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Männermagazine haben eine absurde Vorstellung von Männlichkeit

Schon Herbert Grönemeyer hat gefragt: "Wann ist ein Mann ein Mann?" Wir haben die Antwort in Männermagazinen gesucht und nichts als Bullshit gefunden.

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Aug. 25 2018, 10:00am

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Wenn Magazin-Machende ein neues Heft entwickeln, wollen sie, dass dieses für die Leserin oder den Leser zum Freund wird. Jemanden, den man mag und mit dem man immer wieder Zeit verbringen will (und deswegen bestenfalls ein Abo abschließt). Warum Frauenmagazine ihre Leserinnen dann klein machen, ihnen unrealistische Körperbilder, absurde Schönheitsideale (Stichwort "Arm-Vagina") oder völlig haltlose Tipps zur Selbstoptimierung ("Du schwitzt hin und wieder? – Spritz dir doch einfach Botox in die Achseln!") präsentieren, lässt sich nur schwer erklären. Aber wie sieht das bei Männermagazinen aus? Nehmen die ihre Leser ernst?

Um genauer herauszufinden, wie sich Männermagazine einen so richtig männlichen Mann vorstellen, haben wir uns ein paar der größten und bekanntesten genauer angesehen. Men's Health, weil es das verbreitetste Männermagazin der Welt ist. InStyle Men, weil es das männliche Pendant zum großen Frauenmagazin ist, und GQ, weil es eines der bekanntesten Männermagazine ist. Macht euch bereit für viel Testosteron, unzählige Anleitungen zum Muskelaufbau und viele männliche Langzeitpläne für das richtige Männer-Mindset.

InStyle Men: Mode für Dummies

Auch die InStyle Men, die bei einer Druckauflage von 120.000 Exemplaren liegt, schafft es, so ziemlich jedes altbackene Klischee zu bedienen, das es zum männlichen Geschlecht gibt.

Schon in den Leitartikeln werden die Erwartungshaltungen festgelegt: "Ein Lifestyle-Magazin für Männer, Schwerpunkt Klamotten: Was muss rein, was ist zumutbar? Was ist zu viel? Man muss Männern nur mal die Möglichkeit geben, sich für Mode zu begeistern." Die Frage nach der Zumutbarkeit stelle auch ich mir beim Lesen. Offenbar will InStyle Men Geschlechterklischees aufbrechen, indem sie Männer hinstellen, als wären sie eine unbekannte Spezies, der Mode bisher naturgemäß fremd war.

Diese Unentschlossenheit zieht sich durch das gesamte Magazin. Obwohl es in der InStyle viel um Mode geht, werden die Redakteure gleichzeitig nicht müde, immer wieder zu betonen, wie wenig Männer und Mode zusammenpassen. Das kann entweder der perfekte Anlass für das Magazin sein oder aber das genaue Gegenteil. Warum man stattdessen nicht einen weniger abgrenzenden Zugang wählt, bleibt zumindest für mich bis zum Ende unklar.

Die InStyle Men behandelt ihre Leser wie Deppen, die unbedingt InStyle Men brauchen, um aus ihrer selbstverschuldeten Deppenhaftigkeit auszubrechen.

Und weil Männer augenscheinlich dumme Neandertaler sind, die es zu kultivieren gilt, als wäre das ganze Geschlecht wie der Wolfsmensch in Michel Gondrys Film Human Nature, werden die Leser auch mit Mode-Metaphern wie "Sie halten ihre Weekender mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie andere Geschlechtsgenossen ihr Sixpack Bier" oder "Vor Farben haben viele Männer so viel Angst wie vor dem Bundesligaabstieg ihres Lieblingsvereins" erzogen. Kurz gesagt: Die InStyle Men behandelt ihre Leser wie Deppen, die unbedingt InStyle Men brauchen, um aus ihrer selbstverschuldeten Deppenhaftigkeit auszubrechen.

Auch online dreht sich alles um Mode für Männer, die vor anderen Männern niemals zugeben würden, dass sie sich für Mode für Männer interessieren. Von The-Rock-Motivationsspots über Listicles mit Dingen, die Frauen im Bett eklig finden (Körpergeruch, dreckige Unterhosen, ungepflegte Füße, Fürze und offene Kondompackungen neben dem Bett) finden die männlichen Basic Bitches hier so ziemlich alles, wonach sie noch nie gesucht haben. Wir sind nun zumindest um ein kleines Stückchen schlauer und wissen: "Pupsen im Zusammenhang mit Liebemachen ist irgendwie eklig und ziemlich unsexy." (Trotzdem finden wir, dass auch die InStyle Men langsam akzeptieren könnte, dass Menschen hin und wieder verschiedene Körperfunktionen erleben.)


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Men's Health: Der CrossFit-Bro unter den Magazinen

Men's Health ist mit 31 Ausgaben in 40 Ländern das am meisten verbreitete Männermagazin der Welt und wie schon der Titel vermuten lässt, dreht es sich hauptsächlich um Sport, Fitness, Gesundheit und Freizeit. Vom Cover blickt meist ein durchtrainierter Mann, der seinem ernsten Gesichtsausdruck nach zu urteilen wohl gerade intensiv über den 8-Wochen-Plan zum Muskelaufbau nachdenkt, der im Heft nachzulesen ist.

Denn bei Men's Health geht es primär um Selbstoptimierung: Selbstoptimierung durch Sport und Selbstoptimierung durch den Konsum von Fleisch, sehr viel Fleisch. Dazwischen gibt es inspirierende Porträts von Männern, die viel Sport machen und bestimmt auch ganz viel Fleisch essen. Aber natürlich werden den Lesern nicht nur Tipps zur Optimierung ihres Körpers geliefert, es gibt auch Lesetipps zur Stärkung des Geistes. Vorgestellt werden zum Beispiel Bücher über Männer, die im Leben etwas geschafft haben (Mohammed Ali), Business-Ratgeber oder Comics.

Außerdem gibt es eine Rubrik namens "Weltliteratur für Eilige", die große literarische Werke in wenigen Sätzen beschreibt. Men's Health hat Goethes Faust für ihre Leser zum Beispiel einmal so zusammengefasst: "Für ein bisschen Abwechslung vertickt der gelangweilte Dr. Faust dem Teufel seine Seele. Am Ende schwängert er das naive Gretchen und treibt es in den Wahnsinn." Weltliteratur für richtige Macker eben.

Die Geschlechterklischees ziehen sich durch das gesamte Blatt – angefangen bei den Werbeanzeigen, die sich auf Uhren, Parfum, Anzüge, Deo und Haarwuchsmittel konzentrieren, bis hin zu einzelnen Formulierungen wie "Allen Gerüchten zum Trotz sind viele Männer sensibel" oder dem Satz "Frauen wollen sich daran anlehnen, Männer damit imposanter aussehen" in einem Artikel über Schultermuskulatur. Grundnahrungsmittel wie Käse werden in dem Magazin beschrieben, als handle es sich dabei um erst kürzlich auf dem Mars entdeckte Substanzen, Begriffe wie Mansplaining werden von Männern in ihren sehr männlichen Kolumnen erklärt.

Selbstredend widmet sich auch der Online-Auftritt des Magazins denselben Themen: Auf der Startseite lachen den Lesern Schlagzeilen wie "So wird das Sixpack endlich sichtbar", "Wie viele Eiweißriegel darf man am Tag essen?" und "So können Sie trotz heißer Temperaturen joggen" entgegen. Es wird ausführlicher, als wir es jemals für möglich gehalten hatten, über Fitness, Fettverbrennung und die männliche Gesundheit berichtet – und auch ein bisschen über Sex. In einem Artikel über Brustorgasmen findet der geneigte Leser (nicht nur im generischen, sondern tatsächlichen Maskulinum) beispielsweise eine detaillierte Anleitung, wie er eine Frau rein durch die Stimulation ihrer Brüste zum Höhepunkt bringt – inklusive Hinweis, dass man sich vorher das Einverständnis der Sexpartnerin holen sollte, wenn man neue Dinge ausprobieren will.

GQ: Das Heft für die Barney Stinsons dieser Welt

Die GQ ist ein großes Lifestyle-Magazin für Männer, das über 400.000 Personen pro Monat erreicht und seine Zielgruppe mit Infos rund um all das versorgt, was ein richtiger Gentleman (wofür auch das "G" in GQ steht) einfach lieben muss: Cognac, Uhren, Muskeln und Luxus. Die GQ schafft es zwar, Geschlechterklischees ein bisschen subtiler in die Gestaltung des Magazins und seiner Inhalte einfließen zu lassen als die Men's Health, aber vorhanden sind sie auch hier ohne Zweifel.

Hier geht es nicht vordergründig um die Optimierung des eigenen Körpers, sondern unter Gentleman-Flagge um die Optimierung des gesamten Ichs – durch eine Anpassung des Äußeren an das Ideal des sexy Business-Manns, der Barney Stinsons dieser Welt, die zum Feierabend gerne ein Glas Cognac schlürfen und sich mit Arbeitskollegen über die neueste Breitling unterhalten. In seinen Promi-Porträts widmet sich GQ auf dem Spektrum der Männertypen vor allem "Work hard, play hard"-Testimonials wie Robert Downey Jr. und lässigen Abenteurer-Lookalikes wie Antonio Banderas.

GQ ist aber nicht nur Männer-Knigge, sondern adressiert auch die Bedürfnisse eines echten Kosmopoliten: mit welcher Reise man seine Freundin beeindrucken kann (offensichtlich Paris), welchen Ledersessel man sich für sein neues Junggesellen-Loft kaufen sollte, welche Bomberjacke um 2.000 Euro gerade total angesagt ist und welchen Staubsauger-Roboter man als Mann von Welt einfach kaufen muss.

Auf der Startseite des Online-Ablegers werden den Lesern die neuesten Autos und sehr männlichen Parfums präsentiert, gefolgt von der "Grooming-Frage der Woche", in deren Rahmen erklärt wird, was Fußpeelings bringen und wie oft und lange man denn nun eigentlich duschen sollte. In der Rubrik "Leben als Mann" finden die Leser Anleitungen zum perfekten Steak, Tipps für sehr teuren Alkohol und Regeln für zielstrebige Businessmänner. Ein Guide hilft den Gentlemen dabei, pastellfarbene Anzüge zu "meistern"und beantwortet die Frage, ob man als echter Gentleman die Hände in die Hosentaschen seiner sehr teuren Anzughose stecken darf.

Fazit: Männermagazine wollen eine seltene Spezies von Mann ansprechen

Lasst es uns kurz machen: Männermagazine sind auf die gleiche Art sexistisch, reaktionär und kurzsichtig wie Frauenmagazine. Angefangen bei Men's Health, wo den Lesern vor allem Körperoptimierung beigebracht und Literaturwissen für den Aufriss ohne Lese-Umweg mitgegeben wird, über GQ, wo es um Uhren, teuren Alkohol und gut sitzende Anzüge geht, bis hin zur InStyle Men, die einen modischen Spagat zwischen Bestätigung und Aufbrechen aller Männerklischees versucht.

Das Männlichkeitsbild, das Lesern solcher Magazine vermittelt wird, ist kaufaffin und körperbetont, sagt auch Ulli Weish, Lehrbeauftragte an der Universität Wien mit Schwerpunkt auf kritische Medien- und Werbeforschung und Gender Studies und Feministische Medienwissenschaf.: "Meist weiß, heterosexuell, mittelschichtsorientiert, leistungsasketisch, aufstiegswillig und ewig jung, aktiv und abenteuerlustig", sei die Zielgruppe. Laut der Expertin erreichen Männerzeitschriften diese ganz spezielle Grippe jedoch eher selten – nicht zuletzt, weil es sich hierbei um eine eher seltene Spezies Mann handle: "Perfekter Körper trifft auf Cis-Mann, der aktiv ist und sich magazin-basiert beraten lässt."

Die Tatsache, dass dieses Männlichkeitsbild weit seltener thematisiert wird als problematische Frauenbilder, die von Magazinen verbreitet werden, sieht Weish dem Nischenthema der kritischen Genderforschung geschuldet, wie sie gegenüber VICE erklärt. Männlichkeitsbilder zu hinterfragen sei außerdem ein kritischer Akt, zu dem sich nur wenige hinreißen ließen. Schließlich sei es immer feministisch, herrschaftskritisch und damit "spaßbremsend", die Darstellung der hegemonialen Männlichkeit zu kritisieren.

Durch die ständige Betonung der vermeintlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen schaffen die untersuchten Magazine jedenfalls einen fast schon bemerkenswerten Spagat: "Durch augenzwinkernden Doppelsprech werden eine Erweiterung von Lebensbereichen und -Erfahrungen, zum Beispiel durch klugen Produkteinsatz, und ein gleichzeitiges Aufrechterhalten von traditionellen Geschlechterrollen bedient", so die Expertin.

Mir fallen viele Gründe ein, warum die Männerwelt beschissene Magazine verdient haben könnte: Sexismus, jahrhundertelange Unterdrückung von Frauen und ein wunderschönes Leben ohne die Periode zum Beispiel. Aber sollten Männer in diesem Fall nicht viel eher die Magazine bekommen, die sie brauchen, und nicht die, die sie verdienen? Magazine, die nicht jede einzelne Fußballmetapher dieser Galaxie für extrem lustig halten und sich nicht lesen wie der Bro Code? Warum lesen wir überhaupt Magazine, die uns ständig daran erinnern, was für unzulängliche Wesen wir sind? Oder, um es noch mal mit der InStyle Men zu sagen: "Was muss rein, was ist zumutbar? Was ist zu viel?"

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