Der offene Brief einer lesbischen Frau an den Neos-Abgeordneten Christoph Vavrik

"Ich bin lesbisch und für mich ist es das Normalste auf der Welt, Kinder zu wollen. Erst Menschen wie Sie lassen in meinem Kopf das Bild entstehen, dass ich 'nicht ganz normal' bin."
8.11.16
Foto: Parlamentsdirektion | Bildagentur Zolles KG | Christian Hofer

Vor wenigen Tagen wurde in Wien das erste Kind von einem homosexuellen Paar adoptiert. Daraufhin bezeichnete der Neos-Abgeordnete Christoph Vavrik die Adoption als "gesellschaftliche Abartigkeit" und verglich sie mit der Sklaverei. Mittlerweile ist das Posting gelöscht, Vavrik hat sich entschuldigt und er wird bei der nächsten Nationalratswahl nicht mehr für die Neos antreten. Dieser Text ist eine Antwort auf seine Äußerungen und ist zuerst in verkürzter Form auf dem Facebook-Profil der Autorin erschienen.

Sehr geehrter Herr Vavrik!

Was Ihr Posting bei mir, einer lesbischen Frau ausgelöst hat:

Ich hatte mit Ihnen bereits als Journalistin bei außenpolitischen Fragen zu tun. Aber dieser Brief ist nicht beruflich, sondern dreht sich allein um meine Meinung als Bürgerin. Es geht um Ihr Posting, in dem Sie Schwule und Lesben als "abartig" bezeichnen, sobald diese eine Familie gründen.

Ich bin lesbisch und für mich ist es das Normalste auf der Welt, Kinder zu wollen. Auch in meiner Familie und meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist das so. Erst Menschen wie Sie lassen in meinem Kopf das Bild entstehen, dass ich "nicht ganz normal" bin. Nun bin ich alt genug, um mich davon nicht irritieren zu lassen. Kommentare wie ihrer machen mich wütend, aber bringen mich nicht dazu, an mir zu zweifeln.

Ich frage mich aber, was passiert wäre, wenn ich Ihre "verbale Entgleisung", wie Sie es inzwischen nennen, mit 15 gelesen hätte. Junge Lesben und Schwule haben in ihrer Pubertät häufig damit zu kämpfen, sich selbst zu akzeptieren. Vielleicht weil sie Angst haben, es ihren Eltern zu sagen. Vielleicht weil sie sich davor fürchten, dass die Klassenkameraden sie auslachen. Vor allem aber haben sie Angst davor, anders behandelt zu werden als davor—indem sich ehemalige Freunde distanzieren oder einfach nur, indem die Leute tuscheln. Auch ich hatte damals Angst vor solchen Reaktionen. Aber ich habe gelernt, dass sie unberechtigt sind. Jetzt bin ich 22 und lese von einem Abgeordneten des österreichischen Parlaments solche Worte. Und ich frage mich: Was hätte das mit mir als 15-Jährige gemacht?

Ich glaube, Sie haben unterschätzt, was Ihre Worte vor allem bei jungen Mitgliedern der LGBTQ-Community auslösen können. Sie geben jungen Schwulen und Lesben nicht nur das Gefühl, anders zu sein als heterosexuelle Menschen. Nein, noch schlimmer: Sie geben Homosexuellen das Gefühl, abartig zu sein, wenn sie ihre Gefühle ausleben. Lesbischen Frauen wie mir geben sie das Gefühl, dass eine Familie nur mit einem Mann vollkommen ist. Ich habe gelernt, mit dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, umzugehen.

Es kommt immer wieder vor, dass ich in einem Club meine Freundin küsse und mich ein Mann einfach so fragt: "Darf ich mitmachen?" Es kommt auch vor, dass mich Männer fragen "Was, du bist lesbisch?" und dann schockiert feststellen "Du hast doch gar keine kurzen Haare". Darüber kann ich inzwischen lachen. Was für mich allerdings immer noch schlimm ist, ist es, wenn Menschen nicht verstehen, wie ich einmal eine Familie haben kann. Genau solchen Menschen haben Sie Ihre Stimme gegeben.

Nachdem ich mich unter Ihrem Facebook-Post zu Wort gemeldet habe, schreibt mir ein User, der offenbar Gefallen an Ihren Aussagen findet: "Wie abartig es ist, merkt man schon allein daran, dass so eine Perverse auch noch den Anstand besitzt, von Familie gründen zu sprechen."

Mit "so eine Perverse" meint er offenbar mich. Mit Ihrem Posting haben Sie solchen Menschen das Gefühl gegeben, Recht zu haben. Sie haben sie darin bestärkt, junge Frauen wie mich auf Facebook zu beschimpfen. Auf tiefstem Niveau, genau so, wie Sie es getan haben.

Ich frage mich, warum Menschen wie Sie es so ablehnen, dass sich zwei Menschen wirklich lieben, einander treu sind und irgendwann Kinder haben (wollen). Sie denken, Ihr Posting war nur eine Meinung, die man vertreten darf. Jeder kann über Homosexuelle denken, was er möchte. Sie allerdings sind Abgeordneter. Und Sie haben sich abschätzig, diskriminierend, ja belustigend über eine Menschengruppe in Österreich geäußert.

Denn wenn Sie Homosexuelle im Allgemeinen als "abartig" bezeichnen (sobald sie Kinder haben), dann treffen Sie damit auch mich—und das ganz persönlich.

Mit freundlichen Grüßen
Franziska Tschinderle

Franziska auf Twitter: @franziska_tsch