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Ich habe bei der Volkszählung gearbeitet

23.7.10

In den Vereinigten Staaten findet zurzeit eine Volkszählung statt. Ja genau, wie damals in Betlehem, nur mit dem Unterschied, dass sich in den USA die Mitarbeiter der zuständigen Behörde einfach Einwohner ausdenkt. Man stelle sich das zu biblischen Zeiten vor und was aus der Welt geworden wäre. Jedenfalls will die Regierung der Vereinigten Staaten nun überprüfen, ob die Daten von 5000 Bürgern einfach nur ausgedacht wurden, damit zwei Beamte den restlichen Tag frei hatten. Harry hat für diese Behörde gearbeitet und uns erzählt was wirkich ablief.

Für mich war und ist das alles eine der am wenigsten überraschenden Nachrichten des Jahres. Ich habe für das Nordost Büro von Brooklyn als "Zähler" gearbeitet (das Arschloch, das so lang an deine Tür klopft, bis du sagst wer da alles wohnt). Dieser nordöstliche Teil ist besonders schwer zu zählen, da es so viele leerstehende Gebäude gibt. Außerdem Hausbesetzer, die vermeintlich leere Gebäude besetzen, Immigranten, die kein Englisch sprechen und in ständiger Angst vor der Regierung leben, Schmarotzer, die  ebenfalls in ständiger Angst vor der Regierung leben, Schwarze, die von den Formularen und besonders dem Wort "Negro" angepisst sind, alte Menschen, die sich weigern mit irgendjemandem, den sie nicht kennen zu sprechen, Drogendealer, die niemandem außer ihren Kunden die Tür öffnen und diese Backsteinhäuser, in die du nicht rein kommst, weil die Klingel kaputt ist.

Trotz dieser Hindernisse habe ich mir nie Informationen ausgedacht, auch wenn nicht immer alle dummen Regeln eingehalten habe. Wenn zum Beispiel ein Gebäude eindeutig unbewohnt war, dann habe ich mir nicht noch die Mühe gemacht "jemanden mit Wissen über das Gebäude" ausfindig zu machen, der mir das bestätigen könnte. Andere in meiner Crew waren da unethischer. Eine Frau wurde gefeuert, weil sie statt auf der Arbeit zu Hause saß und sich ein Apartment nach dem anderen einfach ausdachte. Ein anderer hat nie seine Arbeitszeiten eingetragen und kam dann mit seinen Stunden durcheinander. Doch das waren die dummen Zähler. Es war eigentlich ziemlich einfach darüber zu lügen, an wie viele Türen du geklopft hast, so lang du dann nicht mit dem Arbeitszeiten/-Stunden Verhältnis durcheinander kamst und dadurch aufgeflogen bist. Wir haben alle auf unseren Stundenzetteln gelogen. Wenn ich Glück hatte und in einer halben Stunde drei Befragungen schaffte, bin ich nach Hause gegangen, habe mich betrunken und behauptet vier Stunden an verschlossene Türen geklopft zu haben. Man durfte aber auch nicht zu viele Umfragen pro Tag ausfüllen, sonst würde man irgendwann in einen anderen Bezirk versetzt, weil einem die Menschen ausgegangen waren. Also verfolgte ich wirklich nur mein rationales Eigeninteresse, wie Ayn Rand sagen würde.

Ich kam mit meinen kleinen Notlügen immer durch, da im Nordosten Brooklyns das totale Chaos tobt. Zuordnungen wurden nie wie vereinbart übergeben. Abteilungsleiter wurden wöchentlich entlassen (außer sie waren mit dem Typen befreundet, der das Projekt leitete, dem sog. FOS). Es gab Gerüchte, dass unsere FOS eine Cracksüchtige war und einer unserer Zähler sah sie tatsächlich aus einem bekannten Kokainschuppen laufen. Angeblich lagerte sie all unsere Umfrageergebnisse und Stundenzettel in ihrem Auto, entweder um ihre eigenen Betrügereien zu vertuschen oder einfach nur, weil sie ein Crackhead war (Crackheads sind  ja dafür bekannt Zeugs zu horten).

Es war im späten Juni, wir hatten mit unserer Arbeit bereits das ganze Gebiet von hinten aufgeräumt, als sich alle Zähler für ein Treffen mit einer Frau versammelten, die sich als Sonya vorstellte (ich realisierte erst später, dass sie Sonya Merritt war, eine der beiden Manager, die nun wohl hinter Gitter kommt). Sie verlangte, dass wir unsere Befragungen um 400% beschleunigen sollten, ansonsten würden wir alle entlassen werden. Was bedeutete, dass wir, wenn Leute uns nicht die Tür öffnetet, die Zettel selbst ausfüllen würden. Ich glaube diesen Subtext haben nicht alle Zähler ganz kapiert, denn Sonya musste die Sache irgendwann selbst in die Hand nehmen: sie schnappte sich ein paar Angestellte und ging mit ihnen in den Hinterraum, gab ihnen einen Stapel leerer Umfragenzettel und forderte sie auf, sie mithilfe einer Software auszufüllen, deren Besitz verboten war. Das muss für jemanden, der nicht beim Zensus arbeitet etwas zwielichtig klingen, aber wir Zensus-Arbeiter wussten, dass so ein Zeug irgendwann passieren würde. Du kannst kein Omelette machen, ohne die Daten zu persönlichen Informationen tausender Fremden zu fälschen.

Der Sinn der Volkszählung ist nicht, die Bevölkerung der Vereinigten Staaten zu zählen. Das wäre in etwa so ähnlich wie alle Sterne am Himmel zu zählen oder Madonnas Sexualpartner. Selbst wenn die Büros nicht mit Kokainabhängigen, Karriere-Bürokraten und den ständig Arbeitslosen überfüllt wären, würden sie nicht in der Lage sein, zu sagen, wie viele Leute exakt in einer Stadt leben. Der Sinn der Volkszählung ist es, sich durch ein langwieriges, teures Verfahren zu quälen, das irgendwann eine Zahl ausspuckt, von der man dann denkt, dass sie ungefähr die Anzahl der Menschen in den USA repräsentiert. Mit der Zeit vergessen dann die Menschen, dass die Zahl im Grunde nur erfunden wurde und halten sie für einen Fakt. Wenn du wissen willst wie viele Leute im Nordosten Brooklyns leben, dann frage nicht die Regierung, sondern einen Bewohner und einen ehemaligen Zähler wie mich und du wirst hören: verdammt viele. Das ist eine absolut genauso exakte Angabe wie die, die beim offiziellen Ergebnis des Zensus rauskommen wird. Und ich muss dabei keine Gesetze brechen, um das zu wissen.