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Versuch halt nicht, dein Leben zu zerstören

Manche Menschen haben eine natürliche Tendenz, erwachsen zu werden, gesund zu sein und auf sich achtzugeben. Andere wollen sehen, wie nah sie dem Tod kommen, bis sie sich wieder lebendig fühlen.
24.6.13

Vor einigen Monaten probierte ich in einer Bar zum ersten Mal MDMA. Ich löste das Pulver in Wasser, trank es und wartete, bis ich mich anders fühlte. In meinem Kopf explodierte ein Feuerwerk. Alles um mich herum beschleunigte sich, die Stimmen der Menschen klangen wie die der Chipmunks und die Lichter begannen zu flackern. Überwältigt verließ ich die Bar und traf einen Freund, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte.

„Kevin, wow, du siehst wirklich sehr dünn aus“, sagt ich mehr als nur ein bisschen verurteilend.

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Er grinste. „Ich weiß. Ich hatte eine Schilddrüsenüberfunktion und hab einiges an Gewicht verloren.“

„Mir fehlen deine Rundungen. WO SIND DEINE RUNDUNGEN?“, rief ich.

Kevin richtete seine Augen auf mich und sagte: „Warte, du bist gerade drauf, oder?“

Ich pausierte, kurz bevor es aus mir herausplatzte: „OK, ja, bin ich. Aber momentan ist es wirklich sehr intensiv und dieses Gespräch hilft mir, mich zu beruhigen. Geh also bitte nicht weg.“

„Mach ich nicht“, versicherte er mir, während er behutsam meinen Arm rieb.

Dann, einfach so, wurde alles schlimmer. Mein Herz begann wie wild zu schlagen und ich sah Schatten, die offensichtlich nicht da waren. Ohne einen zweiten Gedanken zu fassen, ließ ich meine Freunde zurück und fuhr mit einem Taxi zu meiner Wohnung, wo ich mich sicherer fühlte. Auf der Fahrt fühlte sich mein Kopf wie eine zerquetschte Orange an, deren matschiges Inneres auf die Sitze tropft. Als ich versuchte, das Taxi zu verlassen, tat ich meinen ersten Schritt und fand allein schon das Laufen unglaublich schwierig. So als ob jemand Sandsäcke an meine Schuhe geklebt hätte. Jeder Schritt kostete mehr Energie und Konzentration als der vorherige.

„Ich brauche Wasser“, dachte ich. Ich darf jetzt nicht dehydriert sein. Sonst sterbe ich.

Ich ging zu einem kleinen türkischen Geschäft am Eck, schnappte mir drei Wasserflaschen und bewegte mich immer noch wie eine Schnecke zur Kassa.

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Der Verkäufer sah mich verwundert an, als ich die Wasserflaschen vor ihm auf den Tresen fallen ließ.

„Ähm…“, sagte er vorsichtig.

„WAS?“

„Brauchen Sie einen Krankenwagen?“

Einen Krankenwagen? Ich dachte eigentlich nicht, dass ich einen brauchen würde. Andererseits hatte ich auch schon eine Weile nicht mehr in den Spiegel geschaut. Wenn eine nüchterne Person mich ansieht und sofort an einen Krankenwagen denkt, sollte ich das vielleicht in Betracht ziehen, oder?

„Sicher“, gab ich vernichtet zurück. „Ein Krankenwagen wäre sicher nett.“

Der Verkäufer gab mir eine Holzkiste, auf der ich mitten im Geschäft sitzen sollte, während er die Rettung anrief. Betrunkene Leute gingen ein und aus, bemerkten mein zerzaustes Äußeres und lachten.

„Oh Scheiße“, meinte ein Mädchen mit Cornrows zu ihrem Freund. „Der Typ hat einen schlechten Trip.“

Das Warten auf den Krankenwagen dauerte mir viel zu lange, also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte den Verkäufer, was los sei.

„Keine Ahnung“, er zuckte mit den Schultern und stempelte Preisschilder an irgendwelche Lebensmittel. „Ich habe schon zwei Mal angerufen.“

Mein Telefon klingelte. Mein Freundin Carey war dran. Ich nahm ab.

„Hey Ry, wo bist du?“

„Ich sitze auf MDMA auf einer Holzkiste in der Mitte von einem kleinen Laden. Sie rufen gerade einen Krankenwagen für mich.“

„Einen Krankenwagen? Was ist los?“

„Ich weiß es nicht. Sie dachten einfach, dass ich einen bräuchte. Mittlerweile geht es mir aber besser.“

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Plötzlich hörte ich die Sirenen näher kommen.

„Sie sind fast da“, sagte ich.

„Ryan, steig nicht ein! Ein Krankenwagen kostet 2000 Euro MIT Krankenversicherung.“

„Wirklich?“

„Ja! Steig nicht ein!“

Ich stand von der Holzkiste auf.

„Bleiben Sie bitte sitzen. Ihr Krankenwagen ist da“, schrie mir der Verkäufer zu.

Ich lief weiter nach draußen und sah, wie einer der Sanitäter aus dem Wagen stieg. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke.

„OK, ich renne! Ich renne vor dem Krankenwagen weg und in meine Wohnung!“ Ich begann, merkwürdig die Straße runter zu sprinten. Seltsamerweise machte man sich nicht einmal die Mühe, mich zu verfolgen.

„Wir sind in fünf Minuten da“, sagte Carey, bevor sie auflegte.

Ich rannte den halben Block bis zu meinem Gebäude und wartete bis Carey und ihre Freundin Renee ankamen. Mein ganzer Körper war schweißnass, und Wasser zu trinken fühlte sich unglaublich gut an. Ich fühlte mich nicht mehr, als würde ich gleich sterben.

Es klingelte und ich ließ sie herein. Carey und Renee kamen in die Wohnung und schauten sofort, ob ich wirklich OK war.

„Geht es dir besser?“, fragte Renee, während sie mich beruhigte.

„Ja“, sagte ich, meine Augen eher unfreiwillig schließend. „Können wir Cibo Matto hören?“

***

Ich mache das, was ich am besten kann; ich renne vor Intimität weg. Ich liege im Bett mit jemandem, egal mit wem, und die Sonne trifft mich wie eine Predigt meiner Eltern. Ich muss ihn aus meiner Wohnung bekommen.

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„Ich glaube, mir ist schlecht“, sage ich, während ich mir den Bauch halte. Dieses Vorgehen habe ich während der letzten Jahre perfektioniert und es klappt jedes Mal.

„Wirklich?“, er schaut mich besorgt an. Er ist dumm, er ist süß, er könnte gut sein, aber das wird er niemals erfahren.

„Ja“, stöhne ich. „Es tut mir leid.“

Er versteht. Ich frage ihn nicht, ob er mir helfen kann. Er verschwindet und ein Gefühl der Erleichterung überkommt mich, das fast besser ist als der Orgasmus vor 20 Minuten. Ich fühle mich wieder sicher, wieder wohl. Nichts kann mich verletzen, wenn niemand da ist, der mich verletzen könnte.

Ich bestelle mir einen Frühstücksburrito und schau mir Serien an. So bin ich am glücklichsten. Und darum werde ich alleine sterben.

***

Jedes Mal wenn du eine unehrliche Entscheidung triffst und dich dabei selbst sabotierst, entfernst du dich mehr und mehr von der Person, die du sein willst. In meinen Zwanzigern war es mein erklärtes Ziel, alle möglichen Erfahrungen zu sammeln. Wollte ich an diesem Abend überhaupt MDMA ausprobieren? Nein. Ich dachte mir, dass es wahrscheinlich zu heftig sein würde. Ich tat es trotzdem, weil ich keinen Rückzieher machen wollte. Die schlechten Sachen fühlen sich, leider, immer noch sehr gut an. Allerdings ist das ein Trick. In Wirklichkeit fühlen sie sich nicht mehr gut an, nicht so, wie sie es einmal getan haben. Schlechte Sachen können nur Spaß machen, wenn man sich noch nicht kennt. Das ist so ziemlich der Grund, warum man sie überhaupt erst macht. Man probiert vieles aus und stellt fest, was einem gefällt und was nicht. Während dieses Prozesses versucht man dann, sich selbst und seine Persönlichkeit besser kennenzulernen. Anders ist das in einem Alter, wo man sich bereits gut genug kennt. Die Tage, an denen man versucht, die Realität nicht zu zulassen, die Missgeschicke, von denen man seinen Kollegen so fröhlich beim Brunchen erzählt hat, sind nicht mehr süß oder lustig. An der Uni waren die Leute noch stolz auf ihre Fehler. Sie trugen ihren Unfall mit der Pille danach oder ihre Alkoholvergiftung wie ein Ehrenabzeichen mit sich rum. Doch dann veränderten sich die Dinge. Oder zumindest sollten sie sich ändern. Ich weiß es nicht. Nicht jedem passiert das zum gleichen Zeitpunkt. Manche Menschen haben eine natürliche Tendenz, erwachsen zu werden, gesund zu sein und auf sich aufzupassen. Andere wollen sehen, wie nah sie dem Tod kommen können, bis sie sich wieder lebendig fühlen. Ich liege irgendwo dazwischen. Ich will keine Fisolen essen oder trainieren oder wandern. Das ist langweilig. Aber ich will auch kein mieses Leben. Ich will glücklich sein, ich will mich von jemandem lieben lassen, ich will einen Hund und einen Hinterhof. Im Prinzip will ich ein Leben, das sich echt und verdient anfühlt.

Ich hatte keine Ahnung, dass es so schwer sein würde, die schlechten Sachen in meinem Leben zu bereinigen. Jeden Tag fühle ich mich, als würde ich hinter meinen Freunden zurückfallen und das Ziel verfehlen, nicht die Lektionen des Lebens durchsickern lassen. Der Impuls, sein Leben zu zerstören, ist stark. Aber er kann von Tag zu Tag schwächer werden. Wahres Glück ist nicht, den Krankenwagen holen zu lassen, während man auf MDMA in der Mitte eines Geschäftes sitzt, oder Übelkeit vorzutäuschen, um jemanden aus der Wohnung zu bekommen. Nicht einmal ansatzweise. Jeder verdient ein Leben in Farbe. Jeder verdient all die Liebe, all das Geld, all die Orgasmen dieser Welt. Auf dem Weg dahin musst du nur aufhören, dir ständig selbst im Weg zu stehen.