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Ich bin Tom und videospielsüchtig

James Franco war in seiner Jugend verrückt nach 'The Legend of Zelda'. Zelda hat ihm durch schwierige Zeiten in der Schule geholfen. Gleichzeitig hat er sich wie ein Loser gefühlt, weil er so viel Zeit damit verbracht hat, sich mit diesem Kinderspiel...
12 Juni 2013, 10:18am

Bild von Courtney Nicholas

"Ich bin ein Videospiele-Nerd und ich find's gut", gibt Tom Bissell in einer exzellenten Beichte und Analyse seines Abstiegs (oder vielleicht Aufstiegs?) in die Videospielsucht zu. In seinem Buch Extra Lives: Why Video Games Matter erinnert er mich ein bisschen an mich selbst (ich sage das mit größter Bescheidenheit), weil er auch einmal seine Liebe zur Literatur in seinem beruflichen und intellektuellen Leben ausgelebt hat: Er hat Literatur gelesen, gelehrt, darüber geschrieben. Aber irgendwann in seinen späten Zwanzigern kamen die Videospiele.

Tom scheint ein bisschen hin- und hergerissen zu sein, was seine Videospielsucht angeht. Sein Buch ist ein großartiges Argument dafür, dass Games die neueste Form der Volkskunst sind und dabei vieles können, was in anderen Kunstformen nicht möglich ist. Sie können ihr Publikum so mit einbeziehen, dass die Spieler zu Autoren ihrer eigenen Geschichte werden. Spieler kreieren ihre Avatare und navigieren diese Erweiterungen ihres Selbst durch imaginäre Welten. Und jeder erlebt ein Videospiel anders, weil man den eigenen, einzigartigen Weg gehen kann. Diesen letzten Punkt erkennt man am besten bei Spielen wie Grand Theft Auto IV, wo man einfach frei herumlaufen kann.

Allerdings scheint Tom auch seine enge Bindung an Videospiele zu beichten oder (sich selbst gegenüber?) zu verteidigen. Er spielt morgens, mittags, abends. Am Ende seines Buches (spoiler alert!) vergleicht er in bewegender Weise seine Sucht nach Grand Theft Auto IV mit seiner Kokainabhängigkeit. Er reist wegen verschiedener Aufträge durch die Welt, mit der erklärten Absicht, von beidem loszukommen—ich glaube, im Suchtbehandlungsjargon nennt man diese Ausflüge „geographics"—aber er wird immer wieder rückfällig. Schlussendlich klingt es so, als hätte er die Kokainsucht überwunden, aber allein schon die Tatsache, dass dieses Buch existiert, zeigt, dass Games immer noch ein wichtiger Teil seines Lebens sind. Sie sind sein Leben.

Über die Jahre hinweg habe ich selbst auch verschiedene Videospiele ausprobiert. Ich war ein absoluter Fan von The Legend of Zelda. Die späteren Versionen von Zelda—ich glaube, eine hieß Ocarina of Time—hat mir durch schwierige Zeiten in der Schule geholfen. Gleichzeitig habe ich mich wie ein Loser gefühlt, weil ich so viel Zeit damit verbracht habe, mich mit diesem Kinderspiel zu beschäftigen, anstatt mich mit den coolen Leuten zu treffen. Später habe ich Grand Theft Auto: San Andreas und den Nachfolger Grand Theft Auto IV gespielt und danach Red Dead Redemption und LA Noir von derselben Firma. Ich wollte mit der Zeit gehen und diese Spiele haben sich mit so vielen meiner Lieblingsthemen beschäftigt, die ich sonst nur in Büchern und Filmen angetroffen habe. In San Andreas geht es um die HipHop-Kultur der 80er und 90er in Los Angeles, die ich noch während der Schulzeit entdeckt hatte, als ich Dr. Dre und Death Row gehört und das herausragende Buch über die Morde an Tupac und Biggie, LAbrynth, gelesen habe. GTA IV zeigt die düstere Welt der Immigranten in New York, so wie man es sonst in The Wire oder Filmen von Scorsese oder Tarantino sieht. Red Dead Redemption schien an Cormac McCarthys Meisterwerk Blood Meridian angelehnt zu sein. In dem Roman geht es um die dunkle Seite des Manifest Destiny, der amerikanischen Expansionsdoktrin aus dem 19. Jahrhundert, und um die Figur des westlichen Anti-Helden—eine perfekte Vorlage also für ein Videospiel, in dem man unaufhörlich töten muss. Und LA Noir hat wieder meine Liebe zu James Ellroys Geschichten über Kriminalität in L.A. entfacht.

Was mich allerdings davon abgehalten hat, mich vollkommen auf diese Spiele einzulassen, ist die Tatsache, dass sie einfach so verdammt viel Zeit einnehmen. Es ist genau wie beim Fernsehen. Wie kann ich alle Folgen der ganzen großartigen Serien sehen und trotzdem noch Ziele im echten Leben verfolgen? Wenn ich zu viel Zeit in Videospiele stecke, fühle ich mich wie damals in der Schule—wie ein trauriger kleiner Junge, der sich vor der furchteinflößenden Welt da draußen versteckt und stattdessen Trost findet in seiner virtuellen Kontrolle über Link, einen kleinen Elfen, der mit Pfeilen um sich schießt und Drachen bekämpft. Dagegen behauptet Tom Bissell, dem auch die Nachteile von ausgiebigem Gaming bewusst sind, dass seine Erfahrungen innerhalb der Videospiele genauso wertvoll wie Erfahrungen im echten Leben sind. Ich denke mal, wenn man Gaming so ernst nimmt wie er, dann können die emotionale Bindung an die Charaktere und die moralischen Fragen, die solche Spiele aufwerfen, tiefergehende Reaktionen auslösen als nur Freude über die Lösung eines Problems.

Extra Lives sucht die Antwort auf die Frage, was Videospiele eigentlich so attraktiv macht. Gleichzeitig ist es eine Art moderne Untersuchung der Essenz des Mediums und dessen, was Games besser machen können als andere Medien. Wenn wir die Handlungsfähigkeit der Spieler in andere Medien übersetzen würden, kämen wir am Ende mit so etwas wie sehr aufwendigen Malbüchern oder riesigen Abenteuer-Spielbüchern. Dabei müsste es aber quasi unendlich viele Möglichkeiten geben, denn in Videospielen gibt es mittlerweile ganz zufällige Begegnungen, ungeplante Ereignisse zwischen den Avataren der Spieler und unabhängig geschriebenen Charakteren und Elementen in der virtuellen Welt des Games. So kommen Videospiele einer ergebnisoffenen Lebensdynamik immer näher.