Berlins Stadt der Nacht

Die Motzstraße ist das Epizentrum von Berlins schwuler Sexszene. Hier findest du Dildos, Popper, SM-Spielzeug und minderjährige Stricher.

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29 Juni 2011, 2:40pm

(*Berlins Stadt der Nacht)



VON THOMAS KLEINHOLZ
ZUSÄTZLICHE INTERVIEWS: PATRIK ZBORIL & BARBARA DABROWSKA,
ILLUSTRATIONEN: LAURA PARK

  Die Motzstraße ist das Epizentrum von Berlins schwuler Sexszene. Hier findest du Dildos, Popper, SM-Spielzeug, Videos und Zeitschriften, ebenso wie Knebel, Masken, Fesselzeug, Penisringe, Gleitmittel, Analperlen und diese Dildos, die am Ende einen künstlichen Pferdeschwanz haben, damit du wie ein kleines Pferdchen aussiehst, wenn du es im Arsch stecken hast, Lederkappen, Leder-Bein-Schürzen, Lederwesten, Augenbinden, neunschwänzige Katzen, Bartwachs und ganz viele verschiedene Arten von Kondomen. Es ist auch ein tolles Viertel für Sexkinos, Schwulenkneipen und Dark Rooms, in denen du mit Wildfremden vögeln kannst und, traurigerweise, für osteuropäische Kinderprostituierte. Man kommt nicht umhin, die älteren deutschen und türkischen Typen zu bemerken, die mit ihren grauen Haaren, schmutzigen Händen, schlecht sitzenden Alte-Männer-Anzügen und ihrer Vorliebe für Sex mit minderjährigen Jungs hier umherstreichen. Wenn man die Anwohner nach den öffentlich vor ihren Fenstern abgehandelten Kindersexgeschäften befragt, erntet man lediglich starre Gesichter, gesenkte Blicke oder einen schnellen Abgang. Bei den Ladenbesitzern ist es dasselbe. Keiner ist willens zuzugeben, was in Berlin ein offenes Geheimnis ist, nämlich, dass diese gut gekleideten ausländischen Herren, die kleine Jungs im Park hin und her scheuchen und in oder aus Sexkinos begleiten, Zuhälter sind und die Jungs Prostituierte.

Eins dieser Sexkinos befindet sich auf der Martin-Luther-Straße. Es wird häufig von Zuhältern und Jungs aufgesucht, die hier versuchen Dates mit den gelangweilten Kunden auszuhandeln, die mehr wollen als eine billige Stripshow oder ein schmutziges Gespräch. Hier drinnen ist es laut und es stinkt nach Schweiß, Sperma und Desinfektionslösung. Schmuddlige Typen schleichen auf und ab, ohne irgendwem ins Gesicht zu sehen. Aus den Buden, die den Gang säumen, hört man die Porno-DVDs und das entsprechende Gegrunze der Kunden. Der Typ hinter dem Schalter verrät uns unter der Bedingung, anonym zu bleiben, dass die Jungs oft hier reinkommen, um nach Freiern Ausschau zu halten. „Sie hängen im Foyer rum und gehen manchmal auf ältere Typen zu“, sagt er. „Sie reden dann kurz miteinander und verschwinden in einem der separaten Räume.“ Das hier ist ein idealer Platz für die jungen Stricher. Hier gibt es keine Polizei und einen konstanten Zustrom von gestörten Männern, die verzweifelt auf Sex aus sind. Allerdings ist hier nicht viel Platz und es können nie mehr als ein paar Jungs gleichzeitig hier arbeiten. Die anderen hängen draußen beim Park rum und an der Ecke Fuggerstraße/Eisenacher Straße. Das stehen sie, Tag und Nacht, an die Zäune des Parks gelehnt und warten auf Kunden.

Und nein, die schmerzvolle Ironie, dass diese 9- bis 15-jährigen Jungs hier auf Freier warten und dabei direkt neben einem Spielplatz stehen, ist uns nicht entgangen. Die meisten von ihnen sind aus Albanien oder Rumänien. Sie sprechen weder richtig englisch noch deutsch. Sie unterhalten sich in ihrer Muttersprache miteinander, während ihre Zuhälter die Straße im Auge behalten. Hier finden natürlich nicht die eigentlichen Transaktionen statt. Es ist mehr eine Art Geschäftszentrale. Die Kinder werden dann woanders abgeholt, während sie um den Block laufen. Wenn einer von ihnen mit dem Geld zurückkommt, wird ein anderer losgeschickt, „spazieren zu gehen“.

Wir gehen mit einem von ihnen tatsächlich spazieren. Er sagt uns, wir sollen ihn Petre nennen, aber das ist natürlich nicht sein wirklicher Name. „Solange mein Chef sein Geld kriegt, ist das kein Problem“, sagt er. Er trägt enge Jeans, eine kurze schwarze Jacke und Ohrringe mit künstlichen Steinen—ein Stil, den die Zuhälter zynisch darauf abgestimmt haben, ältere schwule Männer anzuziehen. Petre ist von kleiner Statur und wirkt gepflegt. „Ich mag diese Klamotten nicht wirklich“, erzählt er uns. „Ich würde so was normalerweise nicht anziehen, aber es ist wie eine Art Uniform, weißt du. Ich trage sie, wenn ich arbeite.“ Petre wurde von einem Freund seines Vaters nach Berlin gebracht, nachdem dieser seinen Job verloren hatte. Er wurde zusammen mit ein paar anderen Jungs in einem Minibus nach Berlin gekarrt. Man hatte gesagt, dass ihm der Freund seines Vaters in Berlin einen Job besorgen würde. Jetzt lebt er zusammen mit fünf anderen Jungs in einem ungeheizten Zimmer und arbeitet als Stricher. „Es ist ganz gemütlich. Wir haben jeder einen eigenen Schlafplatz. Mein Schlafzimmer zu Hause war auch nicht anders“, sagt er. Der Sex ist für Petre kein großes Ding. „Es ist ein Job wie jeder andere“, sagt er und scheint es so zu meinen. „Manchmal ziehe ich mir Verletzungen zu, aber das ist bei Bauarbeitern und LKW-Fahrern ja auch nicht anders.“

An Petres Chefzuhälter kommen wir nicht heran, da er sich selbst versteckt hält, aber wir sprechen mit einem seiner Leutnants, der gelegentlich auf die Jungs „aufpasst“. Er sagt uns weder seinen Namen noch sonst irgendetwas über sich selbst. Er redet einfach übers Geschäft. „Hier gibt es jede Menge Sex“, sagte er. „Jede Menge Prostitution. Jede Menge Schwule. Wenn du in dieser Stadt schwul und auf der Suche nach Sex bist, kommst du hierher.“ Wir gehen mit ihm ein Stück die Straße runter. Er möchte nicht, dass jemand sieht, wie er sich mit uns in einer Gruppe unterhält. Während wir mit ihm die Straße entlang laufen, kommen gelegentlich ein paar der Jungs zu ihm, wechseln ein paar Worte mit ihm und verschwinden wieder.

Er redet weiter: „Schaut mal, es ist ganz einfach, oder? Du kommst hierher, gehst zu einem Jungen: ‚Hey, wie geht’s? Bla bla. Willst du ficken?‘, und ziehst dann mit ihm los. So funktioniert das. Die Männer kommen her und ficken kleine Jungs. So läuft das den ganzen Tag, jeden Tag.“ Wir hören wie ein noch sehr kleiner Junge mit einem fetten grauhaarigen Deutschen in einem alten braunen Anzug verhandelt. „Nee, nee, nee“, lacht der Junge, „für so wenig nicht.“ Der Mann murmelt irgendwas zurück und der Junge antwortet, immer noch lachend: „Nein, ich mache für dich heute Abend keine Spezialparty.“

Der namenlose Zuhälter erzählt uns, dass zwei Hauptbosse die ganze Gegend kontrollieren. Jeder von ihnen steht einem anderen „Clan“ vor, der dann kleinere örtliche Gangs anheuert, damit ihre Leute als Zuhälter für sie arbeiten. In der Gegend teilen sich die Albaner und die Rumänen das Geschäft, dazwischen gibt es noch ein paar kleinere bulgarische Gruppen. Die Jungs werden aus dem Ausland hergebracht, um Geld zu verdienen und es ihren Familien zurück nach Hause zu schicken, aber natürlich bleibt der Großteil bei den Zuhältern hängen. „Ein paar der Jungs versuchen, das Geld vor den Zuhältern zu verstecken“, erzählt uns Petre, „aber, wenn die Chefs das mitkriegen, kennen sie keine Gnade. Es passiert andauernd, dass Jungs einfach verschwinden.“

In den letzten zehn Jahren sind in manchen Fällen komplette rumänische Familien von den Syndikaten nach Berlin gebracht worden. Die jüngeren Kinder betteln mit ihren Müttern auf dem Ku’damm. Die anderen Kinder machen Straßenmusik und spielen mit ihren Vätern und Onkeln in der U-Bahn Akkordeon. Sobald sie neun werden, landen sie meist in der Sexindustrie und haben in Kinoseparees oder den Parks der Stadt Sex mit Fremden. Tagsüber leben die Jungs mit ihren Zuhältern in kleinen Zimmern, wo bis zu zwanzig Leute auf dem Boden schlafen. Petre bezahlt seine Miete oft in Form von kostenlosem Sex.

In der Szene um den Nollendorfplatz trifft man gelegentlich auch auf deutsche Jungs. Die meisten von ihnen wurden von ihren Eltern rausgeworfen und leben nun in staatlichen Heimen. Ihren Körper zu verkaufen, ist eine Möglichkeit, schnelles Geld zu verdienen, was sie in der Regel für Alkohol, Speed oder Pillen ausgeben. Lutz Volkwein, der Leiter von Subway, ein Verein, der obdachlosen Kindern in Berlin Unterstützung und Informationen anbietet, erzählt uns: „Mit der schieren Menge an Straßenkindern, die Hilfe brauchen, sind die wenigen Projekte, die sich mit diesem wachsenden Problem auseinandersetzen, schlichtweg überfordert.“ Subway stellt Straßenkindern kostenlose Duschen, Betten und Kondome zur Verfügung—ein Service, der von den rumänischen Jungs regelmäßig missbraucht wird, die sich hier für Essen und ein Bett anmelden und die Gelegenheit dann nutzen, um die anderen Kids zu beklauen. „Bei manchen der Jungs muss man aufpassen“, sagt Volkwein. „Sie kommen nur her, um von anderen zu stehlen, denen es noch schlechter geht als ihnen selbst.“

Einer der besorgniserregendsten Aspekte (in diesem Haufen von besorgniserregenden Dingen) an der Sex-mit-kleinen-Migrantenjungs-Industrie in Berlin ist, dass das Ganze so unglaublich offen und unverblümt abläuft: Dicke, schleimige Schichten des Desinteresses, bis hin zu Akzeptanz, bilden einen undurchdringlichen Deckel über einem nicht versiegen wollenden Strom von Kindesmisshandlung und -mord und tödlicher Armut und halten so eine fette pädophile Brühe am Kochen. Darauf kann sich der sechsjährige Dimitri in den „Herbstjahren“ seines Lebens freuen, wenn er neben einem Dutzend ähnlich hoffnungsvoller Kumpel in einem Minibus einem besseren Leben in Berlin entgegenfährt. Wir wünschen ihnen viel Glück!


ZUSÄTZLICHE INTERVIEWS: PATRIK ZBORIL & BARBARA DABROWSKA,
ILLUSTRATIONEN: LAURA PARK


 
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