Anzeige
The Up Close and Personal Issue

Chinas moderne Eunuchen

Ärzte in chinesischen Privatkliniken täuschen aus Profitgier Patienten, gefährden Menschenleben und zerstören Penisse.

von R. W. McMorrow
17 Juni 2016, 4:00am

Die Qiaoyuan-Klink in Shenzhen, in der Little Huang behandelt wurde. Fotos von Li Wei

Aus der The Up Close and Personal Issue

Am Nachmittag des 30. September 2015 stand der 23-jährige Little Huang auf dem Dach des elfstöckigen Gebäudes der Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung von Shenzhen, bereit, in den Tod zu springen. Die Autos der chinesischen Beamten unten auf dem Parkplatz waren so klein wie Streichholzschachteln und der Lärm der benachbarten Baustelle nur noch ein dumpfes Summen. Little Huang sah durch den leichten Smog rüber zu den Hügeln von Hongkong und rief den 25-jährigen Junjun* an. "Wir sind auf dem Dach", sagte er.



* Die Namen der Opfer wurden geändert.

"Bring Reiswein und Wasser mit." Junjun stieg an der Station Cuizhu aus der Metro, kaufte die Getränke und fuhr mit dem Aufzug des weißgekachelten Gebäudes in den zehnten Stock. Dort führte eine Treppe zum bröckelnden Betondach, wo Little Huang inzwischen noch höher gestiegen war, auf das Dach eines Werkzeugschuppens. Außer Little Huang waren noch zwei Männer da, die Junjun kannte: Herr Wang und Herr Peng. Junjun war nervös, doch Little Huang überredete ihn, ebenfalls hinaufzuklettern. Die Männer trugen alle weiße Caps, auf denen Schriftzeichen erklärten, warum sie mit dem Selbstmord drohten: "Die Krankenhäuser niederträchtiger Männer haben unser Wohlergehen zerstört."

Wie Tausende weitere in ganz China, die über Patientenforen in Kontakt stehen, hat man die vier Männer zu einer Operation verleitet, die laut Ärzten in aller Welt sehr riskant ist und kaum einen medizinischen Nutzen hat: die dorsale Neurektomie. Hierbei werden Penisnerven durchtrennt, angeblich um vorzeitige Ejakulationen zu vermeiden, doch chinesische Ärzte dichten dem Eingriff auch gern noch anderen Nutzen an, um den Patienten unters Messer zu bringen. Junjun, Little Huang, Wang und Peng leiden allesamt an einem völlig tauben Penis, können keine vollständige Erektion bekommen und manche haben schreckliche Schmerzen, vermutlich ein Ergebnis von Nervengeschwülsten. Korrektive Eingriffe oder Therapien sind nicht bekannt. Alle vier Männer sind in ihren 20ern und werden vielleicht nie Kinder haben. Sie nennen sich "Chinas moderne Eunuchen".

Betrügerische Peniseingriffe sind nur ein Aspekt der schlecht regulierten und korrupten privaten Gesundheitsvorsorge in China. In anderen Fällen haben Privatkliniken versucht, während Eingriffen mit Patienten um Behandlungskosten zu feilschen, Patientinnen wurden dazu verleitet, gesunde Föten abzutreiben, und es hat viele dokumentierte Tode aufgrund ärztlicher Fahrlässigkeit gegeben. Pseudowissenschaftliche Geräte und falsche Diagnosen kommen vielerorts zum Einsatz, wie verdeckte Recherchen in bereits 60 Privatkliniken gezeigt haben. Die Zahl der Privatkliniken in China wächst indes rasant: Zwischen 2005 und 2015 wurden 9.326 neue Einrichtungen eröffnet. Heute machen sie fast die Hälfte aller chinesischen Krankenhäuser aus. Ihr Anteil wird vermutlich immer größer werden, da chinesische Gesundheitsreformen darauf abzielen, mehr Privatinvestitionen in dem Sektor anzuregen, und die gesetzlichen Krankenkassen ihre Leistungen erweitern, um auch Privatkliniken abzudecken. US-Geldgeber wie Morgan Stanley Private Equity Asia, ein Zweig der Bank Morgan Stanley, investieren ebenfalls Millionen.

Um 15 Uhr waren Sicherheitsleute, Gesundheitsbeamte, Feuerwehrleute und Polizeibeamte aufs Dach gestiegen, um Little Huang, Junjun und die anderen vom Springen abzubringen. Die vier Männer riefen bei Zeitungen und Fernsehsendern an, während sie ihren Reiswein tranken. Wenn sie springen mussten, dann wollten sie es nicht nüchtern tun. Eine kleine Menschenmenge versammelte sich auf dem Gehweg, doch die Medien kamen nicht.

Es wurde dunkel und die Gesundheitsbeamten wurden ungeduldig. Als einer von ihnen auf den Geräteschuppen zuging, auf dem sie saßen, schrien Little Huang und Wang ihm ihre Forderung zu: Experten zu ihrer Behandlung; die Festnahme der Ärzte und Krankenpfleger, die sie hereingelegt hatten; ein Verbot des Eingriffs, der sie alle zu "Eunuchen" gemacht hatte; und die Bezahlung der Untersuchungen, die den entstandenen Schaden rechtlich belegen würden. Bis dato hatten die Männer mit Petitionen und Demonstrationen keine Aufmerksamkeit bekommen; nun würden sie auf dem Dach bleiben, bis das Gesundheitsamt handelte.

"Sie haben das zu verschulden!", schrie Little Huang, die Wangen nass von Tränen. "Andere Opfer haben sich schon an sie gewendet, und doch unternehmen sie nichts! Wenn diese Kliniken überwacht würden, wäre das nie passiert!"

Endlich gaben die Beamten nach und sagten, sie würden den Forderungen nachkommen, doch nur, wenn die vier dafür in einen Verhandlungsraum mitkämen. Die Männer waren miss—trauisch. Wang meinte, jemand solle zur Sicherheit auf dem Dach bleiben. Sie überredeten Junjun, den Sanftmütigsten der Gruppe. Wenn die Verhandlungen scheiterten, sollte er springen.

"Dabei habe ich ihnen gesagt, dass ich nicht bleibe, wenn sie mich zurücklassen", sagte Junjun. "Ich habe gesagt, allein schaffe ich es nicht."

Zehn Minuten später kam der Gesundheitsbeamte, der die Klinik beaufsichtigte, in der Junjun operiert worden war. Er hielt sein Handy empor und sagte Junjun, er habe den OP-Saal 7 im Shenzhen City Hospital abriegeln lassen, wo der Eingriff vier Monate zuvor stattgefunden hatte. Schließlich stieg Junjun hinunter und schaute selbst auf das Handy. Ein Foto zeigte einen Papierstreifen mit der Aufschrift "Gesperrt", der über einer Tür klebte.

"Sehen sie", sagte der Beamte. "Mehr können wir auch nicht tun."

Junjun verbirgt sich hinter seiner mutmaßlich gefälschten Einverständniserklärung.

Junjun ist Applikationstester bei einer IT-Firma. "Wenn das nicht passiert wäre", sagt er mit zitternder Stimme, "wäre ich in ein paar Jahren Anzugträger und könnte vielleicht sogar heiraten." Er ist klein und untersetzt, mit runden Wangen und großen, traurigen schwarzen Augen. "Jetzt habe ich im Grunde nichts mehr—außer meiner Fähigkeit, Wasser zu lassen."

Junjuns Geschichte ist exemplarisch. Am 9. Mai 2015 ging er mit seinen Kollegen zu einer Vorsorgeuntersuchung in einem Gesundheitszentrum, wie sie viele chinesische Firmen jährlich durchführen. Die Untersuchung zeigte, dass seine Prostata leicht vergrößert und womöglich verkalkt war. Der Arzt legte ihm nahe, ein Krankenhaus aufzusuchen.

Doch Junjun machte sich keine Sorgen; er hatte sich immer bester Gesundheit erfreut. Wohin er sich nun für die nächs­te Untersuchung wenden sollte, wusste er daher nicht. Er hatte zwei Optionen: ein überfülltes öffentliches Krankenhaus, in dem ein Arzt täglich bis zu 100 Patienten versorgen muss, oder eine Privatklinik. Geschäftsmänner aus Putian in der Provinz Fujian besitzen den Großteil der chinesischen Privatkrankenhäuser und -kliniken. Ihre kollektiven Interessen vertritt der Verband der Gesundheitsindustrie Putian (VGIP), der etwa 8.600 Privatkrankenhäuser repräsentiert—etwa 70 Prozent der Privatkliniken Chinas. Viele werben ausgiebig auf Baidu, dem chinesischen Pendant zu Google, und letztes Jahr boykottierte der VGIP die Suchmaschine, um den jährlichen Preisanstieg für Suchwort-Werbung zu unterbinden.

Der ratlose Junjun begab sich auf Baidu. Im Browser seines Handys suchte er "Prostatauntersuchung" und klickte auf den ersten Link. Er wusste nicht, dass es sich um eine Werbung handelte, denn auf Baidu geht das aus den Suchergebnissen nicht hervor. Auf der Website des Shenzhen City Hospital öffnete sich ein Chatfenster: "Hallo, ich bin der Online-Arzt des Shenzhen City Hospital. Wie kann ich Ihnen helfen?"

Junjun beschrieb seinen Befund und der Online-Arzt überzeugte ihn schnell davon, einen Termin für eine Prostatauntersuchung zu vereinbaren. Wenn Privatkliniken auf Jobseiten nach "Online-Ärzten" suchen, wird aus den Anforderungen deutlich, dass es sich in Wahrheit um Stellen für Verkäufer handelt. Viele werden auf Provisionsbasis bezahlt. Krankenhäuser von VGIP-Mitgliedern in Beijing, Shanghai und Guangzhou (den drei chinesischen Städten mit dem höchsten Bruttosozialprodukt) machen 10 bis 15 Prozent der Werbeeinnahmen von Baidu aus, so Schätzungen von der japanischen Investmentbank Nomura.

Am Morgen des 16. Mai ging Junjun zu seiner Untersuchung. Das Krankenhaus lag im Herzen Shenzhens, wo die Wolkenkratzer den Himmel in Rechtecke und Quadrate unterteilen. Junjun freute sich darauf, nach dem Termin am Dongmen-Markt neue Kleidung zu kaufen.

Eine freundliche Krankenpflegerin führte ihn in ein Sprechzimmer, wo ein zugelassener Chirurg, Dr. Tang Congxiang, mit seinem Arzthelfer wartete. Als Junjun die mögliche Prostataverkalkung erwähnte, sagte Dr. Tang, er brauche eine weitere vollständige Untersuchung. Der Assistent brachte ihn zur Kasse, wo Junjun 651 Yuan (87 Euro) bezahlte.

Dann kamen die Tests: Blut, Urin, Empfindlichkeit des Penis, Geschlechtskrankheiten, Prostata und Spermaanalyse, wozu man Junjun in ein Zimmer mit Pornovideos brachte. Danach führte ihn der Arzthelfer in die Lobby, wo er auf die Ergebnisse warten sollte.

Seit Deng Xiaopings Wirtschaftsreformen 1978 anfingen, die chinesische Ökonomie zu verwandeln, entstanden immer mehr Privatkliniken und -krankenhäuser, die sich auf Bereiche wie Geschlechtskrankheiten, Gynäkologie, Andrologie und reproduktive Medizin spezialisierten, in denen Diskretion sehr wichtig ist—und diese ist in öffentlichen Kliniken oft nicht gegeben. Private Einrichtungen werben ausgiebig, im Radio, in städtischen Bussen und auf Reklametafeln. Sie legen sogar Schwangerschaftstests Rabattmarken für Abtreibungen bei, um mehr Patientinnen zu ködern. Der Einfluss ihrer Werbegelder auf Lokalzeitungen ist extrem groß: Eine Zeitung aus Qingdao druckte 2010 Patientenbeschwerden über eine Männerklinik in VGIP-Besitz, und nachdem der Präsident des Krankenhauses mit einer Gruppe von messerschwingenden Schergen das Büro der Zeitung stürmte, verwüstete und fünf Journalisten verletzte, war es die Zeitung, die den Betrieb einstellen musste, weil das Krankenhaus seine Werbung gekündigt hatte.

Little Huang in der Fabrikstadt außerhalb von Shenzhen, in der er wohnt.

Als die Ergebnisse da waren, stellte Dr. Tang ihm Fragen zu seiner sexuellen Aktivität. Junjun gab an, Single und Jungfrau zu sein. Dann kamen Dr. Tangs Diagnosen: Harnwegsinfektion, zu lange Vorhaut, geringe Spermienkonzentration mit einer geringen Beweglichkeit und Prostataverkalkung. Es sähe nicht gut aus, und die Wurzel der Probleme sei die Vorhaut. Junjun erinnert sich, dass Dr. Tang erklärte, die Vorhaut habe die Infektion hervorgerufen, was wiederum zur Verkalkung der Prostata und dann zu Kristallen geführt habe. Die Vorhaut müsse weg.

"Er sagte, ich müsse mich sofort behandeln lassen", sagte Junjun. Dabei hatte er keine Symptome. "Er hat mir Angst gemacht. Er sagte, ich muss mich beschneiden lassen. Als ich sagte, dass ich das nicht will, wiederholte Dr. Tang es einfach wieder und wieder. Er sagte, andere Krankenhäuser könnten diese Krankheiten nicht heilen, doch seine Klinik habe importierte medizinische Technologie, die mich heilen könne."

Dr. Faysal Ya, Urologie-Professor an der Tulane University in New Orleans sagte mir, ein Mann mit Harnwegsinfektion werde nicht grundsätzlich beschnitten, sondern nur wenn die Infektion immer wiederkehre. Prostataverkalkung sowie Kristalle allein seien noch kein Grund zum Einschreiten.

Es gibt kaum so etwas wie eine Aufsicht für die Privatkliniken. Manche sogenannte Ärzte arbeiten ohne Approbation. Und selbst die approbierten Ärzte haben oft ein Ausbildungssystem durchlaufen, das weniger akademisch ist und sie von der Arbeit in öffentlichen Krankenhäusern ausschließt. Auf Onlinejobbörsen für Privatkrankenhäuser werben die Ärzte mit ihren "durchschnittlichen Patientenausgaben", also dem Geldbetrag, den sie Patienten entlocken können. Bei den meisten Posts liegt die Zahl zwischen 350 und 520 Euro—etwa ein chinesisches Monatsgehalt.

"Es kam mir komisch vor", sagt Junjun, "aber ich dachte, er sei Arzt und würde schon nicht lügen." Schließlich willigte Junjun in die Operation ein und der Arzthelfer brachte ihn erneut zur Kasse, wo er ca. 190 Euro für die Zirkumzision und Betäubung zahlte.

Keiner der Dutzenden von mir befragten Patienten war sich abschließend darüber im Klaren, warum er sich hatte breitschlagen lassen oder den Diagnosen Glauben schenkte. Doch Zhan Guotuan, einer der führenden Gesundheitsunternehmer Chinas und Ehrenvorsitzender des VGIP, lieferte 2014 in einem Interview mit dem chinesischen Magazin Entrepreneur einen Anhaltspunkt: "Es gibt Tricks, um mehr Umsatz zu machen", sagte er. "Einer ist der sogenannte Krankenhausführer. Nach dem Eintreten folgt er dir wie ein Schatten, wie ein Verkäufer im Laden, und unterzieht dich einer beängstigenden Gehirnwäsche. Du hast keine Gelegenheit, eigenständig zu denken oder Freunde und Familie zu fragen."

"Ich habe nicht auf die Details geachtet", sagt Junjun. "Der Arzthelfer war immer dabei und führte mich. Ich hatte keine Zeit zu denken." Als er auf dem OP-Tisch lag, injizierte Dr. Tang die Betäubung und fing an. Im Laufe des Eingriffs sagte er zu Junjun, er habe zu viele Nerven. "Es war meine allererste OP", sagt Junjun. "Ich hatte Angst." Der Arzt drängte Junjun zu einer dorsalen Neurektomie für 375 Euro, um die "überflüssigen" Nerven loszuwerden. Junjun wusste nicht, was das für ein Eingriff war, doch er stimmte zu, weil Tang sagte, er sei nötig. (Ein TV-Sender in Shenzhen hat über Junjun berichtet; in der Sendung hieß es, das Krankenhaus habe Junjuns Unterschrift auf der Einverständniserklärung für die dorsale Neurektomie gefälscht. Dr. Tang hat unsere Bitte um Kommentar abgelehnt.)

Nach der OP sagte Dr. Tang Junjun, er müsse ein "importiertes medizinisches Gerät" nutzen, um die Prostatakristalle aufzulösen; daraufhin würde er sie ausurinieren. Es kostete etwa 10 Euro die Minute, doch der Arzt versprach, er würde schon nach einer Stunde geheilt sein. Wieder folgte ihm der Arzthelfer zur Kasse. Junjun zahlte die Neurektomie und die einstündige Behandlung. Inzwischen hatte er zusätzlich 1.300 Euro, mehr als zwei Monatsgehälter, ausgegeben. Er hatte nur ein Zehntel davon in bar dabei gehabt und sein Konto war nun ebenfalls leer.

"Ich hatte den Eingriff ja schon hinter mir", sagt er. "Ich dachte: Was kümmert mich das Geld; wenn mich das heilen kann, dann bezahle ich auch.'"

Der Arzthelfer brachte ihn in ein Zimmer, in dem das importierte Gerät stand. Es erinnerte an ein MRT-Gerät und wurde von einer Pflegerin an einer Computerstation bedient. Als Junjun sich auf den Tisch der Maschine legte, fuhr eine zylindrische Vorrichtung auf seinen Schritt zu wie ein zoomendes Mikroskop. Ein rotes Licht leuchtete auf den Prostatabereich.

Die Eunuchen protestieren vor der Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung von Shenzhen.

"Unter dem roten Licht habe ich rein gar nichts gespürt", sagt Junjun. "Ich war ganz benommen. Ich weiß nicht mehr, was ich gedacht habe."

Nach fast einer Stunde erschien Dr. Tang. "Er sagte, eine Stunde reiche nicht, und ich bräuchte noch eine Stunde. Als ich sagte, ich hätte nicht genug Geld, meinte er: 'Wenn Sie nicht genug haben, leihen Sie sich doch etwas. Wenn Sie mit dem Rotlicht warten, wird das Ergebnis nicht so gut.'" Junjun rief einen Schulfreund ein, der mit seiner EC-Karte kam, welche um weitere 645 Euro belastet wurde. Dann erhielt er eine weitere Stunde Lichttherapie.

Trotz seines Misstrauens kehrte Junjun am folgenden Tag zur Fortsetzung seiner Behandlung zurück. Als Dr. Tang noch mehr Rotlichttherapie für 810 Euro vorschlug, wurde ihm endlich klar, dass man ihn ausgenommen hatte.

Insgesamt hatte er ca. 2.100 Euro ausgegeben, etwa vier Monatsgehälter. Dem Schulkameraden schuldet er noch immer Geld.

Junjun lehnte weitere Behandlungen ab, fuhr zur kleinen Wohnung seiner Eltern und suchte auf Baidu nach Informationen zu den Eingriffen, die Dr. Tang vorgenommen hatte. Er las von den potenziellen Nebenwirkungen dorsaler Neurektomien. Er las, wie Patienten hereingelegt wurden, und von ihren Erektionsstörungen. "Ich fiel in ein Loch, wie in eine Hölle", sagt er.

"Sie haben das zu verschulden!", schrie Little Huang, die Wangen nass von Tra¨nen. "Andere Opfer haben sich schon an sie gewendet, und doch unternehmen sie nichts!"

Am folgenden Tag rief Junjun Dr. Tang an und stellte ihn zur Rede. "Er wischte es beiseite", erinnert sich Junjun. "Er sagte, alles würde in Ordnung kommen." Krankenpflegerinnen im Shenzhen City Hospital sagten ihm dasselbe. "Die Schwester versicherte mir dauernd, wie gut die OP sei. Ich sagte, dann könne sie ja den Eingriff bei ihrem Sohn machen lassen. Und bei ihrem Mann. Ich würde es ihnen allen spendieren."

Als Junjun in ein öffentliches Krankenhaus ging, um sich Rat zu holen, bestätigte man ihm, dass er betrogen worden war. "Öffentliche Ärzte wissen alle, dass diese Privatkrankenhäuser Leuten Schaden zufügen", seufzt Junjun. "Aber niemand geht dagegen vor."

Im Laufe der nächsten Wochen schalteten seine Eltern sich ein, und nach acht Besuchen erklärte das Krankenhaus sich bereit, die Behandlungskosten zu erstatten. "Die Kosten erstatten?", schrieb Junjun in einem Forum. "Sie haben mich zum Eunuchen gemacht. Ich will, dass sie mich heilen." Bei einem Anruf lehnte der rechtliche Vertreter des Krankenhauses, Hu Jianfan, es ab, einen Kommentar für diesen Artikel abzugeben.

Im Laufe der 15 Monate, die ich an dieser Story gearbeitet habe, sagten mir 25 Ärzte in öffentlichen Krankenhäusern in 15 chinesischen Städten, von Privatkliniken betrogene Patienten würden oft bei ihnen landen. "Manche öffentlichen Krankenhäuser haben nicht einmal eine Abteilung für Andrologie", klagt Dr. Jiang Hui, Professor an der Universität Peking und Vorsitzender des Chinesischen Verbands für Andrologie. "Wer also entsprechende Probleme hat, sieht diese Werbungen und fällt darauf herein." Dr. Jiang glaubt an private Gesundheitsvorsorge, doch brauche sie Aufsicht. "Hier liegt das Problem", sagt er. "In China gibt es keine Aufsicht."

Herr Xie, eines der Opfer, hält die Dokumente für seine dorsale Neurektomie hoch.

Laut öffentlichen Dokumenten und Interviews besitzt Lin Jinzong das Shenzhen City Hospital durch seine Firma Beijing Yingcai Hospital Management. Er behauptet, mehr als 200 Kliniken und Krankenhäuser in China zu besitzen, und wie die meisten VGIP-Mitglieder stammt er aus der Kleinstadt Dongzhuang außerhalb von Putian. Lin ist aufsichtführender stellvertretender Vorsitzender der VGIP; nur 15 Männer bekleiden höhere Positionen als er. (Auf wiederholte Anrufe und E-Mails reagierten seine drei Trägerunternehmen nicht.)

Alle Kliniken, in denen die vier "Eunuchen" von Shenzhen waren, gehören öffentlichen Informationen zufolge VGIP-Mitgliedern. Little Huang war in der Qiaoyuan-Klinik, die Xiao Hua gehört. Xiao stammt auch aus Dongzhuang, ist stellvertretender Vorsitzender des VGIP und betreibt mindestens zehn weitere Kliniken und Krankenhäuser in China. Ein Arzt der Wanzhong-Klinik sagte Herrn Wang, die dorsale Neurektomie würde seine Fruchtbarkeitsprobleme heilen—diese Klinik gehörte Yang Xiandong, der vier weitere Kliniken in der Provinz Guangdong (wo Shenzhen liegt) betreibt. Yang ist Mitglied des Guangdong-Ablegers des VGIP, genau wie Su Kaiming, der Inhaber der Zhongya-Klinik, die Herr Peng besuchte.

"Die Kosten erstatten?", schrieb Junjun in einem Forum. "Sie haben mich zum Eunuchen gemacht. Ich will, dass sie mich heilen."

An der Spitze der VGIP-Pyramide steht der Vorsitzende Lin Zhizhong, Hauptaktionär der Shenzhen Boai Group, vermutlich die größte private Trägergesellschaft in China. Sein Bruder Lin Zhizheng besitzt Anteile an der Urologieklinik Shengya in Guangzhou*, die zwei verdeckten Journalisten in den letzten drei Jahren falsche Diagnosen gestellt hat. Drei Kilometer entfernt liegt Lin Zhizhengs Modern Hospital Guangzhou, das 2010 in Modern Cancer Hospital Guangzhou (MCHG) umbenannt wurde, um Krebspatienten in Spätstadien aus Südostasien mit "neuen, fortschrittlichen und minimal invasiven" Behandlungsmethoden zu locken. (Eine Werbung verspricht: "Wir vollbringen WUNDER! Wir bringen HOFFNUNG!") Der leitende MCHG-Onkologe Peng Xiaochi hat nur einen Master-Abschluss in Neurologie. Der Präsident eines bekannten öffentlichen Krebszentrums, der das MCHG kennt und anonym bleiben möchte, merkte an, die meisten Werbeversprechen seien falsch. "Das Krankenhaus interessiert sich nur für Geld", sagte er. "Krebspatienten in Spätstadien werden sie niemals heilen."



* Lin Zhizheng hat seinen Anteil vor Kurzem an einen weiteren Mann aus Putian übertragen, doch sein Name steht noch im aktuellen Mietvertrag des Gebäudes.

Den VGIP gäbe es vermutlich nicht ohne Chen Deliang, geboren 1950 in Dongzhuang. Heute ist er 65, klein und gebrechlich, und hat außer seinen grauen Koteletten keine Haare mehr auf dem Kopf. Eine goldene Rolex und ein Diamantring zieren seine knochige linke Hand. Er wird als Gründervater der chinesischen Privatkrankenhäuser verehrt und ist VGIP-Ehrenvorsitzender. "Während der Kulturrevolution gab es keine Ärzte", sagte mir Chen bei einem Besuch der 14 Millionen Euro teuren taoistischen Tempelanlage, die er in Dongzhuang baut. Er erzählte mir, wie er als reisender Medizinmann anfing, der ein auf Quecksilber basierendes (also giftiges) Hausmittel gegen Krätze auf der Straße verkaufte. Anfang der 1990er besaß er bereits Privatkliniken für Geschlechtskrankheiten. "Wir fingen an, das große Geld zu verdienen", sagte Chen. Ein "Gonorrhö-Mittel" war der Bestseller. "Wir konnten in einem Jahr mehr als eine Million [Yuan] verdienen." Geschlechtskrankheiten waren eine Goldgrube, und Chens wachsender Reichtum zeigte den Menschen in seinem Umfeld das Potenzial der privaten Gesundheitsversorgung. (1998 veröffentlichte das chinesische Gesundheitsamt eine Mitteilung, in der Chens Gefolgsleute als "Bande von Schwindlern, die über das Land herziehen" bezeichnet wurden, die "mutwillig Patienten fehlleiten und um Geld betrügen". Chens Familie besitzt und betreibt inzwischen mehr als 100 Privatkliniken und -krankenhäuser. "Wo es Land gibt", sagte Chen, "da gibt es auch unsere Leute aus Putian, die Krankenhäuser betreiben. Ich habe einen neuen Weg gebahnt."

Chens Familie verwaltet die Anlagen der Einrichtungen, wozu Baijia gehört, eine Firma, die 17 Geburtskliniken und gynäkologische Kliniken umfasst.

Xie war im Shenzhen Kunlun Urology Hospital, wo bei ihm eine dorsale Neurektomie durchgeführt wurde.

Laut Chen und einem Gynäkologen, der einst in einer Baijia-Einrichtung angestellt war, macht Baijia die Boni der Ärzte von Eingriffen und pharmazeutischen Sollvorgaben abgängig—also davon, wie viel sie verkaufen. Baijias Online-"Ärzte" (ausgebildete Verkäufer) bieten unterschiedlich teure Abtreibungspakete feil—wenn du in Zukunft noch ein Kind möchtest, wird dir die teuerste Variante empfohlen. (Laut Zhou Dan, einem Gynäkologen aus Shenzhen, der in einer Klinik mit einem solchen Preisschema gearbeitet hat, ist es bei jeder Variante derselbe Eingriff.) Baijia-Einrichtungen sind auch nicht für Notfälle ausgestattet, weswegen laut dem Geschäftsführer einer solchen Klinik Patienten bei lebensgefährlichen Komplikationen in öffentliche Krankenhäuser verlegt werden.

2014 nahm ein Neugeborenes bei der Geburt in einem Baijia-Krankenhaus kontaminiertes Fruchtwasser auf und brauchte Notbehandlung, also schickte die Klinik das Baby in ein öffentliches Krankenhaus, wie die chinesische Nachrichtenagentur Rednet berichtete. Als das Baby starb, sagte ein Sprecher von Baijia, man könne unmöglich wissen, welche Einrichtung die Schuld trage. Baijia weigerte sich, der Familie die Patientenakten auszuhändigen.

Im April 2015 urteilten chinesische Gerichte, dass zwei Baijia-Krankenhäuser durch Fahrlässigkeit den Tod eines Neugeborenen und die Zerebralparese eines weiteren verursacht hatten (obwohl beide Krankenhäuser die Babys im letzten Moment in öffentliche Einrichtungen verlegten). Im letzteren Fall soll das Wenzhou Oriental Maternity Hospital Patientenakten gefälscht und versucht haben, seine Schuld zu vertuschen. Eine Reihe von ähnlichen Fällen wurde außergerichtlich gelöst.

Selbst wenn eine Behandlung nicht in einer Katastrophe endet, werden viele Patienten in Baijia-Einrichtungen laut ihren Online-Erfahrungsberichten ausgenutzt. "Schlechtes Krankenhaus", schrieb eine Patientin der Baijia-Geburtsklinik Maria Maternity Hospital in Changsha, Hunan. "Eine Beckenentzündung hat mich mehr als [1.350 Euro] gekostet, und ich wurde nicht einmal geheilt. Sie behandeln die Leute einfach nur wie Geldautomaten."

Morgan Stanleys Private-Equity-Zweig hilft Baijia zu expandieren, wie Chen Deliang mir sagte, während die Firma sich auf den Börsengang vorbereitet. (Nick Footitt, ein Morgan-Stanley-Sprecher, sowie Baijia-Vertreter lehnten es ab, einen Kommentar abzugeben.) Eine weitere Private-Equity-Firma mit US-Investoren, CDH Investments, hat an seiner Investition in eine VGIP-Krankenhauskette bereits gut verdient, nachdem diese im Juli 2015 an die Hongkonger Börse ging. "Ich bin ziemlich zufrieden mit den Investitionen in Putian-Krankenhäuser", sagte Wang Hui, ein ehemaliger leitender Angestellter von CDH Investments der China Business News. "In den meisten Fällen wirft ein neues Krankenhaus nach zwei bis drei Jahren Betrieb Gewinn ab."

Herr Fang wurde in einem Krankenhaus der bewaffneten Volkspolizei, das an den VGIP vermietet wird, impotent gemacht.

Profite aus Privatkrankenhäusern haben Dongzhuang von einem armen Bauernstädtchen in das Beverly Hills von China verwandelt. Laut einem Beamten der Stadt leben dort 35.000 Privatkrankenhausbesitzer und Angestellte. Sie machen ein Drittel der Bewohnerschaft aus. Wo einst Süßkartoffeln wuchsen, stehen nun Luxuskarossen vor großen Villen mit reichlich Glas und Zwiebeltürmen. Ein Anwesen, das von Chen Deliangs Tempel aus sichtbar ist, hat 16 Stockwerke und 10.000 Quadratmeter Wohnfläche—eines der größten Wohnhäuser der Welt.

Im April 2015 urteilten chinesische Gerichte, dass zwei Baijia-Krankenha¨user durch Fahrla¨ssigkeit den Tod eines Neugeborenen und die Zerebralparese eines weiteren verursacht hatten.

Als ich im Februar 2015 dort war, hatten sich Hersteller medizinischer Geräte in Dongzhuangs neuem dreistöckigen Messezentrum zur jährlichen Expo versammelt. Der Organisator Lin Jianxing hieß mich willkommen. "250 Firmen aus 28 Provinzen sind hier, um medizinische Geräte zu verkaufen", sagte er. Die erste Messe vor 13 Jahren habe noch auf der Straße stattfinden müssen wie ein Flohmarkt, erklärte er, doch nun gebe es ein palastartiges Gebäude dafür. "Los, gehen Sie rein und sehen sich alles an", drängte Lin. "Es ist sehr groß und modern."

Ein medizinisches Wunderland tat sich mir auf. Am Stand von Dekang Medical gab es ein Kopfmassagegerät, das laut der Verkäuferin schizophrene Stimmen, Depressionen, Zwangsneurosen, Ängste, Manie und PTBS behandle. Ein Verkäufer von Dongnan Medical erklärte mir, warum so viele der Maschinen an Magnetresonanztomografen erinnern. "Privatkliniken müssen den Kunden zeigen, dass es sich um teure Geräte handelt", sagte er. "Die großen Geräte überzeugen die Kunden, sich behandeln zu lassen."

Am Stand von Zonghen Medical bestaunte ich die ZD-2001A Pafeite Shortwave Space Pulse Machine. Patienten müssen sich in eine futuristische Kapsel quetschen, die an eine Bedienstation angeschlossen ist, die optisch auch zu einem Raketenstart in den 1960ern gepasst hätte. Das Gerät verwendet laut einem fröhlichen Berater Kurzwellen-Diathermie, um mit Hitze verschiedene gynäkologische und urologische Krankheiten zu behandeln. Am Stand von Shenzhen Yuanda Medical Instruments sah ich dann das Gerät, mit dem Junjun vermutlich "behandelt" worden war. Das "Wolman Prostate Gland Treatment System" sah aus wie eine große, offene MRT-Maschine. Auf der glatten weißen Oberfläche standen beeindruckende englische Wörter: "Electrochemical Apparatus", "Infrared Light". Eine Plakette auf der Behandlungsfläche verkündete, das Gerät sei vom USA Wolman Prostate Institute hergestellt worden—eine Briefkastenfirma, die 2011 in Utah registriert wurde, wie sich herausstellen sollte. Der Inhaber ist ein Mann namens You Dongqing, und mehr als 100 andere Briefkastenfirmen teilen sich dieselbe Adresse in Salt Lake City.

"Das Rotlicht heilt Prostatitis", sagte der Verkäufer strahlend und reichte mir eine Broschüre über das Wolman Prostate Gland Treatment System. Darin abgebildet war auch das Forschungszentrums des USA Wolman Prostate Institute: Dank deutlich sichtbarer Beschriftung erkannte ich das Gebäude, es war das Invesco Field, das Heimstadion der Denver Broncos. "Der Bestseller, vier Jahre in Folge", hieß es in der Broschüre. "In 800 Privatkrankenhäusern im ganzen Land im Einsatz."

Es war allerdings nicht ganz ersichtlich, wer hier alles bewusst betrog. Sowohl die Krankenhausbesitzer als auch die Verkäufer wussten, dass Patienten wie Junjun und Little Huang auf die modernen, "importierten" Maschinen vertrauen würden, wenn Ärzte sie empfahlen. Informationen sind zwischen Arzt und Patient extrem asymmetrisch verteilt. Die traditionelle moralische Richtlinie für Mediziner, der Eid des Hippokrates, kommt in China gegen hemmungslosen Kapitalismus und Korruption nicht an, am wenigsten in Privatkrankenhäusern. Einst waren Privatketten wie Baijia hauptsächlich eine Falle für die Jungen, Naiven und Unversicherten, doch inzwischen bedienen sie ein gehobenes Marktsegment und nehmen immer häufiger gesetzlich Versicherte an, sodass neue Bevölkerungsgruppen als Patienten angelockt werden. 2014 hatten private Einrichtungen 325,6 Millionen Patientenbesuche—elf Prozent der Gesamtzahl in China. Doch wenn die falsche Werbung und die angeblich niedrigen Preise die Mittelschicht einlullen, werden auch sie den weißen Kitteln und großen Maschinen mit englischer Aufschrift vertrauen? "Die ganze Klinik ist wie eine Grube, in die garantiert noch Leute hineinfallen werden", sagt Junjun. "Und das Gesundheitsamt drückt einen Stempel drauf: 'Legal!'"

Titelseite der Broschüre für das "Wolman Prostate Gland Treatment System". Die englische Schreibweise von "Wolman" ist auf jeder Seite anders.

Am 3. November 2015, etwa einen Monat, nachdem Junjun vom Dach gestiegen war, versammelten sich Chinas moderne Eunuchen in einer kleinen Pension in Beijing. 20 weitere Männer im Alter von 22 bis 44 Jahren aus verschiedenen ländlichen Regionen waren ebenfalls da. Monatelang hatten die Männer über ein Forum kommuniziert und eine Protestaktion in Beijing geplant, die hoffentlich hohe Funktionäre auf den Bedarf an besseren Vorschriften aufmerksam machen und eine Behandlung für die Erektionsstörung der Männer ermöglichen würde.

Der Moderator des Forums, der 27-jährige Herr Li, der fünf Jahre zuvor eine dorsale Neurektomie erhalten hatte, stand dicht ans Bett gedrängt. Er sprach laut, sodass selbst die Männer im Badezimmer ihn noch hören konnten. Der relativ kleine Junjun reckte den Hals, um Li zu sehen.

"Wir haben unsere Petition", sagte Li und hielt das von Junjun handgeschriebene, 31-seitige Dokument hoch. Auf der ersten Seite waren Name, Krankenhaus und Daumenabdruck jedes Mannes, weitere Seiten enthielten detaillierte Schilderungen ihrer Verletzungen und Bemühungen um Abhilfe. Die Petition sollte am nächsten Morgen um 8 Uhr der Zentralen Disziplinarkommission (Central Commission for Discipline Inspection; CCDI), das Organ gegen Korruption und Fehlverhalten der Kommunistischen Partei, überreicht werden.

Die Männer hofften, die Partei würde sich von ihren Geschichten zum Handeln bewegen lassen: Der 24-jährige Herr Xi, der im Schneidersitz auf dem Bett saß, hatte eine Narbe am Handgelenk, weil er sich vor seinen örtlichen Gesundheitsbeamten selbst verletzt hatte. Herr Yaos Frau hatte sich von ihm scheiden lassen, als er von der dorsalen Neurektomie impotent wurde—danach war er auf das Dach seiner Gesundheitskommission gestiegen, hatte sich mit Benzin übergossen und gedroht, sich anzuzünden. Und dann war da Herr Gao, der trotz des Platzmangels auf dem Bett lag, das Gesicht rot vom Alkohol. Er hatte sich bei seinen Hilfegesuchen den kleinen Finger verstümmelt, und nun hielt er sein Handy mit viereinhalb Fingern hoch.

Auf dem Display des Handys konnten die anderen eine SMS von Herrn Duan, dem Direktor von Gaos örtlicher Gesundheitskommission, sehen. Duan war Gao nach Beijing gefolgt, um ihn anzuflehen, nicht an dem Protest teilzunehmen—er fürchtete sich vor der Aufmerksamkeit hoher kommunistischer Funktionäre. "Kommen Sie morgen mit uns zurück nach Hause und wir finden eine Lösung", hatte Duan geschrieben. "Was auch immer Sie tun, am Ende müssen Sie [nach Hause] zurückkehren, um eine Lösung zu finden." In einer weiteren SMS bot Duan Gao umgerechnet 6.770 Euro an, wenn er Beijing verließe.

"Wir müssen mindestens ein paar Stunden durchhalten", sagte Gao zuversichtlich. Seine eigene Protestaktion auf dem Dach eines Privatkrankenhauses in seiner Heimat Shanxi hatte ebenfalls Stunden gedauert und ihm die erste Audienz bei Duan eingebracht.

"Selbst wenn die bewaffnete Volkspolizei die Gegend absperrt, gehen wir nicht", sagte Wang aus Shenzhen.

"Sie werden uns wegzerren", erwiderte jemand.

"Wir machen nichts Verbotenes", rief Wang. "Wer bricht hier Gesetze? Sie haben unsere Schwänze zerstört!"

Herr Li unter der Bettdecke eines Pensions­zimmers in Beijing.

Nach einer Nacht unruhigen Schlafs in der Pension erwachten die Männer und fanden Beijing unter einer dicken Smogdecke vor. Sie hatten den Eingang zum CCDI-Gebäude nicht ausgekundschaftet und stellten nun entsetzt fest, dass eine zum Teil sechs Meter hohe Explosionsschutzwand die Anlage umgibt. Am Haupteingangstor stand ein Polizeibeamter auf einem Podest, mit einem Trupp von fünf weiteren Männern, die hinter einer Absperrung standen. In Bussen zu beiden Seiten des Tors waren weitere Beamte.

Die 24 Männer überquerten die Straße und versammelten sich auf der gegenüberliegenden Seite, wo nur ein paar Beamte in zwei Polizeiwagen standen.

Am Stand von Dekang Medical gab es ein Kopfmassagegera¨t, das laut der Verka¨uferin schizophrene Stimmen, Depressionen, Zwangsneurosen, a¨ngste, Manie und PTBS behandle.

Auf dem Gehweg teilten die Männer sich in zwei Reihen auf. Little Huang holte ein Banner aus seinem Rucksack, auf dem stand: "Nationale Opfer der dorsalen Neurektomie". Das Banner eines anderen verkündete: "Böse Krankenhäuser betrügen um Geld und morden". Junjun und die anderen gingen in die Knie und die Männer skandierten: "Krankenhäuser böser Männer, gebt unser Wohlergehen zurück!"

Es endete damit, dass alle Demonstranten fünf Tage in Haft verbringen mussten, bevor man sie in den Gewahrsam ihrer Lokalregierungsvertreter übergab. Diese deportierten die meisten Männer prompt zurück in ihre ländliche Heimat. Little Huang erhielt vor Kurzem eine kleine Entschädigung von seiner Klinik. Junjun ist dabei, das Shenzhen City Hospital zu verklagen. Die Klinik musste allerdings bisher keine Bußgelder zahlen und hat den gesperrten OP-Saal wieder geöffnet.

Doch an jenem Morgen im November hatten sie noch Hoffnung. Wäre ein Funktionär genau zu dem Zeitpunkt zur Arbeit gekommen, als die Männer ihren Chant begannen, hätte die Person vielleicht nachgesehen, was der Lärm sollte. Er oder sie hätte vielleicht die Banner gesehen und vielleicht sogar die Straße überquert, um eine Kopie von Junjuns Petition zu nehmen. Der Funktionär hätte sie gelesen, das Leiden der Männer eingesehen und ein Projekt zur Findung einer effektiven Behandlung in die Wege geleitet—wie diese 24 und Hunderte weitere Männer, die es nicht wagen, in Beijing zu protestieren, geträumt hatten.

Stattdessen sauste innerhalb von weniger als einer Minute ein Polizeiwagen aus einer Seitenstraße und hielt vor den Demonstranten. Die Beamten zerrissen die Banner und stampften sie zu Boden. Handgemenge brachen aus. Mehr Polizeiwagen trafen ein; die ersten Männer wurden abtransportiert, dann der Rest. Innerhalb von zehn Minuten verschwand jede Spur von dem Protest und den Bannern der Eunuchen.

Tagged:
News
china
VICE Magazine
penis
op
medizin
eunuchen
plastische Chirurgie
Vice Blog
Jahrgang 12 Ausgabe 3