzte halbe Jahr gemacht hatte. Sie glaubte, sich daran zu erinnern, von ihrem Freund und dessen Freunden auf Crystal vergewaltigt worden zu sein, fühlte sich aber immer noch sehr stark zu diesem Typen hingezogen. Da sie gleichzeitig Anzeichen einer (wahrscheinlich drogeninduzierten) Psychose aufwies, war es schwer zu beurteilen, ob ihre Geschichte stimmte oder nicht. Am Ende blieb sie für zwei Wochen und ging danach zu ihrem Freund zurück.

Um das Problem der Wohnungslosigkeit unter Frauen und im Allgemeinen zu bekämpfen, müssen Entscheidungen auf politischer Ebene getroffen werden, damit die Versorgung der Betroffenen verbessert werden kann, und damit überhaupt gar nicht erst so viele in diese prekäre Situation kommen. Aust wünscht sich außerdem mehr Aufmerksamkeit, mehr Interesse an Wohnungslosen und ihren Problemen, und weniger Berührungsängste. „Eine Frau hier hat mir mal gesagt: Das Schlimmste ist, dass ich nicht mehr gesehen werde. Oft ist uns das Elend und die Verwahrlosung anderer so unangenehm, dass wir lieber weggucken. Viele Leute würden sich freuen, wenn sie gefragt werden, wie sie das überhaupt schaffen, und wieder wahrgenommen werden als Mensch. Es geht darum, Distanz abzubauen. Es wäre schön, wenn jeder anfangen würde, sich ein kurzes Stück weit für den Anderen zu interessieren."