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​Ein Nachruf auf No Man’s Sky, das meist gehypte Videospiel nach Pokémon Go

Ich habe wirklich großes Mitleid mit dem größten Hype-Spiel von 2016 und ihr solltet es auch haben.

von Raphael Schön
27 Oktober 2016, 4:00am

Offizieller Still 'No Man's Sky' (c) Hello Games

Je nachdem, worum es gerade geht, beschreiben Medien das Internet gerne entweder als diese Sache, die nie vergisst, oder als diese andere Sache, in der alles für immer gespeichert ist. Im Fall von No Man's Sky stimmt irgendwie beides.

No Man's Sky ist dieses eine Videospiel, über das Anfang August wegen seiner (fast) unendlich großen Spielwelt überall berichtet wurde. Wir alle wollten es unbedingt haben und die Fantasie ging komplett mit uns durch. Nun ist es nicht nur zum im Vorfeld gehyptesten, sondern gleichzeitig auch zum mit Abstand am meistgehassten Spiel der letzten Jahre geworden. Also: Das, an das sich jeder noch erinnert, aber das wir alle gern vergessen würden. Aber alles der Reihe nach.

Für mich war schon beim ersten Trailer zu No Man's Sky klar: Das wird mein Spiel. Ich stehe auf Sci-fi und Weltraumerkundung. Star Citizen oder Elite Dangerous sind mir konzeptionell einfach zu elitär (Wortwitz!) und auch zu komplex. Obwohl ich Previews, offizielle Trailer und Entwickler-Promos zu kommenden Spielen seit meiner Jugend meide (danke für nichts, Peter Molyneux—du weißt genau, wovon ich spreche!), konnte ich dem Hype rund um No Man's Sky, den Aussichten auf ein gigantisches unerforschtes Universum und den ähnlich grenzenlosen Erwartungen an das Spiel, nicht entkommen.

Ich habe versucht, relativ jungfräulich an No Man's Sky heranzugehen und hatte unheimlich großen Spaß. Meinen Startplaneten habe ich einen ganzen Abend lang erkundet—ohne konkretes Ziel und mit unschuldiger Neugierde. Das ist mir das letzte Mal bei The Witcher 3 passiert, als ich nach 20 Spielstunden gemerkt habe, dass es da ja auch noch Hauptquests und eine Story gibt.

Mindestens so beeindruckend wie der erste Planet, war der erste Start mit meinem Raumschiff, das erste Mal die Atmosphäre zu verlassen, die erste Raumstation anzufliegen, das erste Mal einen unbekannten Planeten zu besuchen oder das erste Mal einen Hyperraum-Sprung zu machen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass mich 2016 kein anderes Spiel so in seinen Bann gezogen hat wie No Man's Sky—zumindest kurzzeitig. Diese Leistung würdige ich und mit mir auch viele, die das Spiel mit ähnlich kindlicher Faszination und Begeisterung begonnen haben.

Und hier beginnt der Nachruf zu diesem Spiel auch irgendwie. Beim zweiten Planeten merkt man nämlich spätestens, dass dieser sehr ähnlich aussieht wie der Vorherige. Auch bei mir machte sich schnell Ernüchterung breit und nach 30 Stunden Spielzeit war die Luft raus.

Kurz nach Release von No Man's Sky verwandelten sich jene Nerds, die noch davor mit einem Halbsteifen "OMG ich freu mich so"-Postings gemacht hatten, in superambitionierte Hater: Sean Murray, das Gesicht von Hello Games, wurde über Nacht zum Hassobjekt Hunderttausender Gamer. YouTube-Videos, in denen seine Lügen aufgelistet wurden, gingen viral.

Ein Verfahren wegen irreführender Werbung läuft aktuell gegen Hello Games. Kürzlich wurde ein Sub-Reddit zu No Man's Sky wegen zu viel Hate und Morddrohungen kurzzeitig offline genommen. Laut Steam-Statistiken spielt es keine Sau mehr und es ist neuerdings das am schlechtesten bewertete Spiel der PC-Gaming-Plattform!

Dazu gibt es auch noch Verschwörungstheorien zur Schließung des Hello-Games-Büros in England. Mich würde es ehrlich gesagt nicht wundern, wenn Hello Games-Chef Sean Murray gerade heulend im Bett liegt, sich ein paar Psychopharmaka einwirft und darauf wartet, bis der nächste Termin bei seinem Psychiater ansteht.

Was bleibt von dieser Achterbahnfahrt der Nerd-Gefühle? Sind alle Videospielfans menschenfeindliche Trolle oder wurden wir alle von Hello Games dreist über den Tisch gezogen und sind völlig zu Recht sauer? Für mich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen: Ja, Sean Murray hätte nicht in jedem Interview das Blaue vom Himmel versprechen sollen und die Entscheidung von Sony, das eigentlich als experimentelles Indie-Game geplante Spiel, als 60 Euro AAA-Titel zu vermarkten, war alles andere als schlau.

Dennoch rechtfertigt das alles nicht den abartigen Shitstorm und die negativen Wertungen auf Steam. Sicher—es is nicht perfekt, es wurde definitiv zu viel versprochen und die komplett durchgescripteten Trailer bilden nicht die Spiel-Realität ab. Dennoch hat das Konzept des Spiels für mich mehr Reiz als alle Activision-Spiele der letzten zehn Jahre zusammen.

Die Grundprämisse "Wie fühlt es sich an, alleine neue Galaxien zu erkunden und neue Planeten zu entdecken" kommt nämlich sehr wohl rüber. Nur weil alle merken, dass das Star Trek-Dasein auch ein bisschen öde und repetitiv sein kann, heißt das nicht, dass das Spielkonzept fehlgeleitet war. Die Erwartungen an das Spiel waren das Fehlgeleitete. Ich bin mir sicher, dass alleine dieses Proof of Concept unzählige Entwickler inspirieren und künftige Games prägen wird. Wir sollten No Man's Sky dafür würdigen und auch so in Erinnerung behalten. Ruhe in Frieden.

Raphael auf Twitter: @raphschoen

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