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Musik

Das furchtbare Vermächtnis der Libertines

Wir feiern den zehnten Geburtstag von Up the Bracket und besichtigen das gesunkene Wrack der Albion.
16.10.12

Wie ihr mittlerweile wahrscheinlich mitbekommen habt, hat sich gestern einer der einflussreichsten Momente unserer Geschichte zum zehnten Mal gejährt. Genau, wir reden von der Veröffentlichung von Up the Bracket, dem semi-bahnbrechenden Debütalbum der Libertines. Normalerweise ist im Mülleimer toter Modeerscheinungen zu wühlen oder in die Trümmer der Vergangenheit einzutauchen eher nicht so unser Ding.
In diesem speziellen Fall erscheint es uns aber als durchaus interessant, zurückzublicken und zu vergleichen. Denn 2002 war die Jugendkultur—ähnlich wie jetzt auch—so richtig im Eimer. Setzt einfach Travis an die Stelle von Mumford. Bizkit an die Stelle von Skrillex. Und anstatt Sheeran stellt ihr euch Damien Rice vor. Nachdem Up the Bracket erschienen war, zogen sich alle an wie Charaktere aus Martin Scorseses Film Hexenkessel. Übergroße „Not my President“-Kapuzenpullis wurden von zu engen Jeans abgelöst und anstatt sich gegenseitig Links zu Websites über vertuschte Gräueltaten der amerikanischen Regierung zuzuschicken, wurden lieber Ausgaben von Das Bildnis des Dorian Gray verliehen. Ausgehen machte wieder Spaß, Kinder schwänzten die Schule, um sich an den Handgelenken „Bilo“- Tattoos [Petes Spitzname] stechen zu lassen. Und wenn du deine unzähligen neuen Freunde am Morgen nach dem letzten geheimen Gig angerufen hast, wollten sie zusammen abhängen, ausgeleierte Filzhüte tragen und Gedichte verfassen und nicht zu Hause herumgammeln, sich Jackass-Wiederholungen reinziehen und dabei Truckercaps tragen.
Allerdings ist in den vergangenen zehn Jahren viel Gin, Tee, Blut und Heroin geflossen. Es gibt aber noch einen ganzen Haufen Scheiße, der sich nicht verändert hat und den wir offen gestanden lieber zusammen mit Pete Doherty, ein paar rostigen Spritzen und dem Geist von Wolfman (der Typ ist gestorben, oder?) unter einer Brücke liegen lassen würden.

LEUTE, DIE NOCH IMMER DIE JACKE TRAGEN

Ich frage mich, ob Pete und Carl damals, als sie sich dazu entschieden, dieses Stück Empire-Geschichte für sich neu zu entdecken, ahnten, dass die Jacke eines Tages von spanischen Touristen getragen werden würde? Es ist ersichtlich, dass sie damit einen Look erreichen wollten, wie ihn Michael Caine in Zulu hatte: hart im Nehmen, exzentrisch, elegant und unbestreitbar britisch.
Leider ging das alles verloren, als sich zu viele ihrer Fans ihre eigenen Jacken holten und sie anstelle von klammen und nach Moschus stinkenden KoЯn-Kapuzenpullis zum neuen Erkennungszeichen aller Indie-Fans machten.

VOLLPFOSTEN
Kennt ihr diese Mädchen vom Typ junge Sportlehrerin, die die sich auf Festivals auf den Schultern ihres Freunds zu irgendeiner dämlichen Schnulze von Paolo Nutini hin und her wiegen? Kennt ihr auch die schrecklichen, am Rande des Festivalgeländes gekauften Strohhüte, die sie normalerweise beide tragen?
Außerdem gibt es da noch diesen beharrlichen Trend zu Filzhüten, die eine Frau unter keinen Umständen jemals tragen sollte. Vor allem dann nicht, wenn sie in der PR-Abteilung irgendeiner Energy-Drink-Firma sitzt und backstage zusammen mit all den Anderen, die in der PR-Abteilung irgendeiner Energy-Drink-Firma sitzen, die Schlange vor dem Klo in eine Reihe plappernder, unruhiger Charlie Chaplins verwandeln.
Pete und Carl tragen die volle Verantwortung für diesen widerlichen Trend zur Kopfbedeckung, wobei das ganze zumindest ganz gut als Code funktioniert, der einem auf Festivals hilft herauszufinden, wer von den Anwesenden ganz sicher NICHT weiß, wo man am besten MDMA kaufen kann.   MUSIKALISCHER PURISMUS
Trotz Petes spätem Flirt mit Folk und Reggae (wenn das eine passende Erklärung für Petonville Rough ist), blieben The Libertines im Bereich der Hausmannskost. Eine ziemlich durchschnittliche, einseitige Musikgruppe. Zumindest teilweise war das wohl auch eine Reaktion auf die Tausenden von HipHop-Bands in England, die ihren Stil aus Brooklyn geklaut hatten und die gemeinsam mit all den mittelmäßigen Euro-House-DJs zu dieser Zeit die Charts füllten. Jedenfalls haben sie sich ständig darüber in den Haaren gehabt, was „richtige Musik“ sei. Was genau genommen völliger Schwachsinn ist. Warum sollten The Fratellis eher dazu berechtigt sein, Musik zu machen, als Aphex Twin, nur weil sie Instrumente benutzen, die du nicht in einen Rucksack stecken kannst?
 
Letzten Endes haben wir nun eine ganze Reihe Nachmacher, die sich nur darüber mit der Szene identifizieren (ES IST ÜBER EIN JAHRZEHNT HER), dieses Mantra „echter Musik“ in sich aufzusaugen und jeden runterzumachen, der daran zweifelt. An Pete Dohertys tabakvergilbten Händen klebt Blut.

DER LIFESTYLE DER HÄNGENGEBLIEBENEN
Anfangs hatte Doherty ein Engelsgesicht. Aber im Lauf der Zeit, dank einer immer größer werdenden Masse junger Fans und seinem zunehmend unkontrollierbaren Drogenkonsum, sah er irgendwann ziemlich heruntergekommen aus. Er dachte vielleicht, Peter Pan zu sein, dabei war er drauf und dran, ein Tunichtgut zu werden, und darin legte er ein Tempo vor, das rekordverdächtig war.
 
MENSCHEN, DIE ZU FLASH-MOBS GEHEN
Hey, weißt du, was ein Jamboy ist? Das ist ein armer Junge, der auf Golfplätzen in Afrika arbeitet. Wenn die weißen reichen Leute auftauchen, um eine Runde Golf zu spielen, schmieren sie den Jungen vorher mit Marmelade ein und lassen ihn dann in einigem Abstand hinterherlaufen. Das soll die Fliegen ablenken. So etwas für jemanden zu tun, ist für einen Menschen sicherlich eine schreckliche Sache, und das ähnelt auch dem, was bei Flash-Mobs passiert.
Die frühen Guerilla-Gigs der Libertines waren die Vorgänger jedes beschissenen von T-Mobile gesponserten peinlichen Idiotenfestivals, das deine Klassenkameraden auf Facebook gepostet haben.

EINE HORDE SCHLECHTER IMITATE
Auch wenn die Libertines sich nicht unbedingt als die neuen Smiths herausstellten, wie wir alle gehofft hatten, so hatten sie doch ihren Charme. Sie schrieben tolle Songs mit tollen Refrains, sie sahen anfangs umwerfend aus, sie lieferten in Interviews erstklassiges Material und sie schmissen eine Reihe unvergesslicher Partys. Allerdings haben sie sich leider auch mit einigen Jungs auf ihren Partys angefreundet, und die Leute in der Musikindustrie nehmen einfach jeden unter Vertrag, der irgendwann mal dabei war, als Doherty sich um drei Uhr Morgens auf einem EC-Automaten ein paar Lines reingezogen hat.
 
The Littl'ans, Left Hand, Thee Unstrung, The View, sie alle haben mehr Erfolg gehabt, als sie verdient hätten, und das haben sie Up the Bracket zu verdanken, und deshalb sollten wir uns alle wirklich schämen. Derartig viele grottenschlechten Bands, die man wohl kaum als „Band“ bezeichnen kann, eher als eine Ansammlung von Klischees und Täuschungen, bei denen uns unser Geist einen Streich spielt und uns eine inneres Bild liefert, das jedoch nie wirklich existierte. So wie  Hair-Metal-Band, die Sum 41 angeblich parodiert haben.