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Auf einem illegalen Techno-Festival in der jordanischen Wüste

Franziska Knupper

Die arabische Jugend ist es leid, sich zu rechtfertigen. Sie will tanzen. Auf einem Festival, in einem Land, in dem auf den Handel mit Pillen und Koks die Todesstrafe steht.

Was ich denn in Jordanien will, fragt der Grenzbeamte. Wandern und Klettern, antworte ich. Wandern und Klettern in der Wüste, genau. Einen Teufel werde ich tun, den wahren Grund zu erzählen, weswegen ich hier bin. Fest in die Augen blicken, nicht blinzeln. Ja, ich bin hier bloß Touristin, beteuere ich. An der Grenze ist es gut, blond zu sein. Mir wurde eingebläut, so wenig wie möglich zu erzählen. Niemanden einfach mitzunehmen oder einzuladen.

Mein Ziel: eine kleine, heimliche Veranstaltung, die Gäste persönlich selektiert. Die Veranstalter machten so wenig Werbung wie möglich. Sie wollten unter dem Radar bleiben und keine Lizenzen für Alkohol oder Sicherheitspersonal einholen müssen. Sobald die jordanische Regierung von einem solchen Event Wind bekommt, hat man Uniformen, Straßenblockaden, Passkontrollen und Zäune vor Ort. So jedenfalls erklärt es mir Shadi Khries, Percussionist der französischen Band Acid Arab und einer der Headliner des Festivals, zu dem ich pilgere. Sie wollen lieber unter sich bleiben, machen, was sie wollen, konsumieren, was sie wollen, tragen, was sie wollen. Er deutet auf meine Shorts, die nackten Beine und Arme: "Hier in Amman, in der Stadt, solltest du dir etwas überwerfen. Sobald wir in der Wüste sind, interessiert sich keiner mehr dafür."

In dieser Nacht haben sich um die dreihundert Menschen in einem ausgetrockneten Flussbett mitten in der Wüste im Süden des Landes verabredet. 74.000 Hektar Fläche auf 800 Metern Höhe, durchschnittlich 13 Sonnenstunden pro Tag und das Filmset des siebenfach Oscar-prämierten Historien-Epos Lawrence von Arabien. Schroffe Bergkulissen, roter Staub, Sandstein, Granit. Tal des Mondes nennen die Jordanier die Landschaft auch. Entstanden vor etwa 30 Millionen Jahren. Leute aus Jordanien, Palästina und Irak sind in diese überirdische Landschaft gereist. Aber auch Expats, die aus irgendwelchen Gründen ihre Zeit in Jordanien verbringen. Backpacker, Aktivisten, Studenten, die Arabisch lernen wollen.

Vor allem Franzosen haben Wind vom Event bekommen. In ihren Jeeps und Pick-ups schlingern sie durch den roten Sand und erreichen bei Anbruch der Dunkelheit das Beduinenlager. Es ist sieben Uhr abends. Rastas und Batikshirts wie in den 90ern, hier und da französische oder englische Wortfetzen, Red Bull und Wodka wie in den 2000ern. Ein bunter Mix und eine unfassbar kleine Menge Menschen, wenn man in den Dimensionen europäischer oder amerikanischer 170.000-Menschen-Festivals denkt. Jedoch eine stattliche Zahl für die arabische Underground-Elektroszene in Nahost.

"Dieses Festival ist nicht so selbstverständlich für uns wie für Menschen aus anderen Weltteilen", erklärt mir Khwala Itib. Halb Zyprerin, halb Jordanierin sitzt sie da mit ihrem dunkelbraunen Lockenkopf auf einem roten Felsvorsprung, lutscht einen blauen Lollipop und raucht gleichzeitig eine Zigarette und beobachtet, wie die sandige Tanzfläche sich langsam füllt. Sie arbeitet als Social-Media-Redakteurin in Amman, vielleicht will sie bald nach Berlin ziehen. In Amman passe sie nämlich nicht so recht rein, findet sie. "Alle, die hier sind, kämpfen zu Hause mit Stigmata. Tattoos, Dreadlocks, Techno—das sind für uns noch politische Statements, kein Hipster-Quatsch wie für euch Europäer."

Die Leute, die sich hier versammeln, sind nicht die regulären Jordanier, denen man sonst auf den Straßen Akkabas über den Weg läuft—oder die Sorte Araber, von denen wir in unseren westlichen Medien lesen. "Ich bin es so verdammt leid, mich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen, Araber zu sein. Wir haben Smartphones, sind Studenten, Anwälte oder Ärzte." Man brauche weder Mitleid noch Geringschätzung. Sondern eine neue Stimme. Nach sechs Jahren Beziehung hat Khawla nun Waheed geheiratet, einen Kameramann und Filmemacher, mit Hipster-Bart und Tattoos auf beiden Waden. "Meine Eltern waren dagegen. Sie wollten mich lieber unverheiratet sehen als an der Seite von so einem schrägen Künstler." Sie lacht und streckt ihre Zunge raus, die sich mittlerweile vom Lolli tiefblau verfärbt hat. Auf der staubigen Tanzfläche legt ein Mädchen in weißen Turnschuhen währenddessen irgendetwas zwischen Memphis Jookin' und russischer Lezginka hin. Das schwarze Kopftuch hängt ihr dabei um die Schultern. Keiner der Männer schaut verwundert zu ihr hinüber.

Auf der Bühne hinter Shadi, der gerade sein DJ-Set beginnt, tanzt Ali Hamad Zalabia, über 1,90m groß, ganz in weiß, Beduine und stolzer Besitzer des Festivalgeländes, des "Sunrise Camps": bestehend aus sechs gestreiften Ziegenhaarzelten und einem Plumpsklo. Seine Bewegungen sind leichtfüßig, fließend, so als habe er nie zu anderer Musik getanzt. Seine Keffiyeh—ein weiß-rot kariertes Tuch, das durch einen schwarzen Strick an der Stirn festgehalten wird—verrutscht dabei keinen Zentimeter. Es ist das erste Mal, dass sie für eine solche Veranstaltung die Tore öffnen, erzählt er und lächelt mit seinen von Tabak und Kaffee verfärbten Zähnen.

Normalerweise wohnt er hier gemeinsam mit seiner Familie, empfängt ab und an Wanderer und bietet Jeep-Touren im Wadi an. Shadi und er sind seit vielen Jahren befreundet, gern habe er ihm diesen Gefallen getan. "Ali und ich sind uns einig, dass man Grenzen niederreißen muss", sagt Shadi in seiner stillen, doch durchdringenden Stimme. Man sieht ihm an, dass er lang in Paris gelebt hat: ganz in Schwarz, silberne Ringe, Samurai-Dutt und Banlieue-Kapuzenpulli. Vor einem Jahr hätten er und Ali gemeinsam hier im Camp gesessen, in die Ferne geschaut und sich entschieden, dieses Event gemeinsam aus der Wiege zu heben. Dabei müsse man sehr behutsam vorgehen, den Ort respektieren, eine gemeinsame Energie mit den Beduinen finden, betont Shadi. Es darf nicht um Girls und Cocktails gehen, sondern um die Musik.

Zu seinem Festival hat Ali Freunde und Familie eingeladen, jedoch nur Männer. Die Frauen sind zu Hause geblieben, die Männer haben sich fein gemacht. In bodenlangen Mänteln aus Wildleder, die Finger beringt, haben sie neben der Tanzfläche ein Lagerfeuer angefacht und bereiten dort Tee und Kaffee für jeden zu, der sich neben ihnen niederlässt. Mit einem leicht amüsierten Lächeln auf den Lippen betrachten sie die tanzende Masse und wippen noch etwas schüchtern zur Baseline. "Wir machen das, was wir seit Generationen so gelernt haben: Wir empfangen Fremde, Wanderer in der Wüste, und geben ihnen Unterschlupf und Nahrung", so Ali. Warum denn keiner der Raver zwischendurch etwas essen wolle, fragt er verwundert und deutet auf die großen Platten von Reis und Hühnchen. Gastfreundschaft ist Teil der Identität, keine Frage der Erziehung.

Die Beduinen machen ganze 40 Prozent der jordanischen Bevölkerung aus. Alis Gesicht ist von der Sonne gegerbt, die Zigarette scheint im Mundwinkel fest zu kleben. Der Obama der Wüste, nennt ihn Khawla, weil er so einen federnden, lässigen Gang wie der amerikanische Präsident hat. Und die gleiche elegante Autorität: Ali hat sich für dieses Festival entschieden und alle machen mit. Die Mischung aus elektronischer und der traditionellen Musik gefällt ihm. Arabische Skalen inklusive Streich- und Zupfinstrumenten wie Rebab, Oud oder Qanbus gemischt mit Synthesizer, Drummachine, Ableton. Aufmerksam beobachtet er, wie Shadi an den Reglern schiebt und die Knöpfe dreht. In seinem Set mixt er Musik aus der Türkei, dem Libanon bis hin zu Nordafrika mit Acid House, Techno oder Minimal.

Bereits vor einem Jahr hat Shadi in einer Höhle hinter dem Camp seine erste EP für das französische Label Versatile Records aufgenommen. Im nächsten Jahr will er mit dem deutschen Kollektiv Station Endlos das nächste Festival im Beduinen-Camp ausrichten. Die Kultur seiner Vorfahren sieht Ali bei der Verbindung der Genres nicht gefährdet: "Wir müssen uns ändern", sagt er. "Das Neue kommt so oder so", sagt er. Er mag große, würdevolle Sätze. Sein Englisch ist rau, seine Grammatik fehlerfrei. Er habe es einfach über die Jahre gelernt, indem er immer wieder mit Fremden gesprochen habe. Ohne Bücher. "Ich lerne von euch. Und ihr könnte eine Menge von uns lernen, glaub mir", sagt er und wackelt mit dem Zeigefinger. Er macht eine Pause, hält inne und schaut auf eine Gruppe von vier Jungs, die ekstatisch im Kreis hüpfen. Ein fünfter dreht sich in der Mitte und scheint eine Bauchtänzerin zu imitieren. Jubel, Gelächter. Ali nickt. "Diese Musik passt doch wunderbar in die Wüste, oder nicht? Sie füllt ideal die Leere der Landschaft."

Mittlerweile ist es Nacht im Wadi geworden, die ersten Sterne schieben sich auf den Himmel, die Wärme hat sich fast gänzlich zurückgezogen. Die Temperaturen sind jetzt nur noch im einstelligen Bereich. Ali schlüpft in eine Weste, erstaunlicherweise roter Polyester-Flies. Bald wird der Mond hinter den Felsen auftauchen, sagt er. Dann brauchen wir gar keine Lampen mehr. Die Besucher pendeln zwischen Bierkästen, improvisierter Bar, Tanzfläche, Feuerstelle und Sanddüne hin und her. Einige haben in einer Höhle im Felsen ein Matratzenlager errichtet. Rauch dringt aus der Öffnung.

Jemand aus der Menge schwingt plötzlich einen Feuerstock. In der Ferne leuchten die Scheinwerfer von Neuankömmlingen auf. Hintereinander schieben sie sich durch das Tal wie eine ferne Fackelprozession. Ein bisschen auffällig für einen illegalen Rave, könnte man meinen. Schließlich haben Ali und Shadi deshalb auf Sponsoren und Promotion fast gänzlich verzichtet. Die Polizei und private Sicherheitsfirmen will hier niemand. Zumal in Jordanien die Drogengesetze rigide sind. Auf Handel und Besitz von Rauschmitteln, inklusive Cannabis, steht die Todesstrafe, auch wenn diese selten ausgeführt wird. Jede Exekution muss seit 2005 König Abdullah II. persönlich genehmigen und der hat angekündigt, Jordanien solle "das erste Land des Nahen Ostens ohne Todesstrafe werden". Dennoch werden immer noch Menschen zum Tode verurteilt, zurzeit sitzen 106 Personen in der Todeszelle. Khalil, ein Bildhauer aus Amman, war bis vor einer Woche im Gefängnis. Weil er an einem Joint gezogen hat. "Einen ganzen Monat Haftstrafe", sagt er. Einige Besucher sind aus dem Westjordanland angereist. Sie mussten sich an mehreren israelischen Checkpoints strengen Kontrollen unterziehen. Das Risiko, mit irgendetwas erwischt zu werden, ist hoch, nur die ganz Mutigen und Festentschlossenen haben hier etwas dabei; die üblichen Upper und ein Designer Amphetamin in Pillenform, über dessen Name allerlei Vermutungen angestellt werden und das aber bisher nichtmal in Berlin bekannt ist.

Spiro und Daniel sind aus Bethlehem angereist. Ihr Herz gehört der Trance-Musik. "Aber eine Trance- oder Elektroszene gibt es in Palästina so gut wie gar nicht", klärt mich Daniel auf und schüttelt seine Dreadlocks. Dafür seien sie in der Vergangenheit immer nach Israel gereist. Seit einem Jahr können sie das nicht mehr tun. Die Organisatoren verlangen bei Kauf des Tickets und beim Einlass zum Festival einen Ausweis. "Und sobald sie unseren palästinensischen Pass sehen, sind wir draußen."

Die Musikszene in den arabischen Ländern des Nahen Ostens ist eben immer noch in den Kinderschuhen, betont Shermine. Festivals sind hierzulande noch viel mehr Subkultur und Revolte. Man muss sie suchen. Seit fünf Jahren baut die Jordanierin ein Netzwerk arabischer Musiker aus dem Nahen Osten auf. Alle hier brauchen dringend Bookings, sagt sie. Und jemanden, der die Dinge in die Hand nimmt und vor Bürokratie nicht zurückschreckt. Musik sei hier noch eine politisch aufgeladene Angelegenheit. Dabei ist Shermine es eigentlich leid, dass die arabische Jugend immer gegen etwas protestiert, sich immer in Opposition zu etwas definieren müsse. Shermine ist wütend; ihre Stimme ist laut und tief. Seit Jahren kämpft sie gegen die Windmühlen. Keine Fördergelder, keine Unterstützung, für alles braucht man eine extra Lizenz. Und über alles wachen Militär und Regierung. Die machen es ihr meist unmöglich, ein optimales Line-up zu organisieren.

Viele der Musiker werden aufgrund ihrer Papiere am Reisen gehindert; einige Syrer und Palästinenser besitzen nicht mal einen Reisepass. "Und selbst wenn, lassen viele arabische Länder sie nicht einreisen. Sie haben Angst, dass es sich bei ihnen um Flüchtlinge handelt, die illegal bleiben." Das führt dazu, dass viele Bands Fans an Orten haben, die sie selbst nie besuchen können. "Es gibt keine Bruderschaft unter den arabischen Staaten im Nahen Osten, das wird viel zu selten gesagt", regt sich Shermine auf. Es sei einfacher, die Musiker quer übers Mittelmeer zu fliegen, als sie in einen Bus ins Nachbarland zu setzen. Gerade in Europa, auch aufgrund vermehrter Einwanderung, ist arabischer Techno derzeit Trend, mit Größen wie I:Cube, Acid Arab, Mehmet Arslan oder Society of Silence.

Wolle man aber ein solches Event aber auch zu Hause erleben, muss man sich laut Shadi von Acid Arab in solch abgelegene Gegenden zurückziehen. Nach dem Festival kann er es nicht erwarten, Jordanien wieder zu verlassen. Es gibt hier nicht genügend Leute, die sich für elektronische Musik interessieren oder zu seinen Sets kommen würden. Nur die Wüste scheint ihm in diesem Land etwas wert zu sein. Von hier aus können die Dinge beginnen. Das sagt auch der Beduine Ali: "Hier in der Wüste herrscht Freiheit. Daher müssen wir diese Gegend mit neuen Energien aufladen." Er will nicht, dass sein Land nur mit dem Krieg in Syrien verbunden ist, dem Kampf ums Wasser und Flüchtlingen. "Wir müssen neue Bilder schaffen, die die Menschen vom Guten in der arabischen Welt überzeugen."

Mit diesen Worten mache ich mich am nächste Morgen auf den Rückweg. Der letzte Tänzer —mit offener Kunstfelljacke, nacktem Oberkörper, blau getünchter Sonnenbrille—nickt mir von einem Felsvorsprung zu. Die anderen Gäste haben sich entweder in die Hütten zurückgezogen, haben Matratzen und Schlafsäcke ans Lagerfeuer gezogen oder betrachten von den umliegenden Hügeln den Sonnenaufgang. In der Ferne zieht ein Mädchen ihren knallgelben Rollkoffer über eine Sanddüne. Zwei Jeepfahrten, zwei Staus, drei Polizeikontrollen habe ich bis zur Grenze vor mir. Hau bloß ab aus dem Nahen Osten, sagt Shadi, der mich mitgenommen hat, weil man allein nicht aus der Wüste herauskommt. In meinen Augen, auf meinen Haaren und meiner Kleidung liegt roter Staub. An der Grenze schaut der israelische Beamte an mir hinab. Fest in die Augen blicken, nicht blinzeln. An der Grenze ist es gut, blond zu sein. Er fragt mich, ob ich Araber besucht hätte. Nein, nein. Ob ich denn Araber in Jordanien kenne. Aber natürlich nicht. Was ich denn in Jordanien gemacht habe. Klettern und Wandern, sage ich.

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