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Ben & Jerry's ist echt korrekt, wir haben's verstanden

Zwei alte Männer, die ihre Namen an Unilever verkaufen, Schwulenrechte, Kapitalismuskritik und faire Zutaten vergessen und sich auf Aruba eine Villa kaufen und den Rest ihres Lebens in einem goldenen Pool, der mit geschmolzener Eiscreme gefüllt ist...
03 Juli 2013, 2:44pm

Eigentlich geht‘s ja nur ums Geldverdienen. Das wissen wir ja alle. Deswegen gibt es da draußen eine Menge Brands, die ihre vielleicht ursprünglich mal reine Seele an den fiesen Post-Kapitalismus verkauft haben und ihre alte Political Correctness und ihr Umweltbewusstsein kurzerhand vergessen haben, um schnell und effektiv an Kohle zu kommen. Esprit wurde von einem Hippie-Paar gegründet. Jetzt verkaufen sie Klamotten, die in bangladeschischen Todesfabriken genäht werden, an unsere Mütter. Ob Body Shop heute tatsächlich noch natürliche Inhaltsstoffe benutzt, weiß auch niemand so ganz genau.

Zuerst dachten wir, dass das bei Ben & Jerry‘s genauso ist. Zwei alte Männer, die ihre Namen an Unilever verkaufen, Schwulenrechte, Kapitalismuskritik und faire Zutaten vergessen und sich auf Aruba eine Villa kaufen und den Rest ihres Lebens in einem goldenen Pool, der mit geschmolzener Eiscreme gefüllt ist, verbringen. Ist aber nicht so! Ben & Jerry‘s ist immer noch autonom im Konzern und hat ein eigenes Board of Directors, das an allen Entscheidungen beteiligt ist. Ansonsten engagieren sich Ben Cohen und Jerry Greenfield auch immer noch sozial. Unter anderem deswegen haben sie einen Wettbewerb ausgelobt, an dem Leute aus neun europäischen Ländern teilnehmen konnten, um ihre soziale Start-ups zu promoten. Ben & Jerry‘s haben uns zum Finale nach London eingeladen, und wo andere Marken riesige Partys veranstalten und alles so glamourös wie möglich machen und natürlich auch nur die hippen, hübschen und coolen Teilnehmer bei solchen Wettbewerben gewinnen lassen, war das bei dieser Veranstaltung wirklich nicht der Fall, was ja irgendwo auch für die Kredibilität des Wettbewerbs spricht. Sogar Teller und Besteck waren kompostierbar, Leute. Diese Typen geben sich wirklich Mühe, soviel sie können, richtig zu machen. Deswegen hat unter anderem Dietmar Jr. Stuck für Österreich gewonnen, der nicht nur solarbetrieben Wasserpumpen in Afrika baut, sondern auch noch Wünschelrutengänger ist! Für die Schweiz hat Valentin Fisler gewonnen, der ein neues Recyclingsystem an den Schweizer bringen will, und für Deutschland Yannick Sonnenberg, dessen Produkt Minispenden durch Aufrunden beim Einkaufen ermöglicht.

Wir haben uns mit Jerry unterhalten, weil wir wissen wollten, was es heißt, nicht nur die allerbeste Eismarke des Universum geschaffen zu haben, sondern auch darüber, wie die Firma mit den Boykott-Aufrufen durch Leute umgeht, die zu ihrer Eiscreme keine Weltverbesserungsvorschläge dazu serviert bekommen wollen.

Alle Gewinner des Join-the-Core-Wettbewerbs

VICE: Denkst du, dass Ben and Jerry‘s einmalig ist?
Jerry Greenfield: So ziemlich jeder kann gutes Eis machen, wenn er es darauf anlegt. Es ist technisch nicht so schwer. Aber es ist viel aufwändiger, wenn du eine Firma willst, die Umweltschutz und soziale Anliegen berücksichtigt. Die meisten Leute, die Firmen leiten, wollen es nicht komplizierter machen, als es sowieso schon ist. Und es ist kompliziert, wenn man bedenken muss, welche Auswirkungen Produkte auf die Umwelt oder auf die Gesellschaft haben. Die Leute müssen über mehr nachdenken. Deswegen bin ich mir ziemlich sicher, dass es wenige Firmen gibt, die versuchen, in der Hinsicht besser zu sein als Ben & Jerry‘s.

Wie hat sich das entwickelt? Gab es einen bestimmten Punkt, an dem ihr gesagt habt: „OK, wir machen jetzt mehr als nur Eis“?
Am Anfang hatten wir keine Mission. Der Zeitpunkt, an dem es anfing, war mit den Peace Pops. Es war ein Eis am Stiel, das wir gegen Ende des Kalten Krieges auf den Markt brachten. Ben wollte es so nennen. Und auf den Packungen sollte es um das Militärbudget der USA gehen. Damals waren das 300 Milliarden Dollar. Das war knapp die Hälfte des gesamten Budgets. Einige von uns halten das für obszön. Ben hält es für mehr als obszön. Er wollte in dem Text auf der Packung dazu aufrufen, ein Prozent dieses Budgets, also 3 Milliarden Dollar, für Friedensbemühungen und Völkerverständigung auszugeben. Es gab damals einen großen Streit in der Firma deswegen. Manche Leute sagten, dass wir uns nicht einmischen sollten, dass es unpatriotisch wirken könnte. Aber Ben hat es durchgesetzt. Weil er eben einer der beiden Gründer war.

Samy Deluxe war in der Jury für Österreich (was sonst?).

Gab es Probleme mit dem Marketing?
Wir hatten immer Angst, dass es Boykotte geben könnte, aber das ist nicht passiert. Und selbst diejenigen, die nicht damit einverstanden waren, verstanden, dass wir eine Meinung haben sollten. Das war ein Wendepunkt. Wir haben erkannt, dass nicht jeder alles mögen wird, was wir machen. Und sogar heute noch haben wir starke Positionen. Jetzt gerade im Moment geht es um die Ehe für Homosexuelle. Das ist gerade in den USA ein sehr emotionales Thema. Die Homo-Ehe wird erst seit zwei Jahren von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt. Also potentiell beleidigt man die Hälfte der Bevölkerung, indem man das unterstützt. Aber es ist eben eine Frage der Menschenrechte.

Und um Verkaufszahlen.
Es gibt immer Kontroversen. Aber wir machen das nicht um der Kontroverse willen. Es geht dabei um Themen, an die wir glauben und die uns wichtig sind. Solche Sachen wie die Unterstützung der Homo-Ehe kommen daher, weil ich seit 25 Jahren alle in der Firma so behandeln will, wie ich behandelt werden will. Als Mensch, mit gleichen Rechten. Und dafür wurden wir bekannt.

Gibt es denn Boykotte?
Dieses Jahr neunmal. Und zwar wegen allem. Sei es die globale Erwärmung, Umweltschutz, sogar Humor.

Zum Beispiel?
Vor zwei Jahren hatten wir eine Produkt, das Schweddy Balls hieß. Leute beschwerten sich, dass es ein schlechter Witz ist. Und dass so keine Eiscreme heißen darf. Die Hälfte der großen Supermärkte in den USA weigerte sich, es zu verkaufen. Und trotzdem war es ein Bestseller.

Das ist in solchen Fällen ja oft so, oder?
Ja, dann kommen auch die Mails von den Leuten, die wieder auf den Boykott reagieren und sagen: „Nehmt dieses Produkt ja nicht aus dem Programm! Wenn ihr das macht, boykottiere ich euch!“