Zwei Frauen im Taxi

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Fotos

Das Taxi als Spiegel der Gesellschaft

Mike Harvey hat während seiner Zeit als Taxifahrer intime Aufnahmen seiner Fahrgäste gesammelt. Wir haben mit ihm über sein Projekt gesprochen.
Jamie Clifton
London, GB
21.11.14

Als Taxifahrer trifft man auf eine Menge verschiedener Leute. Das gehört einfach zu diesem Job dazu. Sollte das nicht der Fall sein, ist das ein ziemlich gutes Anzeichen dafür, dass irgendetwas gehörig falsch läuft und du dir ernsthafte Gedanken über deine Berufswahl machen solltest.

Mike Harvey ist ein Mann aus South Wales, der mit dem Taxifahren anfing, um seine Weltreisen zu finanzieren. Ein paar Monate Menschen durch Swansea kutschieren; ein paar Monate durch Brasilien reisen. Ein halbes Jahr lang noch mehr Menschen in der Nachtschicht umherfahren; drei Monate lang durch Ägypten, Indien oder Nepal touren.

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(£7.62) „Ich finde, dass dieses hier die ganze Fotoserie in einem Bild zusammenfasst", sagt Mike. „Ein Darstellung der Wirklichkeit—einer Gesellschaft—in South Wales."

2010 begann Mike dann damit, einige seiner Taxiabenteuer zu dokumentieren, und fotografierte seine Kundschaft am Ende der Fahrt, nachdem er ihr Vertrauen gewonnen hatte. Mike fährt zwar schon seit etwa einem Jahr kein Taxi mehr, dafür hat er aber seine Favoriten aus dem Fotoprojekt zusammengestellt und stellt sie gerade im Monkey Cafe & Bar in Swansea, South Wales, aus. Alle Bilder sind nach dem Preis der Taxifahrt benannt und zeigen intime Einblicke in das soziale Gefüge von South Wales.

Ich habe mich mit Mike ein bisschen über seine Fotos unterhalten.

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(£4.00)

VICE: Hallo Mike. Warum hast du angefangen, Fotos von deinen Fahrgästen zu machen?
Mike Harvey: Ich fand den Job einfach so spannend. Ich wusste nie, wer als nächstes in mein Taxi steigen würde, und ich lernte durch die ganzen komischen Situationen, in denen ich landete, so viel von meinen Passagieren. Ich besorgte mir also eine DSLR-Kamera und fing an, Bilder zu machen. Ich wollte, dass die Fotos die kleinen Reisen repräsentieren, die wir gemeinsam erlebt hatten. Ich hatte zu der Zeit ja so viele verschiedene Fahrgäste in meinem Taxi.

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(£2.87) „Dieser Typ war so etwas wie ein Stammkunde, aber er ist mittlerweile verstorben. Das Foto hat für mich also auch eine traurige Seite."

Waren denn die meisten Menschen damit einverstanden, fotografiert zu werden?
Nun, ich habe ungefähr 130 Fahrten dokumentiert und davon haben nur neun Leute abgelehnt. Ich habe das auch immer nur am Ende der Fahrt gemacht, damit ich bis dahin Vertrauen aufbauen konnte. Für mich war es eine der lehrreichsten Erfahrungen in meinem Leben. Ich habe dort wirklich alles erlebt: Ich habe am Straßenrand erste Hilfe geleistet; eine schwangere Frau ist barfuß aus meinem Taxi abgehauen, ohne zu zahlen …

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(£3.82) „Ich kenne die Mutter dieser Kinder und sie sagte, dass ich das Foto machen darf. Ich wollte ja alle Teile der Gesellschaft abbilden: die Alten, die Jungen und alle dazwischen."

Was ist denn da passiert?
Ich fuhr um 3 Uhr morgens aus Swansea raus und dieses hochschwangere Mädchen—die war wirklich jeden Moment soweit—saß barfuß am Straßenrand und winkte mich ran. Sie stieg also ein und … der Job eines Taxifahrers hat manchmal auch etwas von einer spontanen Seelsorge. Ich sagte ihr, dass es keine gute Idee ist, sich komplett abzuschießen, wenn man schwanger ist, aber wir hatten trotzdem eine nette Unterhaltung. Als ich sie dann rauslassen wollte, ist sie abgehauen. Normalerweise renne ich hinter den Leuten her, aber sie war hochschwanger. Sie war die einzige, die mir entwischt ist, aber ich habe sie auch entwischen lassen.

Die Leute boten mir auch öfter Drogen an—Ketamin. Ich nehme generell keine Drogen, aber wer nimmt bitte Ketamin zum Autofahren?

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(£3.06)

Wurden dir die Drogen anstatt des Fahrgeldes angeboten oder einfach nur so zum Spaß?
Nur nebenbei, nach dem Motto, „Können wir hier hinten Koks ziehen, während du fährst?" Menschen luden mich auch zu Dreiern oder Vierern ein … Es war nie langweilig. Weil einige der Leute nicht mehr ganz nüchtern waren, vertrauten sie mir eine Menge aus ihrem Leben an. Sie erzählten mir von ihren Affären, ihren Problemen im Leben oder auch, dass sie über Selbstmord nachdenken. Man muss also versuchen, sie bestmöglich im Taxi über ihre Probleme reflektieren zu lassen, damit sie keine falschen Entscheidungen treffen.

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(£5.72)

Wie hat dich das beeinflusst? Ich kann mir denken, dass man eine gewisse Vorstellung davon hat, auf was man sich als Taxifahrer einlässt. Dass dann aber jemand auf deinem Rücksitz hockt, der sagt, „Ich will mich umbringen", gehört dann wahrscheinlich nicht dazu.
Wenn ich ehrlich bin, wusste ich nicht so wirklich, auf was ich mich da einlasse. Ich erinnere mich noch daran, wie ich bei meiner ersten Fahrt extrem nervös war, weil ich die ganze Zeit Angst davor hatte, dass ich einen Unfall baue und mein Fahrgast verletzt wird. Ich fühlte mich immer sehr verantwortlich und ich glaube, dass dieses Gefühl von Verantwortung dazu beitrug, dass sich Menschen mir derartig gegenüber öffneten. Ich war deswegen nicht wirklich beunruhigt. Ich wollte den Leuten einfach nur helfen, so gut ich konnte. Das Witzige ist ja, dass ich die Meisten davon nie wieder gesehen habe. Ich weiß nicht, wie es den Leuten, mit denen ich gesprochen und denen ich hoffentlich geholfen habe, gerade geht oder was sie machen.

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(£4.66) „Diese Dame ist eine Verwandte meiner Stiefmutter. Ich liebe sie abgöttisch. Sie ist eine der wenigen Personen in dem Projekt, die ich tatsächlich kenne."

Gab es Fahrten, die dich besonders geprägt haben?
Ich habe einmal jemanden gefunden, der gerade angefahren worden war. Ich leistete der Person noch erste Hilfe, aber sie schaffte es nicht mehr. Das war schon eine ungewöhnliche Erfahrung—eine ziemlich grauenvolle, um ehrlich zu sein. Was die andere Seite des Spektrums angeht, hatte die Firma, für die ich arbeitete, einen Vertrag mit einem örtlichen Bordell. Es war immer interessant, die Mädchen dort nach der Arbeit nach Hause zu fahren. Ich lernte einige von ihnen dadurch ganz gut kennen. Sie fragten mich dann, „Viel los heute Nacht, Mike?", und ich wusste nie, ob ich ihnen die gleiche Frage stellen konnte.

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(£42.94) „Mir gefällt die Pose in diesem Bild—es ist, als würden sie sich richtig präsentieren."

Denkst du, dass du durch deine Taxifahrten mehr über die Menschheit gelernt hast?
Das soll jetzt nicht zu negativ klingen, aber es gibt da draußen Menschen, die sind nett, und es gibt Menschen, die sind nicht so nett.

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(£5.15) „Die beiden sind wirklich liebreizend. Sie tragen die gleichen Anziehsachen und haben ihren eigenen Dialekt. Ich habe sie auch so schon öfter gesehen—in der Schlange im Supermarkt und so—aber ich glaube nicht, dass sie sich noch an mich erinnern können."

Der Raum spielt eine wichtige Rolle bei deinen Fotos—es ist alles sehr intim.
Ja, dafür, dass es fremde Menschen sind, ist man sich doch sehr nah. Ich sagte immer, „Entspann dich, sei einfach du selbst—du musst nicht lächeln oder so." Es klingt ziemlich kitschig und abgedroschen, aber ich sah in den Augen einiger Menschen etwas von ihrer tatsächlichen Verletzlichkeit. Ich konnte über ihre Augen und ihre Gesichtsausdrücke einen Eindruck von ihrer wahren Persönlichkeit bekommen. Das fand ich toll.

An dem Raum ist außerdem interessant, was du durch die Fenster sehen kannst—also den sozioökonomischen Aspekt. Da die Fotos ja immer am Zielort aufgenommen wurden, habe ich auch oft eingefangen, woher jemand eigentlich kommt. Dieser Aspekt gefällt mir auch.

Und mir erst. Vielen Dank, Mike

Mehr Bilder aus Mikes „Taxi" kannst du auf seiner Webseite sehen und hier kannst du Abzüge seiner Fotos kaufen.