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Vice Blog

NACKTE BLUTIGE LEICHEN, CHARROS, PILZE UND DIE TYPEN, DIE SIE ZU MONSTERN GEMACHT HABEN

Ellis Jones
London, GB

Es ist unmöglich, Alejandro Jodorowsky mit nur ein paar Worten vorzustellen. Genau wie eine alte Katze hatte er viele Leben: Regisseur, Tänzer, Autor, innovativer Theatermensch und Pantomime; außerdem hat er Comic-Scripts geschrieben, war Journalist und ein großer Magier, der jede Woche in einem Pariser Café Tarotkarten legte. Wir haben ihn in seiner Wohnung in Paris getroffen. Dass ein Interview stattfinden sollte, war ihm leider entfallen, nichtsdestotrotz erzählte er uns ein paar faszinierende Erinnerungen.

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Alejandro Jodorowsky: Siehst du diesen Kater…? Er ist alt, sehr alt. Er muss so um die 25 sein. Er humpelt, er ist taub und blind. Aber er ist lebendig. Er ist ein Gefährte. Einmal, als ich noch sehr jung war, reiste ich nach Paris, und das Boot hielt für fünf Stunden in Barcelona. Wir durften an Land gehen, ich war pleite, und ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Ich sah einen streunenden Hund in den Straßen und folgte ihm. Er brachte mich zum Markt, ins Barrio Chino, das Hurenviertel, dann zur Sagrada Familia, der Kirche, die von Gaudi gestaltet wurde. Es war ein streunender Hund, der mich zu Gaudi brachte. Er war mein Reiseführer. Ein Hund kann ein Mentor sein, weißt du.

Hast du immer einen Mentor gebraucht?

Ja, weil ich nie mit meinem Vater geredet habe. Er hat mich erniedrigt. Er war sehr autoritär, ein atheistischer Ladenbesitzer. Er kümmerte sich um nichts. Ich bekam nichts von ihm, außer zweier Ratschläge: „Kauf billig und verkauf teuer," und „Nichts ist wahr." Ich brauchte einen väterlichen Archetypen, um mich aus der Kindheit zu bringen, um mir zu geben, was mein Vater mir verweigerte.

Du hast deine ersten Filme recht spät in deinem Leben gedreht; später als die meisten, mit 39…

Ich wollte immer in den Film, es ist die höchste Kunst für mich. Ich lernte Pantomimik mit Marceau, Theater mit Topor und Arrabal als die Panik-Bewegung gerade aktuell wurde, ich lernte Tanz und Puppenspiel-alles nur, um eines Tages Filme zu machen. Meine Meister des Kinos sind immer noch dieselben: Bunuel, die großen Träumer, Freaks von Todd Browning. Und heute noch ein paar herausragende asiatische Filmschaffende.

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Was ist mit deinem neuen Film?

Ich werde ihn letzten Endes wohl machen, diesen Herbst weiß ich mehr. Das Drehbuch handelt von El Topos Kind. Ich stellte mir ein Leben in einer verwüsteten Welt vor: nach der Tragödie. Das Heilige ist vergraben zwischen zwei goldenen Felsen auf einer kleinen Insel, aber um dorthin zu gelangen, muss man ein sündenloser Mensch, ein Heiliger sein. Wir drehen vielleicht zwischen Spanien und Russland.

Was ist mit King Shot passiert, dem Film, den du vor drei Jahren schon angekündigt hast, zu dem Asia Argento und Marylin Manson bereits zugesagt hatten…?

Das Skript war so gut: ein Kasino, das King Shot, in der Mitte einer Wüste in einer zerfallenden Welt. Wie immer bei mir, kann man nicht wirklich sagen, um was es geht, es gibt keine Grundidee in meinen Filmen. Meine Werke lassen sich nicht in zehn Zeilen zusammenfassen. Aber da das Geld vom Fernsehen und den Banken kommt, brauchst du eine Grundidee. Nur private Investoren, die verrückt genug sind, sind bereit Filme mit mir zu machen. Ich kann nicht auf das Geld vom Fernsehen warten, Die Filmindustrie ist zum Verbündeten der Essensindustrie geworden. Filme müssen einfach sein, damit die Leute ins Kino gehen, um zu verdauen, was sie gerade vorher gegessen haben. Du darfst sie nicht erschrecken, sonst furzen sie.

Dein dritter Film, Holy Mountain, wurde 1973 von John Lennon produziert?

Ja, dank meines Produzenten Allen Klein (der diesen Sommer gestorben ist), der außerdem der Manager der Beatles und der Rolling Stones war, und Geschäftsführer von Apple (dem Musikverlag der Beatles). Lennon hatte Lust drauf, er hatte von El Topo gehört. Ich habe ihn nur einmal getroffen. Er hätte eh nicht aufs Set in Mexiko kommen können, da wir an den wilden Orten in den Bergen drehten.

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Der Dreh war ein bisschen verrückt, oder?

Jeder wollte mich töten. Zweitausend Menschen marschierten vor der Basilika in Guadelupe auf, und behaupteten ich sei wie Charles Manson, nur weil ich nach Kolonialhäusern Ausschau hielt. An der Vorderseite der am höchsten verehrten Kirche in ganz Mexiko war eben diese wunderschöne Kolonialtür. Die Szene war simpel: ein Truck voll mit nackten blutigen Leichen, sollte an dieser Tür vorbeifahren. Im Grunde nichts Besonderes. Aber du musst dazu Leute ausziehen und sie mit Kunstblut beschmieren, und du kannst das nicht allzu weit entfernt machen, du musst das in einem Zelt neben der Basilika machen. Also haben wir 40 blutige nackte Menschen, die da auf der Straße warten. Innerhalb von zwei Stunden war die gesamte Stadt fest davon überzeugt, dass wir hier keinen Film drehten, sondern eine schwarze Messe veranstalteten, dass ich die heilige Jungfrau beleidigte, und plötzlich standen da 2.000 Menschen, die mich baten zu verschwinden… Dann hatten wir Ärger mit der Gemeinschaft der Charros.

Die was?

Charros sind die mexikanischen Cowboys, starke Männer mit großen Hüten. Ich ließ sie zu einer Szene kommen, in der sie mit anderen Männern tanzen sollten, die Gasmasken trugen. Ein Tuntenball mit 300 schwulen Pärchen! Ein Charro setzte mir die Pistole auf die Brust und nannte mich eine Schwuchtel. Er wollte mich umbringen. Lies die Zeitung, Mexiko hat sich nicht verändert. Gestern wurde ein Anwalt mit 28 Schüssen ermordet. Gleichzeitig kannst du einen Film mit nur $5000 drehen. Das habe ich bei El Topo 1971 gemacht.

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War Chile so gewalttätig, als du ein Kind warst?

Vor Pinochet, nein; danach, ja. Soldaten, von der deutschen Armee ausgebildet, wurden zu einem eigenen Staat. Sie hatten eine animalische, bedrohliche Mentalität. Ich habe erst in Santiago gelebt, als ich zehn war. Im Dorf war ich ein bisschen isoliert. Meine Eltern kamen beide aus Russland. Ich wurde behandelt, wie ein Schwarzer in den USA behandelt wurde. Ich fand keine Freunde, also verbrachte ich meine Tage in der Bibliothek. Jetzt denke ich, dass das der Glücksfall meines Lebens war. Ich erschuf mir meine eigene Welt.

Woher kommt dein Wissen über Religionen?

Auf gewisse Weise von meinem Vater. Als ich vier war, sagte er zu mir: „Gott existiert nicht." Das löste bei mir eine unglaubliche Angst aus, also begann ich alles zu lesen, was mich metaphysisch gesehen beruhigen konnte. Alle Religionen, alle esoterischen Bewegungen, Alchemie, Kabbalah, über all das habe ich gelesen. Außer Astrologie - das hat mich immer angepisst.

Hm… Hattest du ein Skript für The Holy Mountain?

Ich hatte einen Rahmen, aber ich entwickelte die Story Schritt für Schritt, jede Nacht.

Dir wurde nachgesagt unter Einfluss von Magic Mushrooms gedreht zu haben…

Nein, na ja… Ehrlich gesagt haben wir nur eine Szene gedreht, vor der wir Pilze gegessen haben. Und wir haben's versaut. Wir mussten einen heiligen Ort erreichen, die Spitze der Pyramide. Die Schauspieler und ich entschlossen uns, so mystisch zu sein, wie der Ort an dem wir waren. Aber ich habe einen Fehler gemacht, ich habe meinen Kameramann nicht gezwungen, ebenfalls Pilze zu nehmen. Er war nüchtern. Er sah uns und lachte uns aus, wie man Betrunkene auslacht. Er entschloss sich eine Zerrlinse zu verwenden, um uns auf lächerliche, psychedelische Weise zu filmen. Es war ein beschissener Effekt für eine schöne, seltene und reine Szene, die man nicht berühren sollte. Also klettern wir auf diese Pyramide, geleitet von unserem Supra-Bewusstsein. Ich schabte einen Stein aus dem Boden, ein kleiner Würfel, den wir auf die Spitze mitnahmen. Dort oben fanden wir eine Blume, eine winzig kleine Blume: es war magisch, rein. Und dieser verfluchte Kameramann nimmt eine Zerrlinse, um das festzuhalten. Ich wollte ihn umbringen.

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Ich habe zu spät festgestellt, was er getan hat, wir waren in wilden, unberührten Gebieten, ich habe das Material erst gesehen, als ich wieder New York war. Ich bin von Mexiko geflohen, weil sie mir eine Bombe in die Wohnung legen wollten, sie schrieen ich sei böse. Ich hatte 30 Stunden Filmmaterial, weißt du, und er hatte mehr als ein Drittel davon ruiniert. Ich war ein Narr zu glauben, dass cleane Techniker korrekt arbeiten. Andererseits verstanden sie auch kein Stück von dem Film, da war keine Kommunikation zwischen uns und ihnen. Sie sahen uns an, als wären wir wilde Tiere, und dachten sie könnten mit der Kamera machen, was sie wollen. Wenn ich daran denke, was wir da versaut haben, wird mir schlecht.

Auf dem Set von The Holy Mountain hast du deine Schauspieler einem strengen Regiment unterworfen.

Ja, wir lebten alle zusammen, wir waren zehn Leute, und wir durften pro Nacht nur vier Stunden schlafen von zwölf bis vier Uhr morgens. Wir standen auf und nahmen eine kalte Dusche. Dann meditierten wir: Mantras und so was. Freitag, zum Beispiel, war unser „objektiver" Tag. So etwas wie „Es ist kalt" durftest du nicht sagen, weil es subjektiv ist. Dir ist kalt, aber das heißt nicht, dass jedem kalt ist. Du musstest Anti-Subjektivität erreichen. Wir hatten eine kleine Glocke, um jedes Anzeichen von Subjektivität auszulöschen. Wir mussten unser Ego überwinden, weißt du.

Wie macht man das?

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Wir sahen uns mehr wie metaphysische Samurais. Es war sehr amerikanisch in dem Sinn, dass es einen beeindruckenden Drogenvorrat gab… Ich bin überhaupt nicht scharf auf Drogen, also tat ich so, als würden uns die Cops beobachten und spülte alle Drogen die Toilette runter. Sobald sie welche brauchten, wurden die netten Anhänger zu Monstern… Da realisierte ich dann auch, dass sie jedes Mal, wenn sie für drei Stunden meditiert hatten, einfach nur bekifft gewesen waren… Verrückte Zeiten, tatsächlich.

Ich hatte einen Vertrag mit einem Amerikanischen Guru abgeschlossen, Oscar Ichazo, der eine Proto-analyse Gruppe namens Arica anführte. Er bot einen schnelleren Zugang zur „Erleuchtung" an. Er sagte, die verschiedenen Religionen und esoterischen Disziplinen hätten jeweils ihre eigene Technik sie zu erreichen. Seine eigene Technik war eine explosiver Cocktail - er mischte alles und versprach Erleuchtung innerhalb von zwei Monaten. „Dir", sagte er „kann ich Erleuchtung in acht Stunden geben." OK, sagte ich, los geht's… Wir geben ihm $17.000 und er kommt zu einem luxuriösen Hotel in Mexiko. Wir unterhalten uns, und er holt ein kleines Päckchen oranges Pulver aus seiner Tasche und lässt es mich trinken. Ich hatte gerade $17.000 für LSD gezahlt!!! Es wirkte nicht, also gab er mir noch etwas Thai Weed und dann… Ich sah Picassos, Renoirs vor dem Fenster, es sah aus wie Walt Disney, mit Farben überall. Es dauerte acht Stunden.

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Wo wir gerade von „Einflüssen" reden, kanntest du die Filme von Glauber Rocha und Antonio Das Mortes, als du El Topo gemacht hast?

Die zwei Filme waren zur selben Zeit in den Kinos, so 1971. Ich wusste nichts von Rochas Plan. Ich entdeckte seinen Film zur selben Zeit, wie er meinen. Die sexy und rebellischen Helden sind sich nahe. Bis zu einem gewissen Grad waren wir Freunde. Glauber und ich… er war so drogenabhängig, dass es beinahe unmöglich war, sich mit ihm zu unterhalten.

Woher kommt dann dieser einsame Anti-Cowboy Charakter? Von Vince Taylor?

Das ist möglich, ich mochte Vince Taylor sehr. Ich hatte eine seiner Shows in einem Kabarett in Pigalle gesehen. Ich war da mit ein paar surrealistischen Autoren, da die Show von Georges Bataille geleitet wurde. Danach wollte ich, dass Vince Taylor und sein Orchester auf einem Happening für die Panik-Bewegung spielen. Aber an diesem Tag hatte er eine Art mystische Krise, er dachte er sei Gott. Also sperrte er sich in sein Hotelzimmer nahe dem Café de Flore. Ich konnte nur seine Musiker haben. Sein Drummer war der Sohn des surrealistischen Malers Hans Bellmer. Ich denke die Figur El Topo kommt zur Hälfte von ihm und zur Hälfte von einem Elvis Presley Film, der mir sehr gefallen hat. Niemand schaute damals Presleys Filme in Paris. Er wurde sehr verschmäht.

Hat dich das Scheitern des Dune Projekts verletzt?

Ja, aber gleichzeitig hatte ich sehr viel Glück. Ich traf Moebius und machte The Incal, und ich glaube damit veränderten wir die Welt der Comics. Für Dune hatte ich ein unglaubliches Team versammelt: Dan O'Bannon, Giger, Moebius. Ein Teil des Teams hatte Alien und Blade Runner gemacht; ich entwickelte diese nicht-realistische Science-Fiction - ich war gegen diesen 2001 Realismus. Ich wollte Opern, Raumschiffe, etwas Barockes und Organisches, und das war weit vor Star Wars. Wir hatten 1974. Das Skript änderte die amerikanische Vorstellung von Science Fiction Filmen. Weißt du, warum wir den Film nicht machen konnten? Ich hatte gerade zuvor einen Streit mit Allen Klein gehabt, er blockierte die Ausstrahlungsrechte an The Holy Mountain. Keine Produktion mehr, kein Geld. Michel Seydoux kam zu mir und sagte „Gib mir eine Idee, und wir machen das." Ich sagte Dune. Ich hatte es nicht gelesen, aber ein Freund hatte mir gesagt, es sei großartig. Sie kauften die Rechte an Dune für so gut wie Nichts. Frank Herbert sagte ihnen, sie seien verrückt, es gäbe keinen Weg, das auf die Leinwand zu bringen. Währenddessen ging ich nach Berlin und im Flugzeug begann ich das Drehbuch zu lesen. Ich realisierte, dass es unmöglich war, also überarbeitete ich das gesamte Skript. Orson Welles, Dali, David Carradine, Udo Kier, Gloria Swanson, Mick Jagger und Leonard Cohen hatten zugesagt, im Film mitzuspielen.

Pink Floyd und Magma sollten den Soundtrack machen. Das Visuals-Team war großartig, sie zeichneten Tausende von Kostümen. Es musste eine internationale Veröffentlichung werden, nicht weniger als 2000 Kinos in den Staaten. Die amerikanischen Manager weigerten sich, weil Hollywood keine französische Produktion sehen wollte, die mit den eigenen mithalten konnte. Darum machten die Amerikaner Dune. Ich habe den Lynch Film nie gesehen. Ich konnte einfach nicht. Davon abgesehen ist Lynch ein Genie.

Wie hast du Moebius getroffen?

Im Zuge des Dune-Projekts. Ich fuhr gerade nach Hause über die Autobahn durch Lyon. Ich hielt an für einen Kaffee in einer gruseligen Raststätte. Da lag ein Blueberry Comic rum, ich blätterte ihn durch und fragte Moebius nach einem Treffen. Zufällig traf ich ihn im Büro meines Agenten, weil er ein Filmposter ablieferte, das er gemacht hatte. Ich fragte ihn, „Möchtest du mit mir nach LA gehen und einen Vertrag für die Special Effects unterzeichnen?" „Wann?" „In zwei Tagen." „Ich weiß nicht, ob ich kann." „OK, schade, dann werde ich wohl Druillet fragen müssen…" „OK, ich bin in zwei Tagen am Flughafen." Bevor wir mit der Arbeit anfingen, trafen wir uns jeden Morgen in einem Café, unten neben dem Büro, und weißt du, wie dieses Café hieß? Das Universum.

Fotos von Maciek Pozoga