Im Gespräch mit einem Post-9/11-Whistleblower

In den Jahren nach den Anschlägen des 11. September sah Thomas Drake, damals leitender Angestellter der NSA, etwas, das er nicht akzeptieren konnte: ein von der NSA geleitetes Programm namens Stellarwind.

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09 Oktober 2016, 4:00am

Porträt von Justin T. Gellerson

Aus der Sick Day Issue

In den Jahren nach den Anschlägen des 11. September sah Thomas Drake, damals leitender Angestellter der US-Geheimbehörde National Security Agency (NSA), etwas, das er nicht akzeptieren konnte: ein von der NSA geleitetes Programm namens Stellarwind. Mit einer Kombination aus Abhörtechnik und massenhafter Onlinedatensammlung spionierte die Operation nach dem Sleppnetzprinzip US-Bürger aus.

Drake protestierte zunächst intern, da er der Ansicht war, Stellarwind verstoße gegen den vierten Verfassungszusatz, der Bürger vor staatlichen Übergriffen schützt. Es handelte sich um Überwachung ohne Durchsuchungsbefehl auf amerikanischem Boden. Doch Michael Hayden, damals Direktor der NSA und verantwortlich für das Programm, vertrat den Standpunkt, US-Geheimdienste müssten zu drastischen Maßnahmen bereit sein, um weitere Anschläge zu verhindern.

Laut Drake entwickelte der Militär- bzw. Geheimdienst-Industrie-Komplex nach jenem 11. September vor 15 Jahren einen derart besessenen Fokus auf die Terroristenjagd, dass die Rechte der US-Bürger dabei unter den Tisch fielen. Er beschwerte sich auf jedem erdenklichen rechtlichen Weg, auch unter Gesetzen, die den Schutz von Whistleblowern vorsehen, doch nichts half. Also kontaktierte er im Winter 2006 eine Journalistin der Baltimore Sun und half ihr, die verhassten Regelverstöße der NSA aufzudecken.

Draufhin führte das FBI eine Razzia bei Drake durch. Er wurde unter dem US-Spionagegesetz von 1917 angeklagt und entging nur knapp einer 35-jährigen Haftstrafe.

Heute führt Drake ein ziemlich unaufgeregtes Leben als Angestellter eines Apple-Store. In einer Bar in Washington, D.C. habe ich mich mit dem Mann unterhalten, der für manche ein Held und für andere ein Verräter ist.

VICE: Wie lautet die offizielle Mission der NSA?
Thomas Drake:
Der Fokus der NSA sind Geheimdienstinformationen aus dem Ausland. Sie wurde 1952 gegründet. Den Leuten ist nicht klar, dass das nicht durch einen Kongressbeschluss passierte. Sie wurde buchstäblich durch die Unterschrift von Präsident Truman erschaffen. Damals gab es ja auch den Kommunismus! Die rote Gefahr. Alles geheim. Sie scherzten damals, NSA stünde für "No Such Agency" oder "Never Say Anything".

Was ist nach 9/11 passiert?
Die oberste Regel lautete davor: Man braucht immer einen Durchsuchungsbeschluss. Ohne Grund und hinreichenden Verdacht kann man keine US-Bürger bespitzeln. Diese Regel wurde nach 9/11 fast über Nacht abgeschafft. Was ich damals sah, war eine NSA, die befähigt wurde, ihre große Macht, die sie für Auslandsspionage hatte, im Inland anzuwenden. Wir wissen nicht, wo die Bedrohung ist. Sie könnte überall sein. Also war das neue Mantra: "Wir brauchen die Daten. Der Zweck heiligt die Mittel." Heute ist die NSA so mächtig wie nie zuvor.

"Es wurde zu einer Art Zwangshandlung oder Sucht, Daten von überall aufzusaugen. Daten können zur Droge werden, von der du nie genug kriegst."

Es wurde schon zu einer Art Zwangshandlung oder Sucht, Daten von überall aufzusaugen. Daten können zur Droge werden, von der du nie genug kriegst. Das Expandieren der digitalen Technologie beschleunigte das noch.

Wie hat die NSA Backdoors eingesetzt?
Sie will Backdoors um jeden Preis, selbst wenn es Partnerschaften mit gewissen Firmen braucht, um den Zugang technisch zu sichern, selbst wenn die Verschlüsselung dazu geschwächt werden muss—und das wurde sie. Das bedeutet, die NSA trägt sogar Schuld daran, dass die Infrastruktur der modernen Gesellschaft einiges an Sicherheit eingebüßt hat.

Meinst du, sie hat den Terror überhaupt richtig bekämpft?
Sie hat ihn sogar verschlimmert. Das ist das Paradoxon von Big Data. Je größer der Heuhaufen, desto mehr Nadeln kann man finden. Aber wenn man einfach so viele Daten wie möglich aufnimmt und alles in eine Scheune packt, wie findet man dann noch Nadeln? Im Grunde wird jeder Strohhalm zur Nadel, also gibt es gar keine Nadeln mehr. Oder es wird zumindest viel schwieriger, sie zu finden, weil man sie nicht erkennt.

Das Ironische ist, dass die NSA die Daten hatte, um 9/11 zu verhindern, aber sie hatte nicht den Fokus und die Prioritäten dazu und teilte die Daten nicht mit denen, die etwas hätten unternehmen können. Ich weiß das, weil es zu der Büchse der Pandora gehört, in die ich blicken musste. Und das ist es letztendlich, wo­rauf ich als Whistleblower mehrere Menschen hingewiesen habe.

War es das aus deiner Sicht wert?
Ja. Die Geschichte selbst stand auf dem Spiel. Ich habe einen Eid geschworen, ein Ideal zu verteidigen. Doch nach 9/11 wurde die Büchse der Pandora geöffnet und ich blickte in den Abgrund. Mir wurde klar, dass ich die Verfassung gegen meine eigene Regierung verteidigen musste. Die Regierung und ihre geheimsten Auswüchse untergraben die Verfassung. Es war im Grunde ein stiller Coup gegen das Grundgesetz.

Können wir jemals zu einem Staat zurück, der uns nicht ausspioniert?
Ich hätte diesem Interview gar nicht zugestimmt, wenn ich das nicht für möglich hielte. Kurz vor Sonnenaufgang ist die Nacht am dunkelsten, wie es so schön heißt.

Ben Makuch erforscht in der TV-Serie Cyberwar die Welt der Hacker und der weltweiten Überwachung. Demnächst auf VICELAND, unserem Fernsehsender.