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Satanische Jesusanbeter finden den Groove

6.7.10

Sich die Mühe zu machen, die Process Church, eine nicht mehr existierende, polytheistische Religion, die vor allem durch ästhetische Rituale lebte, zu durchleuchten, ist ein genauso hoffnungsloses Unterfangen, wie zu erklären, warum der 1985 Yugo GV eine grauenhafte Idee war: um es aber schnell auf den Punkt zu bringen, beide waren schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Und dennoch macht es immer wieder einen Heidenspaß, nostalgisch auf die Zeit zurückzuschauen, in der man ohne die Hilfe von Google entscheiden musste, ob dieser sonderbare Mensch im langen Mantel es sein würde, der einen auf eine lange, dunkle, emotional verstörende Reise mitnehmen würde. Eine geistliche Wanderschaft, die einen weg von der Gesellschaft und auf die Straße führen würde, wo man halb verhungert, bettelnd, fast manisch einem vorgegebenem Lebensstil folgend, dem eigenen Führer alles Hab und Gut übergebend, sich für den eigenen Gott aufgibt.

Die Process Church wurde in den 60er Jahren in London als Gegenwert zu den intellektuellen Jugendlichen aus der frühen Punk-Szene gegründet und diente ihnen als Medium sich endgültig und vollkommen von der Gesellschaft abzukoppeln und sich neu zu erfinden. In diesem Punkt erstaunlich nah an Scientology, benutzen die Processianer auch diese herrlichen Stress-Tests, um danach in tiefen psychologischen Diskussionen sich und ihre Hunde durch Telepathie selbst zu entdecken, nur um schließlich herauszufinden, dass sie eine neue, erleuchtende Religion erfunden hatten.

1966 zog eine Gruppe von 30 Processianern  über Nassau schließlich nach Mexiko, wo sie ihre Basis mitten im Dschungel, umringt von alten mystischen Ruinen, aufschlugen. Dies hatte ihnen ihre Gottheiten befohlen, die sie nur als 'the Beings' bezeichneten. Der Sinn ihrer Reise war, sich von der Welt zu befreien, um als Heilige von ihren Gottheiten zu lernen. Da sie nicht besonders im freien Überlebenskampf geschult waren, aßen sie meistens Fisch und Kokosnüsse und ihr versuch ein Haus zu bauen endete in einem großen Loch, dass nur mit Hilfe einer Kaffe Dose gegraben wurde. Und obwohl wahnsinnig dämlich, muss ich zugeben, dass das wirklich Hardcore ist. Als dann auch noch ein tödlicher Hurrikan über ihre nicht existierende Siedlung fegte und nicht einem der Jünger was passierte, war es allen klar, dass hier wirklich Gott im Spiel war.

Durch dieses Abenteuer und andere, die genauso schlecht durchdacht und noch schlechter umgesetzt wurden, aber dennoch aufgingen, begann diese Gruppe auch für andere interessant zu werden. Obwohl die zwei großen Proccesianer-Bosse durch verrückte und öfters auch geistig verstörende Aktionen, wie zum Beispiel gezwungenen Massenorgien, einer strengen Hierarchie, unfairer Bevorzugung einzelner, und unberechenbarer Zerstörung anderer, schaffte es die Process Church sich zu einer legitimen Kirche zu entwickeln, und siedelte sich unter anderem in London, New Orleans, München, New York, Rom, Boston, Chicago, Toronto und Miami an. Sich selbst immer treu bleibend, waren diese Gemeinden vor allem bekannt durch ihre grandiosen Bettelaktionen und anstatt es sich einzuteilen wurde es sofort für unglaubliche Geschenke und Opfergaben ausgegeben, die sich die Gunst ihrer geistlichen Führer sichern sollten. Dies wurde komplettiert durch viele Reisen, die meistens bewaffnet mit langen, schwarzen Ledermänteln, der Attitüde eines asexuellen Zombies und einer Horde von böse knurrenden Schäferhunden angetreten wurde, um ihre gradlinige, anti-vivisektionistische, und vor allem apokalyptische Theologie zu verbreiten.

Ihre Religion drehte sich um vier Hauptgottheiten: Jesus, Jehovah, Luzifer und den lieben Satan. Ihr Ziel lag darin, eine Art kosmische Vereinigung zu erreichen, die entstehen würde, wenn man sämtliche Gegensätze, wie zum Beispiel Licht und Dunkel vereint. Dies konnte nur durch große geistliche Anstrengungen und ein fortgebildetes Bewusstsein erreicht werden. Eines der Endziele war es, Jesus und Satan in Einklang zu bringen um ein unendliches Gleichgewicht zu erschaffen. Diese Theorie der Gegensätze war das Herzstück ihrer Religion und um dies zu meistern war eine besondere Schulung des Geistes erforderlich. Doch da sich eine Version nie richtig durchsetzen konnte, und sich daher das Ziel und vor allem die Praktiken immer ein wenig veränderten, war der alles vereinende Nenner eigentlich nur ihre Abscheu gegen alle Nicht-Gläubigen.


Die Processianier waren durch ihre Erscheinung und ihren Glauben zu etwas so vollkommen anderem geworden, dass einige, denen die Freie Liebe-Periode der 60er und 70er zuwider war, sich sofort der knallharten Hierarchie zugehörig fühlten. Die meisten aber fanden sie einfach nur Scheiße. Und obwohl Slogans wie „Satan is Love" ein beliebtes Logo der T-Shirts von masturbierende, ausgeschlossene und schrullige Jugendliche war, brachte ihre Erleuchtungstheorie ihnen anstatt einer wachsenden Anzahl von fanatischen Anhängern nur Probleme und Abneigung im christlich dominierten England und Amerika.

Um zum Punkt dieses Artikels zu kommen, überspringen wir die doch sehr vorhersehbaren Wendungen in der Geschichte dieser Kirche, in der, typisch für kleine Sekten, alles von öffentlichen Auftritten bis zu Klagen und Skandalen vertreten war. Hinzu kommen die charakteristischen inneren Kämpfe, die Machtspielchen und die Abtrennungen zahlreicher Grüppchen bis die Process Church am Ende nur noch als Schatten ihrer selbst als Tierverein in Utah endete und nun den Namen „Best Friend Society" trägt, jedoch ohne offizielle Verbindung zur Satanistisch-Christlichen Process Church. In ihrer kurzen Blütezeit jedoch hatten sie alles, was das Sektenherz begehrt: wöchentliche Telepathie-Seminare, Mitternachtsmeditationen, Bücher und Wochenmagazine und was in Amerika natürlich nicht fehlen darf, Fernseh-/ und Radioshows. Aber auch eine Band, die Hymnen und Lieder für die jeweiligen Rituale schrieb.

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Und dieser letzte Teil ist auch der Grund, warum ihr nun so viel über diese Sekte erfahren habt. Diese Lieder sind nämlich in die Hände von Jex Toth und Dave Nuss von der No Neck Blues Band gekommen. Gefunden wurden sie im Buch Love Sex Fear Death, was als eine Art autobiographischer Enthüllungsroman vom eigentlichen Gründer der Process Church, Timothy Wyllie, geschrieben wurden. (Dieses Buch ist auch unsere  Quelle für sämtliche Informationen. Ein Interview mit ihm über sein Buch könnt ihr hier nachlesen.)

Nachdem sie über 60 verschiedene Hymnen gefunden hatten, einigten sie sich auf 9 Lieder um sie mit einer zusammen gewürfelten Band, The Sabbath Assembly, neu zu erfinden. Das ätherisch angehauchte Album Restored to One (Ajna) wurde von Randall Dunn (Produzent von Sunn O)))-, Boris- und Earth-Alben) auf eine ganz sanfte und reduzierte Weise produziert, dessen Hauptaufgabe im Namen schon wiedergegeben wird-das Erreichen einer vollkommenen Integration. Hier nun klingt alles, als wäre es am richtigen Platz, als hätte alles einen Sinn, zusammengeführt zu einem großen Ganzen. Ohne die Process Church mit ihren Gehirnwäschen und Gelaber, können sich nun die Melodien vollkommen entfalten und es erinnert an das sanfte Zittern eines Acid Trips aus den 60er Jahren gepaart mit Parkinson.

Die bezaubernd schöne Jex ist das Gesicht und vor allem Seele der Band, deren immer fast brechende Stimme die tiefsten Geheimnisse und Träume ihrer innersten Welt hinausträgt und sich vollkommen offenbart. Mit einer bezaubernden Mischung aus Verletzlichkeit und Trotz geht ihre Stimme einem direkt ins Herz ohne theatralisch zu wirken. Genau genommen, legt die gesamte Band eine bewundernswerte Zurückhaltung an den Tag-von der Seele eines zuvor herabgestiegenen Meisters, der sich in seiner momentanen Reinkarnation als Meskalin-geschwängerter Gitarre im Rhythmus des donnernden Tom Toms und des Tamburins suhlt, bis hin zu den heulenden Echos, die langsam im Schlaf verstummen-was Musiker mit weniger Talent oder Nachdenklichkeit gerne mal vernachlässigen, vor allem, wenn ihre Inspiration aus dem Liederbuch eines satanischen Kultes stammt.

Wo andere zwischen Begeisterung und Theatralik eine Linie ziehen ist diese Musik für mich ein wahres Hosianna. Es berührt mich jedes Mal so wahnsinnig, dass ich, über und über bedeckt mit Gänsehaut, mich in den Himmel träume, aber um ehrlich zu sein überkommt mich auch ein ähnliches Gefühl bei jeder Glee-Sendung. Der sensible Typus muss sich erst einmal mental darauf vorbereiten um es in einem Guss durchs Album zu schaffen, denn irgendetwas in der Musik schafft es ab ungefähr dem siebten Lied, einer 8-minütigen Reise ins tiefste Innere namens "Judge of Mankind", einen so in den Bann gezogen zu haben, dass leichte Schwindel-/und Schwächeanfälle einfach dazugehören.

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Komischerweise nimmt es der Magie der Musik nichts wenn sie live gespielt wird, obwohl ich persönlich es vorziehe ohne auf ewig bindende Aufnahmerituale auszukommen, auch wenn sie von Genesis P-Orridge geführt werden und du von da an ein Ministrant der Kirche bist. So hatte ich sie das erste Mal gesehen und zurückblickend fällt mir auf, dass ich somit ein aktives Mitglied dieses Kultes geworden bin, wenn die Kirche noch existieren würde. Es wirkt ein wenig verstörend und ungemütlich, wenn sie plötzlich anfangen überall Kerzen anzuzünden und irgendwelche Rituale und Formeln zwischen den Lieder zu beschwören, nicht weil man auch nur im entferntesten Angst verspürt, sondern weil selbst die Verfasser der Liturgie zugeben, dass weder sie noch irgendjemand die Hälfte von dem versteht, was sie da vorne plappern. Aber diese Kritik nur am Rande.

Die Process Church nannte sich selbst eine Kirche, aber schaffte es nicht einmal sich eine theologische Basis zu schaffen. Sie glaubten an vieles, aber zogen die Erfahrung an sich dem Verständnis vor und lebten für Zeichen und Wunder. Und es scheint immer noch zu funktionieren, wenn man Jex glauben mag, die seit sie die Lieder performed, genügend Gründe gesammelt hat, selbst an ihre Wirkung zu glauben.

Nur weil eine Religion von ihren eigenen Gründern und Anhängern verspottet, verlassen, und vergessen wurde, heißt das noch lange nicht, dass die Grundansätze der Religion nicht immer noch funktionieren. Warum sich nicht die Sprache und Gestik der Process Church ausleihen, wenn es hinterher wirkliche Resultate bringt?

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Wo also sind wir verblieben? Einige werden vom Aspekt der Christenheit und dem Dienen von Jesus angezogen werden, andere werden sich vom genauen Gegensatz bezaubern lassen und sich mit Freude Luzifer und Satan unterwerfen. The Sabbath Assembly könnte, wie auch drei Jahre vor ihnen YaHoWah13, explodieren und das Amerika der New Age-Religionen im Sturm erobern. Und dennoch gibt es einen Unterschied. YaHoWah13 war voll integriert in die eigentliche Religion, während The Sabbath Assembly sich nur an gewissen Teilen einer vergangen Religion bedient. Und dennoch hat man das Gefühl ihre Lieder könnten Teil einer Beschwörung sein oder eine Chance sich selbst zu finden … oder aber, es ist einfach nur was es ist: wunderschöne Musik.

Alle Fotos von Johanna Lenski.