Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Musik

Jamal Ali lacht die Diktatur aus

Jamal Ali ist ein Musiker aus Aserbaidschan, der in Todesangst aus seinem Land fliehen musste, nachdem er den Präsidenten verhöhnt hat und nun als Flüchtling in Berlin lebt.

von Tom Littlewood
20 Juni 2012, 10:00am

Jamal Ali ist Amateur-Musiker, Sänger in der aserbaidschanischen Band Bluistan und ein Freund von Rasul Jafarov von der Organisation „Sing For Democracy“. Vor dem Eurovision Song Contest trat er bei einem Konzert auf, das von einer oppositionellen Gruppe organisiert wurde. Als er öffentlich den Präsidenten beleidigte, wurde die Polizei gerufen. Er wurde festgenommen und verprügelt. Danach wurde ihm aufgetragen, das Land zu verlassen. Jamal hat daraufhin seine Sache gepackt, sein Leben zurückgelassen und ist nach Berlin geflohen. Jetzt wohnt er mit seinem Bandkollegen in einem Heim für politische Flüchtlinge in Friedrichsfelde. Er sagt, es ist ein trauriger Ort, der vor allem von Familien bewohnt wird, die aus dem Kosovo geflohen sind. Das hier ist sein erstes Interview, seit er in Berlin ist. Es gibt ein klares Bild darauf, wie es einen in ziemlich schmerzhafte Schwierigkeiten bringen kann, wenn man eine Meinung zu dem derzeitigen Regime in Aserbaidschan hat.

VICE: Was hat der ESC für Aserbaidschan bedeutet?
Jamal Ali: Die Regierung hat versucht, Europa zu zeigen, dass wir ein sehr nettes und cooles Land sind. Aber das sind wir nicht.

Was denkst du, wird sich jetzt, wo der Contest vorbei ist, ändern?
Im Hinblick auf die Regierung wird sich nichts verändern. 2013 gibt es die nächste Präsidentschaftswahl. Die Regierenden werden an der Macht bleiben, weil sie Geld machen wollen. Es ist, als ob die Regierung ein riesiges Unternehmen wäre.

Hat sich während dem Eurovision Song Contest irgendwas verändert?
Die erste Überraschung war, dass die Polizei eine Woche vorher keine Leute mehr auf der Straße verprügelt hat. Vorher haben sie die Leute einfach zusammengeschlagen oder aufs Revier gebracht. Das war für uns normal.



Wenn überhaupt jemand gegen das derzeitige Regime kämpft, wer wäre das?
Es gibt eine Gruppe namens Public Sector. Sie kommt in den Medien nicht vor, weil die einzigen Kommunikationskanäle Facebook und Twitter sind. Es gibt aber auch noch andere politische Gruppen, aber ihr Weise, zu protestieren, ist sehr klassisch. Sie wiederholen dieselben Statements seit 15 Jahren. Nach dem Arabischen Frühling, am 11. März, hat eine Typ in Strassburg eine Veranstaltung auf Facebook erstellt. Es gab keinen Ort und kein Datum und die Regierung hatte richtig Angst. Aber ansonsten ist nichts passiert.

Also bist du auch kein Fan der „Opposition“?
Ich mag die Opposition wirklich nicht. Ich würde sie auch nicht wählen. Sie ist genauso wie die derzeitige Regierung. Sie wollen genauso viel Macht haben und genauso viel Geld machen. Vielleicht könnte man aber mit ihnen reden, im Gegensatz zur aktuellen Regierung, die einem einfach sagt, man solle sich verpissen.

Wenn du das schon wusstest, warum hast du weiter protestiert?
Ich dachte, wegen des ESC würde ich nicht so unter Druck stehen. Ich wollte auf der Bühne nicht fluchen, aber ich war betrunken und nervös und deswegen habe ich es getan. Ich wurde gewarnt, dass nach dem Eurovision erstmal Ruhe sein wird und die, die Ärger gemacht haben, bestraft werden.

Wer hat dich gewarnt?
Die Polizei. Sie haben gesagt: „Wir werden alles dafür tun, dass du das Land verlässt. Geh einfach. Verpiss dich. Wenn du hier bleibst, wirst du richtig fertig gemacht.“ Sie sagten auch, dass das, was mir passiert ist, nicht mal eine Tracht Prügel war. Sie meinten, sie hätten nur ein Spiel gespielt. Sie haben mir auch mit einer langen Zeit im Gefängnis und ernsthafter Gewalt gedroht. Auf das, was ich getan habe, den Präsidenten zu verfluchen und zu beschimpfen, steht eine Gefängnisstrafe von zwei bis fünf Jahren.

Wie hat das Publikum auf dem Konzert reagiert? Gab es Unterstützung?
Am Anfang gab es ein paar Leute, die riefen: „Yeah, cool!“ Aber die Leute reden nicht so in der Öffentlichkeit. Die Leute kannten mich und hatten mich deswegen eingeladen. Also dachte ich, es wäre OK. Einer der Organisatoren meinte, ich solle aufhören, aber ich sagte nur, er solle sich verpissen. Weil Frauen und Kinder da waren, reagierten sie nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Sie hatten Angst, dass die Polizei kommt.

Wie schwer ist es, seinen Weg in einer „alternativen“ Subkultur in Aserbaidschan zu gehen?
Es gibt zwar ein paar Jugend-Subkulturen, aber die sind alle politisch. Sie nehmen alles sehr ernst. Sie kommen zusammen, machen Pläne und diskutieren über alles Mögliche. Ich hoffe, das hilft, aber ich bezweifle es sehr.

Wie bekommt eure Band mit einer so geringen, fast nicht existierenden Gefolgschaft überhaupt Auftritte? Welche Optionen hast du?
Es gibt ein paar schicke Clubs in Baku. Die kosten richtig viel Eintritt. Wenn es dort große Konzerte gibt, sind sie von der Aliyeva-Familie organisiert. Vor Kurzem hat Elton John dort gespielt. Das wurde nur organisiert, weil Mehriban Aliyeva, die Frau des Präsidenten, Fan von ihm ist und ihn sehen wollte. Wenn wir ein Konzert spielen, können wir immer nur einmal dorthin gehen, weil sie uns nicht nochmal einladen.

Wegen der politischen Botschaft oder wegen der Musik?
Wegen der politischen Botschaft. Sie haben Angst, das etwas passieren könnte.

Ist es einfach, in Baku an Musik zu kommen?
Wir haben immer kopierte CDs gekauft. In Baku gibt es keine originalen CDs. Die Leute laden sich die Lieder herunter, brennen sie und verkaufen sie auf CD. 90% der CDs in den Geschäften sind gefälscht. Auch Plattenlabels machen das so. Wenn du einen Plattenvertrag unterschreibst, sagen sie: „Wir zahlen dir Provision auf 2000 CDs.“ Danach machen sie selbst Kopien davon und man bekommt überhaupt kein Geld mehr.

Was denken die Leute in Aserbaidschan über Emin?
Alle schicken, reichen Mädchen lieben ihn. Er ist ein Vorbild für alle Leute, die in Baku leben und die noch nie das Land verlassen haben. Hast du das Video mit seiner Frau gesehen? Haha, das musst du sehen. Es ist echt lustig …

In diesem Land ist Familie das Wichtigste und das, was sie will. Wenn es einen anderen gegeben hätte, der es verdient hätte, Gastsänger beim Eurovision zu sein, wäre er nicht eingeladen worden, weil Emin das trotzdem übernehmen würde. Nichts ist in Aserbaidschan fair.

Es ist vielleicht naiv, das zu sagen, aber sehen die Leute die Ungerechtigkeit nicht?
Du kommst aus Berlin, aber diese Leute leben in meinem Land–sie schauen nur Fernsehen und das ist dann alles, was sie wissen. Das Fernsehen ist Gehirnwäsche. Ich weiß, dass es auch im Rest der Welt so ist, aber nicht so wie in Aserbaidschan. In Baku glauben die Leute, dass Deutschland in einer riesigen Krise steckt. Eine Fernsehsendung zeigte ganz normale Menschen in den Straßen Frankfurts und Berlins und der Kommentar sagte: „Wow, wir haben wirklich Angst, zu ihnen zu gehen. Sie verkaufen und nehmen alle Drogen.“ Verwandte von einem Freund haben mich sogar angerufen, als sie hörten, dass ich nach Berlin gehe. Sie sagten: „Hey, du kannst da nicht hingehen, es ist zu gefährlich.“ Sie machten sich wirklich Sorgen um mich.

Wow. Aber das ist nicht nur bei Deutschland so, oder?
Nein, sie unterstützen die Familie und den Präsidenten. Sie zeigen die schönen Landschaften, zeigen, wie die Familie die Leute beschützt und wie sie sie auch weiterhin beschützen wird. Es gibt sogar einen Blumenfeiertag am Geburtstag des Präsidenten mit Mickey Mouse und Donald Duck. Die jüngere Generation wächst mit dem Gedanken auf, dass dieser Typ Gott ist. Sie werden sich daran erinnern, wie viel Spaß sie hatten und das dann mit ihm assoziieren.

Wie ist das Bildungssystem in der Schule?
Ich war sechs Jahre alt, als sie an die Macht kamen. Zu der Zeit war es halb sowjetisch, halb aserbaidschanisch. Aber den Leuten, die jetzt in die Schule gehen, wird gesagt, dass er der Erlöser ist, der König, und dass man das nicht ändern kann. Die Hälfte der Bevölkerung weiß, dass das Quatsch ist, aber sie haben Angst, es jemandem zu sagen.

Wovor genau haben sie Angst?
Sie haben Angst, dass es jemand der Polizei erzählt. Wenn die wissen, wo sie wohnen, kommt die Polizei vorbei und schnappt sie sich. Es ist ein Witz unter meinen Freunden, dass Leute ihre Stimme senken, wenn sie den Namen des Präsidenten sagen, weil sie Angst haben, dass jemand zuhört.

Es ist seltsam, dass man darüber lacht. Habt ihr noch andere Witze über das Regime?
Einer geht so: Der französische Präsident, die deutsche Bundeskanzlerin und der aserbaidschanische Präsident unterhalten sich. Der französische Präsident sagt: „Ich gebe meinem Volk 2000 Euro. Sie zahlen 1000 Euro Steuern und können den Rest für das, was sie wollen, ausgeben.“ Die Bundeskanzlerin sagt: „Ich gebe meinem Volk auch 2000 Euro. Sie zahlen 1000 Euro Steuern und es ist mir egal, für was sie den Rest ausgeben.“ Der aserbaidschanische Präsident sagt: „Ich gebe meinem Volk 200 Euro, sie zahlen 1000 Euro Steuern und es ist mir egal, wo sie den Rest herbekommen.“ Und so ist es wirklich, vor allem, wenn es um offizielle Regierungsangelegenheiten geht. Mit den Behörden zu reden oder bestimmte Papiere zu bekommen, kostet vielleicht 1 Euro, aber man bezahlt trotzdem 10. Man weiß, dass es nicht 10 Euro kostet, aber wenn man nicht zahlt, bekommt man keine Papiere.

Also geht es manchen Leuten dadurch gut?
Ja, manche Leute sagen: „Die Anderen sind mir egal. Ich habe meine Mittel und Wege, um über die Runden zu kommen. Warum sollte ich das ändern?“ Es ist eine Kombination aus Ignoranz und Angst.

WIe kann man das ändern?
Wir planen ein Video-Projekt. Unser Ziel ist es, an den Punkt zu gelangen, wo die Regierung YouTube oder das Internet wegen der ganzen Sachen, die wir dort posten, verbieten muss. Und wenn es kein Internet mehr gibt, werden die Leute realisieren, was abgeht.

Und wenn es ihnen egal ist?
Wenn sie das Internet und die sozialen Netzwerke lahm legen und die Leute das OK finden, dann gebe ich auf. Ich bin nicht Che Guevara. Ich will nur die Leute unterstützen, die etwas verändern wollen. Wenn sie nichts ändern wollen, was kann ich dann schon machen?


WAS HINTER DEN KULISSEN DES ESC STATTFAND

Eurovision-Chaos in Aserbaidschan
Ein Einblick in den Irrsinn, der sich während des Eurovision Song Contests in Baku und Umgebung abspielte. Eurovision - Im Reich der Öldiktatur - Der Film
Was könnte es Schöneres geben, als mit den Reichen und Mächtigen Bakus abzuhängen und in Erdöl zu baden? Kein Wort über die Pressefreiheit in Aserbaidschan
Der diesjährige Eurovision Song Contest in Baku steht voll und ganz im Zeichen von Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung.